Fordert die Kommentatoren!

In diesem FAZ-Kommentar („Fordert die Lehrer!“) steht, bei aller berechtigter Kritik, doch so viel krudes Zeug, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Angefangen dabei, dass an Privatschulen vermeintlich keine verbeamteten Lehrer arbeiten bis hin zur etwas naiven Vorstellung zur Korrektur von Aufgaben oder der „Arbeitszeit“ von Schülerinnen. Irgendwann geht es dann im Kommentar auch noch um Aufgaben der Kultusministerien und Schulträger (da können wir Lehrerinnen wirklich nicht mehr viel ausrichten, auch wenn wir gut als Clickbait dienen). Auch zu den Hochschulen wird noch ein Schlenker gewagt.

Ein wilder Schlag in die Sahne, ohne jede Stoßrichtung.

Presseclub

Ihr habt ja bestimmt schon alle den heutigen Presseclub zum Thema „Rückkehr auf die Schulbank – Verantwortungslos oder überfällig?“ gesehen. Muss mal eine Lanze für @ciffi brechen, der natürlich die digitale Fraktion unter uns Lehrern sehr gut kennt. Aber auch Heike Schmoll, bei deren Artikeln ich oft in meinen Bart brummele, hat mir in der Diskussion sehr gefallen. Am sonderbarsten fand ich den Vorschlag von Philip Banse, doch einfach jeden Tag alle Schüler anzurufen. Die Kolleginnen mit zweistündigen Fächern und neun bis zwölf Lerngruppen á 24-30 Schülerinnen werden sich bedanken. Was wohl die Eltern sagen, wenn bei drei Kindern jeden Tag alle Lehrer durchklingeln… naja – elegant ist anders.

Fürs Protokoll: Bin heute, während ich kurz dem Hashtag #presseclub auf Twitter folgte, zum ersten Mal dem Begriff „postdigital“ begegnet. Muss jetzt erstmal herausfinden, was das bedeutet und ob es nur für die nächste Generation Ratgeberliteraturautoren sinnvoll ist.

Wanzen.

Bin nun schon seit einigen Jahren Mitglied des Lehrerrates und habe durchaus erlebt, dass man uns Lehrerräten seitens der Schulleitung in unserer Funktion ein gewisses Misstrauen entgegen bringt. Dabei sind wir ganz nett, fast handzahm und beißen gar nicht, gleichwohl unsere Funktion bedingt, dass wir Vieles anders betrachten als Schulleitungen. Dass Lehrerräte und Schulleitungen darum manche Sachverhalte unterschiedlich bewerten – geschenkt. Dass Lehrerräte und Schulleitungen nicht immer im Konsens auseinandergehen – geschenkt. Dass beide Perspektiven verlangen, dass man mal die ein oder andere Kröte schlucken muss – geschenkt.

Dass eine Schulleitung jedoch die Räumlichkeiten des Lehrerrates gleich verwanzt, das ist dann doch ein wenig zu viel des Guten. Mann, Mann, Mann, was für ein Control-Freak muss man sein…?

Meckern und Mosern. Referendarsgejammer.

Man mag es manchmal wirklich nicht glauben. Da kommt eine Bundesministerin auf die Idee, ihren Länderkollegen unter Rückgriff auf eine nicht unbeträchtliche Finanzspritze ein wenig auf die Sprünge zu helfen – und was tut der Präsident des Lehrerverbandes, der allzu oft fälschlicherweise als Stellvertreter der meisten Lehrerinnen und Lehrer angesehen wird? Anstatt sich zu freuen, dass endlich jemand einmal Geld in die Hand nehmen und Schulen modernisieren will, meckert und mosert er!

Und natürlich könnte man das Geld auch in die Sanierung von Gebäuden stecken. Man könnte es aber auch in neue Schulpyschologen investieren. Mehr Stellen für Sonderpädagogen damit schaffen. Das Essen in Schulmensen gesünder machen. Schulwege besser absichern. Schulhöfe neu gestalten. Jeder Schule einen Schulgarten bescheren. Man könnte die Schule aber tatsächlich mal aus den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts abholen, wo sie – zu Kraus‘ Blütezeit – leider stehengeblieben ist. Gegenwind bekommt Kraus allerdings von allen Seiten.

Josef Kraus steht stellvertretend für den Philologenverband, den Verband der Realschullehrer und die Bundesverbände der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V. und der Berufsschulen e. V.

Was für ein Glück, dass ich keinem dieser Verbände jemals beitreten werde! Und wenn doch, dann wäre jetzt der Moment auszutreten.

Jammernder Referendar.

Aber nicht nur ehemalige Schuldirektoren mosern. Auch Referendare. Heute ein besonders prachtvolles Exemplar in der ZEIT. Zu Studienzeiten haben mich solche jammerhaften Artikel das Fürchten gelehrt, im Referendariat selbst habe ich dann langsam aber sicher an Verachtung gewonnen für dieses Herumgeheule. Vorab: Das Referendariat ist durchaus kein Zuckerschlecken, die Unterrichtsbesuche durchaus kritisierenswert, die Abhängigkeit von der Qualität der Fachleiter bemerkenswert und die Prüfung am Schluss nichts weiter als eine gefährliche Farce.

Und doch: Wer behauptet, er bekäme vor Unterrichtsbesuchen nur drei Stunden Schlaf und hätte permanent 60-Stunden-Wochen, um sich damit den Stundenlohn auf 4,50€ herunterrechnen zu können, der hat offensichtlich ganz andere Probleme als das Referendariat. Und ja, ein UB wird halt etwas aufwändiger vorbereitet als der Rest. Im Handwerk reicht es ja auch nicht, für die Meisterprüfung einfach etwas aus der laufenden Produktion herauszunehmen, das muss schon etwas sein, was die Fähigkeiten des Meisters abbildet. Schon mal ’ne Kolumne eines jammernden Handwerkermeisters gelesen?

Der Gipfel ist dann, darauf zu hoffen, dass man irgendwann die Kunst der „Türschwellenpädagogik“ erlernt habe und mit Unterricht aus dem Buch endlich den Status des lang ersehnten „’gut bezahlte[n[ Halbtagsjob[s]’“ erreiche, an dessen Nachmittagen man nur noch ein paar Klassenarbeiten korrigieren müsse. Ich echauffiere im Quadrat!

Dem Fazit kann man darum nur zustimmen:

Sofort in den Schuldienst einzutreten kann ich mir nämlich gerade beim besten Willen nicht vorstellen.

Ja bitte! Für die zukünftigen Kollegen wäre es das beste!

Im Plauderton

Hach, da ist es ja wieder, mein Lieblingsvorurteil gegenüber Lehrern:

 Egal, ob Sie die Französische Revolution oder Schiller behandeln, Sie wissen so viel darüber, dass Sie den Stoff mühelos im Plauderton vermitteln können. (Spon)

Dass Lehrer eigentlich nur ein wenig plaudern können müssen, das kenne ich schon. Dass auch Uni-Dozenten das denken, war mir neu; doch entspricht etwa dieser Haltung die Entgegnung eines Dozenten für Lehramtsstudenten auf einen Beitrag einer Lehramtsstudentin, die sich bei Spiegel Online über ihre mangelhafte Ausbildung beklagt hatte. Und wieder einer, der das Klischee vom dampfplaudernden Lehrer vermittelt, der sein persönliches Wissen quatschend in dreißig weit geöffnete Nürnberger Trichter fließen lässt. Nicht zu vergessen, dass beim Lehrer auf keinen Fall „Begeisterung für seine Themen“ fehlen dürfe.

Mein Gott, weiß der überhaupt, was man an Schulen heute so macht? Und verrät er uns, wie man binnendifferenziert und inkludierend parliert? Oder Elterngespräche verplaudert? Noten beschwatzt? Mit Schülern über deren persönliche Probleme schnackt?

Im Plauderton. Wenn er sich da mal nicht im Ton vergriffen hat.

(Ich gehe ja gerne d’accord, dass Fachwissen eher hilft als schadet, aber von einem Dozenten, der als vermeintlicher Fachmann eine öffentliche Replik formuliert, hätte ich mir mehr als Platitüden auf die durchaus ernsthaften Einlassungen der Studentin erwartet. Vielleicht sogar Fachwissen?)

Eine sinnlose Parade

Ich bin erstaunt. Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf, die sich mit dem Thema „Versager im Schuldienst“ beschäftigt. Anlass war eine kurze Debatte in Bobs Blog mit einem der Diskutanten der ZDF-Talkshow Log in. Doch was soll das nützen?

Und so debattiert die Lehrersphäre nun darüber, ob und wie man „Versager“ aus dem Schuldienst entfernen kann, woran man sie erkennen kann oder auch nicht und und und.

Zwei Dinge sind dazu zu sagen:

  1.  Eine Blogparade ist nicht die richtige Form, um derart vielen komplexen Fragen auf den Grund zu kommen, auch wenn Bob darauf verweist, dass er gerne empirische Daten verarbeitet sehen würde. Woher sollen die kommen? Vorhersehbarerweise werden die Aussagen Banalcharakter haben.
  2. Not my job. Ich bin Lehrer und kümmere mich darum, dass mein Unterricht gut läuft. Wie mit Leuten zu verfahren ist, die keinen Bock haben oder die unfähig sind, ist Aufgabe anderer. Auch die Erforschung all dieser Fragen ist nicht meine Sache.

Just my 5 cent. Locker bleiben. Weiterbloggen.

Eine Klischeekaskade

In Bayern wird aktuell durch die CSU einmal mehr die Idee aufgeworfen, bayerischen Lehrern eine Präsenzpflicht an Schulen vorzuschreiben. Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik, versucht es in einem Kommentar beim Radiosender „Bayern 2“ einmal mit Provokation:

Mach‘ einen Vorschlag, der von Lehrern etwas mehr Engagement fordert, und du wirst Sturm ernten.

Und dann bricht gleich eine ganze Lehrerklischeekaskade aus Neumaier heraus; eine nahezu vollständige Liste an Vorurteilen, die man so seit Jahrzehnten gegenüber Lehrern auffährt. Erster Punkt: Lehrer haben zu viel Freizeit und verbrauchen zu viel Platz an Badeseen und auf den Tennisplätzen! (Heute ist seit Weihnachten das erste Wochenende, an dem ich einmal  keine Korrektur zu erledigen habe und tatsächlich meinen Stehtisch Stehtisch sein lasse. Dafür sitze ich an meinem Schreibtisch, weil ich weiß, dass ich dieses Wochenende nicht viel sitzen muss. Ob den bayerischen Lehrern an ihren Präsenzarbeitsplätzen Stehtische angeboten werden, wenn sie Rückenprobleme haben?)

Dann konstruiert Neumaier einen Alterskonflikt: Schuld seien die Alten, die sich in ihrem Kuschelkokon so schön eingenistet haben, und er fantasiert von Junglehrern, die an Ganztagsschulen viel entspannter arbeiteten, weil man dann ja alle Probleme hintern den Schulmauern ließe. Ich kenne meinen Ganztags-Alltag sehr genau und weiß, dass ich auch nach meiner häuslichen Ankunft um 16.00 Uhr die Stunden des kommenden Tages vorzubereiten, Korrekturen vorzunehmen (was ich meist nicht schaffe, weshalb ich sie aufs Wochenende schiebe) und Organisatorisches nachzuarbeiten habe. Vor 20.00 Uhr bin ich meist nicht fertig (aber das wäre gewiss ganz anders, wenn ich noch vier Stunden in der Schule säße und mit den Kollegen quatschen könnte…).

Für eine Verlängerung der schützenden Schulmauern sorgen Telefon und E-Mail: Elterngespräche finden meist nach 18.00 Uhr statt, denn wie Herr Neumaier richtig bemerkt, arbeiten viele Eltern bis abends und 90% aller Elterngespräche finden logischerweise erst dann statt, wenn die Eltern wieder zuhause sind. Ein Präsenzpflicht müsste für viele Eltern weit bis nach 18.00 Uhr gehen, sollte das Ziel Neumaiers, dass der „Herr Deutschlehrer“ und die „Frau Lateinlehrerin“ auch nach der Arbeitszeit erreichbar sind, erfüllt werden können. Überdies: Bekommen die bayerischen Kollegen dann alle ein eigenes Diensttelefon oder müssen sie sich um das Schultelefon prügeln? Oder sollen die Eltern für jede Lappalie gleich direkt in die Schule kommen? Da wäre ich ja mal sehr gespannt, wie lange die das mitmachen.

Auch beim Aspekt Arbeitsplatz bleibt Neumaier eher wolkig. Naja, irgendwie wird’s schon ein Plätzchen geben, vielleicht baut man ein wenig aus… und dann gibt es ja noch die Klassenräume! Die ersetzen ein effizient eingerichtetes Arbeitszimmer mit Computer, Audiogeräten, WLAN-Verbindung und Scanner sowie Drucker nebst einigen Bücherregalen und Ordnersammlungen gewiss sehr gut! Das wäre für die Schüler eine Freude, mal die Klassenarbeitssammlung der „Frau Lateinlehrerin“ zu durchwühlen oder die Klassenarbeitsergebnisse der anderen Mitschüler zu durchforsten. (Und wenn Lehrer die Räume auch noch selber putzten, würde das darüber hinaus noch eine Stange Geld sparen, Herr Neumaier, denken Sie mal drüber nach!)

Ich kann mir nicht helfen, aber Menschen wie Neumaier scheinen es Lehern schlichtweg zu missgönnen, dass eine gute Hälfte der realen Arbeitszeit am heimischen Schreibtisch stattfindet. Es scheint auch bar ihrer Vorstellungskraft, dass andere Menschen dort richtig arbeiten. Rationale Argumente für eine Präsenzpflicht gibt es schlichtweg keine. Lehrer sind über die modernen Kommunikationsmedien für Eltern besser erreichbar denn je, der Ganztag findet de facto schon statt und eine effiziente heimische Arbeitsumgebung sollte nicht durch eine vielfach veraltete und dysfunktionale ersetzt werden. Was für eine hemmungslose Schnapsidee!

Zur Bezahlung von Lehrern und falsche Lehrer in Kollegien

Heute zwei sehr lesenswerte Links:

Bezahlung von Lehrern

Als Erstes zu einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel Bezahlung von Lehrern – Lohn der Leistung, in welchem der Lehrer Arne Ulbricht erklärt, warum er für eine leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern ist. Besonders lesenswert ist der Kommentar, weil Ulbricht erklärt, wie er sich eine leistungsbezogene Bezahlung vorstellt und warum er dann eher weniger verdienen würde. Zum Thema auch mal bei Herrn Rau vorbeischauen und die 134 Kommentare lesen…

Lehrer loswerden

Der zweite Link führt zu einem Interview der Berliner Zeitung (via Lisa Rosa) mit einem Berliner Schulleiter, der deutlich fordert, ungeeignete Lehrkräfte ziemlich schnell loszuwerden:

 Aber es kann auch am Unterricht des Lehrers liegen, der nicht funktioniert. Gerade vergangenes Schuljahr wollte ich deshalb mehrere Kollegen loswerden. Aber das geht nicht so einfach.

 

Vertretungsplan

Die im letzten Artikel zitierte Spiegel-Autorin lässt ihre imaginären Lehrer beim Betreten einer zu großen Klasse aufstöhnen. Das ist natürlich Unsinn, denn Lehrer stöhnen im Allgemeinen schon beim ersten Betreten des Lehrerzimmers. Die Gründe dafür heißen zum Beispiel „voller Computerraum“ oder „neue Unterrichtsverteilung“. Das oberste Ärgernis lässt Lehrer aber besonders laut stöhnen, es heißt: Vertretungsplan.

Der passt ihnen nämlich ausgerechnet heute gar nicht in den Kram und ist meistens ungerecht. KollegIn XY hätte doch auch eine Freistunde, aber diese Woche noch gar keine Vertretung, der eigene Tag sei schon vollgestopft genug und gewiss gebe es keine Vertretungsaufgaben wieso überhaupt schon wieder in diese furchtbare 8e ob es denn keine anderen Klasse gebe jetzt müsse man auch noch drei stunden am stück in dieser klasse dabei habemanschongenugspringstundenunddervertretungsplanerhatmichbestimmtaufdemkiekerundhasstmich.

Warum und wieso das manchmal so sein muss? Dazu Tomdidomm in seinen „5 Minuten Schulleitung„.