Lesestoff.

Während ich und mein Kollegium heute auf einem pädagogischen Tag darüber brüten, wie wir unsere Ganztagsschule für das G9 aufstellen wollen, poste ich hier mal Links zu zwei bedenkenswerten Texten.

Der erste Text, „Schulinterne Lehrpläne: Pädagogische Chance, triste Realität“ beschäftigt sich mit dem Thema der überstürzten Erstellung neuer Lehrpläne bzw. der verschenkten Chance, die damit einhergeht. Es stehe zu befürchten, dass „es wohl in vielen Fällen bei einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bleiben [wird], bei der für die pädagogische Praxis folgenlose Papiere entstehen, die in Aktenschränken verstauben.“ Sehr lang, mit Lösungsvorschlägen am Ende.

Der zweite Text, „Wer bin ich denn?“, geschrieben von einer anonymen Schülerin aus NRW, wirkt ein wenig wie ein Wiedergänger des bekannten Tweets von Naina, der 2015 Schlagzeilen machte. Die Schülerin beschwert sich über „Bulimielernen“, stellt Schule als Lernort generell in Frage und lässt nebenbei eine ganze Menge Frust ab. Mir ist das ein bisschen zu viel Rundumschlag (Hausaufgaben, Inhalten, monotone Lehrer, Pädagogik, Ausstattung). Ihre wichtigste Frage stellt sie zum Schluss:

Ich gebe niemandem die Schuld! Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns selber als Gesellschaft keinen Gefallen damit tun, wenn Kinder durch ein Schulsystem geschleift werden, das nicht den Menschen in den Vordergrund stellt, sondern ein System aus längst vergangenen Zeiten! Wer soll denn all die aktuellen und künftigen Probleme lösen? Und vor allem — mit welchen Mitteln?

Und das wünsche ich mir für den heutigen pädagogischen Tag: Dass wir nicht für die Papiertonne arbeiten und dass wir immer die Belange der Schüler*innen im Blick haben werden – und nicht Hahnenkämpfe um die eigenen Pfründe und Steckenpferde führen (… allein mir fehlt der Glaube).

Utopischer Überschuss.

Hatte ich mir immer vorgestellt, dass der Kapitalismus alle Operationen zwecks Optimierung kleine evaluierbare Häppchen zerhackt und es zwecks Vergleichbarkeit und Druckerzeugung in publizierbare Listen presst, so überdreht der chinesische Kommunismus diesen Albtraum schon jetzt – und seine Opfer sind Grundschulkinder. 

Hochgradig verstörend ist dieser Bericht des Wall Street Journals über einen Versuch an Grundschulkindern in Shanghai. Dort wird die Aufmerksamkeitsspanne der Schulkinder mit Elektroden überwacht und direkt an der Stirn der Kinder farbig angezeigt, sodass die LehrerInnen in Echtzeit sehen können, welche Kinder aufmerksam sind und welche nicht. Gleichzeitig werden die Ergebnisse in eine Chatgruppe der Eltern gesendet, welche dann die Scores ihrer Kinder mit denen der anderen vergleichen können. Die Eltern haben anscheinende keine Idee, was mit den erhobenen Daten im Weiteren geschieht und scheinen sich gegenüber dem WSJ auch nicht daran zu stören, wenn diese im Anschluss weiterverarbeitet werden.

Der kurze Bericht des WSJ weist auch auf die Probleme der Kopfbänder hin. Die Messung ist nicht genau, vermutlich wird nicht einmal das gemessen, was man messen möchte. Der soziale Druck kommt trotzdem ganz real bei den Kindern und den Eltern an. Und auch wenn die Technik noch nicht vollständig funktioniert, ist schon das Ziel dieses Versuchs verwerflich. Zweitens finde ich neben dem Vermessen das soziale Unter-Druck-Setzen, das durch die Scores und die Eltern-Chatgruppe erzielt wird, empörend. Aber das durch die permanente Überwachung intendierte Selbstbild scheint ja bei den arglosen (oder nur öffentlich zurückhaltenden?) Eltern schon zu greifen.

Wird so etwas bei uns kommen? Wer weiß. Dankbare Empfänger einer solchen Überwachungstechnik (Deckmantel „selbstgesteuertes“ oder „algorithmisches Lernen“) wird es auch bei uns geben. Persönlich bin ich ganz bei @schb:

Netzwerktreffen.

Heute ein schönes Netzwerktreffen zum Thema Ganztag und Digitalisierung am Gymnasium in Steinhagen gehabt. Tolle Impulse vom lokalen Admin bekommen und im Anschluss das Projekt Aula von Marina Weisband präsentiert bekommen. Am Nachmittag Austausch zur neuen Stundentafel G9. Alles war sehr inspirierend und ich muss die vielen neuen Eindrücke erst einmal verarbeiten. Die nächste Schule mit tollem Digi-Konzept kennengelernt, demnächst muss ich dringend mal Harsewinkel besuchen.

Entmündigung.

Fridays For Future sind an mir fast völlig vorbeigezogen. Von meinen direkten SchülerInnen war niemand bei der Demo, alle Klassen waren vollzählig. Auf dem Elternabend am Dienstag davor fragte niemand nach FFF. Man hörte von Schulen, an denen man Wandertage zur Demo organisieren durfte, anderswo hörte man von Kursen, die gemeinsam zu den Demos gehen wollten. Ich feiere in solchen Momenten ja Schüler, die sich den Anweisungen der Lehrer verweigern und stattdessen gegen den erzwungenen Demogang protestieren. Durch seine Anwesenheit zu einer politischen Aussage gezwungen zu werden, ist nichts als schlichte Entmündigung. Und genau das sollte Schule niemals leisten.

Schön.

Da reflektiert deine 6. Klasse in einer 8./9. Stunde den Begriff „Geschichte“, dass es eine wahre Wonne war. Mann, war das schön!

Nicht.

Wir strukturieren gerade wegen G9 ordentlich um. Erste Zusatzaufgabe in diesem Kontext abgelehnt, denn mittlerweile habe ich schon gelernt, dass Dinge wie „nur“ eine Gruppe am pädagogischen Tag zu leiten oder „nur“ eine Fortbildung zu machen leicht die Folge haben, dass man die nächsten zehn Jahre als Hauptverantwortlicher betrachtet wird. Und während ich das schreibe, fällt mir ein, dass ich mir immer noch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin nicht der Datenschutzbeauftragte“ drucken lassen muss. 

Mappenfarben.

Zuletzt ereiferte sich jemand über unterschiedliche Mappenfarben auf Twitter. Große Empörung, und natürlich machen Lehrer das nur, um Kinder und Eltern zu triezen und ihnen unnötig Aufwand und Kosten zu bescheren. Farbgewordener Gleichmarsch! Obrigkeitsschule! Wo bleibt die individuelle Freiheit? 

Ich nutze in meinem Fach Deutsch unterschiedliche Mappenfarben, um die Heftstapel unterschiedlicher Klassen auseinanderhalten zu können, und den Kindern hilft es, schnell ihr Material zu finden. In meinem Nebenfach ist mir die Mappenfarbe völlig egal. Dass die Wahl einer bestimmten Mappenfarbe alles andere als trivial ist, finde man bei jawl. Ganz nebenbei arbeitet der auch noch Lineaturen, Taschenrechner und einiges anderes ab.

Klassenfahrt.

Kurzer ungerichteter Spontanrückblick auf die Klassenfahrt nach Norddeich: Das Wetter war perfekt, alle Außenaktionen konnten bei strahlendem Sonnenschein durchgeführt werden, der einzige Regentag war mit dem Besuch der überdachten Seehundstation verplant. 

Nie wieder Disco. Ich habe mich nach zehn Jahren dann doch dazu breitschlagen lassen, eine dieser ominösen Kinderdiscos mitzumachen. Wir waren mit zwei Klassen parallel auf Fahrt und die anderen wollten ja auch, da ist es blöd, wenn eine Klasse keine Disco macht. Zudem war es ein Angebot der Jugendherberge. Das Ende vom Lied war, dass elfjährige Jungs und Mädchen sehr unterschiedliche Vorstellungen von Disco haben und die Empfänglichen unter den Ersteren die Gelegenheit dafür nutzten, um mit der gleichfalls anwesenden Grundschulklasse Ärger anzufangen. Gewinnbringend für… niemanden.

In Phasen mit weniger Schülerbegleitung (nur die, die sich nicht an die Dreierregel halten oder die, die inklusiv betreut werden) war die Kombination aus tollem Sonnenschein und weißem Nordseesand zeitweise sehr entspannend. Auf Norderney am Strand zu liegen hat definitiv etwas. 

Gleich am ersten Tag fanden einige Schülerinnen ein iPhone, das einem jungen Mann aus Hessen gehörte. Ich habe es bei der Tourist Information abgegeben und hoffe nun, dass es seinen Besitzer wieder erreicht. 

Nun schon zum zweiten Mal bei einer Fahrt meine Haarbürste vergessen. Die Kombination aus Langhaarfrisur und deftigem Küstenwind waren bei dieser Malaise nicht hilfreich. Die nette Kollegin half aus und zerpflückte dabei ihrerseits ihre Bürste. Muss mich noch revanchieren.

Erkenntnis: Jugendherbergen sollten auf sich achten, auch wenn sie eine Top-Lage haben. War schon dreimal da und diesmal etwas enttäuscht. Es reicht nicht, direkt am Deich zu liegen.

Jugendherberge ist…

Jugendherberge ist…

… wenn deine Balkontüre im ausgewiesenen Leiter-Zimmer fest verschlossen ist, aber die vom Sechser-Jungenzimmer nebenan nicht (Fluchtweg mit Option auf Kontakt zu anderen Zimmern).

Orrr!