Datenschutz. Dienstrechner.

(Ein schneller Rant, der gerade einfach mal raus muss.)

Ich muss ja zugeben, beim Thema Datenschutz mehr als hin- und hergerissen zu sein. Auf der einen Seite stehen Datenmonster wie Facebook, das anscheinend mit den Daten seiner Nutzer Schindluder treibt, und auch Google und anderen Datensammlern braucht man nicht allzu viel Vertrauen entgegen bringen.

Auf der anderen Seite stehen die fortschrittshinderlichen Datenschützer mit ihren oft weit über das Ziel hinausschießenden Ideen. Statt mit Hilfe von Technik Arbeitsabläufe zu erleichtern, effizienter zu gestalten oder zu erneuern, möchten sie am liebsten bis ins letzte Glied alles reglementieren, vorschreiben, ihrem jungen Amt mehr Gewicht verleihen. Neueste Volte: Nun will man an die Lehrercomputer!

Helga Block, die Datenschutz-Beauftragte, stellt gegenüber dieser Redaktion klar, dass die Schulleitungen dafür verantwortlich seien, dass sensible Informationen über Schüler geschützt sind. Weil aber die Risiken bei privaten Lehrer-Computern sehr groß seien, könnten die Schulleitungen gar nicht alle Sicherheitsaspekte überschauen und dürften daher die Nutzung nicht genehmigen. Laut Block gibt es nur eine Lösung: „Dienstliche Geräte zur ausschließlich dienstlichen Nutzung bereitstellen.“ […]

Das sieht auch Stefan Behlau, Landeschef der Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) so. „Die Lehrer müssen Dienstgeräte nutzen können, wenn sie mit Schülerdaten arbeiten.“ Laut Behlau verwenden fast alle Lehrer private Geräte für Dienstliches. Das sei rechtlich problematisch, sagt er. „Wenn ein Gutachten über einen Schüler geschrieben wird, dann geht das natürlich auch am eigenen Rechner. Der Schüler-Name darf dort aber nicht auftauchen. Das ist nur auf einem Schul-PC erlaubt.“ (NRZ, 21.3.18)

Logineo –  eine Alternative?

Das klingt für mich in keiner Weise plausibel oder verlockend. Ich sehe, was für eine Grütze man da mit Logineo fabriziert hat, und in der Testversion, die ich einige Tage aktiv testen durfte, machte in Logineo nichts auf mich den Eindruck, als habe auch nur irgendeine Anwendung ansatzweise etwas mit einer ausgereiften Textverarbeitung zu tun. Ja, da gab es einen Texteditor. Und zwar von der Art, wie man ihn als „Notepad“ unter Windows kennt. Nackter ASCII-Text. Ein wahrlich grandioses Tool zum Schreiben von Gutachten! Tabellen? Berechnungen? Formeln? Fotos? Aber was schert das schon die Datenschützer…

Dienstliche Lehrerrechner?

Im Schuljahr 2017/18 unterrichten 198.483 Lehrerinnen und Lehrer in NRW 1. Wenn diese alle mit einem „dienstlichen Rechner“ ausgerüstet werden sollten, dann kann ich mir gut denken, wie diese Geräte aussehen werden: Dysfunktionaler Billigschrott, auf dem man aus Gründen der Kostenersparnis ein Linux draufgepackt hat, mit dem keiner umgehen kann, auf dem bestenfalls LibreOffice vorinstalliert ist und allerlei Software, die allerlei Böses verhindern soll, das Gute aber als Kollateralschaden gleich mitopfert. Eine Internetanbindung wäre ja gefährlich, USB-Sticks nicht minder und – da man ja wenigstens ans schulische Netz ranmüsste – müsste auch eine restriktive Netzwerkeinrichtung für Sicherheit sorgen.

Wie man sinnvolle Backupstrategien für alle Rechner umsetzen sollte, würde mich auch einmal interessieren: Aktuell habe ich stündliche Backups meiner Daten auf einer externen Festplatte und meine Unterrichtsvorbereitung habe ich zusätzlich dazu synchron im Netz. Ein „sicherer“ Dienstrechner dürfte all das gar nicht bieten und wenn, dann müsste das Backup irgendwo im schulischen Safe verwahrt werden, wo niemand es entwenden kann.

Eine Schulung oder gar technischer Support „sicherer“ Dienstrechner könnten selbstredend aus Kostengründen nicht geliefert werden; was kaputt ist, bleibt kaputt. Alles andere wäre sehr erstaunlich.

Die Folge wird sein, dass Kolleginnen und Kollegen entweder ganz auf den Elektroschrott verzichten (back to paper) oder sich mit zwei Geräten durch die Schulflure plagen: Einem offiziellen für den Datenschutz und dem privaten für den Unterricht, auf dem man auch einmal performant und ohne Hindernisse Anwendungen laufen lassen kann.

Noch schlimmer wären natürlich „sichere“ stationäre Dienstgeräte, sodass man von zuhause aus gar nicht mehr arbeiten könnte und sich stattdessen täglich um die wenigen „sicheren“ stationären Lehrerrechner prügeln müsste, aber daran mag ich gar nicht erst denken. Wenn man alle Daten nur noch in der Schule abrufen könnte, gäbe es täglich lustige Kämpfe unter den über einhundert Kolleginnen und Kollegen um das einzige Schultelefon, denn die Eltern- und Behördentelefonate wollen  ja auch irgendwann erledigt werden.

Fiktive Gefahr?

Welche Probleme es bislang durch unsichere Lehrerrechner gegeben hat, scheint mir unklar, die Gefahrenlage ist diffus. Konkrete Problemlagen sind mir nicht bekannt; vielleicht weiß ja jemand der Leser etwas Genaueres? Gibt es schon Gutachten-Leaks? Noten-Leaks? Oder Zeugniskommentar-Leaks?

Gegenvorschlag!

Verhandelt ordentliche Datenschutzvereinbarungen mit bekannten Dienstleistern wie (ja!) Google, Microsoft, Apple oder einem anderen Anbieter, der technisch und in puncto Manpower in der Lage ist (bitte!), solche Projekte zu stemmen. Zwingt diese gesetzlich zur Wahrung der Datenschutzvorgaben und kontrolliert diese (nicht so lasch wie bei den Autoherstellern!). Und dann bietet ihr deren zertifiziert-sichere, kontrollierte Cloudlösungen den Schulen an. Alles passwortgeschützt, verschlüsselt und bitte unter Anbindung an die Schuldomain! Nichts ist dämlicher, als eine „sichere“ Mailadresse á la „nachname.vorname.schulnummer@nrw.de“ – dann weichen nämlich alle wieder auf die unsichere Web.de-Adresse aus. Jeder nutzt seinen eigenen Rechner, über den er verschlüsselt auf die Cloud Zugriff hat.

Sicherlich hilft das nicht gegen unsichere Privatrechner, aber wie groß Probleme und Gefährdungen durch diese sind, dazu gibt es anscheinend keine genauen Daten.

Vergesst bitte auch nicht schon wieder die Schulämter, Bezirksregierungen und so weiter: Die Sicherheit der Gutachten, um die sich Herr Behlau da so große Sorgen macht, ist meist weniger gefährdet dadurch, dass sie auf einem Lehrerrechner herumliegen und als Ausdruck in einen Ordner wandern, als vielmehr dadurch, dass sie von Behörden und Ämtern im Klartext per Mail verschickt werden!

Wenn schon, dann bestraft diese bitte auch mit LOGINEO! Und tragt eure Kleinkriege nicht auf dem Rücken derer aus, die mit ihren selbstfinanzierten Geräten die Infrastruktur schaffen, die das Land NRW herzustellen niemals in der Lage wäre.

Praxissemester.

Ich weiß noch, wie es als Referendar war, wenn KollegInnen meiner Ausbildungsschule kopfschüttelnd an unserem Referendarstisch vorbeigingen und sich gegenseitig bestätigten, dass es ja nahezu unmöglich sei, sich all die neuen Namen und Gesichter zu merken.

Mittlerweile geht es mir ganz ähnlich. Nun gut, meine Schule ist doppelt so groß wie meine Ausbildungsschule und die Bedingungen haben sich mittlerweile stark verändert. Referendare sind nur noch anderthalb Jahre in der Ausbildung und wir haben stattdessen gefühlt zwanzig verschiedene Sorten Praktikanten zusätzlich an unserer Schule. Manche kommen nur für wenige Wochen und absolvieren so eine Art Schnupperpraktikum, andere hingegen machen ein Praxissemester und absolvieren teilweise Unterricht oder beobachten, ausgerüstet mit allerlei Fragebögen, den Unterricht. Ich schätze mal, dass es übers ganze Schuljahr über zwanzig Menschen sind, die mal zwischendurch bei uns durchs Lehrerzimmer huschen, und die Unterscheidung von Referendaren, Praxissemestern und Praktikanten, die nur kurz da sind, wird immer schwieriger. Mittlerweile ignoriere ich Neuankömmlinge auch, solange sie mich nicht betreffen, und merke mir keine Namen zu den vielen Gesichtern.

Heute aber hat mir ein Artikel in einem FAZ-Blog doch einen schönen Einblick in das Leben eines Praxissemesters verschafft. Finde ich sehr lesenswert.

Demokratische Schule

„Momentan bin ich glücklich, aber ich hatte auch schon die Momente, wo ich gesagt habe, eigentlich wäre es schlauer gewesen, wenn ich auf ’ner Regelschule gewesen wäre, schon alleine wegen den schulischen Leistungen in Anführungsstrichen, die ich hier halt über den Zeitraum zumindest nicht erbringen musste. […] Und ich weiß nicht, ob das wirklich besser so ist. Ich denke, dass ich halt vor allem sehr viel mehr gelernt hätte und beispielsweise erste bis fünfte Klasse auf der Regelschule gewesen wäre und dann auf die Kapriole oder eine ähnliche Schule gegangen wäre, dann wäre es irgendwo besser für mich gewesen, weil mir fehlen viele Grundlagen und die hätte ich eben einfach gehabt.“

(Eine Schülerin der demokratischen Schule „Kapriole“, aus dem SWR-Beitrag „Mitdenken, mitbestimmen! Demokratische Schulen“)

Ein mich zunächst erschreckendes Zeugnis stellt diese Schülerin ihrer eigenen Schulzeit aus. Ich hätte mir das Fazit optimistischer vorgestellt, die Vorteile des offenen Lernens betonend, die Freiheit, die Beschäftigung mit den eigenen Interessen. Doch dem ist nicht so, die Schülerin beklagt die Mängel. Der im selben Beitrag interviewte Lehrer betont hingegen die Vorteile: Die Schüler aus der dritten, vierten, fünften Bank – die, die keine Lust auf seinen Unterricht haben – die kämen gar nicht erst zu ihm. Das mache die Situation sehr, sehr viel sympathischer.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag zum Thema Veränderung in Schule hatte ein Kommentator auf die Alternative der demokratischen Schule verwiesen. Ich kann in diesen Debatten leider nur wenig Sinnvolles beitragen, da ich bestenfalls grob die Konzepte kenne, aber wenig im Detail und noch weniger aus eigener Praxis. Der oben verlinkte SWR-Beitrag bot da Gelegenheit zur Erhellung.

Ich formuliere es mal sehr direkt: Oben zitierte Aussagen erwecken bei mir den Eindruck, dass sich da jemand ziemlich leichtfüßig Rosinen pickt: Schülerinnen fühlen sich nicht mit belastbarem Wissen und Kompetenzen ausgestattet, die Lehrer hingegen genießen das schöne Schulleben. Und gefeiert wird man dafür im Beitrag gleich auch noch.

Denn, und das dringt auch im Beitrag immer wieder durch, wenn es eine „demokratische Schule“ gibt, dann muss es ja auch die undemokratische Schule geben. Die fiese Schule mit den Leistungsanforderungen, dem Gleichschritt, den Klassenarbeiten, den Abschlusstests. Die, in der Schüler nix zu sagen haben.

Eine Schule für alle?

Eine echte demokratische Schule sollte meines Erachtens den Anspruch haben, das gesamte gesellschaftliche Spektrum abzudecken; meiner Erfahrung nach ist jedoch so, dass jede Privatschule eine umso speziellere gesellschaftliche Schicht sammelt, je spezieller ihr Konzept ist. Hinzu kommt das monatliche Schulgeld, das – laut SWR-Beitrag – zwischen 70€ und 350€ gestaffelt ist. Auch den unteren Betrag könnten sich viele Eltern meiner staatlichen Schule nicht leisten. Soziale Selektion qua Einkommen findet an meiner doofen staatlichen Schule nicht statt, hier ist jeder immer gerne gesehen, egal ob Töchter von CDUSPDUSW-Politikern, Industriellensöhne oder ein Strauß Geschwister alleinerziehender Eltern ohne eigenes Einkommen. Vielleicht haben Schulen wie die Kapriole gute Antworten auf diese Fragen gefunden, aber da solche Systeme eher klein sind, mag ich bezweifeln, dass viele einkommensschwache Haushalte diese Schule tragen.

Aber: Gesellschaftliche Vielfalt an staatlichen Schulen? Check!

Demokratie – ein Alleinstellungsmerkmal?

Das Pfund, mit dem die demokratische Schule wuchert, ist die demokratische Gestaltung in allen schulischen Bereichen. Immer wieder wird in sozialen Medien, Foren oder Kommentaren suggeriert, an herkömmlichen Schulen gäbe es keine demokratischen Elemente. Dem ist nicht so. Schülerinnen und Schüler haben Möglichkeiten, entscheidend auf schulische Prozesse und Entwicklung Einfluss zu nehmen. Das reicht von Einrichtungen auf Klassenebene (wie dem Klassenrat, der Wahl von Klassensprechern) bis auf die Schulebene (Wahl von Schülersprechern, Schülervertretung), wo die gewählten Schülerinnen und Schüler in der Schulkonferenz das gleiche Stimmrecht innehaben, wie die Eltern oder die Lehrerschaft. Die Schulkonferenz ist in NRW das höchste schulische Gremium, in dem schulinterne Entscheidungen getroffen werden können, und unsere Schülerinnen sind für diese Sitzungen immer sehr gut vorbereitet. In Disziplinarkonferenzen (Teilkonferenzen) sitzen immer Schüler mit Stimmrecht dabei, und unsere Fachkonferenzen werden regelmäßig bereichert durch Schülerbeiträge, die uns sehr deutlich machen, wo wir als Fachschaften bessere Regelungen treffen müssen. Streitschlichtung organisieren die Schülerinnen unserer Schule eigenständig, und ich kenne viele Schulen, die dieses Konzept umsetzen.

Mitbestimmung durch Schülerinnen und Schüler? Check!

Was es bei uns allerdings nicht gibt, ist eine Demokratisierung des Unterrichts oder eine wöchentliche Schulversammlung. Und das wären tatsächlich spannende Punkte: hier würde ich gerne mal in eine sogenannte „demokratische Schule“ hineinschnuppern und schauen, wie und ob das funktioniert.

Eindrücke

Ich halte mal meine ersten Eindrücke fest: Der Lernfortschritt scheint schon auf Grundlagenebene sehr bescheiden und die Klientel ist vermutlich eine sehr spezielle, vermutlich eher bildungsbürgerlich-alternativ, betucht. Dafür hat man (zunächst) weniger Druck und erlebt viele Möglichkeiten, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Besonders interessant wären empirische Untersuchungen zum Thema, vielleicht hat jemand einen Tipp für mich?

Im Tiefschlaf alle Veränderungen verpennt

Dass Schule eine statische Institution sei, in der sich schon seit der Kaiserzeit nichts mehr getan habe, ist einer der dauerhaftesten und ermüdendsten Vorwürfe, denen man als Lehrer regelmäßig begegnet. Aber über die gammelige Schule zu meckern ist immer schön schnell erledigt und man bekommt Likes, Likes Likes!

Und da gerade dieser Tweet in meiner Timeline herumgeistert, dachte ich mir, ich erläutere mal, was sich aus meiner Perspektive geändert hat, seit ich die Schule verlassen habe, denn das sind mittlerweile ziemlich genau zwei dieser vergangenen Jahrzehnte.

Das Erste, was mir im Referendariat auffiel, war, dass die Schüler viel mehr präsentierten, wie selbstverständlich Referate hielten und sogar den Unterricht selbst gestalteten. Referate waren in meiner Schulzeit (an drei verschiedenen Gymnasien) nur Sonderaufgaben für unter Notendruck geratene Schüler oder Strafaufgabe gewesen. Die Schüler, denen ich begegnete, lernten hingegen systematisch, Inhalte aufzubereiten und zu präsentieren. Und nicht nur das: Die heute so selbstverständliche Facharbeit in der Oberstufe gab es in meiner Schulzeit überhaupt nicht. Eine längere schriftliche Arbeit, in der man wissenschaftliche Arbeitsmethoden anwenden lernen sollte, eigene Thesen formulieren und Literaturrecherche betreiben sollte – das gab es vor wenigen Jahrzehnten nicht. Mir gefiel diese Entwicklung, hatte ich doch in meinem ersten Semester an der Universität noch mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise zu kämpfen gehabt. Das Einüben des wissenschaftlichen Arbeitens konnte nur eine positive Neuerung sein.

Weniger gefiel mir die im Zuge der PISA-Studie aufkommende Entwicklung hin zur zentralisierten Testung der Schulen. Auch die hatte es vor zwanzig Jahren nicht gegeben, doch plötzlich waren PISA und IGLU tonangebend. Das Zentralabitur wurde eingeführt und VERA 8 sowie zentrale Abschlussprüfungen an anderen Schulformen eingeführt. Alles neu und letztlich einschneidende Veränderungen, von denen man annehmen muss, dass sie noch nicht am Ende sind – blickt man z. B. auf ein bundesweit vereinheitlichtes Abitur.

Nebenher zerfiel und zerfällt die altbekannte Schullandschaft. Die Eltern meldeten ihre Kinder nicht mehr an den Hauptschulen an, die mit ihrem zunehmend schlechten Ruf als „Resteschulen“ zu kämpfen hatten. Neue Modelle werden gesucht, die Realschule verliert mittlerweile als „Ersatzhauptschule“ ähnlich an Wertschätzung wie die Hauptschule zuvor, und der Trend zum zweigliedrigen, vielleicht sogar lokal eingliedrigen Schulsystem ist absehbar. Das sind eklatante Umbrüche im Schulsystem, die eigentlich jeder beobachten kann, der mit halbwegs offenen Augen der Tagespresse folgt.

Schule war in meiner Schulzeit eine Halbtagsangelegenheit, heute ist es das erklärte Ziel, möglichst viele Ganztagsschulen zu etablieren. Ein Ganztagsgymnasium war in den 90ern undenkbar, ich hingegen arbeite heute in einem. Wir haben den 45-Minuten-Rhythmus dankenswerterweise abgeschafft und nutzen ein 90-Minuten-Modell. Andere Schulen, auch das erfuhr ich staunend im Referendariat, haben sich auf ein 60-minütiges Modell geeinigt. Auch das sieht man nicht so schnell, wenn man es im eigenen Umfeld nicht erlebt, aber Schule ist nicht so statisch, wie man sich das gerne einredet.

Dank Ganztag haben wir eine Reihe weiterer Neuerungen, die vor zwei Jahrzehnten an meinen Schulen nicht zu denken gewesen wären: Direkt in meinem Schulgebäude haben mittlerweile zwei SchulsozialarbeiterInnen ihren Arbeitsplatz gefunden, und jede Klassenleitung hat alleine für Klassenbelange ausgewiesene Klassenleitungsstunden zur Verfügung. Meine Klassenlehrer haben das noch alles vom ihrem Fachunterricht abgeknapst. Auch neu sind sogenannte „Lernbarstunden“, die im Prinzip Freiarbeitsstunden sind, in denen die Schüler klassenweise an eigenen Arbeitsschwerpunkten arbeiten. Dabei ist es hilfreich, dass nicht alle Arbeitsphasen im Klassenraum stattfinden müssen, denn an meiner Schule (und auch an anderen, die ich besucht habe) gibt es mittlerweile zahlreiche Arbeitsflächen außerhalb des klassischen Klassenraumes. So kann man im Foyer, auf dem Flur oder auch in der Cafeteria, im Schulgarten oder auf der Außenterrasse arbeiten. Völlig undenkbar in meiner Schulzeit!

Wen das eigene Arbeiten nicht weiterbringt, der muss sich nicht mehr, wie in meiner Schulzeit, alleine auf die Nachhilfe verlassen. Schulinterne Fördersysteme sorgen dafür, dass auch Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Möglichkeit fachlicher Förderung bekommen: dafür gibt es bspw. von Fachlehrern betreute Lernbüros (kostenlos), fachspezifische Förderkurse (kostenlos) oder das Modell „Schüler fördern Schüler“ (günstig). Solche tollen Einrichtungen gab es an meinen Schulen nicht.

Jemand, der aus den 90ern kommend durch meine Schule laufen würde, würde schnell feststellen, dass sich in einigen Klassen bis zu fünf Erwachsene gleichzeitig aufhalten – und sich niemand daran stört. Die Inklusion ist bei uns angekommen und zieht sich durch fast alle Klassenstufen. Eine Klasse, aber zwei Klassenräume, viel Grundschulmaterial, Klassenteamtreffen oder das Unterfangen, zielgleiche und zieldifferente Kinder an einem Gymnasium gleichzeitig zu unterrichten, das würde, davon bin ich überzeugt, einen Zeitreisenden mehr als verblüffen.

Integrationsklassen lernte ich zwar schon Anfang der 2000er kennen, da waren sie allerdings Metier der Hauptschule. Mittlerweile machen wir auch das an meinem Gymnasium – und Kinder, die nahezu kein Wort Deutsch können, werden so gut wie möglich in unseren fachlich orientierten Unterricht und die soziale Gemeinschaft integriert. Auch das etwas, dass ich an meinen Schule so nie erlebt habe.

So. Das waren meine 2 Cent. Ich finde, es hat sich während der letzten Jahrzehnte verdammt viel verändert in der Schullandschaft, und es gäbe bestimmt noch weitaus mehr, das man hier aufzählen könnte. Das hier habe ich jetzt spontan heruntergeseiert, obwohl heute Samstag ist und ich an diesem Tag eigentlich keine unnötige Sekunde an „Schule“ verschwenden möchte. Man kann all diese Veränderungen ignorieren, hat dann aber wohl eher selbst die letzten Jahrzehnte im Tiefschlaf verbracht. Und – uh, oh, ich habe ja noch gar nichts über Technik geschrieben…

Nachtrag

Eine entscheidende Veränderung habe ich ganz vergessen, die aber nur für gebundene Ganztagsschulen gilt: Die Abschaffung der Hausaufgaben! Noch so eine „unerhörte“ Veränderung, die einen Zeitreisenden in pures Erstaunen (und vielleicht sogar Entsetzen) versetzt hätte.

Autorität im Wandel

Adam Neely hat einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal. Er beschäftigt sich dort mit allem, was mit Musik und Musiktheorie zu tun hat, und verkörpert dabei alle Attribute, die man so als YouTuber braucht: Er wirkt engagiert, authentisch, glaubwürdig und er demonstriert immer wieder profundes Wissen, was ihm mittlerweile fast 300.000 Abonnenten beschert hat. Ich bin seit Neuestem auch einer von ihnen.

Adam kommentiert auf Anfrage auch immer wieder Videos, die seine Zuschauer ihm schicken. Sie wünschen sich einen Tipp, wie sie ihr Spiel verbessern können, erhoffen sich kompositorische Impulse oder einfach einen kritischen Blick auf ihre Handhabung des Instruments. Denn Adam Neely hat immer einen guten Rat, auch wenn Musiker durchaus Beeindruckendes zu bieten haben. Das scheint nicht allen Kommentatoren zu gefallen. In einer Episode stellt sich Adam einem provokanten Kommentar eines Zuschauers:

„Who made this guy an authority, about what is good and what isn’t.“

Die Antwort, die Adam gibt, bringt ein Legitimationsproblem unseres (eigentlich jedes) Bildungssystems auf den Punkt:

Auf Sog setzen

Mit dem Netz und den Lehrer scheint es so eine Sache. Schaue ich in meiner Twitter-Blase herrscht zunehmend Unmut darüber, dass sich in Sachen Bildung und Digitalität nur wenig bewegt, oft irgendwo einsame Leuchttürme strahlen und ansonsten Unterricht unter medialen Bedingungen von 1980 durchgeführt wird. Dabei könnte doch gerade die Digitalisierung helfen, neue Prüfungsformate, offene Unterrichtsformen, passgenaue Binnendifferenzierung, bessere Kollaboration, Kommunikation oder das Teilen von Arbeitsergebnissen zu erleichtern, zu verbessern, zu reformieren.

Dennoch scheinen die Ergebnisse im Jahr 2017 eher mau. Während wir auf Schülerseite mit eine Vielzahl von Problemen im Kontext der Internetnutzung zu kämpfen haben, scheinen die Lehrerkollegien kaum vom Fleck zu bewegen.

Eine wunderbare Sammlung, wie das trotzdem gelingen kann, hat Dejan Mihajlovic in seinem Beitrag „Den Weg ins Netz vorleben“ zusammengestellt. Die Sammlung reicht von handfesten Vorschlägen und Erfahrungen bis hin zu eher ironischen Kommentaren, aber Dejan bringt die Quintessenz seiner Erfahrung in wenigen Worten auf den Punkt:

Deshalb habe ich vor einiger Zeit aufgehört, Mitmenschen aktiv zu ermutigen, sich am Web zu beteiligen und setze nun auf Sog und nicht auf “Druck“.

WhatsApp und Schule

Dieser Beitrag wurde inspiriert durch eine Twitter-Debatte, bei der mir einmal mehr deutlich wurde, dass man auf Twitter nicht debattieren kann. Ich habe ich mich darum aus der Debatte zurückgezogen und beschlossen, meine Gedanken hier zu verbloggen.

Es begann alles mit folgendem Tweet:

Ich antwortete negativ, da ich die konkrete Unterrichtssituation eine Einstieges vor Augen hatte, bei dem etwas per Schere ausgeschnitten werden sollte. Das wäre mit einer WhatsApp-Nachricht schlicht nicht möglich gewesen. Dieser Mangel an Information war jedoch kein Grund, nicht polemisch über mein uncooles Nichts-WhatsApp-Einsetzen herzuziehen. Der Verweis darauf, dass überdies nicht alle Kinder der besagten Klasse ein Handy besitzen, wurde mit Verweisen auf Statistiken abgeschmettert („Alle Kinder haben ein Handy!“). Zu guter Letzt ist an meiner Schule die schulische Nutzung sozialer Netzwerke ausdrücklich (und ich meine damit ausdrücklich) untersagt, aber, so im Twitter-Stream: „Wer nicht will, findet Gründe“.

WhatsApp nicht zu nutzen sei ignorant, der Ausgangstweet Gejammer obendrein, jedes Kind habe ein Handy, schließlich müssten die Kinder den Umgang damit auch lernen, und das Mobbing verlagere sich sowieso anderswo hin.

Irgendwann hatte ich dann die Schnauze voll und habe beschlossen, das Thema lieber zu bebloggen, denn eine ernsthafte Auseinandersetzung war leider nicht möglich. Nun denn, hier kommt meine Perspektive.

Meine persönliche Haltung zu WhatsApp

Ich bin kein Freund von WhatsApp und nutze es nur, wenn mein Kontakt keine adäquate Alternative nutzt. Ich habe dem Facebook-Kosmos den Rücken gekehrt (Facebook- und Instagram-Account gelöscht) und würde lieber heute als morgen WhatsApp den Rücken kehren, weil ich mich nicht freiwillig der Datensammelwut von Facebook hingeben möchte. Es gibt allerdings leider Menschen, zu denen ich nur per WhatsApp Kontakt halten kann. Kinder dazu zu bringen, eine Software zu nutzen, die ich selbst nicht nutzen möchte, halte ich für widersprüchlich.

Ein weiterer Aspekt ist die permanente Erreichbarkeit. Ich versuche, sehr bewusst mit meiner Zeit umzugehen und habe konkrete Zeiten, in denen ich nicht erreichbar bin. Für ca. 120 bis 180 Schüler permanent per WhatsApp erreichbar sein zu können, halte ich nicht für erstrebenswert. Gleiches gilt für die Schüler: Die schlechte Unterrichtsvorbereitung des Lehrers per WhatsApp ausbaden zu müssen, weil der noch schnell seine Hausaufgaben hinterherschickt, kann auch nicht Sinn der Sache sein.

Man muss den Kindern doch den Umgang beibringen!

Meiner Erfahrung nach lernen Kinder den handelsüblichen Umgang mit WhatsApp ziemlich schnell: Texte zu schreiben, Videos zu schicken, Akronyme und Emojis zu verwenden, Bilder einzufügen, Gruppen anzulegen – ein Leichtes für herkömmliche 10-11-Jährige. Da ist keine besondere Herausforderung zu erkennen.

Weniger lehrreich ist es hingegen, wenn ach so medienreflektierte Lehrer die ihnen anvertrauten Kinder zu einem unreflektierten Umgang mit globalen Datenkraken wie Facebook nötigen. Wo, wenn nicht bei Schulkindern, könnte Facebook sein erstes großes Ziel, eine umfassende Abbildung der Soziostruktur seiner Nutzer zusammenzusammeln, am leichtesten erreichen? Die Kinder nutzen WhatsApp arglos – umso mehr, wenn auch der coole Lieblingslehrer / Schuldirektor das wie selbstverständlich im Unterricht benutzt. Reflektierter Umgang? Fehlanzeige! Wenn der Lehrer zum Gebrauch von WhatsApp einlädt, dann hilft am Ende auch keine wohlgemeinte superkritische Klassenleiterstunde mehr. Zumal das Kernproblem der WhatsApp-Nutzung bei jungen Menschen im Unterstufenalter ganz woanders liegt.

Mobbing

In der Altersgruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen gibt jeder Dritte (34 %) an, dass in seinem Bekanntenkreis schon einmal jemand im Internet oder per Handy fertig gemacht wurde. […]

Setzt man die Schwelle der Beeinträchtigung etwas niedriger und unterstellt nicht explizit die Absicht, jemanden gezielt fertig zu machen, sondern fragt nach, ob über die befragte Person schon einmal beleidigende, falsche oder peinliche Sachen im Internet oder per Handy verbreitet wurden, so sieht sich jeder Fünfte als Betroffener. (JIM Studie 2016)

Und das ist der Kontext, in dem mir WhatsApp im Schulkontext überwiegend begegnet: Als Mobbing-Medium (und Nerv-Medium). Spricht man mit den SuS, so bemängeln diese, dass in Klassengruppen viel unnützes Zeug gepostet werde (300x „Hi“, ellenlange sinnlose Zeichenkombinationen, zeitfressende Sprachnachrichten, „lustige“ Bilder, etc.) und man phasenweise sein Handy stummschalten müsse, weil es unaufhörlich bimmelt. Fragt in euren Klassen doch einfach mal nach.

Noch ärger ist jedoch das Mobbing. Dieses hat es schon immer gegeben und es ist auch immer schon ein typisch schulisches Problem; die mittlerweile auch nicht mehr allzu frische Erkenntnis ist aber, dass Mobbing mit WhatsApp eine neue Qualität hinzugewonnen hat, denn das Mobben findet nun zeitlich und örtlich uneingeschränkt statt. War früher nach Schulschluss zunächst einmal phasenweise Ruhe vor den Mobbern, so können diese bis in den freien Nachmittag, bis ins Wochenende und sogar über die Ferienzeit ihr mieses Spiel weitertreiben. Und das tun sie auch. Fleißig und emsig.

„Aufklärung!“, rufen in solchen Fällen die Apologeten. Die Kinder müssten ja den Umgang mit modernen Medien noch lernen – und verweisen (auch im Twitter-Dialog) gerne auf eine Sammlung hohler Arbeitsblätter, die aber im Fall der Fälle nichts bewirken. Und auch so manche Eltern kümmern sich einen feuchten Kehricht um die WhatsApp-Nutzung ihrer Kinder, wenn man sieht, was diese so an Frivolem und Gewaltverherrlichendem über ihr Smartphone versenden. Nicht zuletzt wir Medienfuzzis schließen gerne die Augen vor diesen Problemen, denn sie passen so gar nicht in unsere schöne neue Medienwelt. Den Umgang lernen sollen sie, doch sind die meisten meiner Meinung nach noch viel zu jung dafür, um distanziert und souverän mit komplexen Kommunikationssituationen, wie sie sich auf WhatsApp darstellen, umzugehen. Wie auch, das Leben an sich ist in diesem Alter doch schon kompliziert genug.

Umbruchssituationen

Kommen Kinder an die weiterführende Schule, sind sie meist zwischen 10 und 12 Jahren alt, verlassen ihre vertraute Grundschulumgebung und treffen auf eine völlig neue Klasse, in der sie viele neue Lehrer und Mitschüler kennenlernen. Das geht nicht nahtlos vonstatten, sondern ist immer begleitet von Brüchen und Schmerzen: Die liebgewonnene junge Klassenlehrerin wird ersetzt durch einen grummeligen Oberstudienrat, die meisten guten Freunde gehen auf eine andere Schule und plötzlich hat man nur noch zwei bis drei bekannte Bezugspunkte in der Klasse, zum Glück ist die beste Freundin auch dabei. Dann kommt die Phase der Annäherung und Neuordnung – und plötzlich ist die beste Freundin jemand anderes beste Freundin. Neue Cliquen bilden sich, und was hier in zwei, drei Sätzen abgehandelt wird, ist in Wirklichkeit ein monatelanger, teils jahrelanger, Prozess, der oft mit extremen Höhen und Tiefen, Freude, Hoffnung und Enttäuschung verbunden ist.

In diesen Situationen ist WhatsApp Gift fürs Klassenklima. Kinder, die mit den vielfachen Herausforderungen der schriftlichen Kommunikation heillos überfordert sind, treffen dann auf eine komplexe Klassensituation, die sie selbst gar nicht einordnen können. Als Kind will man einfach nur dazugehören. Das zeigt sich in WhatsApp-Gruppen, die von nutzlosen und in die hunderte gehenden „me too“-Beiträgen nur so wimmeln, und in denen der Enttäuschung über alte oder neue (Nicht-)Freunde lautstark oder auch subtil Luft gemacht wird, flankiert von weiteren Anheizer-WhatsApp-Gruppen, die sich zusätzlich noch strategisch drumherum gebildet haben. Und das kann übel enden – die Ratgeberliteratur ist mannigfaltig, ein Gespräch mit dem zuständigen Schulpsychologen erhellend.

Es ist natürlich schön, wenn die Kinder miteinander den richtigen Umgang mit Messenger-Apps wie WhatsApp lernen, aber reichlich zynisch aus der Perspektive eines betroffenen Kindes, das täglich die „Lernversuche“ der anderen ertragen und dabei selbst erlernen muss, dass es jederzeit und an jedem Ort das Opfer seiner Mobber sein muss.

Kein Messenger, nie?

Auch ich finde Messenger großartig, nutze sie oft und gerne. Am liebsten solche, die nicht mein Adressbuch filzen und ohne meine Handynummer auskommen. Am liebsten Ende-zu-Ende verschlüsselt. Am liebsten nicht in den Händen großer Datensammler, gerne auch gegen Geld. In Schule kann ich mir Messenger als große Bereicherung vorstellen: Als konkreten Schulmessenger mit klaren Regeln, klar definierten Gruppen, und je älter und reifer die Kinder werden, umso offener kann man den Umgang damit gestalten. Natürlich ändert das nichts an all den Problemen, die über private Messenger wie WhatsApp entstehen, jedoch ist dann niemand gezwungen, diese schulisch zu nutzen.

Denn am Ende ist der tollste Unterrichtseinstieg per WhatsApp nichts wert, wenn Kinder seelisch zu Schaden kommen.

Meckern und Mosern. Referendarsgejammer.

Man mag es manchmal wirklich nicht glauben. Da kommt eine Bundesministerin auf die Idee, ihren Länderkollegen unter Rückgriff auf eine nicht unbeträchtliche Finanzspritze ein wenig auf die Sprünge zu helfen – und was tut der Präsident des Lehrerverbandes, der allzu oft fälschlicherweise als Stellvertreter der meisten Lehrerinnen und Lehrer angesehen wird? Anstatt sich zu freuen, dass endlich jemand einmal Geld in die Hand nehmen und Schulen modernisieren will, meckert und mosert er!

Und natürlich könnte man das Geld auch in die Sanierung von Gebäuden stecken. Man könnte es aber auch in neue Schulpyschologen investieren. Mehr Stellen für Sonderpädagogen damit schaffen. Das Essen in Schulmensen gesünder machen. Schulwege besser absichern. Schulhöfe neu gestalten. Jeder Schule einen Schulgarten bescheren. Man könnte die Schule aber tatsächlich mal aus den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts abholen, wo sie – zu Kraus‘ Blütezeit – leider stehengeblieben ist. Gegenwind bekommt Kraus allerdings von allen Seiten.

Josef Kraus steht stellvertretend für den Philologenverband, den Verband der Realschullehrer und die Bundesverbände der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V. und der Berufsschulen e. V.

Was für ein Glück, dass ich keinem dieser Verbände jemals beitreten werde! Und wenn doch, dann wäre jetzt der Moment auszutreten.

Jammernder Referendar.

Aber nicht nur ehemalige Schuldirektoren mosern. Auch Referendare. Heute ein besonders prachtvolles Exemplar in der ZEIT. Zu Studienzeiten haben mich solche jammerhaften Artikel das Fürchten gelehrt, im Referendariat selbst habe ich dann langsam aber sicher an Verachtung gewonnen für dieses Herumgeheule. Vorab: Das Referendariat ist durchaus kein Zuckerschlecken, die Unterrichtsbesuche durchaus kritisierenswert, die Abhängigkeit von der Qualität der Fachleiter bemerkenswert und die Prüfung am Schluss nichts weiter als eine gefährliche Farce.

Und doch: Wer behauptet, er bekäme vor Unterrichtsbesuchen nur drei Stunden Schlaf und hätte permanent 60-Stunden-Wochen, um sich damit den Stundenlohn auf 4,50€ herunterrechnen zu können, der hat offensichtlich ganz andere Probleme als das Referendariat. Und ja, ein UB wird halt etwas aufwändiger vorbereitet als der Rest. Im Handwerk reicht es ja auch nicht, für die Meisterprüfung einfach etwas aus der laufenden Produktion herauszunehmen, das muss schon etwas sein, was die Fähigkeiten des Meisters abbildet. Schon mal ’ne Kolumne eines jammernden Handwerkermeisters gelesen?

Der Gipfel ist dann, darauf zu hoffen, dass man irgendwann die Kunst der „Türschwellenpädagogik“ erlernt habe und mit Unterricht aus dem Buch endlich den Status des lang ersehnten „’gut bezahlte[n[ Halbtagsjob[s]’“ erreiche, an dessen Nachmittagen man nur noch ein paar Klassenarbeiten korrigieren müsse. Ich echauffiere im Quadrat!

Dem Fazit kann man darum nur zustimmen:

Sofort in den Schuldienst einzutreten kann ich mir nämlich gerade beim besten Willen nicht vorstellen.

Ja bitte! Für die zukünftigen Kollegen wäre es das beste!

Die grauen Herren der digtalen Bildung

Wanka wirkt nach. Auf Twitter Diskussionen über ihren „Daddel-Kommentar“. Dazwischen Bemerkungen wie (sinngemäß) „Sie hat doch recht, unsere Kinder daddeln nur! Welches nutzt denn Evernote, Blogs oder Wikis?“. Oh weh! Digitales darf und soll also immer nur nützlich sein, der Zeitoptimierung dienen, der Allgemeinheit nutzen oder Bildung repräsentieren. Goodbye bunte Teenagerzeit, welcome du graue Welt der Erwachsenen!

Die selbsternannte digitale Lehrereelite überträgt ihre eigene Internetnutzung schlicht auf die folgende Generation. Nur, wer das Netz so nutzt wie wir im Berufsleben stehenden alte Säcke, der ist „digital gebildet“. Die selbstgestaltete Kultur der Jüngeren wird schlicht übergangen. Von Entwicklungspsychologie ganz zu schweigen. Und ohne zu erwähnen, dass das Digitale sich auf Abermillionen andere Arten und Weisen nutzen lässt, auch ohne Wikibloggetwitterzeug.

Ich stürze mich heute gerne auf jedes digitale Tool, aber mein 25 Jahre jüngeres Ich hätte gewiss kein größeres Interesse an langweiligen digitalen Werkzeugen zur Arbeitsorganisation: Es wollte zocken. Und das entweder am Computer oder auf dem Basketballplatz. Was hätte ich als Teenager bitteschön mit Evernote oder Wikis anfangen sollen? Jeden Abend eine Stunde ins Wiki schreiben? Strafarbeit! Ein privates Blog vielleicht, aber dann auch nur, weil ich schon immer gerne herumgeschrieben habe. Aber dann, worauf ich Bock gehabt hätte, und nicht das, was meine gouvernantenhafte Deutschlehrerin für sinnvoll gehalten hätte.

Übersehen wird dabei, dass die Teenager von heute schon längst aktiv sind. Und ja, sie lernen an Wisch-Geräten tatsächlich nicht, wie man Computer programmiert oder wie die Hardware aufgebaut ist. Dafür produzieren sie YouTube-Videos (lernen dabei autodidaktisch einiges über Schnitt, Ton, Spannungsbögen) und setzen dabei neue Formate durch (professionelle, erwachsene TV-Konsumenten wundern sich regelmäßig, wieso schon wieder so ein Pickelgesicht stundenlang beim Computerspielen in bräsigem Tonfall in eine Kamera quatschen kann und dabei Millionen Viewer hat) und gestalten eine völlig neue – ich hätte fast „TV-Kultur“ geschrieben, aber die lösen sie ja gerade ab – Videokultur. Professionelle Gamer verdienen auch ohne Evernote Beträge, von denen graue Bildungsherren nur träumen können, und jeder kleine Vorstadtrapper beatboxt ganz ohne Wiki in sein Handy. Wo früher einmal pro Woche einer kleinen Schar Auserlesener die Foto-AG das Fotografieren nahebrachte, steht heute das Experimentieren einer ganzen Generation mit der Handy-Cam und ihren zahllosen Apps. Und das Kollaborieren per Minecraft macht überdies viel mehr Spaß als lahme Evernote-Notizen zu teilen.

Das ist im Großen und Ganzen alles nicht professionell. Muss es auch gar nicht. Auf dem Bolzplatz haben wir früher auch nur just for fun gespielt und nicht, um den Ernst des Lebens zu erproben oder um für die Bundesliga zu trainieren. Natürlich müssen auch Kinder erst einmal ihr Gerät und dessen Möglichkeiten erkunden. Und natürlich wird ein Zehnjähriger mit seinem ersten Smartphone zunächst einmal Spiele spielen. Und das vermutlich sogar lange Zeit, bis er Lust bekommt, etwas Weiterführendes damit zu machen. Das entspricht einfach seinem Alter. So what? Müssen wir ihn gleich mit sperrigen Wikis, Twitterwalls, Edu-Apps und Optimierungstools quälen, bis es ihm mit Vierzehn zu den Ohren wieder rauskommt?

Das muss man als graubärtiger Studienrat (der den Umgang mit Taschenkalender und ToDo-Liste ja auch nicht mit zehn erlernte), dessen Kinder selbst schon lange erwachsen sind, gar nicht mitbekommen, dass junge Menschen immer ihre (digitale) Umwelt erschließen, neue Wege gehen, eigene Wege gehen und vielleicht auch mal eine Weile ihre Zeit verdaddeln müssen, um irgendetwas hinterher furchtbar langweilig, überflüssig und doof zu finden. Aber auch diese Erfahrung gehört zum digitalen Gebildetsein dazu.

Wir sollten bisweilen einfach mal gelassen bleiben und den Kindern ihre Zeit lassen.