Inklusion – ein positives Zwischenfazit

So richtig wohl war mir damals nicht: kaum fortgebildet, mit null Erfahrung ausgestattet, aber dafür im Blindflug mit vollem Schub voraus. Seit über einem Jahr unterrichte ich nun in einer inklusiven Klasse an einem Gymnasium und ziehe mittlerweile ein positives Fazit – unter Vorbehalt. Dass das Fazit positiv ausfällt, liegt daran, dass die Schulleitung dafür Sorge trägt, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Zwei Klassenräume

Wir schaffen es aktuell noch, jeder Inklusionsklasse zwei nebeneinander liegende Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Einer ist der klassische Klassenraum, der andere dient als Ausweichort, wenn Stoffe schlecht inklusiv unterrichtet werden können und wird in allen anderen Situationen als Möglichkeit zur Öffnung des Unterrichts und zur Entzerrung der gesamten Lerngruppe genutzt. So kann man z. B. trennen in einen stillen Raum für konzentrierte Einzelarbeit und einen Raum, in dem man sich mit dem Partner austauschen darf.

Der größere Raum ist eingerichtet wie ein typischer Klassenraum, wogegen der kleinere auf die Bedürfnisse der I-Kinder zugeschnitten ist. Dort befinden sich mehrere bunte Schubladenschränke mit Lernmaterialien, Aufbewahrungskisten für die Kinder, eine Couch und mittlerweile drei Computer.

Die Inklusionshelferinnen berichten, dass sie solche räumliche Strukturen so noch nicht gesehen hätten. In anderen Schulen hätten die I-Kinder sich in einer getrennten Phase oft schlicht in eine besondere Ecke des Klassenraums zurückziehen müssen.

Doppelbesetzung und Sonderpädagogin

Ich unterrichte gerne in der I-Klasse und freue mich auf jede Stunde. Oft sind die Stunden dort viel entspannter als in anderen Klassen. Trotzdem würde ich ohne die viele Unterstützung durch Integrationshelfer und Sonderpädagogin gewiss jede Stunde „schwimmen“. Die gute Arbeitsatmosphäre resultiert insbesondere aus dem Zusammenspiel mit der Sonderpädagogin, ohne die vieles im Argen liegen würde. Sowohl für die I-Kinder als auch für mich als Fachlehrer ist es von unschätzbarem Wert, dass sie in allen Hauptfächern und auch darüber hinaus in der Klasse ist und so deren Probleme und Sorgen gut kennt und die den Kindern bekannte Rolle der sich kümmernden, permanent ansprechbaren Grundschullehrerin übernehmen kann. Zudem hat sie Erfahrung damit, bei wem sie die Zügel besonders straff halten muss: Während ich noch grübele, ob ich nun einschreiten muss oder ob das juristisch gestattet ist, packt sich eine Sonderpädagogin den betreffenden Schüler auch mal unterm Arm und trägt ihn unter Umständen dahin, wo es für ihn und die Allgemeinheit am besten ist. In meiner Klasse war das aber bislang noch nicht nötig.

Sie kennt auch Spiele, von denen ich noch nie gehört habe, ist immer lustig mit den Kindern, gibt mir Tipps zu besseren Differenzierung und sorgt dafür, dass ich auch die „normalen“ Kinder mit anderen Blick sehe, denn letztlich kümmert sie sich nicht nur um „ihre“ I-Kinder, sondern um den ganzen, großen Haufen. Viele Probleme des Schulhofs können dann schnell am Rande der Stunde gelöst werden – es ist ja immer eine zweite Person da, die sich um die anderen kümmern kann.

Unterstützung durch I-Helfer

Zwei der Kinder werden von Integrationshelferinnen begleitet, da diese Kinder viele Dinge nur mit großer Mühe schaffen und eine besondere Betreuung brauchen. Unsere I-Helferinnen sind „gold“, denn sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, unterstützen sowohl uns als auch die Kinder durch ihrer Arbeit und haben die Kinder so gut im Blick, dass ich oft bei den I-Helferinnen nachfrage, ob mein Material nun vielleicht zu schwer, zu lang oder zu leicht ist. Die I-Helfer wissen, wann ein Kind eine Pause braucht (die Couch!) und wann es sich vor der Arbeit drückt, obwohl es eigentlich gut arbeiten könnte. Wenn ich gerade mit anderen Kindern beschäftigt bin, hilft die I-Helferin auch bei inhaltlichen Unklarheiten und ganz manchmal auch den anderen Kindern.

Kooperation

Mein Nebenfach unterrichte ich nicht gemeinsam mit der Sonderpädagogin, denn dafür reichen im gebundenen Ganztag die Stunden nicht. Damit wir dennoch nicht alleine stehen, versuchen wir, auch dann die Doppelbesetzung durchzuhalten, weshalb ich mit einer Kollegin gemeinsam unterrichte. Und plötzlich steht man in einer klassischen Team-Teaching-Situation, bereitet den Unterricht gemeinsam vor, gestaltet Arbeitsblätter, teilt Arbeit auf und profitiert von den Ideen des anderen. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass das im klassischen Setting so niemals stattgefunden hätte, weil jeder von uns alleine im Klassenraum vor sich hingewurschtelt hätte. Und spannend ist es sowieso, mal andere Kollegen über längere Zeit bei der Arbeit zu beobachten.

Auch im Kollegium insgesamt nehme ich wahr, dass die Kolleginnen und Kollegen der I-Klassen zusammenrücken und auch systemisch stärker kooperieren, Absprachen treffen, über den Etat beraten und sich bei Problemen offen austauschen.

Alle profitieren

Wenn man schon zu zweit im Klassenraum steht (und noch zwei sehr fähige I-Helfer dabei hat), dann gewinnt man plötzlich viel Zeit, um sich zu den Kindern zu setzen (es ist ja Platz!) und mit diesen individuelle Probleme zu aufzuarbeiten. Da kann man wirklich mal in Ruhe Texte lesen, Rückmeldungen geben und tatsächlich Arbeitsprozesse begleiten. Die Klasse profitiert vollständig, denn sowohl die I-Kinder als auch die anderen kommen in den Genuss eines angemessenen Personalschlüssels, besonderer Materialien (es ist erstaunlich, wieviele Kinder freiwillig Ohrschützer nutzen, um in absoluter Ruhe arbeiten zu können) und wenn die I-Kinder aus dem lebenspraktischen Unterricht Waffeln mitbringen, dann schmecken die allen.

Es ist dann oft ein kleiner Schock, wenn ich nach einer Doppelstunde in meiner I-Klasse wieder alleine in meine eigene Klasse komme, wo 30 Kinder wie im Hühnerstall zusammengepfercht auf ihren Stühlen den größten Teil der Stunde im viel zu engen Klassenraum verbringen müssen. Natürlich gibt es auch in meiner unmittelbaren Nähe die weniger angenehme Seite der Inklusion, trotz der vielen Vorteile, die ich oben aufgezählt habe, aber bei mir ist es aktuell sehr angenehm.

Wollte ich nur mal gesagt haben, nach den vielen kritischen Artikeln meinerseits.

Wechsel. Abgesang auf die Inklusion.

Die Unzufriedenheit mit der Schulpolitik hat in NRW zu nicht unerheblichen Anteilen zur Abwahl von Rot-Grün beigetragen. Nun werden wir hier emnächst vermutlich von schwarz-gelben Reformen gebeutelt, denn wie immer ist die Schulpolitik der Platz in der Republik, auf dem man am liebsten seine ideologischen Spleens pflegt.

Dank Inklusion, Integrationsklassen und dem gebundenen Ganztag mit all seinen Vor- und Nachteilen ist es nun schon gehörig eng in unserem Gebäude. Sollte demnächst noch das G9 dazukommen, bin ich mal gespannt, wie wir das räumlich schaffen wollen.

Immerhin mehren sich die kritischen Stimmen zur Hals über Kopf eingeführten Inklusion. Heike Schmoll verweist aktuell in der FAZ mit einem Bericht („Lehrer stellen Inklusion vernichtendes Zeugnis aus„) und einem Kommentar auf die Lage der Inklusion. Endlich wird auch in der Presse wahrgenommen, dass nicht die körperbehinderten Kinder uns im Unterricht vor Schwierigkeiten stellen:

Körperbehinderte Schüler zu integrieren gehört noch zu den leichteren Übungen. Doch die Gruppe derer, die am meisten Aufmerksamkeit braucht, wird immer größer. Das sind Kinder mit emotional-sozialer Entwicklungsstörung, die man früher als schwer erziehbar bezeichnet hätte.

Recht hat sie. Und auch das Einbeziehen von Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen oder dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung schütteln wir uns nicht mal eben aus dem Handgelenk. Wie soll ich inklusiven Deutschunterricht mit Kindern machen, von denen 80% dem gymnasialen Stoff folgen können, ein Zehntel eventuell mit Ach und Krach und viel, viel Arbeit den Hauptschulabschluss schaffen kann, das letzte Zehntel aber gerade mal eine halbe Seite in leichter Sprache lesen und ein Kind nicht einmal lesen oder schreiben kann? Würde gerne den Kultusminister sehen, der mir das ein Halbjahr lang vormacht und nebenbei den normalen gymnasialen Alltag bewältigt. Abgesehen davon, dass es die Arbeitsbereiche, die diese Kindern auf eine selbstständige Zukunft wirklich vorbereiten könnten (z.B. Küche, Hauswirtschaft, Werkstatt) an unserer Schule gar nicht gibt. An Gymnasien gibt es eben massig Kopfunterricht, aber außer in Kunst oder in AGs wenig Praktisches. Statt auf kleine, überschaubare Strukturen treffen diese schnell überforderten Kinder auf große Systeme mit ständig wechselnden Akteuren und Regeln. Hilfreich ist das nicht.

Inklusion, heute mal in schön

Heute eine sehr angenehme Stunde in der Inklusionsklasse gehabt. Die Schüler bearbeiten das Thema „Briefe“ in einem Wochenplan, der verschiedene Aspekte des Briefeschreibens abdeckt. Dabei können wir beide Räume nutzen und die zusätzlichen Plätze, die wir auf den Fluren bereitgestellt bekommen haben, sodass jedem ein nahezu ungestörtes Arbeiten ermöglicht wird. Und das ist wirklich großartig. Die Sozialpädagogin hat für die I-Kinder spezielles Material zusammengestellt, sodass diese eine themengleiche Aufgabe haben, aber nicht vom Material überfordert werden.

Das Bonbon schlechthin ist der zusätzliche Raum, dessen Couch und verschiedene Mal- und Spielemöglichkeiten man auch als Belohnung nutzen kann, wenn einige der gymnasialen Schüler schneller und gründlicher arbeiten als ihre Genossen. Diese muss ich nun nicht mehr mit neuen Aufgaben oder verkrampften Kreativaufgaben quälen, sondern kann ihnen anbieten, sich auch einmal zehn Minuten auf der Couch zu entspannen und ein schönes Buch durchzuschauen. Schade, dass jetzt schon absehbar ist, dass wir diese Räume nicht für alle Klassen haben können, wenn wir die Inklusion langsam bis Klasse 9 hochziehen…

Es ist auch spürbar, dass einige der stärkeren Inklusionskinder am höheren Anspruch wachsen und sich zumindest am Material der anderen versuchen wollen und es auch ansatzweise können. Im Vergleich zu den Beobachtungen an der Grundschule scheint sich da auch neue Motivation zu entwickeln. Wenn sich das bewahrheiten sollte, wäre das wirklich ein toller Erfolg.

Schulstart 2016

Tja, so schnell kann’s gehen: Morgen geht die Schule schon wieder los. Frühstück, Konferenz, Arbeitstreffen. Schon gestern das erste Mal den Kaffee auf gehabt wegen des neuen Stundenplans. Entwickele mich immer mehr zum vehementen Ganztagsfeind. In Kombination mit dem Doppelstundenmodell und immer mehr geblockten Angeboten (bestimmte Kurse nur in 8./9. Stunde, festen Teamzeiten) kommen da für Vollzeitkräfte Stundenpläne zustande, die man eher als Arbeitszeitvernichtungspläne bezeichnen sollte. Da ist Frust schon vor der ersten Stunde im Schuljahr vorprogrammiert. Werde, wenn sich das nicht bessert, mein Engagement auf Sparflamme herunterfahren und ab den Herbstferien auch Referendare und Praktikanten ablehnen. Keine Zeit dafür. Im schlimmsten Fall werde ich auch AG und Förderkurs an den Nagel hängen. Das wäre sehr bedauerlich, würde aber die Chancen erhöhen, einen Stundenplan zu bekommen, mit dem ich die Pension (mit 70?) gerade noch erreichen kann.

Aufregend wird es werden, in der neuen Inklusionsklasse zu unterrichten. Wir werden dort in Doppelbesetzung unterrichten, d. h. (in der Regel) eine Fachlehrkraft und eine Sonderpädagogin. Hinzu kommen dann noch die Inklusionshelfer, die bestimmten Kindern zugewiesen sind. Summa summarum könnten es bei uns bis zu fünf erwachsene Personen sein, die bisweilen den Unterricht begleiten. Referendare, Praktikanten oder interessierte Besucher noch nicht mitbedacht. Für mein Fach Deutsch werde ich besonders damit kämpfen müssen, wie ich es schaffe, noch frühes Grundschulniveau in das gymnasiale Spektrum zu inkludieren. Vermutlich: viele Bilder, noch mehr Bilder und verdammt viel Austausch mit der Sonderpädagogin. Auch Phasenwechsel sollten immer bildlich begleitet werden. Mein erster Klangstab kommt gerade per Post. Die netteste Tischnachbarin der Welt hat mir ihr Material aus dem letzten Durchgang überlassen; wir werden irgendwie dafür sorgen müssen, dass alle Materialien in den nächsten Schuljahren wiederverwendbar sind und gut archiviert werden.

Wir haben zwei Räume zur Verfügung. Einmal einen normalen Klassenraum, wie man ihn kennt, und einmal den Inklusionsraum. In diesem steht ein großes Sofa, eine große Gruppentischanordnung zum Arbeiten, drumherum viele Fächer mit Arbeitsmaterial und Spielen. Im Unterricht können wir den Raum nutzen, um die inklusiven Kinder in bestimmten Situationen mit anderen Aufgaben zu versorgen, sie nicht neun Stunden am Stück mit Unterricht zu quälen und ihnen auch in den Pausen einen eigenen Rückzugsraum zu ermöglichen. Auch wenn der Raum hauptsächlich für die Inklusionskinder gedacht und eingerichtet ist, kann und soll er auch mit den anderen Kindern genutzt werden. Gerade für Gruppenarbeiten oder auch als Möglichkeit zur ruhigen Partner- oder Einzelarbeit kann man diesen Raum gut nutzen. Darauf freue ich mich, denn einen solchen Raum sollte jede Klasse haben.

Es fällt mir jetzt schon schwer, nicht über gewisse Umstände (die allerdings nicht-schulischen Ursprungs sind) zu schreiben und meiner Fassungslosigkeit freie Bahn zu lassen. In der Realität werden sich die Wogen hoffentlich glätten. Es wird auf jeden Fall ein sehr spannendes Schuljahr.

In die Inklusionsklasse – ja oder nein?

Große Pause, noch ca. 2 Minuten bis zum Klingeln, ich bin schon auf dem Sprung, als eine Kollegin mich anspricht. Sie sehe, ich hätte gerade keine Zeit, aber ob ich denn nicht Lust hätte, Deutsch in ihrer neuen Inklusionsklasse im nächsten Schuljahr zu unterrichten? Eine zweite Kollegin, mutmaßlich die Co-Klassenleitung, kommt hinzu, beide schauen mich erwartungsvoll an.

So langsam habe ich gelernt, dass man nie, nie und niemals unüberlegt zu irgendetwas – und sei es nur indirekt – sein Einverständnis ausdrücken sollte. Also sage ich nur, dass ich darüber gerne nachdenken würde und auf keinen Fall ad hoc entscheiden werde.

Die Herausforderung

Und da sitze ich nun schon das liebe lange Wochenende und grübele, ob ich da nun zu- oder absagen soll. Da ist auf der einen Seite die arme Kollegin, der man offensichtlich die Verantwortung zugeschoben geraten hat, sich ein Team zusammenzustellen, mit dem sie sich eine gute Zusammenarbeit vorstellen kann. Die würde eine Absage unter Umständen in Schwierigkeiten bringen. Da ist ferner die Herausforderung der Inklusion und Unterricht einmal völlig anders gestalten zu müssen. Und wäre es nicht auch einmal reizvoll in einer permanenten Doppelbesetzung zu arbeiten?

Andererseits…

Andererseits dräuen zusätzliche „Teamzeiten“ – und zwar richtig schön ganztagslehrerfreundlich von 15.40 bis 17.15 Uhr. Da winkt entweder ein sehr langer Tag oder massenweise halbtote Zeit. Und wer holt währenddessen meine Tochter aus der KiTa?

Direkte Erfahrungen mit der sogenannten „Inklusion“ habe ich zumindest im sehr kleinen Rahmen schon sammeln können. Solange alles läuft, ist es anstrengend, aber machbar. Muss man improvisieren, kann das aber schnell kippen. Situation: Computerführerschein, Internetzugang defekt, die reguläre Zweitbesetzung musste vertreten werden, die Stimmung unter den Jungs war aus Gründen schon vor der Stunde kurz vorm Kochen. Musste mehrfach körperlich dazwischen gehen. Nichts Dramatisches, aber über eine Doppelstunde hinweg doch sehr nervenaufreibend. Muss ich mir das nun unter Umständen jede Deutschstunde 90 Minuten lang antun? Und was, wenn noch mal ganz andere Kaliber dazwischen sitzen?

Dazu befürchte ich, dass die Doppelbesetzung am Ende mehr Zeit kostet, als sie spart: Jede Unterrichtsentscheidung, jede Planung muss abgesprochen werden, neue Arbeitsmaterialien müssen für die Inklusions-SuS, neben der sonstigen Differenzierung, gesondert gestaltet werden. Kolleginnen berichten darüber hinaus davon, dass sie in mühevoller Arbeit (ziel-)differenzierte Materialien erstellt haben, deren Bearbeitung dann am Ende schlicht verweigert wird: arbeiten für den Eimer.

Und die positive soziale Wirkung auf die anderen Schüler, von der man ja immer wieder berichtet, die kann ich auch nicht beobachten. Mag sein, dass es den sozialen Zusammenhalt stärkt, wenn man sich gemeinsam die Unpässlichkeiten körperbehinderter Kinder auffängt, doch nach meiner Beobachtung mutieren irgendwann auch die nettesten Jungs zu wutentbrannten Schlägern, wenn sie von einem besonderen Kind permanent lauthals beschimpft werden und Schläge angedroht bekommen.

Magerer Informationsfluss, fette Gerüchte

Genauere Informationen als „Deutsch“ und „du“ gibt es leider nicht, stattdessen bleibt mir nur die Gerüchteküche. Und deren Türen schließe ich lieber schnell, denn was da an Düften herauswabert, das lässt mich nicht gerade zu einem „Ja“ tendieren. (War übrigens eine tolle Idee der Landesregierung, alle möglichen Förderschwerpunkte ausgerechnet an Schulen zusammenzuführen, wo kein einziger Lehrer adäquat ausgebildet ist. Abgesehen von freiwilligen Erste-Hilfe-Kursteilnehmern.) Felsenfest sicher ist nur, dass unser für Inklusion ausgebildetes Personal langsam knapp und immer knapper werden wird. Wird die mir heute versprochene Doppelbesetzung dann im nächsten und übernächsten Schuljahr noch Bestand haben oder darf ich dann im Alleingang vor die Wand laufen?

Aber vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach viel zu vernagelt! Vielleicht habt ihr ja noch ein paar aufmunternde Argumente, Perspektiven und Ideen, warum man unbedingt einmal inklusiv Deutsch unterrichtet haben sollte?

 

Der Digital Education Day 2015 – #ded15

IMG_6985Voll, voller, Domplatte am Samstag! Was für ein Gedränge, was für Menschenmassen. Da kommt man sich als Bielefelder „Großstädter“ ganz klein mit Hut vor. Bevölkere nun unzählige Selfies fremder Menschen, habe einem Pärchen zum Küssen verholfen und war währenddessen auf der Flucht vor unzähligen Jungesellinnenabschieden, denn 30% der auf der Domplatte befindlichen Frauen schien mit Vierzigprozentigem angefüllt. Aber alles harmlos, was ein Glück, dass die Hogesa-Spinner erst Sonntag kommen!

Doch eigentlich war ich nicht in Köln, um mir die Menschen auf der Domplatte anzuschauen, sondern um mich über digitale Medien zu informieren, denn man hatte zum „Digital Education Day 2015“ gerufen, und da Köln in Schlagweite liegt, war ein Besuch mehr als angebracht… und lohnend!

Das liegt zum einen am offenen Format des Barcamps, das ja auch „Unkonferenz“ genannt wird, wobei man ihm mit der Vorsilbe „Un“ aber Unrecht tut. Neben schon gesetzten Veranstaltungen kann jeder Teilgeber spontan seine eigene Session anbieten und sich so auch aktiv mit eigenen Themen einbringen. Auf diese Weise kommen schnell bis zu 40 Sessions zusammen und jeder Besucher kann sich seinen eigenen Sessionplan zusammenstellen. Ich entschied mich für die Schwerpunkte BYOD, iPads im Unterricht, Elternarbeit und digitale Medien sowie Inklusion und iPads.

BYOD oder Office365

Das Thema BYOD begann mit einer schönen Übersicht der technischen Infrastruktur des Erich-Gutenberg-Berufskollegs in Köln, mutierte dann aber schnell zu einer überwiegenden Werbeveranstaltung für Microsofts Office365 (und einem beeindruckenden Touch-Tisch), welches unbestreitbar seine Vorzüge hat. Angeblich gebe es keine Probleme mit dem Datenschutz wegen der Serverstandorte in Irland und Holland, jedoch verzichte man vollständig darauf, personenbezogene Daten mit Office365 zu verarbeiten.

Microsoft scheint alles daran zu setzen, dass potenzielle Kunden sich frühestmöglich an seine Office-Suite gewöhnen, denn das Angebot für Schulen ist gewaltig: Von kostenlosen Office-Lizenzen für über 2500 Schüler und die Lehrer, dem Vorhalten von Backups bis hin zu kostenlosen Fortbildungen gibt Microsoft so einiges, damit wir Schulen möglichst unsere Schüler auf seine Office-Suite konditionieren.

Am Berufskolleg setzt man mittlerweile vollständig auf BYOD, die Schüler dürfen über die Geräte frei entscheiden, der Großteil der Schüler bringt jedoch sein Notebook mit. Schön war es hier, mal Einblick in die Medieninfrastruktur und die Probleme anderer Schulen bei der Medienentwicklung zu bekommen und zu sehen, dass nicht immer, nein, nie! alles glatt läuft.

iPads im Unterricht

Die Session zu iPads im Unterricht verließ ich nach der Hälfte der Zeit, weil ich die Möglichkeiten meines iPads und diverse mögliche Präsentations-Apps schon kannte. Wer sich damit noch nicht beschäftigt hatte, konnte hier wertvolle Tipps zum Umgang und Einsatz mit den Geräten im Unterricht bekommen.

Elternarbeit – Bleiben Sie dran

In einer sehr kleinen Session intensiven Austausch mit Matthias Felling von der AG Kinder- und Jugendschutz (AJS NRW) gehabt. Mitgenommen habe ich neue Links, z. B. zu www.schauhin.info und www.elternundmedien.de, wo man auch Referenten finden kann, die für Informationsabende zur Verfügung stehen. Klicksafe.de kannte ich schon, das ist ja schon lange etabliert. Schöne und eigentlich naheliegende Ideen brachte Felling ein: Zum Beispiel, dass man den SuS doch vorschlagen könne, bei WhatsApp Gruppen, die Organisatorisches zum Inhalt haben (z.B. Hausaufgaben), von privaten Tratsch-Gruppen zu trennen. Analog zu den Gesprächsregeln im Klassenraum müsse man auch Umgangsformen im Netz mit den SuS entwickeln.

Eltern mal nach ihren Medienerfahrungen zu befragen, das werde ich beizeiten auch mal machen. Diese geraten dann schnell ins Schwärmen, erzählen vom Sandmännchen und den schönen Samstagabenden mit „Wetten dass…?” und langen Radiositzungen. Dagegen sähen Eltern die heutigen Medien mit ganz anderen Augen – das bietet schöne Gesprächsanlässe. Fazit: Viele Anregungen!

Inklusion und iPads

Gut gefiel mir auch die Session zu „Inklusion und iPads“, denn so hatte ich mein iPad noch nicht kennengelernt. Es ist wirklich beeindruckend, was man aus den Bedienungshilfen für körperversehrte Menschen alles herausholen kann. Ein nahezu blinder, anwesender Kollege erzählte begeistert, dass die Entdeckung der Tablets für ihn bahnbrechend gewesen sei. Seine 2% Sehkraft könne er nun mithilfe der neuen technischen Möglichkeiten kompensieren und auch selbst wieder kreativ arbeiten. Dass man auch Hörgeräte und Joysticks für Menschen, die nicht touchen können, mit den Pads koppeln kann, war mir ebenfalls neu. Zudem stellte die Referentin einige Apps vor, die sowohl im DaZ-Bereich als auch im klassischen Inklusionsbereich eingesetzt werden können. Auch der Hinweis, dass Krankenkassen bisweilen die Kosten für die Tablets übernehmen, kann mal nützlich sein.

Ein Wermutstropfen

Einen Wermutstropfen muss ich aber auch vertröpfeln. Zu oft standen in den Sessions die technischen Möglichkeiten der Geräte oder mancher Apps im Vordergrund, wenig Worte wurde über konkrete Unterrichtssituationen, technische Probleme oder best practice verloren. Für schon medienaffine Lehrer, die gerne ihre Geräte ausprobieren, springt bei solchen Sessions nicht viel heraus, wir müssen vielleicht demnächst mehr in die Breite gehen, die Mediennutzung einzelne Fächer thematisieren oder einfach mal zeigen, was man so im Unterricht mit den Geräten gemacht hat.

Auch pädagogische Probleme wurden eher am Rande behandelt, dabei macht das doch den Kern unseres „Geschäftes“ und unseres Alltages aus. Sehr schade darum, dass die Session zum Thema Elternarbeit von nur drei Personen bestritten wurde, wo doch gerade die „digital education“ abseits von iPads und Office für Vermittlungsbedarf zwischen Schulen und Elternhäusern sorgt und ich das immer wieder als brennendes Thema wahrnehme.

Vielleicht demnächst, beim DED16 als Teilgeber?

Illusion

Inklusion, Inklusion und kein Ende. Noch ein Lesetipp zum Thema Inklusion: Die Illusion mit der Inklusion.

Ansonsten wurschtele ich mich den Ferien entegegen, nutze die Regenphasen für Korrekturen. Freue mich nebenbei auf die neuen Kernlehrpläne für die Einführungsphase (das, was man früher Klasse 11 nannte), weil wir dort neue Themenbereiche unterrichten dürfen. Bin gespannt, ob ich einen Kurs in der Einführungsphase bekomme, oder ob es doch eher der Erdkunde-Geschichte-Diff-Kurs wird, den ich auch gerne nähme, weil man da curricular kaum gebunden ist und sich und den Schülern viele Freiheiten gönnen kann. Es ist erstaunlich, wie sich (mein) Unterricht verändert, wenn am Ende ein Zentralabi droht. Da komme ich dann doch schneller zum „Mastgänse stopfen“ als mir lieb ist, obwohl es wohl auch nur eine Illusion ist, dass die Schüler dann „mehr“ lernen. (Was heißt eigentlich „mehr“? Mehr Masse oder mehr Tiefe, mehr von beidem?)

Übrigens unterschreibe ich, was Jan-Martin Klinge zu OER-Schulbüchern schreibt. Ein „Supermarkt“ gefiele mir auch besser als Schulbücher. Obwohl: warum sollten im Supermarkt nicht auch Schulbücher herumliegen?

Heute, 21.45 Uhr, Günther Jauch

Werde heute seit Ewigkeiten mal wieder „Günther Jauch“ zum Thema „Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium – freie Schulwahl für behinderte Kinder“ einschalten. „Halbtagsblogger“ Jan-Martin Klinge wird dort seine Sichtweise zum Thema Inklusion darbieten und ich freue mich darauf, ihn mal „in echt“ zu sehen. (Auch wenn ich bei dem Thema vermutlich wie ein HB-Männchen vor dem Fernseher auf- und niederspringen werde…)

Inklusion per TPS, LDL und ein pädagogischer Placebo

Was ich beim zweiten Termin (der zeitlich noch vor dem letzten Bericht lag) meiner Fortbildung zum Thema Inklusion gelernt habe, ist, dass Gymnasien in nichtgymnasialen Kreisen wohl immer noch als verstaubten Bastionen der Tafeldidaktik betrachtet werden.

Allgemeinplätze

Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir lernen sollten, dass die Think-Pair-Share-Methode (TPS) eine schöne Bereicherung für unseren Unterricht wäre, und dass man uns den Ratschlag gab, dass wir mit den SuS zwischendurch auch einmal sozialen Themen arbeiten müssten. Ich meine: Wir sitzen da, opfern Korrekturzeit, lassen zum Teil unseren Unterricht vertreten und bekommen dann Allgemeinplätze vorgesetzt, die jeder Referendar eingeimpft bekommt, die in jedem Methodenhandbuch stehen und überdies fest in unserem Schulprogramm verankert sind. Natürlich arbeiten wir auch an sozialen Themen mit den SuS, und neben TPS kennen sogar scheiß-schnöselige Gymmi-Lehrer noch ein bis zwei andere Methoden außer „vorne an Tafel“.

Neben TPS wäre uns auch Lernen-durch-Lehren (LdL) zu empfehlen, obwohl die freien Unterrichtsformen – nun ja – gerade den SuS mit mangelnder Sozialkompetenz große Schwierigkeiten bereiten würden, die bräuchten eben sehr viel Struktur, denen sollte man nicht zu viel Freiraum lassen. Offene Formen wären aber dennoch zu empfehlen! Tipps? Mal ein kleines Beispiel? Fehlanzeige. Unsere Verwirrung war komplett. Rin in de Kartoffeln, raus aus de Kartoffeln. Mein Fazit: Selbst austesten. Wie immer. „Wird sich schon zurechtruckeln.“

Sollte es zu Regelüberschreitungen kommen, könne man sich an der vierstufigen Eskalationsleiter orientieren. Zuerst ein nonverbaler Hinweis; dann eine verbale Rückmeldung; sollte das auch nicht fruchten, soll der Betreffende zur Rede gestellt werden und im letzten Schritt eine „Auszeit“ z. B. eine Reflexionsaufgabe in einem Sozialraum bekommen. Auch das war ein Punkt, wo ich mich gefragt habe, warum ich da nun sitze? Was glaubt man denn? Dass wir den Rohrstock herausholen, wenn einer aufmuckt? Oder etwa, dass bei uns alle Schüler wie Englein an den Tischen sitzen und in den Pausen gemäßigten Schritts auf dem Schulhof lustwandeln? Lediglich am „Auszeitraum“ fehlt es uns, und bisher habe ich ihn auch nicht vermisst, das ändert sich ja nun vielleicht bald.

Das Sozialzielecenter

Das Sozialzielecenter war mir dann hingegen komplett neu. Das Sozialzielecenter funktioniert so, dass man jede Woche ein Ziel im sozialen Bereich auf ein Plakat pappt und am Ende jedes Schultages reflektiert, wie sich das Erreichen dieses Ziels gestaltet hat. Ein reduziertes Beispiel für ein Sozialzielecenter findet man auf der Seite der Grund- und Mittelschule Schwanfeld.

Was bei mir bislang ankommt, ist, dass wir in Zukunft wohl sehr viel Zeit mehr mit dem Basteln von Kärtchen und dem Bepunkten von Verhalten verbringen sollen. Das Prinzip „Grundschule meets Gymnasium“ lässt mich ein wenig sprachlos zurück. Bislang bedeutet Inklusion lediglich das Übertragen von Primarstufenmethoden auf die Sekundarstufe. Meine jetzige sechste Klasse würden mich für durchgedreht erklären, wenn ich denen mit dem Sozialzielecenter um die Ecke käme. Die führen eigenständig Klassenratssitzungen und rocken die Schülerratssitzung. Aber wir versuchen’s trotzdem mit dem Sozialzielecenter, auch wenn ich an seiner Effektivität zweifele. Aber vielleicht hat ja jemand positive Erfahrungen damit und es ist doch nicht nur ein pädagogischer Placebo, wie ich befürchte.

(Nachtrag: Sachfehler im Titel und im letzten Absatz korrigiert)

Inklusion: Arbeit an Fallbeispielen

Gestern wieder einmal fortgebildet worden und zum ersten Mal das Gefühl gehabt, einen kleinen Einblick in den Alltag mit Inklusionskindern zu bekommen. Dabei beschränkte sich die gestrige Informationsveranstaltung nur auf ESE-Kinder (verhaltensauffällige Kinder).

Und da wären wir schon beim ersten Absurdum: Der Fortbildner erklärte uns, er sei Schulleiter einer Förderschule mit dem Schwerpunkt ESE. Maximal 50-60 Schüler, 1 Lehrer für ca. 14 Schüler, Klassen immer in Doppelbesetzung, alle mit dem gleichen Förderschwerpunkt, hochgradig ausgebildetes und ausgesuchtes(!) Personal. Bei uns gibt’s das demnächst für ’nen Euro fuffzich neben dem normalen Unterricht; wir bedienen sogar gleich mehrere Förderschwerpunkte und haben immerhin ’ne tolle Fortbildungsreihe lange Informationsveranstaltung absolviert. Ich kann mir nicht helfen, aber auch unsere Fortbildner wirken bisher durch die Bank weg alle nicht überzeugt von dem neuen „Modell“.

Der sehr sympathische Herr gab dann gleich zu Beginn ein Erlebnis vom gleichen Tag zum Besten, bei dem mir das Blut in den Adern gefror und welches ich hier nicht wiedergeben mag. Dass es an Förderschulen auch für Lehrer ein spontan durchführbares „Auszeit-Modell“ gibt, war danach sehr einleuchtend. Nachdem uns erklärt wurde, dass die Beziehungsarbeit – bei allen Problemen – das Wichtigste für ESE-Kinder sei (bei bald bis zu acht unterschiedlichen Fachkollegen für die Kinder gewiss sehr leicht!), mussten wir Maßnahmen für Fallbeispiele durchdenken, z.B. wenn ein Kind permanent durch Geräusche den Unterricht stört oder ständig aus der Klasse läuft. Das war schon fast erleichternd, im Vergleich zum Eingangsbeispiel, und körperliche Gewalt kam auch nicht darin vor, die erwähnte der gute Mann nur nebenbei im Kontext der primären Sozialisation, deren schlimme Folgen wir demnächst auffangen müssten.

Und wie wir mit geistig behinderten und lernbehinderten Kindern umgehen (und was uns da erwarten mag), dazu bildet man uns  informiert man uns (vielleicht) ein anderes Mal.