Das eigene Tempo

Der Unterricht der Zukunft“ lautet der Titel eines aktuellen FAZ-Artikels, in welchem die Autorin die potentiellen Segnungen des digitalen Unterrichts beschreibt. Im Kern wiederholt sie die alte Leier vom Lehrer, der als „Kurator“ seinen Schülerinnen beisteht. In Deutschland lerne man ja noch „im Akkord“ und „gleichgeschaltet“. Ich spare mir jetzt böse Anmerkungen zu den in Anführungszeichen markierten Begriffen und bleibe beim Thema „eigenes Tempo“.

Habe gerade eine Reihe hinter mir, in der ich als „Kurator“ für Wortarten tätig war und die Schülerinnen überwiegend im eigenen Tempo habe lernen und üben lassen. Mit Checklisten, Selbstüberprüfung und abgestuften Aufgabentypen und eigenem Tempo, aber auch mit instruktiven Phasen. Zugute kommt diese Arbeitsweise jedoch eher den Schülerinnen, die sowieso schon in der Lage sind, eigenständig zu arbeiten, schulischen Ehrgeiz zeigen, darüber hinaus den Mut haben, Fragen zu stellen und die zügig arbeiten können. Allen anderen fällt das „eigene Tempo“ eher auf die Füße als dass es hilft, solange wir alle bis zu einem Zeitpunkt X alle Klassenarbeiten geschrieben haben müssen. Denn bei der Zeugniskonferenz akzeptiert niemand, wenn ich sage, dass leider die Noten von zehn Schülerinnen noch fehlen, weil sie noch in Ruhe die Zeitformen des Verbs erarbeiten wollen oder weil eine Schülerin extrem getrödelt hat. Mit Deadlines zur Leistungsüberprüfung bleibt „Lernen im eigenen Tempo“ eine Farce.

Oder wie löst ihr das?

Straßburg – Abfahrt 

Meine erste Studienfahrt nach Straßburg beginnt um 8.00 Uhr bei angenehm kühlem Wetter und leicht diesigem Himmel. Ein tolles Programm hat uns die Karl-Arnold-Stiftung vorbereitet, ich freue mich besonders auf das Hambacher Schloss, welches wir heute besuchen werden und das ich nur von den berühmten Bildern zum Hambacher Fest kenne. Diesen geschichtsträchtigen Ort auf dem Weg nach Frankreich einmal besuchen zu können, passt besonders gut zu den mitfahrenden Schülen, die das Glück haben, die Ereignisse um 1832 schon vor der Thematisierung im Geschichtsunterricht kennenzulernen, und ich hoffe, dass viele das nutzen werden. 

Europaparlament und Europa-Rat stehen weiterhin auf dem Programm sowie der Besuch des Forts de Mutzig, das anscheinend ein gut erhaltenes Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Geschichte ab 1871 abgibt. Geschichte, wohin man blickt, dass ich da nicht schon früher mitgefahren bin! (Überdies soll Straßburg eine sehr schön Stadt sein, ich bin mal schwer gespannt.)

Laufschuhe habe ich mir eingepackt. Wann habe ich sonst noch einmal Gelegenheit, durch Straßburg zu laufen? 😉 

Flurtische

Meine Schule ist ein Drecksloch. Ich hasse sie und den Architekten, der sie verbrochen hat. Abreißen müsste man ihn, den demotivierenden 60er-Jahre-Klotz, niedermachen, Staub zu Staub, und jeder möge den ersten Stein werfen. Ein aus den allerhässlichsten Farbresten zusammengemischter Kunststoffboden bahnt den Weg durch den sich Bildungsinstitution schimpfenden Betonkasten. Lange Flure, Türen links und Türen rechts durchbrechen die unverputzten, nackten Steinwände, die schmucklos Lebensraum verschandeln. Man möchte sich auf den ekelhaften Boden werfen, ihn einstampfen oder mit den Fäusten an die Wände trommeln, doch das Ungetüm bleibt und nichts wird ihm etwas anhaben.

Und doch und trotz aller Tristesse kann man etwas machen, um die Knast-Architektur aufzubrechen. Um ein wenig Leben hineinzubekommen. Um Unterricht etwas von der Architektur zu lösen. In unserem Fall hat die Schulleitung ganz einfach kleine Tische mit fest angebrachten Stühlen (ähnlich wie diese hier) auf die Flure gestellt. Geschätzt 7-8 Stück stehen davon auf dem langen Flur vor meiner Klasse. Und die nutze ich!

Flurtische im Unterricht

Wenn ich also mit einem wundervollen Grammatikthema in meine Klasse komme, dann arbeite ich in der Regel nach dem Prinzip der Lerntheke, die sich auf Buch, Arbeitsheft und kopierte Drittmaterialien stützt. Jeder SuS bekommt Gelegenheit, sich selbst einzuschätzen und kann dann an seinem Arbeitsschwerpunkt arbeiten. Da ich weiß, dass meine Klasse durchaus quirlig ist und einige SuS sich gerne untereinander ablenken, dürfen also einige SuS auf den Flur und dort ihre Aufgaben bearbeiten. Je nach Auslastung (und mit der Zeit entdecken immer mehr Kolleginnen den Flur) kann ich also fast die Hälfte meiner Klasse auf dem Flur arbeiten lassen. Dabei habe ich, Knastarchitektur sei Dank, schnell alle im Blick und ich kann den freigewordenen Raum in der Klasse dazu nutzen, kleine, instruktive Angebote zu machen á la „Wer noch einmal erklärt haben möchte, was Inhaltssätze sind, der treffe sich mit mir am Pult“. Das nutzen jedesmal einige SuS, und auch die Guten fragen dann gerne noch einmal nach.

Licht und Schatten

Angenehm an dieser Arbeitsform ist, dass es im Klassenraum sehr viel leiser wird und dass auch die SuS auf dem Flur in Ruhe arbeiten können. Und nein, da rennt nicht andauernd einer über den Flur und klopft an Türen. Ehrlich gesagt, klopfen wohl eher weniger SuS an Türen, weil die anderen ja zugucken. Problematisch ist eher, dass die SuS die Nase voll haben von den hässlichen Wänden und beim Sitzen an den Tischen auf die Idee kommen, die Wände zu „gestalten“. Das möchte man nicht immer sehen. Auch klar: Die Flurtische sind kein Ersatz für die Architektur einer Bielefelder Laborschule, aber immer noch besser als gar keine Idee. Ich meckere ja gerne über alles mögliche, aber diese Flurtische sind wirklich eine tolle Bereicherung für den Unterricht.

Von der Mühe des Eichhörnchens

Ein Desaster. Von wegen „kollaborativ“ arbeiten. Gelöschte Ergebnisse, stattdessen ist dummes Zeug dazwischen geschrieben. Um mich herum verzweifelte Schülergesichter und der oder die Täter nicht mehr aufzuspüren, obwohl er oder sie mit Unschuldsmiene nur zwei Meter von mir entfernt sitzen muss. Das war mein erster und letzter Versuch, die SuS Arbeitsergebnisse per Google Docs präsentieren zu lassen. Blamabel. Nicht mit einer Silbe bloggenswürdig. Und alleine die Zeit, die dafür aufgewendet worden war. Ich schweige lieber.

Ein Jahr später. Heute. Ein Teil der besagten Gruppe sitzt in meinem Diff-Kurs und versucht, den Weg zur amerikanischen Unabhängigkeit in einer Sonderausgabe einer fiktiven Zeitung darzustellen. Einige setzen auf rein handschriftliche Ergebnisse, andere brauchen noch Zeit im „Luiz“ (Lern- und – Informationszentrum), um ihre Texte dort am Computer zu schreiben. Und während ich im Laufe der Stunde zwischen zwei Räumen pendelnd an schon in der Vorstufe wunderschönen Plakaten vorbeikomme, sehe ich: Meine Schüler aus dem letzten Jahr, die gemeinsam an einem Dokument arbeiten – per Google Docs! „Damit haben wir schon gestern zu Hause angefangen, geht doch so viel einfacher.“

Stärke erkennen

Durcheinander im Klassenraum einer Mittelstufenklasse. Berufsvorbereitung. Zum Glück nur eine kleine Gruppe, knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler bewegen sich kreuz und quer durch den Raum, um sich gegenseitig ihre Stärken zu dokumentieren. Die Mädchen stellen den Großteil der Gruppe, kaum eine lässt die Zettel der anderen unbeachtet, überall wird ernsthaft und fleißig notiert. Bei den Jungs sieht das etwas anders aus, einige attestieren sich große Fähigkeiten bei Burger King und Co. – aber da greife ich nicht ein, das ginge am Ziel vorbei. Ich halte mich zurück, denn was die Schüler sich gegenseitig notieren, geht mich genau genommen gar nichts an. Sie sollen möglichst auch Stärken zurückgemeldet bekommen, die mit dem normalen Schulalltag nichts zu tun haben, und dass ein wenig peer-group-bezogenes Schulterklopfen dabei ist: geschenkt.

Und während so fleißig geschrieben wird, beobachte ich, dass auf einem Zettel fast noch gar nichts steht. Im Vergleich mit den anderen stehen dort nur wenige Punkte, und ich bin mir sicher, dass die Schülerin mehr als enttäuscht sein wird, wenn sie zu ihrem Platz zurückkehrt. Dabei ist die Arbeitsphase bald vorbei. Eine Schülerin kommt, betrachtet den Zettel, geht weiter. Eine weitere spaziert mit gezücktem Stift am Tisch vorbei, verdreht lesend den Kopf, geht weiter. Ein Schüler. Nichts.

Ich kündige die letzte Minute an und die kleine Menschenmenge räumt sich. Einige sitzen schon auf ihren Plätzen, andere schreiben noch schnell zu Ende. Und dann kommt F., eine ganz ruhige, erfasst mit einem schnellen Blick das Problem und notiert in Sekundenschnelle drei weitere Stärken auf dem zu leeren Blatt Papier.

Allein in dieser einen Handlung steckten so viele Stärken, dass es mich schier umgehauen hat.

Ein neues Schuljahr

Drei Tage Unterricht in NRW – und schon wundere ich mich wieder, wie all das geschafft werden soll und woher so mancher seine Zeit für all die Camps (OERCamp Köln, EduCamp Hattingen) hernimmt, wenn er nebenbei noch korrigieren, unterrichten, Nebenprojekte betreuen, sich offiziell fortbilden und zwischendurch noch seine Familie (Freunde?) sehen will. Ich bin immer schwer beeindruckt von dem Einsatz, den manche an den Tag legen. Ich schaffe das nicht, der normale Alltag hat mich jetzt schon wieder voll im Griff.

Sechs Korrekturgruppen erwarten mich im neuen Schuljahr, das ist mein persönlicher Rekord, gleichwohl ich einzelne Kollegen kenne, die schon sieben Korrekturen hatten. Natürlich kommt es auch noch darauf an, wieviel die jeweiligen Gruppen durchschnittlich schreiben, wie groß die Gruppen sind und wieviele schriftliche Arbeiten pro Halbjahr geschrieben werden, dann relativiert sich die Zahl der Korrekturen rasch. Mein Differenzierungs-Kurs schreibt zum Beispiel nur eine Klassenarbeit pro Halbjahr und besteht nur aus 18 Personen, das ist natürlich nicht vergleichbar mit einem Deutsch-LK, der nicht selten auch mal 30 Personen fasst. Klappt schon.

Dieses Jahr liegt mein unterrichtlicher Schwerpunkt deutlich in Geschichte. Ein Diff-Kurs, eine AG, zwei EF- und ein Q1-Kurs sollen versorgt werden. Die Änderung der Lehrpläne für die Einführungsphase (früher Klasse 11) verlangt nun einen diachronen Durchgang durch die Geschichte, was mich persönlich sehr freut. Als erstes Thema steht „Erfahrung mit Fremdsein“ auf dem Plan und wir schauen dann von der Antike bis in die jünste Geschichte, wie sich die Auseinandersetzung mit Fremden und eigener Fremdheit ausgewirkt und entwickelt hat. Themenfelder Römer / Germanen; Asien / Europa; Arbeitsmigration im Ruhrgebiet. Endlich einmal nicht chronologisch arbeiten zu müssen, das finde ich klasse!

Auch sonst stellen sich neue Herausforderungen, aber dazu vielleicht später einmal. Das Jahr startet jedenfalls gut, die Gruppen machen einen rundum motivierten Eindruck und ich bin gespannt, wohin das neue Schuljahr führen wird.

Jungenprobleme

Und da dreht er sich schnell weg, fast zur Wand. Nur weit weg vom werbenden Lehrer, der Talente für einen Schreibwettbewerb zusammensucht. Nee, man habe keine Lust, sagte er, seinen Klassenkameraden fast schon mit Genugtuung angrienend. Dabei will er nur nicht noch mehr Streber sein, zu viele gute Noten haben schon ihr schädliches Werk verrichtet. Seinen Ruf will er sich nicht noch mehr versauen. Er könnt’s allerdings genauso gut wie die junge Dame neben ihm, die mir dann voller Vorfreude folgt.

Schwierigkeit

Und dann war da noch der Kollege, der seinen Schülern im GK empfahl, lieber Mathe statt Geschichte zu wählen. Geschichte sei viel schwerer.

Korrekturerlebnis

Manchmal möchte man beim Korrigieren von Klassenarbeiten den Kopf platt auf den Tisch hauen. Da zählt ein SuS wesentliche Merkmale einer bestimmten Textsorte auf, und begründet dann explizit, dass der vorliegende Text trotz des Vorliegens aller Merkmale eine andere Textsorte sei. Naarg…

Mit schlechten Schülerergebnissen arbeiten

Du hast eine Aufgabe mit nach Hause genommen und willst an den Schülerergebnissen typische Fehler thematisieren ohne dabei jemanden bloßzustellen?

Nimm dir die beste Arbeit, baue dort verschiedene Fehler der schlechteren Arbeiten ein und weise nach der Besprechung darauf hin, dass die eigentliche Vorlage sogar die beste war. Einer wird mächtig stolz auf sich sein, während der Rest auch gesehen hat, wie wenige Fehler eine gute Arbeit in eine schlechte verändern können. Und niemand fühlt sich vorgeführt.