Medienskepsis.

Befinde mich gerade in einer Phase großer Medienskepsis. Habe gerade den persönlichen Eindruck, dass viele Probleme an meiner Schule Folge von Medienkonsum sind. Anscheinend treffen Schülerinnen und Schüler im Netz auf Inhalte, die sie äußerst verunsichern und emotional stark überfordern. Das drückt sich dann im eigenen Verhalten aus. Beobachtungen, wie ich sie dieser Tage mache, waren mir vor acht Jahren, vor dem großen Aufstieg der Smartphones in Kinderhänden, noch fremd. Das macht mir ernsthaft Sorgen. Hoffnungsschimmer: Meine Oberstufenschüler. Die schätzen die heutige Elterngeneration als unerfahren und überfordert ein, sind sich aber sicher, dass sie es später besser machen werden.

Ich selbst habe mich auch etwas aus dem Medientrubel zurückgezogen. Bin seit etwa drei Wochen raus aus Twitter, und zwar nicht nur inaktiv, sondern mit gelöschtem Profil, dessen 30-tägige Gnadenfrist sehr bald abgelaufen ist. Aktuell fällt mir kein Grund ein, das Profil wieder zu aktivieren. Glaube nicht, dass mir das gut tut. Seit ich aus Twitter raus bin, blogge ich wieder friedlich vor mich hin, lese entspannt meinen Feedreader leer und prokrastiniere stattdessen in Gitarrenforen. Könnte schlimmer sein.

G9.

Mal wieder was aus der Abteilung „Rin inne Kartoffeln, raus aus de Kartoffeln“: „Der Weg ist frei für die Rückkehr zu G9“ Das sollte ich eigentlich mal zu einer eigenen Kategorie machen.

So kartoffelige Sachen hatten wir ja schon öfter mit diversen Curricula und dem Hü und Hott bei den Kopfnoten. Jetzt also wieder (vielleicht!) G9, wenn sich die Schulkonferenz dafür ausspricht. Und der Träger damit einverstanden ist, wenn ich das richtig sehe.

Es ist also auf Schulebene noch nix klar und es bleibt spannend.

Demokratische Schule

„Momentan bin ich glücklich, aber ich hatte auch schon die Momente, wo ich gesagt habe, eigentlich wäre es schlauer gewesen, wenn ich auf ’ner Regelschule gewesen wäre, schon alleine wegen den schulischen Leistungen in Anführungsstrichen, die ich hier halt über den Zeitraum zumindest nicht erbringen musste. […] Und ich weiß nicht, ob das wirklich besser so ist. Ich denke, dass ich halt vor allem sehr viel mehr gelernt hätte und beispielsweise erste bis fünfte Klasse auf der Regelschule gewesen wäre und dann auf die Kapriole oder eine ähnliche Schule gegangen wäre, dann wäre es irgendwo besser für mich gewesen, weil mir fehlen viele Grundlagen und die hätte ich eben einfach gehabt.“

(Eine Schülerin der demokratischen Schule „Kapriole“, aus dem SWR-Beitrag „Mitdenken, mitbestimmen! Demokratische Schulen“)

Ein mich zunächst erschreckendes Zeugnis stellt diese Schülerin ihrer eigenen Schulzeit aus. Ich hätte mir das Fazit optimistischer vorgestellt, die Vorteile des offenen Lernens betonend, die Freiheit, die Beschäftigung mit den eigenen Interessen. Doch dem ist nicht so, die Schülerin beklagt die Mängel. Der im selben Beitrag interviewte Lehrer betont hingegen die Vorteile: Die Schüler aus der dritten, vierten, fünften Bank – die, die keine Lust auf seinen Unterricht haben – die kämen gar nicht erst zu ihm. Das mache die Situation sehr, sehr viel sympathischer.

In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag zum Thema Veränderung in Schule hatte ein Kommentator auf die Alternative der demokratischen Schule verwiesen. Ich kann in diesen Debatten leider nur wenig Sinnvolles beitragen, da ich bestenfalls grob die Konzepte kenne, aber wenig im Detail und noch weniger aus eigener Praxis. Der oben verlinkte SWR-Beitrag bot da Gelegenheit zur Erhellung.

Ich formuliere es mal sehr direkt: Oben zitierte Aussagen erwecken bei mir den Eindruck, dass sich da jemand ziemlich leichtfüßig Rosinen pickt: Schülerinnen fühlen sich nicht mit belastbarem Wissen und Kompetenzen ausgestattet, die Lehrer hingegen genießen das schöne Schulleben. Und gefeiert wird man dafür im Beitrag gleich auch noch.

Denn, und das dringt auch im Beitrag immer wieder durch, wenn es eine „demokratische Schule“ gibt, dann muss es ja auch die undemokratische Schule geben. Die fiese Schule mit den Leistungsanforderungen, dem Gleichschritt, den Klassenarbeiten, den Abschlusstests. Die, in der Schüler nix zu sagen haben.

Eine Schule für alle?

Eine echte demokratische Schule sollte meines Erachtens den Anspruch haben, das gesamte gesellschaftliche Spektrum abzudecken; meiner Erfahrung nach ist jedoch so, dass jede Privatschule eine umso speziellere gesellschaftliche Schicht sammelt, je spezieller ihr Konzept ist. Hinzu kommt das monatliche Schulgeld, das – laut SWR-Beitrag – zwischen 70€ und 350€ gestaffelt ist. Auch den unteren Betrag könnten sich viele Eltern meiner staatlichen Schule nicht leisten. Soziale Selektion qua Einkommen findet an meiner doofen staatlichen Schule nicht statt, hier ist jeder immer gerne gesehen, egal ob Töchter von CDUSPDUSW-Politikern, Industriellensöhne oder ein Strauß Geschwister alleinerziehender Eltern ohne eigenes Einkommen. Vielleicht haben Schulen wie die Kapriole gute Antworten auf diese Fragen gefunden, aber da solche Systeme eher klein sind, mag ich bezweifeln, dass viele einkommensschwache Haushalte diese Schule tragen.

Aber: Gesellschaftliche Vielfalt an staatlichen Schulen? Check!

Demokratie – ein Alleinstellungsmerkmal?

Das Pfund, mit dem die demokratische Schule wuchert, ist die demokratische Gestaltung in allen schulischen Bereichen. Immer wieder wird in sozialen Medien, Foren oder Kommentaren suggeriert, an herkömmlichen Schulen gäbe es keine demokratischen Elemente. Dem ist nicht so. Schülerinnen und Schüler haben Möglichkeiten, entscheidend auf schulische Prozesse und Entwicklung Einfluss zu nehmen. Das reicht von Einrichtungen auf Klassenebene (wie dem Klassenrat, der Wahl von Klassensprechern) bis auf die Schulebene (Wahl von Schülersprechern, Schülervertretung), wo die gewählten Schülerinnen und Schüler in der Schulkonferenz das gleiche Stimmrecht innehaben, wie die Eltern oder die Lehrerschaft. Die Schulkonferenz ist in NRW das höchste schulische Gremium, in dem schulinterne Entscheidungen getroffen werden können, und unsere Schülerinnen sind für diese Sitzungen immer sehr gut vorbereitet. In Disziplinarkonferenzen (Teilkonferenzen) sitzen immer Schüler mit Stimmrecht dabei, und unsere Fachkonferenzen werden regelmäßig bereichert durch Schülerbeiträge, die uns sehr deutlich machen, wo wir als Fachschaften bessere Regelungen treffen müssen. Streitschlichtung organisieren die Schülerinnen unserer Schule eigenständig, und ich kenne viele Schulen, die dieses Konzept umsetzen.

Mitbestimmung durch Schülerinnen und Schüler? Check!

Was es bei uns allerdings nicht gibt, ist eine Demokratisierung des Unterrichts oder eine wöchentliche Schulversammlung. Und das wären tatsächlich spannende Punkte: hier würde ich gerne mal in eine sogenannte „demokratische Schule“ hineinschnuppern und schauen, wie und ob das funktioniert.

Eindrücke

Ich halte mal meine ersten Eindrücke fest: Der Lernfortschritt scheint schon auf Grundlagenebene sehr bescheiden und die Klientel ist vermutlich eine sehr spezielle, vermutlich eher bildungsbürgerlich-alternativ, betucht. Dafür hat man (zunächst) weniger Druck und erlebt viele Möglichkeiten, sich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Besonders interessant wären empirische Untersuchungen zum Thema, vielleicht hat jemand einen Tipp für mich?

Weimarer Parlamentsdebatten zum Nachhören

Das ist bestimmt nicht nur für Historiker interessant: Bei SWR2 Wissen steht seit heute ein Beitrag online, der sich mit den Weimarer Parlamentsdebatten beschäftigt. Diese wurden schon in einem besonderen Verfahren mitgeschnitten und sind zum Teil erhalten geblieben, sodass man nun einige Redebeiträge noch einmal nachhören kann.

Und da der SWR gebührenfinanziert ist, stellt er nicht nur einen Überblicksbeitrag ein, sondern gleich ein ganzes „Archivradio“, in welchem man aus den ausgewählten Beiträgen auch gezielt nachhören kann. Leider ist es kein echtes Archiv, in dem man freien Zugriff auf alles hat. Ein solches zu pflegen übersteigt verständlicherweise auch die Kompetenz und den Anspruch eines Radiosenders, gebührenfinanziert oder nicht.

Geschichtslehrern, denen Textquellen zum Hals heraushängen, kommt das wie gerufen!

Papier-TAN.

Die Bundesländer lassen keine Chance ungenutzt, die Digitalisierung in Schulen zu versauen, Skepsis zu fördern und sich dabei vollends zu blamieren. Nachdem bei Logineo in NRW die „Notbremse“ gezogen werden musste, versagt nun auch Baden-Württemberg mit seinem Schul-Portal „Ella“. Interessant der Blick in die Heise-Kommentare: Dort berichtet ein Betroffener, dass man bei Ella Mails oder Moodle nur mit Papier-TAN(!) nutzen könne, weil eine Zwei-Faktor-Authentifizierung vorgeschrieben sei.

Hört doch mit dem unterfinanzierten Herumgebastel auf, setzt auf etablierte Anbieter und sorgt dafür, dass diese datenschutzrechtlich so eingebunden werden, dass da nichts schiefgehen kann. Ihre Technik haben die nämlich meist sehr gut im Griff, der Support ist erstklassig und man steht als Kultusminister nicht alle drei Monate wie ein Depp da.

Waffen. Jungs.

Kalt und sonnig ist es in den letzten Wochen hier in der Stadt, die es nicht geben soll.

In der New York Times kommentiert ein ehemaliger US-Marine, der nun als Lehrer tätig ist, darüber, warum es schlichtweg absurd ist, allen Menschen Zugang zu halbautomatischen Kriegswaffen zu gewähren. Er beschreibt, wie lange und wie hart seine Ausbildung als Soldat war, wie oft er die Waffe, mit der der Mörder 17 Menschen tötete,  zerlegen und zusammensetzen musste und dass es Munition nur auf den Schießständen gab. Sein Fazit:

I will immodestly state that among professors in the United States, I am almost certainly one of the best shooters. But I would never bring a weapon into a classroom. The presence of a firearm is always an invitation to violence. Weapons have no place in a learning environment.

Last month, the State Legislature in West Virginia, where my university is located, introduced the Campus Self-Defense Act. This would prohibit colleges and universities from designating their campuses as gun-free zones. If this act becomes law, I will resign my professorship. I will not work in an environment where professors and students pack heat.

Dass man dem Thema auch mit Humor begegnen kann, zeigen die von Bob Blume gesammelten Tweets. Hier in Deutschland kann man darüber zum Glück schmunzeln. Mein Highlight dieser Tweet von Frau X.:


Der Themenbereich „Jungs und Schule“ ist ein pädagogischer Dauerbrenner. Habe heute einen Podcast von SWR2 Wissen in meinem Podfetcher gefunden, der sich dem Thema „Jungs in der Schule. Das benachteiligte Geschlecht“ widmet. Habe ihn noch nicht ganz durchgehört, und bin mir mal wieder nicht sicher, ob der Podcasts bestehende Klischees verfestigt (Jungs mögen Mathe und Bewegung, Mädchen mögen Sprachen und häkeln) oder ob wir uns hartnäckig weigern, solche Geschlechterdifferenzen zu akzeptieren. Zu mir passt diese binäre Einteilung nicht so gut, ich habe als Junge sehr gerne gelesen, war als Stubenhocker verschrieen und Mathe war auch nicht so mein Fall.

Dass Jungs öfter school-shooten als Mädchen, das steht allerdings fest.

Hals. Metren. Boni.

Wonderfule Halsschmerzen zum Wochenende. Ich werde meine Erkältung gerade irgendwie nicht so richtig los. Krank werden kommt aber nicht in Frage, da in der nächsten Woche drei Termine anstehen.

Habe mir heute meinen Unterricht bei Herrn Rau zusammengeklaut. Der hatte mal einen Beitrag zu der Singbarkeit verschiedener Metren, und seitdem singe ich mit meinen Schülern gerne „Eisgekühlte Coca Cola“ zur Melodie der Nationalhymne. Das ist immer ein schöner Einstieg.

Trump hat nochmal einen obendrauf gesetzt: Lehrer mit Waffen sollten Boni bekommen. Da merkt man, wo der Kerl mit der verqueren Denke ursprünglich herkommt. Obwohl: In einem Land, in dem Lehrer einen Tag in der Woche frei bekommen, damit sie woanders Geld für ihren Lebensunterhalt verdienen können, dürfte ein Bonussystem auf regen Zuspruch stoßen…

Waffen.

Mann, das war heute ein Schultag, den ich so nicht hätte haben müssen.

Aber immer noch besser, als sich bewaffnete Lehrer in Schulen vorstellen zu müssen. Dass Trump sich nicht zu blöde ist, diese Schnapsidee der NRA in den öffentlichen Diskurs einzubringen, verwundert ja mittlerweile niemanden mehr. Bewaffnete Lehrer – was für ein Irrsinn!

Das müsste man sich mal vorstellen: Statt pädagogischer Tage zur Schulentwicklung abzuhalten, ginge es dann einmal im Halbjahr gemeinsam auf den Schießstand. Man bräuchte Waffenschränke im Schulgebäude und müsste sicherstellen, dass man immer ausreichend Abstand zu seinen Mitmenschen hält: Wer weiß, ob nicht jemand einem die Waffe aus dem Holster zieht?

Man kann es kaum begreifen. Vielleicht müssen erst die Kinder der Generation „School Shooting“ in die Parlamente einziehen, um dem Irrsinn Einhalt zu gebieten?

Mit Assassin’s Creed auf Entdeckungstour

Ich bin ja durchaus ein Skeptiker, was das Spielen im Unterricht zwecks Vermehrung des Weltwissens angeht. Gamification á la „World Of Classcraft“ überzeugt mich nicht, weil ich finde, Schüler sollten aus ihrem Verständnis für ihre Mitmenschen und ihre Umwelt heraus gut und richtig handeln, und nicht, weil ein schales Belohnungssystem sie dazu motiviert. Auch bei Lernspielen herkömmlicher Art frage ich mich meist, ob Aufwand und Ertrag in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. Eine löbliche Ausnahme bildet da ein von Daniel Bernsen entwickeltes Steinzeit-Spiel, das Probleme und Fragen spielerisch aufwirft.

Beim YouTube-Spot (Link) zum Entdeckermodus von Assassin’s Creed Origins ist mir allerdings schon ein wenig die Kinnlade heruntergeklappt. Die Bilder beeindrucken. Die Idee, eine Entdeckertour ohne Kämpfe, dafür mit nach Kategorien sortierten Informationen ähnlich wie in einem Museum, anzulegen, finde ich klasse. Darüber hinaus auch die Gestaltung des Spiels zu thematisieren und historische Ungenauigkeiten zu reflektieren, macht das Ganze noch besser. Gespannt wäre ich jetzt auf Urteile von Ägyptologen, die sich in der Materie wirklich auskennen, denn im Zweifelsfall werde ich zu den Feinheiten (und oft auch den „Grobheiten“!) eher wenig korrigierendes Fachwissen beisteuern können, falls das Spiel auf Abwegen unterwegs sein sollte.

Und darin könnte schon die Crux liegen: Eine informierende Computersimulation wirkt auf mich ungleich suggestiver als eine Dokumentation und sie zugleich so viel komplexer, weil sie die freie Erkundung und den Einblick in zahlreiche Details ermöglicht, sodass eine umfassende kritische Reflexion auf den ersten Blick wie eine unlösbare Mammutaufgabe wirkt. Und gerade deshalb werden wir im Geschichtsunterricht nicht umhin können, uns damit auseinanderzusetzen, denn gerade unsere interessierten Schülerinnen werden diesen Angeboten begegnen und sie nutzen!

Ansonsten finde ich die Idee großartig! Viele meiner Schüler spielen Assassin’s Creed (me too) und eine Schülerin entdeckte so ihr Faible für die Französische Revolution. Warum also dieses Interesse nicht aufgreifen und mehr damit anstellen, als das bloße Jagen von Assassinen und Templern? Mal eine Geschichtsstunde lang „Assassin’s Creed“ zocken? Warum eigentlich nicht!

Nachtrag

Eine Besprechung des Spiels findet man auch auf Golem.de.

Arbeitszeitanalyse

Heute zwischendurch mal den Gedanken gehabt, dass ich bei einem bedingungslosen Grundeinkommen gerne auf 75% herunterschalten würde. Bei meiner Allerweltskombination würde sich jede Schulleitung die Hände reiben, würden aber die MINT-Kollegen auf die gleiche Idee kommen, dann könnten Schulen dicht machen. Vielleicht doch keine so gute Idee…

Und wo ich gerade bei Arbeitszeit bin: Seit gestern läuft die Arbeitszeituntersuchung des Philologenverbandes. Man muss kein Fan des PhV sein, aber jede empirische Arbeitszeituntersuchung ist besser als keine Arbeitszeituntersuchung. In Niedersachsen war die GEW zuletzt recht erfolgreich, wenn ich mich recht entsinne, also macht mit, wenn ihr eine Einladung bekommen habt! Mitmachen kann man leider nur mit persönlicher TAN.