Waffen. Jungs.

Kalt und sonnig ist es in den letzten Wochen hier in der Stadt, die es nicht geben soll.

In der New York Times kommentiert ein ehemaliger US-Marine, der nun als Lehrer tätig ist, darüber, warum es schlichtweg absurd ist, allen Menschen Zugang zu halbautomatischen Kriegswaffen zu gewähren. Er beschreibt, wie lange und wie hart seine Ausbildung als Soldat war, wie oft er die Waffe, mit der der Mörder 17 Menschen tötete,  zerlegen und zusammensetzen musste und dass es Munition nur auf den Schießständen gab. Sein Fazit:

I will immodestly state that among professors in the United States, I am almost certainly one of the best shooters. But I would never bring a weapon into a classroom. The presence of a firearm is always an invitation to violence. Weapons have no place in a learning environment.

Last month, the State Legislature in West Virginia, where my university is located, introduced the Campus Self-Defense Act. This would prohibit colleges and universities from designating their campuses as gun-free zones. If this act becomes law, I will resign my professorship. I will not work in an environment where professors and students pack heat.

Dass man dem Thema auch mit Humor begegnen kann, zeigen die von Bob Blume gesammelten Tweets. Hier in Deutschland kann man darüber zum Glück schmunzeln. Mein Highlight dieser Tweet von Frau X.:


Der Themenbereich „Jungs und Schule“ ist ein pädagogischer Dauerbrenner. Habe heute einen Podcast von SWR2 Wissen in meinem Podfetcher gefunden, der sich dem Thema „Jungs in der Schule. Das benachteiligte Geschlecht“ widmet. Habe ihn noch nicht ganz durchgehört, und bin mir mal wieder nicht sicher, ob der Podcasts bestehende Klischees verfestigt (Jungs mögen Mathe und Bewegung, Mädchen mögen Sprachen und häkeln) oder ob wir uns hartnäckig weigern, solche Geschlechterdifferenzen zu akzeptieren. Zu mir passt diese binäre Einteilung nicht so gut, ich habe als Junge sehr gerne gelesen, war als Stubenhocker verschrieen und Mathe war auch nicht so mein Fall.

Dass Jungs öfter school-shooten als Mädchen, das steht allerdings fest.

Hals. Metren. Boni.

Wonderfule Halsschmerzen zum Wochenende. Ich werde meine Erkältung gerade irgendwie nicht so richtig los. Krank werden kommt aber nicht in Frage, da in der nächsten Woche drei Termine anstehen.

Habe mir heute meinen Unterricht bei Herrn Rau zusammengeklaut. Der hatte mal einen Beitrag zu der Singbarkeit verschiedener Metren, und seitdem singe ich mit meinen Schülern gerne „Eisgekühlte Coca Cola“ zur Melodie der Nationalhymne. Das ist immer ein schöner Einstieg.

Trump hat nochmal einen obendrauf gesetzt: Lehrer mit Waffen sollten Boni bekommen. Da merkt man, wo der Kerl mit der verqueren Denke ursprünglich herkommt. Obwohl: In einem Land, in dem Lehrer einen Tag in der Woche frei bekommen, damit sie woanders Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen können, dürfte ein Bonussystem auf regen Zuspruch stoßen…

Waffen.

Mann, das war heute ein Schultag, den ich so nicht hätte haben müssen.

Aber immer noch besser, als sich bewaffnete Lehrer in Schulen vorstellen zu müssen. Dass Trump sich nicht zu blöde ist, diese Schnapsidee der NRA in den öffentlichen Diskurs einzubringen, verwundert ja mittlerweile niemanden mehr. Bewaffnete Lehrer – was für ein Irrsinn!

Das müsste man sich mal vorstellen: Statt pädagogischer Tage zur Schulentwicklung abzuhalten, ginge es dann einmal im Halbjahr gemeinsam auf den Schießstand. Man bräuchte Waffenschränke im Schulgebäude und müsste sicherstellen, dass man immer ausreichend Abstand zu seinen Mitmenschen hält: Wer weiß, ob nicht jemand einem die Waffe aus dem Holster zieht?

Man kann es kaum begreifen. Vielleicht müssen erst die Kinder der Generation „School Shooting“ in die Parlamente einziehen, um dem Irrsinn Einhalt zu gebieten?

Mit Assassin’s Creed auf Entdeckungstour

Ich bin ja durchaus ein Skeptiker, was das Spielen im Unterricht zwecks Vermehrung des Weltwissens angeht. Gamification á la „World Of Classcraft“ überzeugt mich nicht, weil ich finde, Schüler sollten aus ihrem Verständnis für ihre Mitmenschen und ihre Umwelt heraus gut und richtig handeln, und nicht, weil ein schales Belohnungssystem sie dazu motiviert. Auch bei Lernspielen herkömmlicher Art frage ich mich meist, ob Aufwand und Ertrag in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Eine löbliche Ausnahme bildet da ein von Daniel Bernsen entwickeltes Steinzeit-Spiel, das Probleme und Fragen spielerisch aufwirft.

Beim YouTube-Spot (Link) zum Entdeckermodus von Assassin’s Creed Origins ist mir allerdings schon ein wenig die Kinnlade heruntergeklappt. Die Bilder beeindrucken. Die Idee, eine Entdeckertour ohne Kämpfe, dafür mit nach Kategorien sortierten Informationen ähnlich wie in einem Museum, anzulegen, finde ich klasse. Darüber hinaus auch die Gestaltung des Spiels zu thematisieren und historische Ungenauigkeiten zu reflektieren, macht das Ganze noch besser. Gespannt wäre ich jetzt auf Urteile von Ägyptologen, die sich in der Materie wirklich auskennen, denn im Zweifelsfall werde ich zu den Feinheiten (und oft auch den „Grobheiten“!) eher wenig korrigierendes Fachwissen beisteuern können, falls das Spiel auf Abwegen unterwegs sein sollte.

Und darin könnte schon die Crux liegen: Eine informierende Computersimulation wirkt auf mich ungleich suggestiver als eine Dokumentation und sie zugleich so viel komplexer, weil sie die freie Erkundung und den Einblick in zahlreiche Details ermöglicht, sodass eine umfassende kritische Reflexion auf den ersten Blick wie eine unlösbare Mammutaufgabe wirkt. Und gerade deshalb werden wir im Geschichtsunterricht nicht umhin können, uns damit auseinanderzusetzen, denn gerade unsere interessierten Schülerinnen werden diesen Angeboten begegnen und sie nutzen!

Ansonsten finde ich die Idee großartig! Viele meiner Schüler spielen Assassin’s Creed (me too) und eine Schülerin entdeckte so ihr Faible für die Französische Revolution. Warum also dieses Interesse nicht aufgreifen und mehr damit anstellen, als das bloße Jagen von Assassinen und Templern? Mal eine Geschichtsstunde lang „Assassin’s Creed“ zocken? Warum eigentlich nicht!

Nachtrag

Eine Besprechung des Spiels findet man auch auf Golem.de.

Arbeitszeitanalyse

Heute zwischendurch mal den Gedanken gehabt, dass ich bei einem bedingungslosen Grundeinkommen gerne auf 75% herunterschalten würde. Bei meiner Allerweltskombination würde sich jede Schulleitung die Hände reiben, würden aber die MINT-Kollegen auf die gleiche Idee kommen, dann könnten Schulen dicht machen. Vielleicht doch keine so gute Idee…

Und wo ich gerade bei Arbeitszeit bin: Seit gestern läuft die Arbeitszeituntersuchung des Philologenverbandes. Man muss kein Fan des PhV sein, aber jede empirische Arbeitszeituntersuchung ist besser als keine Arbeitszeituntersuchung. In Niedersachsen war die GEW zuletzt recht erfolgreich, wenn ich mich recht entsinne, also macht mit, wenn ihr eine Einladung bekommen habt! Mitmachen kann man leider nur mit persönlicher TAN.

 

Im Tiefschlaf alle Veränderungen verpennt

Dass Schule eine statische Institution sei, in der sich schon seit der Kaiserzeit nichts mehr getan habe, ist einer der dauerhaftesten und ermüdendsten Vorwürfe, denen man als Lehrer regelmäßig begegnet. Aber über die gammelige Schule zu meckern ist immer schön schnell erledigt und man bekommt Likes, Likes Likes!

Und da gerade dieser Tweet in meiner Timeline herumgeistert, dachte ich mir, ich erläutere mal, was sich aus meiner Perspektive geändert hat, seit ich die Schule verlassen habe, denn das sind mittlerweile ziemlich genau zwei dieser vergangenen Jahrzehnte.

Das Erste, was mir im Referendariat auffiel, war, dass die Schüler viel mehr präsentierten, wie selbstverständlich Referate hielten und sogar den Unterricht selbst gestalteten. Referate waren in meiner Schulzeit (an drei verschiedenen Gymnasien) nur Sonderaufgaben für unter Notendruck geratene Schüler oder Strafaufgabe gewesen. Die Schüler, denen ich begegnete, lernten hingegen systematisch, Inhalte aufzubereiten und zu präsentieren. Und nicht nur das: Die heute so selbstverständliche Facharbeit in der Oberstufe gab es in meiner Schulzeit überhaupt nicht. Eine längere schriftliche Arbeit, in der man wissenschaftliche Arbeitsmethoden anwenden lernen sollte, eigene Thesen formulieren und Literaturrecherche betreiben sollte – das gab es vor wenigen Jahrzehnten nicht. Mir gefiel diese Entwicklung, hatte ich doch in meinem ersten Semester an der Universität noch mit der wissenschaftlichen Arbeitsweise zu kämpfen gehabt. Das Einüben des wissenschaftlichen Arbeitens konnte nur eine positive Neuerung sein.

Weniger gefiel mir die im Zuge der PISA-Studie aufkommende Entwicklung hin zur zentralisierten Testung der Schulen. Auch die hatte es vor zwanzig Jahren nicht gegeben, doch plötzlich waren PISA und IGLU tonangebend. Das Zentralabitur wurde eingeführt und VERA 8 sowie zentrale Abschlussprüfungen an anderen Schulformen eingeführt. Alles neu und letztlich einschneidende Veränderungen, von denen man annehmen muss, dass sie noch nicht am Ende sind – blickt man z. B. auf ein bundesweit vereinheitlichtes Abitur.

Nebenher zerfiel und zerfällt die altbekannte Schullandschaft. Die Eltern meldeten ihre Kinder nicht mehr an den Hauptschulen an, die mit ihrem zunehmend schlechten Ruf als „Resteschulen“ zu kämpfen hatten. Neue Modelle werden gesucht, die Realschule verliert mittlerweile als „Ersatzhauptschule“ ähnlich an Wertschätzung wie die Hauptschule zuvor, und der Trend zum zweigliedrigen, vielleicht sogar lokal eingliedrigen Schulsystem ist absehbar. Das sind eklatante Umbrüche im Schulsystem, die eigentlich jeder beobachten kann, der mit halbwegs offenen Augen der Tagespresse folgt.

Schule war in meiner Schulzeit eine Halbtagsangelegenheit, heute ist es das erklärte Ziel, möglichst viele Ganztagsschulen zu etablieren. Ein Ganztagsgymnasium war in den 90ern undenkbar, ich hingegen arbeite heute in einem. Wir haben den 45-Minuten-Rhythmus dankenswerterweise abgeschafft und nutzen ein 90-Minuten-Modell. Andere Schulen, auch das erfuhr ich staunend im Referendariat, haben sich auf ein 60-minütiges Modell geeinigt. Auch das sieht man nicht so schnell, wenn man es im eigenen Umfeld nicht erlebt, aber Schule ist nicht so statisch, wie man sich das gerne einredet.

Dank Ganztag haben wir eine Reihe weiterer Neuerungen, die vor zwei Jahrzehnten an meinen Schulen nicht zu denken gewesen wären: Direkt in meinem Schulgebäude haben mittlerweile zwei SchulsozialarbeiterInnen ihren Arbeitsplatz gefunden, und jede Klassenleitung hat alleine für Klassenbelange ausgewiesene Klassenleitungsstunden zur Verfügung. Meine Klassenlehrer haben das noch alles vom ihrem Fachunterricht abgeknapst. Auch neu sind sogenannte „Lernbarstunden“, die im Prinzip Freiarbeitsstunden sind, in denen die Schüler klassenweise an eigenen Arbeitsschwerpunkten arbeiten. Dabei ist es hilfreich, dass nicht alle Arbeitsphasen im Klassenraum stattfinden müssen, denn an meiner Schule (und auch an anderen, die ich besucht habe) gibt es mittlerweile zahlreiche Arbeitsflächen außerhalb des klassischen Klassenraumes. So kann man im Foyer, auf dem Flur oder auch in der Cafeteria, im Schulgarten oder auf der Außenterrasse arbeiten. Völlig undenkbar in meiner Schulzeit!

Wen das eigene Arbeiten nicht weiterbringt, der muss sich nicht mehr, wie in meiner Schulzeit, alleine auf die Nachhilfe verlassen. Schulinterne Fördersysteme sorgen dafür, dass auch Kinder aus weniger betuchten Elternhäusern die Möglichkeit fachlicher Förderung bekommen: dafür gibt es bspw. von Fachlehrern betreute Lernbüros (kostenlos), fachspezifische Förderkurse (kostenlos) oder das Modell „Schüler fördern Schüler“ (günstig). Solche tollen Einrichtungen gab es an meinen Schulen nicht.

Jemand, der aus den 90ern kommend durch meine Schule laufen würde, würde schnell feststellen, dass sich in einigen Klassen bis zu fünf Erwachsene gleichzeitig aufhalten – und sich niemand daran stört. Die Inklusion ist bei uns angekommen und zieht sich durch fast alle Klassenstufen. Eine Klasse, aber zwei Klassenräume, viel Grundschulmaterial, Klassenteamtreffen oder das Unterfangen, zielgleiche und zieldifferente Kinder an einem Gymnasium gleichzeitig zu unterrichten, das würde, davon bin ich überzeugt, einen Zeitreisenden mehr als verblüffen.

Integrationsklassen lernte ich zwar schon Anfang der 2000er kennen, da waren sie allerdings Metier der Hauptschule. Mittlerweile machen wir auch das an meinem Gymnasium – und Kinder, die nahezu kein Wort Deutsch können, werden so gut wie möglich in unseren fachlich orientierten Unterricht und die soziale Gemeinschaft integriert. Auch das etwas, dass ich an meinen Schule so nie erlebt habe.

So. Das waren meine 2 Cent. Ich finde, es hat sich während der letzten Jahrzehnte verdammt viel verändert in der Schullandschaft, und es gäbe bestimmt noch weitaus mehr, das man hier aufzählen könnte. Das hier habe ich jetzt spontan heruntergeseiert, obwohl heute Samstag ist und ich an diesem Tag eigentlich keine unnötige Sekunde an „Schule“ verschwenden möchte. Man kann all diese Veränderungen ignorieren, hat dann aber wohl eher selbst die letzten Jahrzehnte im Tiefschlaf verbracht. Und – uh, oh, ich habe ja noch gar nichts über Technik geschrieben…

Nachtrag

Eine entscheidende Veränderung habe ich ganz vergessen, die aber nur für gebundene Ganztagsschulen gilt: Die Abschaffung der Hausaufgaben! Noch so eine „unerhörte“ Veränderung, die einen Zeitreisenden in pures Erstaunen (und vielleicht sogar Entsetzen) versetzt hätte.

Autorität im Wandel

Adam Neely hat einen sehr erfolgreichen YouTube-Kanal. Er beschäftigt sich dort mit allem, was mit Musik und Musiktheorie zu tun hat, und verkörpert dabei alle Attribute, die man so als YouTuber braucht: Er wirkt engagiert, authentisch, glaubwürdig und er demonstriert immer wieder profundes Wissen, was ihm mittlerweile fast 300.000 Abonnenten beschert hat. Ich bin seit Neuestem auch einer von ihnen.

Adam kommentiert auf Anfrage auch immer wieder Videos, die seine Zuschauer ihm schicken. Sie wünschen sich einen Tipp, wie sie ihr Spiel verbessern können, erhoffen sich kompositorische Impulse oder einfach einen kritischen Blick auf ihre Handhabung des Instruments. Denn Adam Neely hat immer einen guten Rat, auch wenn Musiker durchaus Beeindruckendes zu bieten haben. Das scheint nicht allen Kommentatoren zu gefallen. In einer Episode stellt sich Adam einem provokanten Kommentar eines Zuschauers:

„Who made this guy an authority, about what is good and what isn’t.“

Die Antwort, die Adam gibt, bringt ein Legitimationsproblem unseres (eigentlich jedes) Bildungssystems auf den Punkt:

Auf Sog setzen

Mit dem Netz und den Lehrer scheint es so eine Sache. Schaue ich in meiner Twitter-Blase herrscht zunehmend Unmut darüber, dass sich in Sachen Bildung und Digitalität nur wenig bewegt, oft irgendwo einsame Leuchttürme strahlen und ansonsten Unterricht unter medialen Bedingungen von 1980 durchgeführt wird. Dabei könnte doch gerade die Digitalisierung helfen, neue Prüfungsformate, offene Unterrichtsformen, passgenaue Binnendifferenzierung, bessere Kollaboration, Kommunikation oder das Teilen von Arbeitsergebnissen zu erleichtern, zu verbessern, zu reformieren.

Dennoch scheinen die Ergebnisse im Jahr 2017 eher mau. Während wir auf Schülerseite mit eine Vielzahl von Problemen im Kontext der Internetnutzung zu kämpfen haben, scheinen die Lehrerkollegien kaum vom Fleck zu bewegen.

Eine wunderbare Sammlung, wie das trotzdem gelingen kann, hat Dejan Mihajlovic in seinem Beitrag „Den Weg ins Netz vorleben“ zusammengestellt. Die Sammlung reicht von handfesten Vorschlägen und Erfahrungen bis hin zu eher ironischen Kommentaren, aber Dejan bringt die Quintessenz seiner Erfahrung in wenigen Worten auf den Punkt:

Deshalb habe ich vor einiger Zeit aufgehört, Mitmenschen aktiv zu ermutigen, sich am Web zu beteiligen und setze nun auf Sog und nicht auf “Druck“.

Inklusion – ein positives Zwischenfazit

So richtig wohl war mir damals nicht: kaum fortgebildet, mit null Erfahrung ausgestattet, aber dafür im Blindflug mit vollem Schub voraus. Seit über einem Jahr unterrichte ich nun in einer inklusiven Klasse an einem Gymnasium und ziehe mittlerweile ein positives Fazit – unter Vorbehalt. Dass das Fazit positiv ausfällt, liegt daran, dass die Schulleitung dafür Sorge trägt, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

Zwei Klassenräume

Wir schaffen es aktuell noch, jeder Inklusionsklasse zwei nebeneinander liegende Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Einer ist der klassische Klassenraum, der andere dient als Ausweichort, wenn Stoffe schlecht inklusiv unterrichtet werden können und wird in allen anderen Situationen als Möglichkeit zur Öffnung des Unterrichts und zur Entzerrung der gesamten Lerngruppe genutzt. So kann man z. B. trennen in einen stillen Raum für konzentrierte Einzelarbeit und einen Raum, in dem man sich mit dem Partner austauschen darf.

Der größere Raum ist eingerichtet wie ein typischer Klassenraum, wogegen der kleinere auf die Bedürfnisse der I-Kinder zugeschnitten ist. Dort befinden sich mehrere bunte Schubladenschränke mit Lernmaterialien, Aufbewahrungskisten für die Kinder, eine Couch und mittlerweile drei Computer.

Die Inklusionshelferinnen berichten, dass sie solche räumliche Strukturen so noch nicht gesehen hätten. In anderen Schulen hätten die I-Kinder sich in einer getrennten Phase oft schlicht in eine besondere Ecke des Klassenraums zurückziehen müssen.

Doppelbesetzung und Sonderpädagogin

Ich unterrichte gerne in der I-Klasse und freue mich auf jede Stunde. Oft sind die Stunden dort viel entspannter als in anderen Klassen. Trotzdem würde ich ohne die viele Unterstützung durch Integrationshelfer und Sonderpädagogin gewiss jede Stunde „schwimmen“. Die gute Arbeitsatmosphäre resultiert insbesondere aus dem Zusammenspiel mit der Sonderpädagogin, ohne die vieles im Argen liegen würde. Sowohl für die I-Kinder als auch für mich als Fachlehrer ist es von unschätzbarem Wert, dass sie in allen Hauptfächern und auch darüber hinaus in der Klasse ist und so deren Probleme und Sorgen gut kennt und die den Kindern bekannte Rolle der sich kümmernden, permanent ansprechbaren Grundschullehrerin übernehmen kann. Zudem hat sie Erfahrung damit, bei wem sie die Zügel besonders straff halten muss: Während ich noch grübele, ob ich nun einschreiten muss oder ob das juristisch gestattet ist, packt sich eine Sonderpädagogin den betreffenden Schüler auch mal unterm Arm und trägt ihn unter Umständen dahin, wo es für ihn und die Allgemeinheit am besten ist. In meiner Klasse war das aber bislang noch nicht nötig.

Sie kennt auch Spiele, von denen ich noch nie gehört habe, ist immer lustig mit den Kindern, gibt mir Tipps zu besseren Differenzierung und sorgt dafür, dass ich auch die „normalen“ Kinder mit anderen Blick sehe, denn letztlich kümmert sie sich nicht nur um „ihre“ I-Kinder, sondern um den ganzen, großen Haufen. Viele Probleme des Schulhofs können dann schnell am Rande der Stunde gelöst werden – es ist ja immer eine zweite Person da, die sich um die anderen kümmern kann.

Unterstützung durch I-Helfer

Zwei der Kinder werden von Integrationshelferinnen begleitet, da diese Kinder viele Dinge nur mit großer Mühe schaffen und eine besondere Betreuung brauchen. Unsere I-Helferinnen sind „gold“, denn sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst, unterstützen sowohl uns als auch die Kinder durch ihrer Arbeit und haben die Kinder so gut im Blick, dass ich oft bei den I-Helferinnen nachfrage, ob mein Material nun vielleicht zu schwer, zu lang oder zu leicht ist. Die I-Helfer wissen, wann ein Kind eine Pause braucht (die Couch!) und wann es sich vor der Arbeit drückt, obwohl es eigentlich gut arbeiten könnte. Wenn ich gerade mit anderen Kindern beschäftigt bin, hilft die I-Helferin auch bei inhaltlichen Unklarheiten und ganz manchmal auch den anderen Kindern.

Kooperation

Mein Nebenfach unterrichte ich nicht gemeinsam mit der Sonderpädagogin, denn dafür reichen im gebundenen Ganztag die Stunden nicht. Damit wir dennoch nicht alleine stehen, versuchen wir, auch dann die Doppelbesetzung durchzuhalten, weshalb ich mit einer Kollegin gemeinsam unterrichte. Und plötzlich steht man in einer klassischen Team-Teaching-Situation, bereitet den Unterricht gemeinsam vor, gestaltet Arbeitsblätter, teilt Arbeit auf und profitiert von den Ideen des anderen. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass das im klassischen Setting so niemals stattgefunden hätte, weil jeder von uns alleine im Klassenraum vor sich hingewurschtelt hätte. Und spannend ist es sowieso, mal andere Kollegen über längere Zeit bei der Arbeit zu beobachten.

Auch im Kollegium insgesamt nehme ich wahr, dass die Kolleginnen und Kollegen der I-Klassen zusammenrücken und auch systemisch stärker kooperieren, Absprachen treffen, über den Etat beraten und sich bei Problemen offen austauschen.

Alle profitieren

Wenn man schon zu zweit im Klassenraum steht (und noch zwei sehr fähige I-Helfer dabei hat), dann gewinnt man plötzlich viel Zeit, um sich zu den Kindern zu setzen (es ist ja Platz!) und mit diesen individuelle Probleme zu aufzuarbeiten. Da kann man wirklich mal in Ruhe Texte lesen, Rückmeldungen geben und tatsächlich Arbeitsprozesse begleiten. Die Klasse profitiert vollständig, denn sowohl die I-Kinder als auch die anderen kommen in den Genuss eines angemessenen Personalschlüssels, besonderer Materialien (es ist erstaunlich, wieviele Kinder freiwillig Ohrschützer nutzen, um in absoluter Ruhe arbeiten zu können) und wenn die I-Kinder aus dem lebenspraktischen Unterricht Waffeln mitbringen, dann schmecken die allen.

Es ist dann oft ein kleiner Schock, wenn ich nach einer Doppelstunde in meiner I-Klasse wieder alleine in meine eigene Klasse komme, wo 30 Kinder wie im Hühnerstall zusammengepfercht auf ihren Stühlen den größten Teil der Stunde im viel zu engen Klassenraum verbringen müssen. Natürlich gibt es auch in meiner unmittelbaren Nähe die weniger angenehme Seite der Inklusion, trotz der vielen Vorteile, die ich oben aufgezählt habe, aber bei mir ist es aktuell sehr angenehm.

Wollte ich nur mal gesagt haben, nach den vielen kritischen Artikeln meinerseits.