Praxissemester.

Ich weiß noch, wie es als Referendar war, wenn KollegInnen meiner Ausbildungsschule kopfschüttelnd an unserem Referendarstisch vorbeigingen und sich gegenseitig bestätigten, dass es ja nahezu unmöglich sei, sich all die neuen Namen und Gesichter zu merken.

Mittlerweile geht es mir ganz ähnlich. Nun gut, meine Schule ist doppelt so groß wie meine Ausbildungsschule und die Bedingungen haben sich mittlerweile stark verändert. Referendare sind nur noch anderthalb Jahre in der Ausbildung und wir haben stattdessen gefühlt zwanzig verschiedene Sorten Praktikanten zusätzlich an unserer Schule. Manche kommen nur für wenige Wochen und absolvieren so eine Art Schnupperpraktikum, andere hingegen machen ein Praxissemester und absolvieren teilweise Unterricht oder beobachten, ausgerüstet mit allerlei Fragebögen, den Unterricht. Ich schätze mal, dass es übers ganze Schuljahr über zwanzig Menschen sind, die mal zwischendurch bei uns durchs Lehrerzimmer huschen, und die Unterscheidung von Referendaren, Praxissemestern und Praktikanten, die nur kurz da sind, wird immer schwieriger. Mittlerweile ignoriere ich Neuankömmlinge auch, solange sie mich nicht betreffen, und merke mir keine Namen zu den vielen Gesichtern.

Heute aber hat mir ein Artikel in einem FAZ-Blog doch einen schönen Einblick in das Leben eines Praxissemesters verschafft. Finde ich sehr lesenswert.

Ein Königreich. Update.

Deutschland ist ein Königreich für Schulkinder“ schreibt ein syrischer Lehrer in der Süddeutschen – schön, wenn mal jemand von außen die Perspektiven ein wenig gerade rückt. Es geht uns hier so verdammt gut.

Habe nach fünf Jahren mal wieder meinen Beitrag zu den fünf Unterrichtseinstiegen geupdatet. Mir ist endlich wieder eingefallen, was es mit den nackten Frauen auf sich hatte!

Medienskepsis.

Befinde mich gerade in einer Phase großer Medienskepsis. Habe gerade den persönlichen Eindruck, dass viele Probleme an meiner Schule Folge von Medienkonsum sind. Anscheinend treffen Schülerinnen und Schüler im Netz auf Inhalte, die sie äußerst verunsichern und emotional stark überfordern. Das drückt sich dann im eigenen Verhalten aus. Beobachtungen, wie ich sie dieser Tage mache, waren mir vor acht Jahren, vor dem großen Aufstieg der Smartphones in Kinderhänden, noch fremd. Das macht mir ernsthaft Sorgen. Hoffnungsschimmer: Meine Oberstufenschüler. Die schätzen die heutige Elterngeneration als unerfahren und überfordert ein, sind sich aber sicher, dass sie es später besser machen werden.

Ich selbst habe mich auch etwas aus dem Medientrubel zurückgezogen. Bin seit etwa drei Wochen raus aus Twitter, und zwar nicht nur inaktiv, sondern mit gelöschtem Profil, dessen 30-tägige Gnadenfrist sehr bald abgelaufen ist. Aktuell fällt mir kein Grund ein, das Profil wieder zu aktivieren. Glaube nicht, dass mir das gut tut. Seit ich aus Twitter raus bin, blogge ich wieder friedlich vor mich hin, lese entspannt meinen Feedreader leer und prokrastiniere stattdessen in Gitarrenforen. Könnte schlimmer sein.

Hals. Metren. Boni.

Wonderfule Halsschmerzen zum Wochenende. Ich werde meine Erkältung gerade irgendwie nicht so richtig los. Krank werden kommt aber nicht in Frage, da in der nächsten Woche drei Termine anstehen.

Habe mir heute meinen Unterricht bei Herrn Rau zusammengeklaut. Der hatte mal einen Beitrag zu der Singbarkeit verschiedener Metren, und seitdem singe ich mit meinen Schülern gerne „Eisgekühlte Coca Cola“ zur Melodie der Nationalhymne. Das ist immer ein schöner Einstieg.

Trump hat nochmal einen obendrauf gesetzt: Lehrer mit Waffen sollten Boni bekommen. Da merkt man, wo der Kerl mit der verqueren Denke ursprünglich herkommt. Obwohl: In einem Land, in dem Lehrer einen Tag in der Woche frei bekommen, damit sie woanders Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen können, dürfte ein Bonussystem auf regen Zuspruch stoßen…

Post Twitter. Werbung mit Gefühlslagen.

Woche 3 post Twitter und ich vermisse nichts. Allerdings blogge ich auch nicht mehr, aber ich lese wieder mehr Blogs. Habe meinen Feedreader entstaubt und freue mich seitdem über die Beiträge von Bob Blume, der mich auf Twitter immer eher kekste. Den aktuellen Beitrag zur Interpretation könnte man ruhig mal lesen.

Eigentlich wollte ich aber nur fix auf den Beitrag „Facebook helped advertisers target teens who feel ‚worthless‘“ (via Fefe) hinweisen, weil der mal so richtig schön deutlich macht, wie die Datenmacht sozialer Netzwerke so richtig schön klischee-kapitalistisch zu Ungunsten der Schwächeren missbraucht werden kann:

Facebook’s secretive advertising practices became a little more public on Monday thanks to a leak out of the company’s Australian office. This 23-page document […] details in particular how Facebook executives promote advertising campaigns that exploit Facebook users‘ emotional states—and how these are aimed at users as young as 14 years old.

According to the report, the selling point of this 2017 document is that Facebook’s algorithms can determine, and allow advertisers to pinpoint, „moments when young people need a confidence boost.“ If that phrase isn’t clear enough, Facebook’s document offers a litany of teen emotional states that the company claims it can estimate based on how teens use the service, including „worthless,“ „insecure,“ „defeated,“ „anxious,“ „silly,“ „useless,“ „stupid,“ „overwhelmed,“ „stressed,“ and „a failure.“

Würde meinen emotional state gerne mal Mr Zuckerberg übermitteln. Bin aber nicht mehr in seinem Laden.

Veränderung

Beschwerde auf Twitter über Kindle-lesende Kinder. Lieber ein Papierbuch und so. Große Empörung auf der Gegenseite, wie praktisch das doch sei und so. Hm. Finde beides richtig. Tochter 1 liest derweil den 5. Band einer mir unbekannten Autorin, die im Selbstverlag im Google Playstore 800-seitige Romane veröffentlicht. Ich gucke mittlerweile regelmäßig meine YouToube-Kanäle durch, nachdem ich jahrelang die Youtuber belächelt und mich gefragt habe, was der ganze Blödsinn mit den Laien vor der Webcam soll.

Die Welt verändert sich, ob uns das gefällt oder nicht. Mit den neuen technischen Möglichkeiten produzieren mehr Menschen Medien und werden wahrgenommen. Sie verändern die Welt. Da hilft auch kein Meckern. Oder Unsinn in Feuilletons.

Jubiläum und Kritik

50-jähriges Schuljubiläum überstanden. Ein kleiner Festakt mit Reden der üblichen Honoratioren und dankenswerterweise auch gespickt mit kritischen Spitzen in Richtung Schulträger und Bezirksregierung, sodass die ganze Veranstaltung in meinen Augen eher politisch als ein feierlicher Akt war. Unsere Schule hat in den letzten Jahren ja einige Päckchen aufgebürdet bekommen, die bitteschön ohne große Umstände im laufenden Betrieb mitgetragen werden sollen, welche reichlich Anlass für Kritik boten. Ein bitterböser Beitrag dazu liegt im Backend, ich fürchte aber, dass ich den so nicht veröffentlichen kann. Dabei sollten doch besonders Lehrer ihrem Protest am Bildungssystem Ausdruck verleihen, wie es hier bei Bildungslücken.net gefordert wird. Stimmt ja auch. 

Sehr nachdenklich machte der Beitrag eines Kollegen, der einige Anekdoten aus alten Klassenbüchern und Mitteilungsbüchern zum Besten geben durfte. Da hatte ich schon den Eindruck, dass man mit manchen Dingen vor zwanzig bis dreißig Jahren etwas weniger verkniffen umgegangen ist. 

Schadet nicht

„Es kann nicht schaden,wenn man gelernt hat, richtig zu arbeiten.“, so eine Kollegin, die selbst eine Ausbildung zur Bankkauffrau hinter sich hat. Sie hat nicht unrecht. Gewiss gewinnt man einen neuen Blickwinkel auf Arbeitsprozesse, lernt andere Ansprüche kennen, Stress auf andere Art und Weise zu bewältigen. Aber ist es nicht auch eines dieser typischen Klischees, die wir hier im „Westen“ so gerne verbeiten, weil „richtig arbeiten“ für uns irgendwas mit frühem Aufstehen, Ellbogen, Zähigkeit und guter Organisation zu tun hat?

Doch könnte man nicht genauso gut sagen, es kann nicht schaden, im Theater aufzutreten, oder könnte man nicht fordern, dass jeder sich einmal als Artist, Schauspieler oder Berufsmusiker versuchen sollte? Kreativ zu arbeiten, sich auf Ansprüche eines Publikums statt auf Vorgaben des Chefs einstellen zu müssen; im Team zu arbeiten, weil das Ergebnis nicht ein abstraktes Produkt, sondern unmittelbare Folge der gemeinsamen Arbeit ist; sich immer wieder neuen Themen zu widmen, statt in einer Endlosschleife Papierberge zu bewältigen; zu lernen, sich die Zeit über den Tag hinweg frei einzuteilen  – ist das schlechter als im Takt der Stechuhr Meetings und Vertragsabschlüsse zu absolvieren?

Schadet auch nicht, oder?

Wirkungsvoll

Herr Mess hat eine tolle Hommage  „Über Die Drei Fragezeichen“ geschrieben. Wer mal einen Lateinlehrer kennenlernen will, der neben Caesar, Cato und Vergil auch die ersten 25 Folgen der Detektive aus Rocky Beach frei zitieren kann, der sollte unbedingt mal in Herrn Mess‘ Blog schauen oder seinem Twitteraccount folgen.

Wirkung von Handlung

Jan-Martin Klinge erzählt im Halbtagsblog von den tollen Erfahrungen in seinem Technikkurs und berichtet, wie die Schüler Feuer fangen. Und während des Lesens finde ich es immer bedauerlicher, dass wir an den Gymnasien so wenig Unterricht mit den Händen stattfinden lassen. Ich merke das oft in meiner Steinzeit-AG, dass da die wilden Kerle plötzlich ganz normale Umgangsformen pflegen können und sogar das Prinzip der Leistungsorientierung für sich entdecken („Herr S., sieht das gut aus oder muss ich da noch nachfeilen?“ – „Darf ich XY beim Aussägen helfen, der ist noch nicht so weit?“ – Wenn sie das mal bei Textarbeit fragten!). Aber ab Klasse 6 ist damit mehr oder weniger Schluss, wenn sich nicht ab und an ein Bio- oder Physiklehrer erbarmt.

Wirkt beim Abi

Herr Rau erzählt in seinem Lehrerzimmer von einer sehr schönen Idee an seiner Schule:

Seit einigen Jahren – in Schulzeit umgerechnet: schon immer – wünschen Freunde und Verwandte den Abiturienten vor den Prüfungen mit Plakaten Glück.

Mit Fotos. Würde ich mir für meine Schule auch wünschen.

Präsentationen wirken

Dass das Halten von Präsentationen „eine völlig sinnbefreite Befriedigung der Erwartungen der Lehrperson“ darstellt und wie dämlich viele Vorgaben zur Foliengestaltung sind, wenn sie sich nicht an Wirkungsabsicht und Kontext orientieren, das demonstriert der Lehrerfreund in einem aktuellen Beitrag. Da fallen mir gerade zwei Schüler ein, die ihre Präsentation zum Berufswunsch „Pilot“ mit einer Begrüßung der Fahrgäste starteten und dann eine grandiose Präsentation abgefeiert haben. Die wussten, wo sie ihr Publikum abholen mussten. Hat gewirkt, ist lange her und ich hab’s bis heute nicht vergessen.