Ganztag. Doppelstunden. Halbtag?

Immer wieder beklagt man in der Öffentlichkeit die Unbeweglichkeit des Schulsystems. Dabei ist es die ganze Zeit in Bewegung. Zwar leider nur drei Schritte vor und dann wieder zwei zurück, aber in Bewegung ist es die ganze Zeit. Mal gibt es Kopfnoten, dann wieder nicht. Mal gibt es Inklusion, dann wieder nicht. Mal gibt es G8, dann wieder G9. Und mit dem Wechsel zu G9 steht auch die von der vorigen Regierung besonders propagierte Idee der Ganztagsschule wieder in Frage. Das erhöhte Stundenvolumen durch ein zusätzliches Schuljahr ermöglicht es den Gymnasien theoretisch, sich wieder fast vollständig nur als Halbtagsgymnasien zu präsentieren. Aber ist das sinnvoll?

An meiner Schule sind wir seit einigen Jahren im Ganztag – und auch für uns stellt sich die Frage, ob und wie wir diesen unter G9-Bedingungen weiter fortsetzen wollen. Ich möchte im Folgenden beschreiben, welche Vor- und Nachteile ich im Ganztag aus Lehrersicht wahrnehme.

Ganztag an meinem Gymnasium

Ein vollständiger, langer Schultag erstreckt sich bei uns von 7.50 Uhr bis 15.35 Uhr. Es gibt (mit Ausnahme für die fünften Klassen) eine Mittagspause von 13.05 bis 14.05 Uhr. Ganztag ist bei uns nicht zu denken ohne das Doppelstundenmodell. Wir haben an langen Tagen vier Lernphasen, die jeweils 90 Minuten umfassen, also immer von einer Doppelstunde Unterricht abgedeckt werden. Schülerinnen und Lehrerinnen haben also immer höchstens vier Fächer, auf die sie vorbereitet sein müssen.

Da wir die zusätzlichen Ganztagsstunden nicht schlicht für mehr Unterricht nutzen dürfen, verwenden wir sie für eigenständige Lernphasen sowie Wahlpflicht-AG-Stunden oder Klassenprojektstunden, in denen die Klassenleitungen Gelegenheit haben, sich um organisatorische und pädagogische Belange ihrer Klasse zu kümmern. Besonders letztere befreien Klassenleitungen davon, Teile ihres Fachunterrichts opfern zu müssen, und sie helfen dabei, sinnvolle Einrichtungen wie den Klassenrat zu institutionalisieren. In einem 45-Minuten-Modell hätte der wenig Chancen.

Aufgrund des Ganztages ist es uns möglich, eine Schulsozialarbeiterin direkt vor Ort zu haben, die neben ihren pädagogischen Aufgaben auch für Angebote in den Mittagspausen und bei Schulveranstaltungen sorgt. Als Klassenleitung bin ich dieser Kollegin schon mehr als tausend Dank schuldig, weil sie in harten Zeiten viel Last von meinen Schultern genommen hat. Schule ohne Schulsozialarbeit mag ich mir nicht mehr vorstellen.

Vorteile des Doppelstundenmodells

Als wir über das Doppelstundenmodell debattierten, hatte ich als neuer, frisch aus dem Referendariat stammender Kollege, die Befürchtung, dass es sehr anstrengend sein könnte, jede Stunde als Doppelstunde planen zu müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Statt – wie zuvor an einem „normalen“ sechsstündigen Tag fünf bis sechs Lerngruppen – muss ich nun nur maximal vier Lerngruppen vorbereiten.

90 Minuten reichen im herkömmlichen Unterricht für fast alles. Man kommt nicht in Zeitprobleme bei Klassenarbeiten (wie man die je in 45 Minuten sinnvoll schreiben lassen konnte?) und Arbeitsphasen können sinnvoll zu Ende geführt werden. Referendare können immer die von den Fachleitern geschätzte Auswertungsphase zeigen, auch wenn die Schülerinnen einmal etwas länger brauchen. Nahezu alle Arbeitsformen, die etwas mehr Zeit beanspruchen, können jederzeit durchgeführt werden und auch Filme können gezeigt und direkt nachbesprochen werden. Die unsinnigen Zwänge eines 45-Minuten-Rasters sind nicht mehr existent und das ist gut so.

Als Ganztagsgymnasium müssen wir logischerweise mehr Stunden abdecken als Halbtagsgymnasien. So kommt es, dass ich nicht jeden Tag meine sechs Schulstunden „herunterreiße“, sondern an manchen Tagen acht Stunden. Das wiederum hat zur Folge, dass ich an anderen Tagen ggf. nur vier Stunden unterrichten muss – und diese teilweise erst um 9.40 Uhr beginnen. Mitten in der Woche am Morgen entspannt im Arbeitszimmer arbeiten zu können, ist eine Errungenschaft des Doppelstunden-Ganztags.

Negativer Nebenaspekt des Doppelstundenmodells sind die sogenannten „Springstunden“. Das sind regelmäßige Freistunden, in denen man mitten im Schultag nicht eingesetzt werden kann (z.B. montags in der 3./4. Stunde). Was einem in den ersten beiden Stunden einen langen Morgen beschert, sorgt mitten am Schultag für Leerlauf. Wichtig ist darum, dass man eigenständig dafür sorgt, dass die Zeit sinnvoll genutzt wird: So kann man bei guter Planung Korrekturen, Klassen-Orga, Gesprächstermine, Vorbereitung etc. in diese Phasen legen und so seinen Nachmittag etwas entlasten.

Das klingt nun alles ganz prima, doch so einfach ist es nicht. Entlastend ist der Ganztag auf seine Weise schon, aber…

Nachteile

… wenn ich nachmittags nach Hause komme, bin ich im wahrsten Sinne des Wortes „durch“. In der Regel ist das gegen 16.00 Uhr, wenn nicht noch andere Termine hintendranliegen. Danach geht außer Vorbereitung nicht mehr viel, Korrekturen schiebe ich darum konsequent ins Wochenende oder in die Ferien. Habe ich eine Klassenleitung, lege ich telefonische Elterngespräche und E-Mails in die Abendstunden

Habe ich hingegen kurze Tage (also sechs durchgehende Vormittagsstunden), kommen diese mir vor wie Urlaub.

Die Mittagspause

Die einstündige Mittagspause – so wichtig sie vor dem Nachmittagsunterricht für Schülerinnen und Lehrerinnen ist – frisst auch eine Stunde Zeit, die man sich im Halbtagsmodell sparen kann. Eine „echte“ Pause ist es meist sowieso nicht, weil man dann ja (fast) alle Kolleginnen über eine Stunde hinweg erreichen kann und immer dringend irgendwelche Dinge klären muss. Drängen die Korrekturen, dann nehme ich mir meine Arbeit auch mit in die Mittagspause – und unser Korrekturraum ist immer gut besetzt.

Zudem hat der Schulträger uns mit dem Bau der Mensa einen schönen Kuckuck ins Nest gesetzt: Niemand möchte da gerne essen. Lehrerinnen zweier Schulen meiden es gänzlich, dort zu essen. Lediglich einige Schülerinnen, überwiegend aus den unteren Klassen, nutzen das Mensaangebot. Ein Gefühl von Entspannung mag dort nicht so recht aufkommen – dazu und zu dem Irrsinn der Architektur dieses jungen Gebäudes mal in einem anderen Beitrag.

A- und B-Wochen

Das Doppelstundenmodell erfordert, dass Fächer, die in ungerader Stundenzahl unterrichtet werden, derart auf zwei Wochen verteilt werden, dass sie ins Modell passen. Also wird ein Oberstufengrundkurs mit drei Stunden so auf zwei Wochen verteilt, dass er in einer Woche mit zwei und in der Folgewoche mit vier Stunden vertreten ist. Deshalb haben wir „A- und B-Wochen“, sprich: jede Klasse, jede Kollegin hat zwei Stundenpläne, damit alle Stunden ins Doppelstundenraster passen. Das ist nicht wirklich schlimm, aber ich weiß grundsätzlich nie, in welcher Woche ich gerade bin und welche Stunden ich morgen habe. Einen einwöchigen Plan hat man sich im Gegensatz dazu schnell gemerkt.

Ungünstig ist diese Aufteilung auch, wenn man das Pech hat, dass viele Feier- oder Brückentage, ggf. auch Klausurtermine auf bestimmte Tage fallen: Dann kann es passieren, dass meine achte Klasse mich in Geschichte nicht so häufig sieht, weil ja immer gleich alle beiden Wochenstunden gleichzeitg ausfallen – und nicht nur eine, wie es im Halbtagsmodell der Fall wäre.

Auch Referendare kämpfen oft mit unserem Doppelstundenmodell, da dieses es ihnen sehr erschwert, (Oberstufen)kurse zu finden, die nicht an ihrem Seminartag oder parallel zu ihrem eigenen Unterricht liegen. Auch die Terminierung von Unterrichtsbesuchen ist etwas komplizierter, und die meisten Fachleiter kommen nur sehr ungerne für eine Doppelstunde.

Also ist leider nicht alles Gold, was glänzt! Was tun? Wieder zurück zum Halbtag?

Lösung Halbtag?

Ich finde nicht. Es gibt ja zum Glück Erfahrungen von Kolleginnen. Eine, die ihren Weg an eine Halbtagsschule gemacht hat, berichtet, dass ihr die Rückkehr an ein Halbtagsgymnasium durchaus als stressiger erscheint; besonders die Vorbereitung der Einzelstunden würde viel Zeit beanspruchen und für „Arbeitszeitfraß“ sorgen. Dazu komme die volle Schultasche und nur kurze Pausen zwischen den Stunden.

Würden wir zum Halbtag zurückkehren, gäbe es keine AGs mehr, keine wertvollen Klassenprojektstunden und ein Rückbau der Lernzeiten und Förderstunden wäre die Folge, was mehr als bedauerlich wäre. Ich habe oben schon zum Ausdruck gebracht, dass ich mir Schule ohne unmittelbare Schulsozialarbeit nicht mehr vorstellen mag und das wäre leider die Konsequenz einer Halbtagsschule. Die Doppelstunden entlasten den Schultag und ermöglichen ergiebige Arbeitsphasen. Ein Halbtag könnte so nur eine Verschlechterung pädagogischer Arbeit bedeuten.

Bandbreite.

Grundwissen: In unserer Schule gibt es zwei Netzwerke. Ein pädagogisches Netz (langsam und unterdimensioniert) und ein Verwaltungsnetz der Stadt (rasend schnell, es werden lediglich Mails hin- und hergeschubst). 

Was zuvor geschah: Ein durchaus erfreuliches Gespräch zur Medienentwicklungsplanung endet mit der Feststellung, dass die Internet-Bandbreite leider nicht erhöht werden könne, die Telekom, die Stadtwerke… der gute alte16 MBit-Anschluss („Schulen ans Netz“) müsse für 1000 Schüler und 100 Lehrer erstmal genügen… und nein, das schnelle Verwaltungsnetz könne leider nicht für den schnöden pädagogischen Gebrauch genutzt werden.

Dann stehe ich im Büro des Chefs, der mir nur ein paar Fotos vom Schulgarten übermitteln möchte. Da das wegen der hohen Sicherheitsstandards per USB nicht funktioniert, schickt er mir die Bilder über das Verwaltungsnetz per Mail. „Die könnten aber etwas groß sein…“ – ich winke ab. Geduld habe ich massig. Der Chef klickt auf „Senden” und im gleichen Augenblick erklingt das „Gesendet“-Signal. Chefs Leitung hat mal eben ca. 35MB im Bruchteil einer Sekunde hochgeladen (in Worten: hochgeladen!).

Ich gehe ins Lehrerzimmer und weine still. Da liegt offensichtlich eine 1GBit-Leitung und wir nutzen sie nicht. Wegen der Telekom… is‘ klar.

Geschichten erzählen.

Kreatives Schreiben. Drei Schlüsselwörter an der Tafel und jeder, auch die Inklusionskinder, sollen im Rahmen einer begrenzten Zeit eine Geschichte um diese Wörter entwickeln. Eifriges Schreiben im Klassenraum, einige wandern dabei auf dadaistischen Pfaden, kreieren Lautmalereien und assoziative Satzketten, andere reimen, manche berichten. Es entstehen kleine Krimis, Abenteuererzählungen, Liebesgeschichten.

Ich gehe immer wieder herum, schaue über Schultern, gebe Anstöße, wenn gewünscht. Manche entwickeln mehr ein Grundgerüst und müssen dieses noch einmal in Erzählform gießen, andere schreiben nahezu druckreif. Und dann ist da J. Ein Inklusionskind mit der Perspektive, kein Abitur zu machen. Und ich schaue auch ihr über die Schulter, grummele etwas von Ausdrucksweise in meinen Bart, finde ihre Dialoge nicht sooo toll, weil mir das zu umgangssprachlich erscheint und es mir zu viel nach Rapper-Slang klingt. Sie lässt sich nicht beirren.

Wir haben viel Zeit zum Vorlesen und jeder, der mag, kommt dran. Wir lachen über Jandlhaftes, genießen trockenen Hemingway, lassen uns von einer hollywood-inspirierten Horrorstory das Gruseln lehren. Wirklich schöne Geschichten. Und dann liest J.

Und wie sie liest! Mit einer großartigen Artikulation, nur leicht und keinesfalls übermäßig verstellter Stimme gibt sie ihren Figuren und dem Erzähler Farbe, führt Erstere mit ungezwungener Leichtigkeit in ihre Geschichte ein und fügt nebenbei plastische Beschreibungen der Umwelt ein. Der Rapper-Slang passt plötzlich wunderbar, und J. schafft es als einzige, eine komplette und stringente Geschichte mit einem kurzen Einstieg, einem Spannungsbogen und einem Ende auszuformulieren. Grammatisch holpert es manchmal, aber wen interessiert das schon, wenn jemand so wunderbar Geschichten erzählen kann?

Im Tiefschlaf alle Veränderungen verpennt

Dass Schule eine statische Institution sei, in der sich schon seit der Kaiserzeit nichts mehr getan habe, ist einer der dauerhaftesten und ermüdendsten Vorwürfe, denen man als Lehrer regelmäßig begegnet. Aber über die gammelige Schule zu meckern ist immer schön schnell erledigt und man bekommt Likes, Likes Likes!

Und da gerade dieser Tweet in meiner Timeline herumgeistert, dachte ich mir, ich erläutere mal, was sich aus meiner Perspektive geändert hat, seit ich die Schule verlassen habe, denn das sind mittlerweile ziemlich genau zwei dieser vergangenen Jahrzehnte.

Das Erste, was mir im Referendariat auffiel, war, dass die Schüler viel mehr präsentierten, wie selbstverständlich Referate hielten und sogar den Unterricht selbst gestalteten. Referate waren in meiner Schulzeit (an drei verschiedenen Gymnasien) nur Sonderaufgaben für unter Notendruck geratene Schüler oder Strafaufgabe gewesen. Die Schüler, denen ich begegnete, lernten hingegen systematisch, Inhalte aufzubereiten und zu präsentieren. Und nicht nur das: Die heute so selbstverständliche Facharbeit in der Oberstufe gab es in meiner Schulzeit überhaupt nicht. Eine längere schriftliche Arbeit, in der man wissenschaftliche Arbeitsmethoden anwenden lernen sollte, eigene Thesen formulieren und Literaturrecherche betreiben sollte – das gab es vor wenigen Jahrzehnten nicht. Mir gefiel diese Entwicklung, hatte ich doch in meinem ersten Semester an der Universität noch mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise zu kämpfen gehabt. Das Einüben des wissenschaftlichen Arbeitens konnte nur eine positive Neuerung sein.

Weniger gefiel mir die im Zuge der PISA-Studie aufkommende Entwicklung hin zur zentralisierten Testung der Schulen. Auch die hatte es vor zwanzig Jahren nicht gegeben, doch plötzlich waren PISA und IGLU tonangebend. Das Zentralabitur wurde eingeführt und VERA 8 sowie zentrale Abschlussprüfungen an anderen Schulformen eingeführt. Alles neu und letztlich einschneidende Veränderungen, von denen man annehmen muss, dass sie noch nicht am Ende sind – blickt man z. B. auf ein bundesweit vereinheitlichtes Abitur.

Nebenher zerfiel und zerfällt die altbekannte Schullandschaft. Die Eltern meldeten ihre Kinder nicht mehr an den Hauptschulen an, die mit ihrem zunehmend schlechten Ruf als „Resteschulen“ zu kämpfen hatten. Neue Modelle werden gesucht, die Realschule verliert mittlerweile als „Ersatzhauptschule“ ähnlich an Wertschätzung wie die Hauptschule zuvor, und der Trend zum zweigliedrigen, vielleicht sogar lokal eingliedrigen Schulsystem ist absehbar. Das sind eklatante Umbrüche im Schulsystem, die eigentlich jeder beobachten kann, der mit halbwegs offenen Augen der Tagespresse folgt.

Schule war in meiner Schulzeit eine Halbtagsangelegenheit, heute ist es das erklärte Ziel, möglichst viele Ganztagsschulen zu etablieren. Ein Ganztagsgymnasium war in den 90ern undenkbar, ich hingegen arbeite heute in einem. Wir haben den 45-Minuten-Rhythmus dankenswerterweise abgeschafft und nutzen ein 90-Minuten-Modell. Andere Schulen, auch das erfuhr ich staunend im Referendariat, haben sich auf ein 60-minütiges Modell geeinigt. Auch das sieht man nicht so schnell, wenn man es im eigenen Umfeld nicht erlebt, aber Schule ist nicht so statisch, wie man sich das gerne einredet.

Dank Ganztag haben wir eine Reihe weiterer Neuerungen, die vor zwei Jahrzehnten an meinen Schulen nicht zu denken gewesen wären: Direkt in meinem Schulgebäude haben mittlerweile zwei SchulsozialarbeiterInnen ihren Arbeitsplatz gefunden, und jede Klassenleitung hat alleine für Klassenbelange ausgewiesene Klassenleitungsstunden zur Verfügung. Meine Klassenlehrer haben das noch alles vom ihrem Fachunterricht abgeknapst. Auch neu sind sogenannte „Lernbarstunden“, die im Prinzip Freiarbeitsstunden sind, in denen die Schüler klassenweise an eigenen Arbeitsschwerpunkten arbeiten. Dabei ist es hilfreich, dass nicht alle Arbeitsphasen im Klassenraum stattfinden müssen, denn an meiner Schule (und auch an anderen, die ich besucht habe) gibt es mittlerweile zahlreiche Arbeitsflächen außerhalb des klassischen Klassenraumes. So kann man im Foyer, auf dem Flur oder auch in der Cafeteria, im Schulgarten oder auf der Außenterrasse arbeiten. Völlig undenkbar in meiner Schulzeit!

Wen das eigene Arbeiten nicht weiterbringt, der muss sich nicht mehr, wie in meiner Schulzeit, alleine auf die Nachhilfe verlassen. Schulinterne Fördersysteme sorgen dafür, dass auch Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Möglichkeit fachlicher Förderung bekommen: dafür gibt es bspw. von Fachlehrern betreute Lernbüros (kostenlos), fachspezifische Förderkurse (kostenlos) oder das Modell „Schüler fördern Schüler“ (günstig). Solche tollen Einrichtungen gab es an meinen Schulen nicht.

Jemand, der aus den 90ern kommend durch meine Schule laufen würde, würde schnell feststellen, dass sich in einigen Klassen bis zu fünf Erwachsene gleichzeitig aufhalten – und sich niemand daran stört. Die Inklusion ist bei uns angekommen und zieht sich durch fast alle Klassenstufen. Eine Klasse, aber zwei Klassenräume, viel Grundschulmaterial, Klassenteamtreffen oder das Unterfangen, zielgleiche und zieldifferente Kinder an einem Gymnasium gleichzeitig zu unterrichten, das würde, davon bin ich überzeugt, einen Zeitreisenden mehr als verblüffen.

Integrationsklassen lernte ich zwar schon Anfang der 2000er kennen, da waren sie allerdings Metier der Hauptschule. Mittlerweile machen wir auch das an meinem Gymnasium – und Kinder, die nahezu kein Wort Deutsch können, werden so gut wie möglich in unseren fachlich orientierten Unterricht und die soziale Gemeinschaft integriert. Auch das etwas, dass ich an meinen Schule so nie erlebt habe.

So. Das waren meine 2 Cent. Ich finde, es hat sich während der letzten Jahrzehnte verdammt viel verändert in der Schullandschaft, und es gäbe bestimmt noch weitaus mehr, das man hier aufzählen könnte. Das hier habe ich jetzt spontan heruntergeseiert, obwohl heute Samstag ist und ich an diesem Tag eigentlich keine unnötige Sekunde an „Schule“ verschwenden möchte. Man kann all diese Veränderungen ignorieren, hat dann aber wohl eher selbst die letzten Jahrzehnte im Tiefschlaf verbracht. Und – uh, oh, ich habe ja noch gar nichts über Technik geschrieben…

Nachtrag

Eine entscheidende Veränderung habe ich ganz vergessen, die aber nur für gebundene Ganztagsschulen gilt: Die Abschaffung der Hausaufgaben! Noch so eine „unerhörte“ Veränderung, die einen Zeitreisenden in pures Erstaunen (und vielleicht sogar Entsetzen) versetzt hätte.

Inklusion – ein positives Zwischenfazit

So richtig wohl war mir damals nicht: kaum fortgebildet, mit null Erfahrung ausgestattet, aber dafür im Blindflug mit vollem Schub voraus. Seit über einem Jahr unterrichte ich nun in einer inklusiven Klasse an einem Gymnasium und ziehe mittlerweile ein positives Fazit – unter Vorbehalt. Dass das Fazit positiv ausfällt, liegt daran, dass die Schulleitung dafür Sorge trägt, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Zwei Klassenräume

Wir schaffen es aktuell noch, jeder Inklusionsklasse zwei nebeneinander liegende Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Einer ist der klassische Klassenraum, der andere dient als Ausweichort, wenn Stoffe schlecht inklusiv unterrichtet werden können und wird in allen anderen Situationen als Möglichkeit zur Öffnung des Unterrichts und zur Entzerrung der gesamten Lerngruppe genutzt. So kann man z. B. trennen in einen stillen Raum für konzentrierte Einzelarbeit und einen Raum, in dem man sich mit dem Partner austauschen darf.

Der größere Raum ist eingerichtet wie ein typischer Klassenraum, wogegen der kleinere auf die Bedürfnisse der I-Kinder zugeschnitten ist. Dort befinden sich mehrere bunte Schubladenschränke mit Lernmaterialien, Aufbewahrungskisten für die Kinder, eine Couch und mittlerweile drei Computer.

Die Inklusionshelferinnen berichten, dass sie solche räumliche Strukturen so noch nicht gesehen hätten. In anderen Schulen hätten die I-Kinder sich in einer getrennten Phase oft schlicht in eine besondere Ecke des Klassenraums zurückziehen müssen.

Doppelbesetzung und Sonderpädagogin

Ich unterrichte gerne in der I-Klasse und freue mich auf jede Stunde. Oft sind die Stunden dort viel entspannter als in anderen Klassen. Trotzdem würde ich ohne die viele Unterstützung durch Integrationshelfer und Sonderpädagogin gewiss jede Stunde „schwimmen“. Die gute Arbeitsatmosphäre resultiert insbesondere aus dem Zusammenspiel mit der Sonderpädagogin, ohne die vieles im Argen liegen würde. Sowohl für die I-Kinder als auch für mich als Fachlehrer ist es von unschätzbarem Wert, dass sie in allen Hauptfächern und auch darüber hinaus in der Klasse ist und so deren Probleme und Sorgen gut kennt und die den Kindern bekannte Rolle der sich kümmernden, permanent ansprechbaren Grundschullehrerin übernehmen kann. Zudem hat sie Erfahrung damit, bei wem sie die Zügel besonders straff halten muss: Während ich noch grübele, ob ich nun einschreiten muss oder ob das juristisch gestattet ist, packt sich eine Sonderpädagogin den betreffenden Schüler auch mal unterm Arm und trägt ihn unter Umständen dahin, wo es für ihn und die Allgemeinheit am besten ist. In meiner Klasse war das aber bislang noch nicht nötig.

Sie kennt auch Spiele, von denen ich noch nie gehört habe, ist immer lustig mit den Kindern, gibt mir Tipps zu besseren Differenzierung und sorgt dafür, dass ich auch die „normalen“ Kinder mit anderen Blick sehe, denn letztlich kümmert sie sich nicht nur um „ihre“ I-Kinder, sondern um den ganzen, großen Haufen. Viele Probleme des Schulhofs können dann schnell am Rande der Stunde gelöst werden – es ist ja immer eine zweite Person da, die sich um die anderen kümmern kann.

Unterstützung durch I-Helfer

Zwei der Kinder werden von Integrationshelferinnen begleitet, da diese Kinder viele Dinge nur mit großer Mühe schaffen und eine besondere Betreuung brauchen. Unsere I-Helferinnen sind „gold“, denn sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, unterstützen sowohl uns als auch die Kinder durch ihrer Arbeit und haben die Kinder so gut im Blick, dass ich oft bei den I-Helferinnen nachfrage, ob mein Material nun vielleicht zu schwer, zu lang oder zu leicht ist. Die I-Helfer wissen, wann ein Kind eine Pause braucht (die Couch!) und wann es sich vor der Arbeit drückt, obwohl es eigentlich gut arbeiten könnte. Wenn ich gerade mit anderen Kindern beschäftigt bin, hilft die I-Helferin auch bei inhaltlichen Unklarheiten und ganz manchmal auch den anderen Kindern.

Kooperation

Mein Nebenfach unterrichte ich nicht gemeinsam mit der Sonderpädagogin, denn dafür reichen im gebundenen Ganztag die Stunden nicht. Damit wir dennoch nicht alleine stehen, versuchen wir, auch dann die Doppelbesetzung durchzuhalten, weshalb ich mit einer Kollegin gemeinsam unterrichte. Und plötzlich steht man in einer klassischen Team-Teaching-Situation, bereitet den Unterricht gemeinsam vor, gestaltet Arbeitsblätter, teilt Arbeit auf und profitiert von den Ideen des anderen. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass das im klassischen Setting so niemals stattgefunden hätte, weil jeder von uns alleine im Klassenraum vor sich hingewurschtelt hätte. Und spannend ist es sowieso, mal andere Kollegen über längere Zeit bei der Arbeit zu beobachten.

Auch im Kollegium insgesamt nehme ich wahr, dass die Kolleginnen und Kollegen der I-Klassen zusammenrücken und auch systemisch stärker kooperieren, Absprachen treffen, über den Etat beraten und sich bei Problemen offen austauschen.

Alle profitieren

Wenn man schon zu zweit im Klassenraum steht (und noch zwei sehr fähige I-Helfer dabei hat), dann gewinnt man plötzlich viel Zeit, um sich zu den Kindern zu setzen (es ist ja Platz!) und mit diesen individuelle Probleme zu aufzuarbeiten. Da kann man wirklich mal in Ruhe Texte lesen, Rückmeldungen geben und tatsächlich Arbeitsprozesse begleiten. Die Klasse profitiert vollständig, denn sowohl die I-Kinder als auch die anderen kommen in den Genuss eines angemessenen Personalschlüssels, besonderer Materialien (es ist erstaunlich, wieviele Kinder freiwillig Ohrschützer nutzen, um in absoluter Ruhe arbeiten zu können) und wenn die I-Kinder aus dem lebenspraktischen Unterricht Waffeln mitbringen, dann schmecken die allen.

Es ist dann oft ein kleiner Schock, wenn ich nach einer Doppelstunde in meiner I-Klasse wieder alleine in meine eigene Klasse komme, wo 30 Kinder wie im Hühnerstall zusammengepfercht auf ihren Stühlen den größten Teil der Stunde im viel zu engen Klassenraum verbringen müssen. Natürlich gibt es auch in meiner unmittelbaren Nähe die weniger angenehme Seite der Inklusion, trotz der vielen Vorteile, die ich oben aufgezählt habe, aber bei mir ist es aktuell sehr angenehm.

Wollte ich nur mal gesagt haben, nach den vielen kritischen Artikeln meinerseits.

Start ins neue Jahr. Hospitation. Eine Stunde History.

Ein neues Schuljahr steht vor der Tür, der Wahnsinn geht schon wieder los. Vermerke auf meiner Lehrer-verrichten-viele-Berufe-Liste den Möbelpacker als neue Errungenschaft.

Ansonsten erwarte ich ein spannendes Schuljahr. Die Landesregierung hat uns G9 versprochen (natürlich mit Ausnahmen), noch ist mir aber unklar, wie das umgesetzt werden soll und vor allem: Wer entscheidet darüber, welche Schule eine G9 (bzw. eine Ausnahme-G8-)Schule wird und welche Beteiligungsmöglichkeiten die Betroffenen haben, an denen das Ganze dann umgesetzt wird.

Ferner wird nun an unserer Schule Stück für Stück die sogenannte „kollegiale Hospitation“ eingeführt, ein Verfahren, welches der Qualitätssicherung an Schule dienen soll. Dabei hospitiert ein Kollege, den man sich selbst aussucht, den eigenen Unterricht und gibt am Ende zu einem ausgewählten Schwerpunkt (z. B. Umgang mit Unterrichtsstörungen) eine Rückmeldung. Dieses, an das Referendariat erinnernde Verfahren, wird durchaus kontrovers betrachtet und bereitet einigen sichtbar Bauchgrummeln. Bin mal gespannt, wie sich das entwickelt. In ein paar Jahren schmunzeln wir vermutlich über unsere Sorgen. (Mal abgesehen davon, dass die Inklusionslehrer sowieso permanent zu zweit im Klassenraum stehen…)

Und für die Historiker noch ein Tipp: Der Podcast „Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova bietet wirklich gut gemachte Podcasts zu diversen historischen Themen und wirkt auf jugendliche Hörer vermutlich tausendmal ansprechender als das altbekannte Zeitzeichen. Reinhören lohnt sich!

Termine von Abi-Streichen

Habe gerade beim Aufräumen ein altes Foto meines Abitur-Jahrgangs vor unserem Abi-Streich gefunden. Man sieht die komplette Jahrgangsstufe in weißen T-Shirts vor dem Arnsberger Brunnen in der Altstadt, bewaffnet mit Wasserpistolen und bereit, den allerletzten Schultag zu gestalten. Die Details habe ich nicht mehr im Kopf, aber es wurden bunte Plakate gestaltet und das Foyer der Schule wurde sehr eindrucksvoll zu einem ägyptischen Tempel umgestaltet, in dem auf einer Säule Süßigkeiten gespendet wurden. Es war ein schöner Tag für die ganze Stufe, besonders weil alle unseres kleinen Jahrgangs ihr Abitur bestanden hatten, wie der kleine Zeitungsartikel unter dem Foto verrät. Der Termin des Abi-Streichs lag nämlich nach der Bekanntgabe der Abiturergebnisse.

Hier in Bielefeld finden Abitur-Streiche allerdings schon vor den Osterferien statt, die Schüler feiern ihren letzten Schultag, wobei einige schon wissen dürften, dass sie ihre Zulassung nicht schaffen, und andere werden das Abitur nicht bestehen. Warum feiert man das Abitur schon vor den Prüfungsterminen? Ist das überall so? Hat das Gründe im Verhalten vorangegangener Abi-Jahrgänge, weil man sich Sanktionsmöglichkeiten / mehr Kontrolle offenhalten will?

Geheimtradition

Da denkt man immer, man müsse an einem traditionsreichen englischen Privat-Internat unterrichten, um an Geheimgänge, als Bibliotheksregale getarnte Geheimgänge oder ähnliches zu geraten, doch weit gefehlt! Denn letzte Woche fand ein Schüler folgende Geheimtradition:

zettel

Er musste natürlich sofort seinen Namen darauf schreiben und ihn wieder gut verstecken.

Habe gleich mal das Gerücht gestreut, dass das Schulgespenst davon besser nichts erfahren sollte…

Eine Papierblume

In den letzten Tagen viel Vertretungsunterricht in der Mittelstufe gehabt. Dabei ersten Kontakt zum ersten Schwung an Schülern aus der Integrationsklasse bekommen, die nun auf die bestehenden Klassen verteilt werden. Die Schüler können offensichtlich kein Deutsch, aber einer hatte Arbeitsmaterial und hat eigenständig damit gearbeitet. Die anderen beiden während der heutigen Vertretung hatten keine Idee, was sie tun sollten und ich als Vertretungslehrer auch nicht. Ich habe sie dann kurze Sätze auf Deutsch schreiben lassen, diese korrigiert und war beeindruckt, was die Jungs schon alles können. Sie sind ohne Familien hier, und der eine von den beiden hat sich deutlich gewünscht, wieder zurück in seine Heimat reisen zu können. Der andere konnte nur sehr rudimentär Deutsch (ihr kennt das gewiss, wenn der andere spiegelt, er habe verstanden, man aber irgendwie den Eindruck hat, dass das nicht stimmt), bastelte mir aber diese wundervolle Papierblume, nachdem er gesehen hatte, dass einer der Mittelstüfler einen Papierflieger gebaut hatte.

Papierblume

Auf YouTube habe er das gelernt, es sei aber kein Hobby. Dann bastelte er noch einen Hexenfinger zum Aufsetzen und einen Vogel, der – sehr zur Entzückung einer jungen Dame – seine Flügel bewegen konnte.

Frei.

Sitze gerade am Schreibtisch, die Sonne scheint, der Rasen ist frisch gemäht, lediglich einige nachmittägliche organisatorische Vorbereitungen stehen auf dem Plan.

Auch das gehört zum Lehrerleben, dass der Nachbar einen morgens um 9.00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein begrüßen kann, weil man den Rasenmäher über die grüne Wiese schiebt. Heute entfällt wegen Konferenzen der Nachmittagsunterricht und die neuen Fünftklässler werden am ersten Schultag nur von ihrem Klassenleitungsteam begrüßt. Ich bin darum an diesem Donnerstag „fein“ raus. (Fein in Anführungszeichen, weil mir die entfallenden Stunden angerechnet werden: Das bedeutet, ich muss sie ggf. in Form von Vertretungsstunden nacharbeiten, die mir dann auch nicht bezahlt werden. Die erste erwartet mich morgen.)

Die ersten Tage bestehen aus Orga. Listen abtippen (jaja, man könnte digitale Listen… CSV… seufz), Halbjahresplanung, Kolleginnen und Kollegen beim Einrichten ihrer neuen Mailadresse helfen. Besprechungen in den Fachschaften: Änderungen an den Stundentafeln, neue Konzepte zur Förderung (irgendwer hat die Mathematik kaputt gemacht), grobe Einordnungen in das lokale schulpolitische Ganze (die anderen Schulen werben jetzt damit, dass sie keinen Ganztag haben; wir damit, dass wir… seufz2), erste Beschwerden an den Lehrerrat, Tränen. Drei Tage fühlen sich an, als hätte man schon die Fülle eines ganzen Halbjahres erlebt.

Der angenehme Teil ist immer der Unterricht. Neue Kurse kennenlernen, unbekannte und bekannte Schüler begrüßen, Namenslisten abgleichen, Bücher austeilen, Themen vorstellen, Bewertungsmaßstäbe erläutern, Kennenlernspiele spielen, Reaktionen beobachten. Vorfreude („Wir machen Lyrik!“), Genöle („Och nöö, Kurzgeschichten!“). Erstaunlich, denn eigentlich fallen die Reaktionen genau umgekehrt aus. Der Unterricht hat mich insgesamt von den ca. 21h Arbeitszeit in dieser Woche bis heute nur 180 Minuten gekostet. Morgen kommt noch einmal etwas drauf, aber es überwiegt die Orga. Logo.

Arbeitszeit messen, das möchte ich in diesem Halbjahr möglichst regelmäßig. Ich bin daran schon oft gescheitert, weil es mir nach ein paar Tagen dann doch zu umständlich wurde. Aber ich möchte doch gerne einmal wissen, wieviel Zeit ich wirklich für Schule aufwende; Lehrer meckern ja zu Stoßzeiten gerne und viel und dabei gibt es ja auch immer wieder so Tage wie heute: Wo man dank günstiger Umstände nicht in die Schule fahren muss und bloggen kann.