Durchdacht

Ich dachte schon, gestern wäre der Hammer gewesen, aber Corona macht’s möglich: Ein Brüller jagt den nächsten. „Unterricht im Freien oder die weitere Reduzierung der Lerngruppengrößen sind zu durchdenken“ – wird der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag von Spiegel Online zitiert. „Durchdenken“ soll danach klingen, dass man in der Bundestagsfraktion der Union richtig schwer über die Zukunft der Schulen in der Pandemie nachdenkt, bedeutet aber in Wirklichkeit nichts anderes als: Wir wollen uns nicht ernsthaft Gedanken machen und erst recht nicht investieren.

Unterricht im Freien! Endlich! Ich sehe es förmlich vor mir: Ein Schulhof voller Pubertiere, kohortenweise brav auf 1,5m Abstand sitzend, während Lehrer mit Megaphonen versuchen, den Straßenlärm und sich gegenseitig zu übertönen. Der Schulträger liefert dazu lastwagenweise Straßenmalkreide vom Discounter, damit der gute alte analoge Frontalunterricht auch nicht zu sehr verkommt. Nun gut, das zarte Pflänzchen WLAN, das seine jungen Blüten gerade erst durch viele Teile des Gebäudes wachsen lässt, wäre dann vollständig unnütz, aber das gute alte Edge, stabiler Standard in fast ganz Deutschland, wird uns schon aus der Misere pauken! Okay, die vom Schulträger gelieferten iPads funktionieren nur mit WLAN, aber da muss man eben mal Verzicht üben. Und da es bekanntlich kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung gibt, müssten die Schülerinnen und Schüler vorausschauend alle typisch deutschen Eventualitäten von Kältetod bis grausame Hitze vor dem Schulbesuch „durchdenken“, um mal im Politikersprech zu bleiben. Macht ja nichts, wenn die Kinder bei 40 Grad Hitze oder bei sommerlichen Regenschauern wahlweise draußen braten und / oder frieren, da muss man eben mal agil sein. Vielleicht spendet die lokale CDU gnädigerweise ein paar Einwegregenschirme und Plastiksonnenbrillen? Besonders freue ich mich auf die Windböen, die hin und wieder stoßweise alle Arbeitsblätter und Zettel quer durch die Landschaft verteilen, das wird alle fröhlich stimmen, wenn die Blätter so überraschend lustig über den Schulhof tanzen. Ob die Schülerinnen dann auf dem blanken Boden, Sitzdecken oder auf richtigen Stühlen an richtigen Tischen sitzen sollten, das überlassen wir der Phantasie unserer Abgeordneten. Vielleicht sind ja auch die verrammelten Eiscafes bereit, ihre Außengarnituren zu vermieten, denn das schwere Schulmobiliar jeden Tag rein- und rauszuschleppen… obwohl… das könnte man doch als Sportunterricht „durchdenken“, oder?

Und die Reduzierung der Lerngruppen! Das klingt richtig schön homöopathisch. Einfach verdünnen, dreimal schütteln und zehnmal draufklopfen, zack, fertig ist die coronasichere Lerngruppe. Wie es einer Lehrkraft dann noch gelingen soll, mit einer Klasse Unterricht so zu gestalten, dass alle auf einem gemeinsamen Stand sind und dass die Schülerinnen soziale Kontakte mit ihren Freundinnen und auch mit denen, die man nicht so gern hat, haben, das „durchdenke“ auch mal jemand. Wenn da nur 6-7 Kinder sitzen (womöglich draußen?) und ich für eine Deutschstunde dann vier Stunden brauche, dann möge auch bitte endlich jemand die Fülle des Stoffes und die Sinnhaftigkeit von Zeugnissen in Coronazeiten „durchdenken“.

Ich fänd’s gut, wenn der Bundestag das erst mal erproben würde: Bis zur Bundestagswahl mal alle Sitzungen draußen vorm Reichstag abhalten und ab und an debattierend durch Berliner Parks flanieren. Eine Reduzierung der Abgeordnetenanzahl ist ja schon längst überfällig. Müsste man mal „durchdenken“.

Ein Gedanke zu „Durchdacht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.