Lesestoff.

Während ich und mein Kollegium heute auf einem pädagogischen Tag darüber brüten, wie wir unsere Ganztagsschule für das G9 aufstellen wollen, poste ich hier mal Links zu zwei bedenkenswerten Texten.

Der erste Text, „Schulinterne Lehrpläne: Pädagogische Chance, triste Realität“ beschäftigt sich mit dem Thema der überstürzten Erstellung neuer Lehrpläne bzw. der verschenkten Chance, die damit einhergeht. Es stehe zu befürchten, dass „es wohl in vielen Fällen bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bleiben [wird], bei der für die pädagogische Praxis folgenlose Papiere entstehen, die in Aktenschränken verstauben.“ Sehr lang, mit Lösungsvorschlägen am Ende.

Der zweite Text, „Wer bin ich denn?“, geschrieben von einer anonymen Schülerin aus NRW, wirkt ein wenig wie ein Wiedergänger des bekannten Tweets von Naina, der 2015 Schlagzeilen machte. Die Schülerin beschwert sich über „Bulimielernen“, stellt Schule als Lernort generell in Frage und lässt nebenbei eine ganze Menge Frust ab. Mir ist das ein bisschen zu viel Rundumschlag (Hausaufgaben, Inhalten, monotone Lehrer, Pädagogik, Ausstattung). Ihre wichtigste Frage stellt sie zum Schluss:

Ich gebe niemandem die Schuld! Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns selber als Gesellschaft keinen Gefallen damit tun, wenn Kinder durch ein Schulsystem geschleift werden, das nicht den Menschen in den Vordergrund stellt, sondern ein System aus längst vergangenen Zeiten! Wer soll denn all die aktuellen und künftigen Probleme lösen? Und vor allem — mit welchen Mitteln?

Und das wünsche ich mir für den heutigen pädagogischen Tag: Dass wir nicht für die Papiertonne arbeiten und dass wir immer die Belange der Schüler*innen im Blick haben werden – und nicht Hahnenkämpfe um die eigenen Pfründe und Steckenpferde führen (… allein mir fehlt der Glaube).

Utopischer Überschuss.

Hatte ich mir immer vorgestellt, dass der Kapitalismus alle Operationen zwecks Optimierung kleine evaluierbare Häppchen zerhackt und es zwecks Vergleichbarkeit und Druckerzeugung in publizierbare Listen presst, so überdreht der chinesische Kommunismus diesen Albtraum schon jetzt – und seine Opfer sind Grundschulkinder. 

Hochgradig verstörend ist dieser Bericht des Wall Street Journals über einen Versuch an Grundschulkindern in Shanghai. Dort wird die Aufmerksamkeitsspanne der Schulkinder mit Elektroden überwacht und direkt an der Stirn der Kinder farbig angezeigt, sodass die LehrerInnen in Echtzeit sehen können, welche Kinder aufmerksam sind und welche nicht. Gleichzeitig werden die Ergebnisse in eine Chatgruppe der Eltern gesendet, welche dann die Scores ihrer Kinder mit denen der anderen vergleichen können. Die Eltern haben anscheinende keine Idee, was mit den erhobenen Daten im Weiteren geschieht und scheinen sich gegenüber dem WSJ auch nicht daran zu stören, wenn diese im Anschluss weiterverarbeitet werden.

Der kurze Bericht des WSJ weist auch auf die Probleme der Kopfbänder hin. Die Messung ist nicht genau, vermutlich wird nicht einmal das gemessen, was man messen möchte. Der soziale Druck kommt trotzdem ganz real bei den Kindern und den Eltern an. Und auch wenn die Technik noch nicht vollständig funktioniert, ist schon das Ziel dieses Versuchs verwerflich. Zweitens finde ich neben dem Vermessen das soziale Unter-Druck-Setzen, das durch die Scores und die Eltern-Chatgruppe erzielt wird, empörend. Aber das durch die permanente Überwachung intendierte Selbstbild scheint ja bei den arglosen (oder nur öffentlich zurückhaltenden?) Eltern schon zu greifen.

Wird so etwas bei uns kommen? Wer weiß. Dankbare Empfänger einer solchen Überwachungstechnik (Deckmantel „selbstgesteuertes“ oder „algorithmisches Lernen“) wird es auch bei uns geben. Persönlich bin ich ganz bei @schb:

Datenschutz. Dienstrechner.

(Ein schneller Rant, der gerade einfach mal raus muss.)

Ich muss ja zugeben, beim Thema Datenschutz mehr als hin- und hergerissen zu sein. Auf der einen Seite stehen Datenmonster wie Facebook, das anscheinend mit den Daten seiner Nutzer Schindluder treibt, und auch Google und anderen Datensammlern braucht man nicht allzu viel Vertrauen entgegen bringen.

Auf der anderen Seite stehen die fortschrittshinderlichen Datenschützer mit ihren oft weit über das Ziel hinausschießenden Ideen. Statt mit Hilfe von Technik Arbeitsabläufe zu erleichtern, effizienter zu gestalten oder zu erneuern, möchten sie am liebsten bis ins letzte Glied alles reglementieren, vorschreiben, ihrem jungen Amt mehr Gewicht verleihen. Neueste Volte: Nun will man an die Lehrercomputer!

Helga Block, die Datenschutz-Beauftragte, stellt gegenüber dieser Redaktion klar, dass die Schulleitungen dafür verantwortlich seien, dass sensible Informationen über Schüler geschützt sind. Weil aber die Risiken bei privaten Lehrer-Computern sehr groß seien, könnten die Schulleitungen gar nicht alle Sicherheitsaspekte überschauen und dürften daher die Nutzung nicht genehmigen. Laut Block gibt es nur eine Lösung: „Dienstliche Geräte zur ausschließlich dienstlichen Nutzung bereitstellen.“ […]

Das sieht auch Stefan Behlau, Landeschef der Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) so. „Die Lehrer müssen Dienstgeräte nutzen können, wenn sie mit Schülerdaten arbeiten.“ Laut Behlau verwenden fast alle Lehrer private Geräte für Dienstliches. Das sei rechtlich problematisch, sagt er. „Wenn ein Gutachten über einen Schüler geschrieben wird, dann geht das natürlich auch am eigenen Rechner. Der Schüler-Name darf dort aber nicht auftauchen. Das ist nur auf einem Schul-PC erlaubt.“ (NRZ, 21.3.18)

Logineo –  eine Alternative?

Das klingt für mich in keiner Weise plausibel oder verlockend. Ich sehe, was für eine Grütze man da mit Logineo fabriziert hat, und in der Testversion, die ich einige Tage aktiv testen durfte, machte in Logineo nichts auf mich den Eindruck, als habe auch nur irgendeine Anwendung ansatzweise etwas mit einer ausgereiften Textverarbeitung zu tun. Ja, da gab es einen Texteditor. Und zwar von der Art, wie man ihn als „Notepad“ unter Windows kennt. Nackter ASCII-Text. Ein wahrlich grandioses Tool zum Schreiben von Gutachten! Tabellen? Berechnungen? Formeln? Fotos? Aber was schert das schon die Datenschützer…

Dienstliche Lehrerrechner?

Im Schuljahr 2017/18 unterrichten 198.483 Lehrerinnen und Lehrer in NRW 1. Wenn diese alle mit einem „dienstlichen Rechner“ ausgerüstet werden sollten, dann kann ich mir gut denken, wie diese Geräte aussehen werden: Dysfunktionaler Billigschrott, auf dem man aus Gründen der Kostenersparnis ein Linux draufgepackt hat, mit dem keiner umgehen kann, auf dem bestenfalls LibreOffice vorinstalliert ist und allerlei Software, die allerlei Böses verhindern soll, das Gute aber als Kollateralschaden gleich mitopfert. Eine Internetanbindung wäre ja gefährlich, USB-Sticks nicht minder und – da man ja wenigstens ans schulische Netz ranmüsste – müsste auch eine restriktive Netzwerkeinrichtung für Sicherheit sorgen.

Wie man sinnvolle Backupstrategien für alle Rechner umsetzen sollte, würde mich auch einmal interessieren: Aktuell habe ich stündliche Backups meiner Daten auf einer externen Festplatte und meine Unterrichtsvorbereitung habe ich zusätzlich dazu synchron im Netz. Ein „sicherer“ Dienstrechner dürfte all das gar nicht bieten und wenn, dann müsste das Backup irgendwo im schulischen Safe verwahrt werden, wo niemand es entwenden kann.

Eine Schulung oder gar technischer Support „sicherer“ Dienstrechner könnten selbstredend aus Kostengründen nicht geliefert werden; was kaputt ist, bleibt kaputt. Alles andere wäre sehr erstaunlich.

Die Folge wird sein, dass Kolleginnen und Kollegen entweder ganz auf den Elektroschrott verzichten (back to paper) oder sich mit zwei Geräten durch die Schulflure plagen: Einem offiziellen für den Datenschutz und dem privaten für den Unterricht, auf dem man auch einmal performant und ohne Hindernisse Anwendungen laufen lassen kann.

Noch schlimmer wären natürlich „sichere“ stationäre Dienstgeräte, sodass man von zuhause aus gar nicht mehr arbeiten könnte und sich stattdessen täglich um die wenigen „sicheren“ stationären Lehrerrechner prügeln müsste, aber daran mag ich gar nicht erst denken. Wenn man alle Daten nur noch in der Schule abrufen könnte, gäbe es täglich lustige Kämpfe unter den über einhundert Kolleginnen und Kollegen um das einzige Schultelefon, denn die Eltern- und Behördentelefonate wollen  ja auch irgendwann erledigt werden.

Fiktive Gefahr?

Welche Probleme es bislang durch unsichere Lehrerrechner gegeben hat, scheint mir unklar, die Gefahrenlage ist diffus. Konkrete Problemlagen sind mir nicht bekannt; vielleicht weiß ja jemand der Leser etwas Genaueres? Gibt es schon Gutachten-Leaks? Noten-Leaks? Oder Zeugniskommentar-Leaks?

Gegenvorschlag!

Verhandelt ordentliche Datenschutzvereinbarungen mit bekannten Dienstleistern wie (ja!) Google, Microsoft, Apple oder einem anderen Anbieter, der technisch und in puncto Manpower in der Lage ist (bitte!), solche Projekte zu stemmen. Zwingt diese gesetzlich zur Wahrung der Datenschutzvorgaben und kontrolliert diese (nicht so lasch wie bei den Autoherstellern!). Und dann bietet ihr deren zertifiziert-sichere, kontrollierte Cloudlösungen den Schulen an. Alles passwortgeschützt, verschlüsselt und bitte unter Anbindung an die Schuldomain! Nichts ist dämlicher, als eine „sichere“ Mailadresse á la „nachname.vorname.schulnummer@nrw.de“ – dann weichen nämlich alle wieder auf die unsichere Web.de-Adresse aus. Jeder nutzt seinen eigenen Rechner, über den er verschlüsselt auf die Cloud Zugriff hat.

Sicherlich hilft das nicht gegen unsichere Privatrechner, aber wie groß Probleme und Gefährdungen durch diese sind, dazu gibt es anscheinend keine genauen Daten.

Vergesst bitte auch nicht schon wieder die Schulämter, Bezirksregierungen und so weiter: Die Sicherheit der Gutachten, um die sich Herr Behlau da so große Sorgen macht, ist meist weniger gefährdet dadurch, dass sie auf einem Lehrerrechner herumliegen und als Ausdruck in einen Ordner wandern, als vielmehr dadurch, dass sie von Behörden und Ämtern im Klartext per Mail verschickt werden!

Wenn schon, dann bestraft diese bitte auch mit LOGINEO! Und tragt eure Kleinkriege nicht auf dem Rücken derer aus, die mit ihren selbstfinanzierten Geräten die Infrastruktur schaffen, die das Land NRW herzustellen niemals in der Lage wäre.

Praxissemester.

Ich weiß noch, wie es als Referendar war, wenn KollegInnen meiner Ausbildungsschule kopfschüttelnd an unserem Referendarstisch vorbeigingen und sich gegenseitig bestätigten, dass es ja nahezu unmöglich sei, sich all die neuen Namen und Gesichter zu merken.

Mittlerweile geht es mir ganz ähnlich. Nun gut, meine Schule ist doppelt so groß wie meine Ausbildungsschule und die Bedingungen haben sich mittlerweile stark verändert. Referendare sind nur noch anderthalb Jahre in der Ausbildung und wir haben stattdessen gefühlt zwanzig verschiedene Sorten Praktikanten zusätzlich an unserer Schule. Manche kommen nur für wenige Wochen und absolvieren so eine Art Schnupperpraktikum, andere hingegen machen ein Praxissemester und absolvieren teilweise Unterricht oder beobachten, ausgerüstet mit allerlei Fragebögen, den Unterricht. Ich schätze mal, dass es übers ganze Schuljahr über zwanzig Menschen sind, die mal zwischendurch bei uns durchs Lehrerzimmer huschen, und die Unterscheidung von Referendaren, Praxissemestern und Praktikanten, die nur kurz da sind, wird immer schwieriger. Mittlerweile ignoriere ich Neuankömmlinge auch, solange sie mich nicht betreffen, und merke mir keine Namen zu den vielen Gesichtern.

Heute aber hat mir ein Artikel in einem FAZ-Blog doch einen schönen Einblick in das Leben eines Praxissemesters verschafft. Finde ich sehr lesenswert.

Demokratische Schule

„Momentan bin ich glücklich, aber ich hatte auch schon die Momente, wo ich gesagt habe, eigentlich wäre es schlauer gewesen, wenn ich auf ’ner Regelschule gewesen wäre, schon alleine wegen den schulischen Leistungen in Anführungsstrichen, die ich hier halt über den Zeitraum zumindest nicht erbringen musste. […] Und ich weiß nicht, ob das wirklich besser so ist. Ich denke, dass ich halt vor allem sehr viel mehr gelernt hätte und beispielsweise erste bis fünfte Klasse auf der Regelschule gewesen wäre und dann auf die Kapriole oder eine ähnliche Schule gegangen wäre, dann wäre es irgendwo besser für mich gewesen, weil mir fehlen viele Grundlagen und die hätte ich eben einfach gehabt.“

(Eine Schülerin der demokratischen Schule „Kapriole“, aus dem SWR-Beitrag „Mitdenken, mitbestimmen! Demokratische Schulen“)

Ein mich zunächst erschreckendes Zeugnis stellt diese Schülerin ihrer eigenen Schulzeit aus. Ich hätte mir das Fazit optimistischer vorgestellt, die Vorteile des offenen Lernens betonend, die Freiheit, die Beschäftigung mit den eigenen Interessen. Doch dem ist nicht so, die Schülerin beklagt die Mängel. Der im selben Beitrag interviewte Lehrer betont hingegen die Vorteile: Die Schüler aus der dritten, vierten, fünften Bank – die, die keine Lust auf seinen Unterricht haben – die kämen gar nicht erst zu ihm. Das mache die Situation sehr, sehr viel sympathischer.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag zum Thema Veränderung in Schule hatte ein Kommentator auf die Alternative der demokratischen Schule verwiesen. Ich kann in diesen Debatten leider nur wenig Sinnvolles beitragen, da ich bestenfalls grob die Konzepte kenne, aber wenig im Detail und noch weniger aus eigener Praxis. Der oben verlinkte SWR-Beitrag bot da Gelegenheit zur Erhellung.

Ich formuliere es mal sehr direkt: Oben zitierte Aussagen erwecken bei mir den Eindruck, dass sich da jemand ziemlich leichtfüßig Rosinen pickt: Schülerinnen fühlen sich nicht mit belastbarem Wissen und Kompetenzen ausgestattet, die Lehrer hingegen genießen das schöne Schulleben. Und gefeiert wird man dafür im Beitrag gleich auch noch.

Denn, und das dringt auch im Beitrag immer wieder durch, wenn es eine „demokratische Schule“ gibt, dann muss es ja auch die undemokratische Schule geben. Die fiese Schule mit den Leistungsanforderungen, dem Gleichschritt, den Klassenarbeiten, den Abschlusstests. Die, in der Schüler nix zu sagen haben.

Eine Schule für alle?

Eine echte demokratische Schule sollte meines Erachtens den Anspruch haben, das gesamte gesellschaftliche Spektrum abzudecken; meiner Erfahrung nach ist jedoch so, dass jede Privatschule eine umso speziellere gesellschaftliche Schicht sammelt, je spezieller ihr Konzept ist. Hinzu kommt das monatliche Schulgeld, das – laut SWR-Beitrag – zwischen 70€ und 350€ gestaffelt ist. Auch den unteren Betrag könnten sich viele Eltern meiner staatlichen Schule nicht leisten. Soziale Selektion qua Einkommen findet an meiner doofen staatlichen Schule nicht statt, hier ist jeder immer gerne gesehen, egal ob Töchter von CDUSPDUSW-Politikern, Industriellensöhne oder ein Strauß Geschwister alleinerziehender Eltern ohne eigenes Einkommen. Vielleicht haben Schulen wie die Kapriole gute Antworten auf diese Fragen gefunden, aber da solche Systeme eher klein sind, mag ich bezweifeln, dass viele einkommensschwache Haushalte diese Schule tragen.

Aber: Gesellschaftliche Vielfalt an staatlichen Schulen? Check!

Demokratie – ein Alleinstellungsmerkmal?

Das Pfund, mit dem die demokratische Schule wuchert, ist die demokratische Gestaltung in allen schulischen Bereichen. Immer wieder wird in sozialen Medien, Foren oder Kommentaren suggeriert, an herkömmlichen Schulen gäbe es keine demokratischen Elemente. Dem ist nicht so. Schülerinnen und Schüler haben Möglichkeiten, entscheidend auf schulische Prozesse und Entwicklung Einfluss zu nehmen. Das reicht von Einrichtungen auf Klassenebene (wie dem Klassenrat, der Wahl von Klassensprechern) bis auf die Schulebene (Wahl von Schülersprechern, Schülervertretung), wo die gewählten Schülerinnen und Schüler in der Schulkonferenz das gleiche Stimmrecht innehaben, wie die Eltern oder die Lehrerschaft. Die Schulkonferenz ist in NRW das höchste schulische Gremium, in dem schulinterne Entscheidungen getroffen werden können, und unsere Schülerinnen sind für diese Sitzungen immer sehr gut vorbereitet. In Disziplinarkonferenzen (Teilkonferenzen) sitzen immer Schüler mit Stimmrecht dabei, und unsere Fachkonferenzen werden regelmäßig bereichert durch Schülerbeiträge, die uns sehr deutlich machen, wo wir als Fachschaften bessere Regelungen treffen müssen. Streitschlichtung organisieren die Schülerinnen unserer Schule eigenständig, und ich kenne viele Schulen, die dieses Konzept umsetzen.

Mitbestimmung durch Schülerinnen und Schüler? Check!

Was es bei uns allerdings nicht gibt, ist eine Demokratisierung des Unterrichts oder eine wöchentliche Schulversammlung. Und das wären tatsächlich spannende Punkte: hier würde ich gerne mal in eine sogenannte „demokratische Schule“ hineinschnuppern und schauen, wie und ob das funktioniert.

Eindrücke

Ich halte mal meine ersten Eindrücke fest: Der Lernfortschritt scheint schon auf Grundlagenebene sehr bescheiden und die Klientel ist vermutlich eine sehr spezielle, vermutlich eher bildungsbürgerlich-alternativ, betucht. Dafür hat man (zunächst) weniger Druck und erlebt viele Möglichkeiten, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Besonders interessant wären empirische Untersuchungen zum Thema, vielleicht hat jemand einen Tipp für mich?

Im Tiefschlaf alle Veränderungen verpennt

Dass Schule eine statische Institution sei, in der sich schon seit der Kaiserzeit nichts mehr getan habe, ist einer der dauerhaftesten und ermüdendsten Vorwürfe, denen man als Lehrer regelmäßig begegnet. Aber über die gammelige Schule zu meckern ist immer schön schnell erledigt und man bekommt Likes, Likes Likes!

Und da gerade dieser Tweet in meiner Timeline herumgeistert, dachte ich mir, ich erläutere mal, was sich aus meiner Perspektive geändert hat, seit ich die Schule verlassen habe, denn das sind mittlerweile ziemlich genau zwei dieser vergangenen Jahrzehnte.

Das Erste, was mir im Referendariat auffiel, war, dass die Schüler viel mehr präsentierten, wie selbstverständlich Referate hielten und sogar den Unterricht selbst gestalteten. Referate waren in meiner Schulzeit (an drei verschiedenen Gymnasien) nur Sonderaufgaben für unter Notendruck geratene Schüler oder Strafaufgabe gewesen. Die Schüler, denen ich begegnete, lernten hingegen systematisch, Inhalte aufzubereiten und zu präsentieren. Und nicht nur das: Die heute so selbstverständliche Facharbeit in der Oberstufe gab es in meiner Schulzeit überhaupt nicht. Eine längere schriftliche Arbeit, in der man wissenschaftliche Arbeitsmethoden anwenden lernen sollte, eigene Thesen formulieren und Literaturrecherche betreiben sollte – das gab es vor wenigen Jahrzehnten nicht. Mir gefiel diese Entwicklung, hatte ich doch in meinem ersten Semester an der Universität noch mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise zu kämpfen gehabt. Das Einüben des wissenschaftlichen Arbeitens konnte nur eine positive Neuerung sein.

Weniger gefiel mir die im Zuge der PISA-Studie aufkommende Entwicklung hin zur zentralisierten Testung der Schulen. Auch die hatte es vor zwanzig Jahren nicht gegeben, doch plötzlich waren PISA und IGLU tonangebend. Das Zentralabitur wurde eingeführt und VERA 8 sowie zentrale Abschlussprüfungen an anderen Schulformen eingeführt. Alles neu und letztlich einschneidende Veränderungen, von denen man annehmen muss, dass sie noch nicht am Ende sind – blickt man z. B. auf ein bundesweit vereinheitlichtes Abitur.

Nebenher zerfiel und zerfällt die altbekannte Schullandschaft. Die Eltern meldeten ihre Kinder nicht mehr an den Hauptschulen an, die mit ihrem zunehmend schlechten Ruf als „Resteschulen“ zu kämpfen hatten. Neue Modelle werden gesucht, die Realschule verliert mittlerweile als „Ersatzhauptschule“ ähnlich an Wertschätzung wie die Hauptschule zuvor, und der Trend zum zweigliedrigen, vielleicht sogar lokal eingliedrigen Schulsystem ist absehbar. Das sind eklatante Umbrüche im Schulsystem, die eigentlich jeder beobachten kann, der mit halbwegs offenen Augen der Tagespresse folgt.

Schule war in meiner Schulzeit eine Halbtagsangelegenheit, heute ist es das erklärte Ziel, möglichst viele Ganztagsschulen zu etablieren. Ein Ganztagsgymnasium war in den 90ern undenkbar, ich hingegen arbeite heute in einem. Wir haben den 45-Minuten-Rhythmus dankenswerterweise abgeschafft und nutzen ein 90-Minuten-Modell. Andere Schulen, auch das erfuhr ich staunend im Referendariat, haben sich auf ein 60-minütiges Modell geeinigt. Auch das sieht man nicht so schnell, wenn man es im eigenen Umfeld nicht erlebt, aber Schule ist nicht so statisch, wie man sich das gerne einredet.

Dank Ganztag haben wir eine Reihe weiterer Neuerungen, die vor zwei Jahrzehnten an meinen Schulen nicht zu denken gewesen wären: Direkt in meinem Schulgebäude haben mittlerweile zwei SchulsozialarbeiterInnen ihren Arbeitsplatz gefunden, und jede Klassenleitung hat alleine für Klassenbelange ausgewiesene Klassenleitungsstunden zur Verfügung. Meine Klassenlehrer haben das noch alles vom ihrem Fachunterricht abgeknapst. Auch neu sind sogenannte „Lernbarstunden“, die im Prinzip Freiarbeitsstunden sind, in denen die Schüler klassenweise an eigenen Arbeitsschwerpunkten arbeiten. Dabei ist es hilfreich, dass nicht alle Arbeitsphasen im Klassenraum stattfinden müssen, denn an meiner Schule (und auch an anderen, die ich besucht habe) gibt es mittlerweile zahlreiche Arbeitsflächen außerhalb des klassischen Klassenraumes. So kann man im Foyer, auf dem Flur oder auch in der Cafeteria, im Schulgarten oder auf der Außenterrasse arbeiten. Völlig undenkbar in meiner Schulzeit!

Wen das eigene Arbeiten nicht weiterbringt, der muss sich nicht mehr, wie in meiner Schulzeit, alleine auf die Nachhilfe verlassen. Schulinterne Fördersysteme sorgen dafür, dass auch Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Möglichkeit fachlicher Förderung bekommen: dafür gibt es bspw. von Fachlehrern betreute Lernbüros (kostenlos), fachspezifische Förderkurse (kostenlos) oder das Modell „Schüler fördern Schüler“ (günstig). Solche tollen Einrichtungen gab es an meinen Schulen nicht.

Jemand, der aus den 90ern kommend durch meine Schule laufen würde, würde schnell feststellen, dass sich in einigen Klassen bis zu fünf Erwachsene gleichzeitig aufhalten – und sich niemand daran stört. Die Inklusion ist bei uns angekommen und zieht sich durch fast alle Klassenstufen. Eine Klasse, aber zwei Klassenräume, viel Grundschulmaterial, Klassenteamtreffen oder das Unterfangen, zielgleiche und zieldifferente Kinder an einem Gymnasium gleichzeitig zu unterrichten, das würde, davon bin ich überzeugt, einen Zeitreisenden mehr als verblüffen.

Integrationsklassen lernte ich zwar schon Anfang der 2000er kennen, da waren sie allerdings Metier der Hauptschule. Mittlerweile machen wir auch das an meinem Gymnasium – und Kinder, die nahezu kein Wort Deutsch können, werden so gut wie möglich in unseren fachlich orientierten Unterricht und die soziale Gemeinschaft integriert. Auch das etwas, dass ich an meinen Schule so nie erlebt habe.

So. Das waren meine 2 Cent. Ich finde, es hat sich während der letzten Jahrzehnte verdammt viel verändert in der Schullandschaft, und es gäbe bestimmt noch weitaus mehr, das man hier aufzählen könnte. Das hier habe ich jetzt spontan heruntergeseiert, obwohl heute Samstag ist und ich an diesem Tag eigentlich keine unnötige Sekunde an „Schule“ verschwenden möchte. Man kann all diese Veränderungen ignorieren, hat dann aber wohl eher selbst die letzten Jahrzehnte im Tiefschlaf verbracht. Und – uh, oh, ich habe ja noch gar nichts über Technik geschrieben…

Nachtrag

Eine entscheidende Veränderung habe ich ganz vergessen, die aber nur für gebundene Ganztagsschulen gilt: Die Abschaffung der Hausaufgaben! Noch so eine „unerhörte“ Veränderung, die einen Zeitreisenden in pures Erstaunen (und vielleicht sogar Entsetzen) versetzt hätte.

Autorität im Wandel

Adam Neely hat einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal. Er beschäftigt sich dort mit allem, was mit Musik und Musiktheorie zu tun hat, und verkörpert dabei alle Attribute, die man so als YouTuber braucht: Er wirkt engagiert, authentisch, glaubwürdig und er demonstriert immer wieder profundes Wissen, was ihm mittlerweile fast 300.000 Abonnenten beschert hat. Ich bin seit Neuestem auch einer von ihnen.

Adam kommentiert auf Anfrage auch immer wieder Videos, die seine Zuschauer ihm schicken. Sie wünschen sich einen Tipp, wie sie ihr Spiel verbessern können, erhoffen sich kompositorische Impulse oder einfach einen kritischen Blick auf ihre Handhabung des Instruments. Denn Adam Neely hat immer einen guten Rat, auch wenn Musiker durchaus Beeindruckendes zu bieten haben. Das scheint nicht allen Kommentatoren zu gefallen. In einer Episode stellt sich Adam einem provokanten Kommentar eines Zuschauers:

„Who made this guy an authority, about what is good and what isn’t.“

Die Antwort, die Adam gibt, bringt ein Legitimationsproblem unseres (eigentlich jedes) Bildungssystems auf den Punkt:

Auf Sog setzen

Mit dem Netz und den Lehrer scheint es so eine Sache. Schaue ich in meiner Twitter-Blase herrscht zunehmend Unmut darüber, dass sich in Sachen Bildung und Digitalität nur wenig bewegt, oft irgendwo einsame Leuchttürme strahlen und ansonsten Unterricht unter medialen Bedingungen von 1980 durchgeführt wird. Dabei könnte doch gerade die Digitalisierung helfen, neue Prüfungsformate, offene Unterrichtsformen, passgenaue Binnendifferenzierung, bessere Kollaboration, Kommunikation oder das Teilen von Arbeitsergebnissen zu erleichtern, zu verbessern, zu reformieren.

Dennoch scheinen die Ergebnisse im Jahr 2017 eher mau. Während wir auf Schülerseite mit eine Vielzahl von Problemen im Kontext der Internetnutzung zu kämpfen haben, scheinen die Lehrerkollegien kaum vom Fleck zu bewegen.

Eine wunderbare Sammlung, wie das trotzdem gelingen kann, hat Dejan Mihajlovic in seinem Beitrag „Den Weg ins Netz vorleben“ zusammengestellt. Die Sammlung reicht von handfesten Vorschlägen und Erfahrungen bis hin zu eher ironischen Kommentaren, aber Dejan bringt die Quintessenz seiner Erfahrung in wenigen Worten auf den Punkt:

Deshalb habe ich vor einiger Zeit aufgehört, Mitmenschen aktiv zu ermutigen, sich am Web zu beteiligen und setze nun auf Sog und nicht auf “Druck“.