Unterricht unter Hygienebedingungen?

Armin Himmelrath findet in seiner Analyse bei Spiegel Online „Vier Gründe, warum die Schulen nicht einfach wieder öffnen können“. Das ist für alle Lehrerinnen, die sich fragen, wie es nach den Osterferien weitergeht, eine spannende Frage und Himmelraths Überlegungen zur Umsetzung von Hygienebestimmungen bei Personalmangel, Platzmangel in den Klassen oder Problemen beim Bus-Transport scheinen alle sehr plausibel.

Eine Sache spart Himmelrath jedoch aus: Hat man dann zehn Schüler mit einem Bus in einen Klassenraum gesetzt, soll ja irgendwie Unterricht stattfinden. Der kann dann offensichtlich nicht so funktionieren wie vor Corona, denn es sollte dann ja auch idealerweise für Lehrkräfte der Sicherheitsabstand gelten (oder nicht?). Wie könnte man das lösen

Einfach x-mal dieselben Inhalte mit kleinen Schülergruppen zu wiederholen, das wäre ja sterbenslangweilig. Wie also dann? Per Flipped Classroom? Also der Idee, dass die Schülerinnen sich zuhause mit einem Material (Lesetext, Video, Bild, Aufgabe …) auseinandersetzen und man sich lediglich zum Austausch über die Ergebnisse in der Schule trifft? (Herr Rau z. B. hat mit Video und Ton schon etwas experimentiert.) Das setzt natürlich schon eine ganz ordentliche Vorarbeit seitens der Schülerinnen voraus.

Bei uns wäre es evtl. vorteilhaft, übergangsweise das 90-Minuten-Raster auszusetzen oder vielleicht ganz generell nicht in klassischen Schulstunden zu denken. Hm, ich merke gerade, ich muss dazu noch ein wenig nachdenken…

Was Eltern leisten.

Es ist die große „ich klaube mir Links bei Buddenbohm zusammen“-Woche. Nachdem heute morgen die Schulleiterperspektive dran war, folgt nun die Elternpersktive: „Homeschooling, my ass“! Dort beschreibt Lisa Harmann, warum ein süffisantes „Hach, jetzt seht ihr Eltern mal, was Lehrer so leisten“ in keiner Weise angemessen ist.

Maik Riecken hatte vor gut einer Woche dazu auch schon was („Kurzer Rant über Elternspott einiger Kolleg*innen“) geschrieben.

Homeschooling.

Nachdem mir der (meinen Feedreader schon lange fütternde) Buddenbohm ein unerwartetes Besucherhoch beschert hat, verweise ich einmal bescheidenerseits zurück. In seinem Beitrag „Warum auch immer“ beschreibt Maximilian Buddenbohm den Umgang mit dem Ansprüchen während der Zeit des Homeschoolings:

Um dieses elende Homeschooling ein wenig konstruktiver anzugehen, haben wir etwas umgestellt. Es gibt bei mir jetzt für Sohn I meistens nur ein Fach pro Tag, das geht viel besser so. Die Schule sieht das tendenziell etwas anders, (…). Wenn die Schule da also etwas anderes will – bitte hinten anstellen, es ist schlicht eine Prioritätenfrage. Ich mache es so, wie es uns passt. Und nein, die Tage sind natürlich nicht alle gleich lang auf diese Art. Warum sollten sie es auch sein, ich weiß ja nicht einmal, welcher Wochentag überhaupt ist.

Ich habe eine ganze Menge gekürzt und es folgt noch mehr, also gerne einmal rüber und weiterlesen. Aber ich bin schon bass erstaunt über die Ansprüche der buddenbohmschen Schule, die anscheinend am Tagesablauf der Familien herummäkelt, die doch genug damit zu tun haben, sich zu organisieren und die Tage zu strukturieren. Nur ein Fach pro Tag ist eine prima Idee, finde ich.

Und wie das so urplötzlich ausgerechnet von den Schulen geforderte Onlineseinmüssen die Ansprüche an Unterricht verändern wird, warum das ersehnte Ende des Kontaktverbots sich in Schule ganz schnell sonderbar „oldschool“ anfühlen wird, das liest man am besten bei Buddenbohm selbst. So schön wie der können das nämlich nur wenige.

Unterricht digital nach Lehrplan

Auch beim Buddenbohm gefunden: In dem schönen Kleinstädtchen Arnsberg mitten im Sauerland gibt es genau zwei Gymnasien. An dem, das verlinkt ist, weil es seinen Unterricht digital nach Lehrplan durchzieht, habe ich nicht mein Abitur gemacht (ich war an dem hier…). Am Laurentianum sieht das dann so aus:

Das Unterrichtsangebot beginnt um 7.40 Uhr, Pausenzeiten bleiben und es geht dann bis 16.00 Uhr. Es ist eine Mischung aus SchulApp-Begleitung, Webinaren und Projektarbeit.

Das wirkt nun auch etwas schräg und aufgesetzt, wenn ich ehrlich bin, aber wer weiß – vielleicht ist das auch super. Für die Lehrer stelle ich es mir so ad hoc sehr stressig vor. Ich überbrücke ja gerade viel mit (m)einem Moodle und muss feststellen, dass wirklich eine große Menge an Zeit für das Gestalten von Material draufgeht. Dazu kommt dann auch noch die digitale Rückmeldung an die Schülerinnen. Letztere würde ich im Unterricht teilweise im Vorbeigehen erledigen („Schau mal da, beachte dieses, formuliere das anders, lies noch einmal die Aufgabenstellung etc.“) oder vielleicht sogar der Klasse gesammelt als Rückmeldung geben, mit ihr problematisieren, die Sinnhaftigkeit anderer Lösungswege diskutieren und so weiter. Nun gebe ich zu jeder Aufgabe eine individuelle schriftliche Rückmeldung und das frisst unfassbar viel Zeit. Ich bin gerade ganz froh, dass bei einer Klasse die Anmeldemoral weniger gut ausgeprägt ist, sodass ich in den anderen überhaupt hinterherkomme – denn das restliche Lehrerleben läuft ja auch für uns normal weiter.

Virtuelle Morgenkreise

Richtig gut gefiel mir auf den ersten Blick dieses von Patrick Brauweiler vorgestellte Konzept, das natürlich auf eine vorhandene Basis von Ausstattung und Einübung zurückgreifen kann. Mit einer Art virtuellem Morgenkreis zu beginnen und dann mit den Schülerinnen zu überlegen, wie man den Tag strukturieren möchte, das ist doch eine schöne Idee, die genug Raum für eine individuelle Tagesgestaltung lässt.

Zoom

So wie’s aussieht, ist das sehr gehypte Zoom eine riesige Datenschutzkatastrophe.

Nachtrag

Sehe gerade, dass Herr Rau gestern über Videokonferenzsoftware geschrieben hat. Dort stellt er eine OpenSource-Lösung vor. Auch das ist nicht unbedenklich, aber da fließen die Daten nicht direkt an Facebook (und man könnte selbst einen Server aufsetzen).

Storniert.

Einen Wandertag für alle sechsten Klassen storniert. Das tut schon weh, einmal für die Klassen, besonders aber auch für den Unternehmer, mit dem ich schon einige Fahrten gemacht habe und dem aktuell vermutlich das komplette Geschäft wegbricht. Alle Schulen in NRW sind angewiesen, keine Schulfahrten bis zum Ende des Schuljahres durchzuführen, ganz gleich, wie sich die Lage entwickelt. Das dürfte für Busunternehmer ein sehr harter Schlag sein.

Am Computer sitzend im Kalender sehen, was den armen Abiturienten nun alles ausfällt. All die Dinge, die das Abitur zu einer besonderen Phase machen, die nicht nur vom Durchpeitschen der letzten Lerninhalte vor den Prüfungen, sondern auch von Kreativität und Eigensinn geprägt sind. Alle Rituale sind außer Kraft gesetzt, alle Initiationsriten abgesagt. Es gibt keine Mottotage mehr, keine Abipartys, keinen bunten Abend, keinen Abisturm, keinen Abiball. Alles „storniert“. Das tut mir schmerzlich leid für all die Abiturienten, zu denen auch Tochter¹ gehört. Am Ende bleiben ihnen nur die Prüfungen.

Zur 9. Schulmail zum Umgang mit Corona-Virus an Schulen.

Es gibt so Mails, da kriege ich Blutdruck. Gestern kam eine vom Schulministerium, das war so eine. Vorab: Ich unterstütze das Anliegen der Landesregierung, systemrelevante Berufe zu unterstützen, indem Lehrerinnen die Betreuung dieser Kinder in einem angemessenen Rahmen aufrecht erhalten. Auch am Wochenende, auch in den Osterferien.

Die Gefahren für Lehrerinnen dabei kleinzureden, halte ich aber – insbesondere nach der Ansprache der Bundeskanzlerin und der stetigen Verschärfung der Maßnahmen – für den falschen Weg:

Ohne jeden Zweifel: das oberste Gebot ist auch für mich, Gefahren zu minimieren und Ihre Gesundheit zu schützen. Deshalb haben wir klargestellt – und werden dies gegenüber Eltern auch noch einmal öffentlich tun: In die Notbetreuung dürfen nur solche Kinder, bei denen nicht der geringste Verdacht auf eine Corona-Infektion besteht. 

Soll das ein schlechter Witz sein? „Nur solche Kinder, bei denen nicht der geringste Verdacht auf eine Corona-Infektion besteht“? Wir haben hier eine völlig unklare Symptomlage, Inkubationszeiten von bis zu 14 Tagen – und dann „dürfen“ (Zitat!) nur solche Kinder in die Betreuung, bei denen nicht der „geringste Verdacht“ besteht? Und das, wo man bei Kindern häufig nicht merkt, dass sie infiziert sind? Seriously?

Und es geht noch weiter:

Allerdings darf die Betreuung in geschlossenen Räumen und von persönlich bekannten Kindern bzw. Eltern auch nicht mit dem Zusammentreffen fremder Menschen in der Öffentlichkeit, das auf zwei Personen beschränkt ist, gleichgesetzt werden. Dort müssen wegen des Infektionsschutzes strengere Maßnahmen greifen.

Ach wie? Bei „persönlich bekannten Kindern bzw. Eltern“ übertragen sich Viren plötzlich nicht mehr? Draußen, wo ich ggf. selbst schnell für Abstand sorgen kann bzw. mich dafür entscheiden kann, einfach gar nicht rauszugehen, sind dem Schulministerium zufolge also strengere Maßnahmen nötig als in einem begrenzten Klassenraum, wo alle Personen die gleichen Türklinken, Lichtschalter, Wasserhähne etc. benutzen und eine schlechtere Belüftung herrscht? Da darf man nun doch mit mehreren möglichen Infektionsherden auf einem Haufen hocken? Kann ich morgen dann doch noch einen Elternabend machen? Ernsthaft? Und weiter:

Wir müssen uns darauf verlassen, dass nur infektionsfreie Kinder in die Notbetreuung kommen. Und nur die Eltern können gewährleisten, dass ihre Kinder auch außerhalb der Notbetreuung von Infektionsherden ferngehalten werden. Wir werden daher auch von hier einen entsprechenden Appell veranlassen.

Wie beruhigend! Ein „Appell“ an die Eltern. Die ja auch nicht wissen, ob ihre Kinder infiziert sind. Danke, liebes Ministerium, für diese umfassende Fürsorge und die zahllosen schützenden Maßnahmen!

Ich zitiere passend dazu aus einem Interview mit einer in Deutschland praktizierenden Ärztin, die einen genauen Blick auf China hat:

Um Neuinfizierungen zu vermeiden, müsste man jene Schutzmaßnahmen einführen und für den Zyklus mindestens einer Inkubationszeit – also 14 Tage – das öffentliche Leben einstellen. Wir verlieren mit unserer Inkonsequenz doch nur unnötig Zeit, zum normalen Leben zurückkehren zu können. Was hat es für einen Sinn, wenn die Kinder „systemrelevanter“ Eltern weiter ohne Schutzmaßnahmen in die Betreuungsangebote gehen dürfen? Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich sowohl Kinder, Erzieher als auch Eltern gegenseitig in einer Art Teufelskreis infizieren, zumal wenn gerade jene Eltern berufsbedingt – beispielsweise als Arzt oder Polizist – einer hohen Ansteckung ausgesetzt sind. In China wurden sämtliche Betreuungsangebote konsequent eingestellt.Also,

Also, liebes Ministerium, wenn ihr schon an die Einsatzbereitschaft und die Bedeutung der Betreuung für die Bekämpfung der Corona-Epidemie appelliert, dann:

  1. Seid ehrlich und verharmlost nicht die Gefahren!
  2. Sorgt dafür, dass Eltern und Schülern die Regeln klar sind! Manche fordern Betreuung auch im Sinne von direkter Hilfestellung bei Aufgaben ein. Betreuung kann nicht heißen, dass Kolleginnen sich über möglicherweise infizierte Schülerinnen beugen sollen!
  3. Sorgt für ausreichenden Schutz! Handschuhe, Mundschutz, Desinfektionsmittel, Seife, warmes Wasser – you name it! Auch das würde den Kolleginnen mehr helfen als eure wachsweichen Worte.

Kümmert euch! Schwafelt nicht!

Ausnahmezustand

Absoluter Ausnahmezustand. Seit einer Woche starre ich fast nur auf den PC-Bildschirm und leiste technischen Support, leite Datenschutzanfragen weiter und komme kaum dazu, meine SchülerInnen mit Aufgaben zu versorgen. Eigentlich wollte ich korrigieren und ganz in Ruhe Aufgaben für meine Klassen vorbereiten, stattdessen fliegen auf allen Kanälen Nachrichten herein, heraus, manche auch nur herum. Alles das, was zuvor konzeptionell im Großen nicht geleistet wurde, obliegt nun jedem Einzelnen: Manche werden eine PDF rausschicken und sich entspannt zurücklehnen, während andere sich bemühen, ihren SchülerInnen möglichst umfangreich zur Verfügung stehen zu können. Datenschutzgrenzen weichen auf, KollegInnen suchen sich nun eigene Lösungen. Der auf Leitungsebene oft befürchtete „Wildwuchs“ bricht sich nun Bahn. Jetzt, am Wochenende, entspannt sich die Lage etwas. Wer nun online unterrichtet, dem empfehle ich die in Herrn Raus aktuellem Beitrag eingebettete Grafik „Mach es so, nicht so!“.

Gleichzeitig wird in dieser Situation schmerzlich klar, dass Digitalität nicht nur eine nette Spielerei für Fototermine und an Tagen der offenen Tür darstellt, sondern eine durchaus krisentaugliche Lösung ist. Dass Wegducken nicht funktioniert. Das, was nun in den verschiedenen Schulen, von verschiedenen KollegInnen digital geleistet wird, wird nach Corona nicht einfach wieder verschwinden können. Wenn es jetzt möglich ist, SchülerInnen digital mit Aufgaben zu versorgen, Videokonferenzen abzuhalten und unter Umständen sogar richtigen Unterricht über Onlinemedien stattfinden zu lassen, warum sollte das alles nach Corona nicht mehr funktionieren? Die Schulträger werden sich schnell bewegen müssen, alleine schon, weil Corona uns vermutlich nicht so schnell loslassen wird.

24/7-Betreuung in NRW

Ab Montag sind alle Lehrer in NRW auch dazu angehalten, in den Osterferien und an allen Wochenenden für eine Betreuung der SchülerInnen zu sorgen, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Ich finde, das ist das richtige Zeichen für diese Eltern und das Mindeste, was wir an Solidarität leisten können. Außerdem: Klopapier hat es dort in Hülle und Fülle!