Lesestoff.

Während ich und mein Kollegium heute auf einem pädagogischen Tag darüber brüten, wie wir unsere Ganztagsschule für das G9 aufstellen wollen, poste ich hier mal Links zu zwei bedenkenswerten Texten.

Der erste Text, „Schulinterne Lehrpläne: Pädagogische Chance, triste Realität“ beschäftigt sich mit dem Thema der überstürzten Erstellung neuer Lehrpläne bzw. der verschenkten Chance, die damit einhergeht. Es stehe zu befürchten, dass „es wohl in vielen Fällen bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bleiben [wird], bei der für die pädagogische Praxis folgenlose Papiere entstehen, die in Aktenschränken verstauben.“ Sehr lang, mit Lösungsvorschlägen am Ende.

Der zweite Text, „Wer bin ich denn?“, geschrieben von einer anonymen Schülerin aus NRW, wirkt ein wenig wie ein Wiedergänger des bekannten Tweets von Naina, der 2015 Schlagzeilen machte. Die Schülerin beschwert sich über „Bulimielernen“, stellt Schule als Lernort generell in Frage und lässt nebenbei eine ganze Menge Frust ab. Mir ist das ein bisschen zu viel Rundumschlag (Hausaufgaben, Inhalten, monotone Lehrer, Pädagogik, Ausstattung). Ihre wichtigste Frage stellt sie zum Schluss:

Ich gebe niemandem die Schuld! Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns selber als Gesellschaft keinen Gefallen damit tun, wenn Kinder durch ein Schulsystem geschleift werden, das nicht den Menschen in den Vordergrund stellt, sondern ein System aus längst vergangenen Zeiten! Wer soll denn all die aktuellen und künftigen Probleme lösen? Und vor allem — mit welchen Mitteln?

Und das wünsche ich mir für den heutigen pädagogischen Tag: Dass wir nicht für die Papiertonne arbeiten und dass wir immer die Belange der Schüler*innen im Blick haben werden – und nicht Hahnenkämpfe um die eigenen Pfründe und Steckenpferde führen (… allein mir fehlt der Glaube).

Entmündigung.

Fridays For Future sind an mir fast völlig vorbeigezogen. Von meinen direkten SchülerInnen war niemand bei der Demo, alle Klassen waren vollzählig. Auf dem Elternabend am Dienstag davor fragte niemand nach FFF. Man hörte von Schulen, an denen man Wandertage zur Demo organisieren durfte, anderswo hörte man von Kursen, die gemeinsam zu den Demos gehen wollten. Ich feiere in solchen Momenten ja Schüler, die sich den Anweisungen der Lehrer verweigern und stattdessen gegen den erzwungenen Demogang protestieren. Durch seine Anwesenheit zu einer politischen Aussage gezwungen zu werden, ist nichts als schlichte Entmündigung. Und genau das sollte Schule niemals leisten.

Schön.

Da reflektiert deine 6. Klasse in einer 8./9. Stunde den Begriff „Geschichte“, dass es eine wahre Wonne war. Mann, war das schön!

Nicht.

Wir strukturieren gerade wegen G9 ordentlich um. Erste Zusatzaufgabe in diesem Kontext abgelehnt, denn mittlerweile habe ich schon gelernt, dass Dinge wie „nur“ eine Gruppe am pädagogischen Tag zu leiten oder „nur“ eine Fortbildung zu machen leicht die Folge haben, dass man die nächsten zehn Jahre als Hauptverantwortlicher betrachtet wird. Und während ich das schreibe, fällt mir ein, dass ich mir immer noch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin nicht der Datenschutzbeauftragte“ drucken lassen muss. 

Mappenfarben.

Zuletzt ereiferte sich jemand über unterschiedliche Mappenfarben auf Twitter. Große Empörung, und natürlich machen Lehrer das nur, um Kinder und Eltern zu triezen und ihnen unnötig Aufwand und Kosten zu bescheren. Farbgewordener Gleichmarsch! Obrigkeitsschule! Wo bleibt die individuelle Freiheit? 

Ich nutze in meinem Fach Deutsch unterschiedliche Mappenfarben, um die Heftstapel unterschiedlicher Klassen auseinanderhalten zu können, und den Kindern hilft es, schnell ihr Material zu finden. In meinem Nebenfach ist mir die Mappenfarbe völlig egal. Dass die Wahl einer bestimmten Mappenfarbe alles andere als trivial ist, finde man bei jawl. Ganz nebenbei arbeitet der auch noch Lineaturen, Taschenrechner und einiges anderes ab.

Klassenfahrt.

Kurzer ungerichteter Spontanrückblick auf die Klassenfahrt nach Norddeich: Das Wetter war perfekt, alle Außenaktionen konnten bei strahlendem Sonnenschein durchgeführt werden, der einzige Regentag war mit dem Besuch der überdachten Seehundstation verplant. 

Nie wieder Disco. Ich habe mich nach zehn Jahren dann doch dazu breitschlagen lassen, eine dieser ominösen Kinderdiscos mitzumachen. Wir waren mit zwei Klassen parallel auf Fahrt und die anderen wollten ja auch, da ist es blöd, wenn eine Klasse keine Disco macht. Zudem war es ein Angebot der Jugendherberge. Das Ende vom Lied war, dass elfjährige Jungs und Mädchen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Disco haben und die Empfänglichen unter den Ersteren die Gelegenheit dafür nutzten, um mit der gleichfalls anwesenden Grundschulklasse Ärger anzufangen. Gewinnbringend für… niemanden.

In Phasen mit weniger Schülerbegleitung (nur die, die sich nicht an die Dreierregel halten oder die, die inklusiv betreut werden) war die Kombination aus tollem Sonnenschein und weißem Nordseesand zeitweise sehr entspannend. Auf Norderney am Strand zu liegen hat definitiv etwas. 

Gleich am ersten Tag fanden einige Schülerinnen ein iPhone, das einem jungen Mann aus Hessen gehörte. Ich habe es bei der Tourist Information abgegeben und hoffe nun, dass es seinen Besitzer wieder erreicht. 

Nun schon zum zweiten Mal bei einer Fahrt meine Haarbürste vergessen. Die Kombination aus Langhaarfrisur und deftigem Küstenwind waren bei dieser Malaise nicht hilfreich. Die nette Kollegin half aus und zerpflückte dabei ihrerseits ihre Bürste. Muss mich noch revanchieren.

Erkenntnis: Jugendherbergen sollten auf sich achten, auch wenn sie eine Top-Lage haben. War schon dreimal da und diesmal etwas enttäuscht. Es reicht nicht, direkt am Deich zu liegen.

Vorstellung.

Erste Schulstunde mit den neuen Fünftklässlern. Ein hochmotivierter Deutschlehrer: „Guten Morgen zusammen. Ich heiße Hokey und bin euer neuer Deutschlehrer. Seit 2009 unterrichte ich hier Deutsch und Geschichte…“

Ein erstauntes Raunen geht durch die Menge: „2009!? Da wurde ich geboren!“

Ich komme mir nun durchaus etwas alt vor…

(Später schätzte mich zum Ausgleich jemand auf 24. Hach, wenn doch alle Menschen durch die unverstellten Augen von Fünftklässlern sehen könnten.)

Ent-spannung

Die Anspannung steigt. Das neue Schuljahr läuft so langsam an. Der Unterricht kommt immer mehr in Gang, das Organisatorische drumherum läuft schon längst, schon weit vor den Ferien, auf Hochtouren. Die Fahrtenwoche steht bevor. Bislang läuft im Betrieb trotz eines überraschenden Schulleiterwechsels alles rund, vielleicht sogar ein bisschen runder. Zumindest läuft es anders und alleine das tut gut.

In diesem Jahr stehen einige entscheidende Weichenstellungen für die Zukunft der Schule an, und es bleibt spannend, wie sich alles entwickeln wird. Wenn es so weiterläuft, kann man trotz der emotional Anspannung dabei entspannt bleiben.

Rückblick

Ich mache das ja sonst nicht, aber das vergangene Schuljahr verdient wohl einmal eine Nachbetrachtung. Es gab viel zu tun und es wird vermutlich das Schuljahr mit den meisten langen Tagen und Extraaufgaben gewesen sein.

Zu Beginn des letzten Schuljahres erneut für den Lehrerrat kandidiert. Während der Wahl die Schulleiter bitten, die Wahl zu verlassen. Nicht vergnügungssteuerpflichtig. Dann ging es aufgrund fragwürdiger Verhaltensweisen Einzelner drunter und drüber mit Langzeitwirkung. Danach ein Changieren zwischen Kommunikationsproblemen und produktiver Kooperation. Zwischendurch alles wieder in ruhigen Bahnen. Drei Monate vor Schuljahresende die plötzliche Bekanntgabe der Schulleitung, dass sie im aktuellen Jahr nicht weitermachen wird. Rede zur Verabschiedung der Schulleitung halten. Dazwischen die Teilnahme an verschiedene Arbeitsgruppen zu Raumkonzept, Fahrtenkonzept, Schulklima und das Lehrerrats-Übliche. Beschwerdebrief an den Schulträger formuliert wegen unhaltbarer Zustände die Gebäudesituation betreffend. Zwischendurch Schulkonferenzsitzungen bis nach 23.00 Uhr.

Überraschend eine Klassenleitung in einer Inklusionsklasse übernommen. Hatte nach meiner letzten Klasse um eine kleine Pause gebeten, aber es ist ja nie so, dass Schulen genug Personal hätten… Also wieder ran an den Speck. Von jetzt auf gleich wieder Elternabende, vollgepackte Beratungstage, viele und lange Elterngespräche, Treffen mit Inklusionshelfern, Sonderpädagogen und natürlich Verwaltung, Verwaltung, Verwaltung. Nebenbei zwei Abiturkurse, viel Vorbereitung, viele Prüfungen und Co-Korrekturen.

Das Medienkonzept kam in Trippelschritten voran, aber immerhin geht es nun voran. Vorbereitung der informatischen Bildung in Klasse 6.

Bouldern und Laufen waren irgendwann nicht mehr drin. Ferien dringend nötig. Vorsatz für dieses Schuljahr: Regelmäßig zu laufen, auch im Winter – und zu bouldern, wenn möglich einmal pro Woche. So wie letztes Jahr soll es in diesem nicht mehr werden.