Lesetipp

Sommerferienzeit. Arbeitszimmerausmistzeit. Wer jedoch ein wenig Zeit zum Lesen mitgebracht hat, der sollte unbedingt bei Damian Duchamps rüberschauen, der hat nämlich einen wunderbaren Artikel gebloggt, in welchem er das deutsche Schulsystem aufs Korn nimmt. Er spricht mir damit förmlich aus der Seele!

Deprofessionalisierung der Lehrerbildung in NRW?

Es ist ja immer gerade dann Vorsicht geboten, wenn gewisse Schlagworte besonders laut verkündet werden. So gab es gestern eine kurze Info über die neue Ausbildungsverordnung für Referendare in NRW für das Kollegium, in der die Worte „Coaching“ und „Professionalisierung“ fielen, tatsächlich aber lediglich eine Verschlechterung der Referendarsausabildung angekündigt wurde. Zumindest ist das meine Interpretation.

Es sieht nämlich so aus, dass nun das Seminar (das man sich, wenn ich das richtig verstanden habe, nun auch im Sinne der „Professionalisierung“ in „Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung“ umbenannt hat) die Ausbildungszeit auf anderthalb Jahre verkürzt hat, dafür aber die Wochenstundenzeit um zwei Stunden erhöht.

Weniger Autonomie – vorgeschriebener Unterrichtsbesuchstermin
Für fatal halte ich, dass man den ersten Unterrichtsbesuchstermin nun von Seiten des ZfsL vorschreibt. Ja, richtig gelesen. Das Seminar blockt im Juni die Termine für den ersten Unterrichtsbesuch an den Schulen und alle Referendare müssen schauen, dass sie da irgendwie ihren Unterrichtsbesuch unterbringen – das ZfsL schert sich offensichtlich nicht um schulinterne Curricula oder darum, dass Ausbildungslehrer u.U. mitten in laufenden Reihen stecken könnten. Auch eine vorangehende Hospitation bei den möglichen Ausbildungslehrern scheint man nun nicht mehr für angebracht zu halten.

Diesen erlaubt der Zeitmangel letztlich nicht. Denn die Referendare können bestenfalls etwa 12-15 Stunden in einer Lerngruppe unterkommen, bevor sie ihren ersten, festgeschriebenen Unterrichtsbesuch machen müssen. Es stehen den Referendaren lediglich exakt 11 Unterrichtstage (in vier Wochen, viel Ausfall durch Feiertage) zur Verfügung, in denen sie Zeit haben, sich auf diesen vorzubereiten. Die Fächer werden aber nicht jeden dieser 11 Tage unterrichtet, sondern teilweise nur zweistündig, sodass entsprechende Referendare unter Umständen nach nur 8 Unterrichtsstunden (bei uns 4 Doppelstunden) einen Unterrichtsbesuch zeigen müssen. (Für Referendare exotischerer Fächer wie Philisophie könnte es u. U. sogar noch düsterer aussehen…) Das ist Banane, aber der Irrsinn lässt sich steigern!

Noch weniger Praxis
Auf Grundlage dieses ersten Unterrichtsbesuchs gibt es dann zügig ein sogenanntes „Planungs- und Entwicklungsgespräch“, in dem die zukünftige Ausbildungsperspektive ausgelotet werden soll. Direkt darauf folgen die externen Projekttage und eine pädagogische Woche für die Referendare, weshalb diese vor den Sommerferien nicht mehr unsere Schule von innen sehen werden. Netterweise dürfen sie dann direkt nach dieser wahnsinnig umfangreichen schulpraktischen Erfahrung  in den eigenständigen Unterricht gehen. Das ist mal eine schul„praktische“ Ausbildung nach Maß!

Das bedeutet in der Praxis, dass die Referendare keine Gelegenheit mehr haben, sich in Ruhe die Schule, die Fachkollegen und die Unterrichtsgruppen anzuschauen, sondern letztlich darauf hoffen müssen, dass sie bei erstmaligem Betreten der Schule sofort einen freundlichen Kollegen finden, der sie sofort(!) und intensiv auf diesen unseligen vorgegebenen Unterrichtsbesuch vorbereitet. Die Verantwortlichen für die Ausbildungsordnung sehen das locker, immerhin haben die Referendare im Studium ja ein Praxissemsemester absolviert. Damit sind sie gewiss bestens auf einen zügigen Unterricht ohne Anleitung vorbereitet.

Fazit: Eine zweifache Zusammenstreichung der Ausbildungszeit durch das Verkürzen in Quantität (auf 1,5 Jahre) und Qualität (durch mangelnde Hospitation vor dem ersten Unterricht) bei gleichzeitiger Erhöhung der Präsenszeit (+2 Stunden, man muss das weggefallene Halbjahr ja ‚reinholen‘) und verpflichtenden Unterrichtsbesuchsterminen ergibt für mich in der Summe einen höheren Druck und eine schlechtere Ausbildung. Zumindest ist das meine Prognose, ich lasse mich gerne durch die Praxis oder weitere Details eines Besseren belehren –  vielleicht wird’s nach dem ersten Semester ja besser…

Als ob das Problem die Bücher wären

Als Buch hat man es neuerdings nicht leicht. Amazon verkauft Ebook-Reader und prahlt mit gigantischen Verkaufszahlen, die denen des altbekannten Handels überlegen seien. Doch geht es längst nicht nur um die äußere Form des Buches, sondern auch die Struktur, in der es typischerweise Inhalte präsentiert, wird kritisiert. Auch Lehrer philosophieren mittlerweile über das Ende der „Buchgesellschaft“.

Armes Buch! Angefangen hatte alles vor einigen Jahren mit den Zeitungen. Mit dem Aufkommen der Blogs, die sich nach und nach als unabhängige und scharfzüngige Alternative zu den oft eher blutarmen Online-Angeboten der etablierten Zeitungen erwiesen, spürten die alten Leitwölfe den kalten Wind der neuen Zeit und überzogen die neuen Meinungsmacher im Gegenzug mit Häme. Die höhnische Reation auf die sich mitten in einer Umstrukturierung befindlichen Zeitungen waren entsprechend: Als „Holzmedium“ oder gerne auch als „Totholz“ bezeichneten Blogger die gedruckte Konkurrenz. Blogger und Zeitungsjournalisten waren sich spinnefeind. Die erste größere, gesellschaftsrelevante ideologische Kluft zwischen digitaler und analoger Welt war aufgetan.

Diese Kluft scheint nun im Bildungsbereich angekommen, liest man den Beitrag „Schule und die Buchgesellschaft“ auf EduShift, in dem Felix eine Abschaffung der „Buchkultur“ fordert. Die These lautet, dass das Buch durch seine Linearität und seine normierende Kraft sowohl Wirkung auf die (Klassen-)Gesellschaft im Allgemeinen und damit auch auf die „Konstruktion von Schule“ hat. Letztere, funktionierend nach dem Prinzip Frontalunterricht, sei überholt und müsse ersetzt werden durch ein neues Lernen, das sich auf Kommunikation in Verbindung mit dem neuen Leitmedium, dem Internet, berufe. Dieser Erfordernis eines Lernens durch Kommunikation stehe aber das Buch entgegen, da es verbindliche Interpretationen erfordere und eine Einweg-Kommunikation darstelle.

Mich überzeugt diese Kritik an der Buchkultur nicht und auch der Ausblick auf eine irgendwie kommunikativ lernende neue Gesellschaft wirkt wenig reizvoll.

Weiterlesen

„Eine der letzten Schlachten der Ständegesellschaft.“

So leitet die NDR-Moderatorin den Panorama-Beitrag zum Thema Hamburger Schulreform ein. Es geht im Beitrag um eine Initiative, die sich dem Ziel verschrieben hat, eine Einführung der sechsjährigen Primarstufe zu verhindern. So weit, so gut – nichts, was mich beunruhigen würde – aber als der Beitrag ausgestrahlt wurde, musste ich die Zähne feste aufeinanderbeißen, um nicht laut aufzuschreien, als eine bepelzmantelte ältere Frau vom „systematisch herangezüchteten akademischen Proletariat“ schwafelte.

Zitat eines anderen Teilnehmers dieser Initiative:

„Dass ein Kind eines Arbeiters mit dem Kind eines Vorstandsvorsitzenden zusammen am Nachmittag spielt und davon profitiert ist … äh… mag vielleicht manchmal funktionieren, in der Regel wird das aber nicht der Fall sein.“

Dazu sage ich nichts mehr. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ ist darum ein passender Titel des Kommentars bei Freitag.de. Und wer den Beitrag um eine Initiative mit fragwürdigen Zielen noch sehen möchte, wer den kalten Angstschweiß der oberen Zehntausend vor gebildeten Aufsteigern riechen will, der kann das beim NDR tun (ich glaube, ab Minute 12:00 geht es los…).

Schüler und Studenten sind „gestrig“

Soviel Chuzpe muss man haben, den jungen Teil unserer Gesellschaft als „gestrig“ zu bezeichnen. „Alternativlos“ ist auch eine Vokabel, die man sich merken muss. Wer und was nicht passt, wird einfach fein zurechtgestutzt. So tickt die eigentliche Vertreterin der jungen Menschen, unsere Bildungsministerin.

Zerfasertes

„Wie können wir unsere Schulen schützen“ fragt die BILD. Indem man Killerblättchen verbietet, könnte die Antwort lauten, folgt man den Erkenntnissen der Kriminologin Britta Bannenberg, die vom Bildblog zitiert wird. Ähnlich Ungezieltes wie im Folgenden findet man im Lehrerzimmer. Bedenkenswertes auch bei Spreeblick.

Wie man hört, soll es an Baden-Württemnberger Schulen einen Warncode für Amoktäter geben: Wenn das Stichwort „Frau Koma“ fällt, ist allen klar, dass ein Amoktäter die Schule heimsucht. Nur welchen Sinn soll das haben? Da die Täter zumeist ihre eigene Schule aufsuchen, kennen sie das „Codewort“ – es ist damit genauso effektiv, wie wenn man direkt und unmissverständlich durchgibt, dass eine bewaffnete Person die Schule betreten hat. Beim Stichwort „Frau“ würde ich mich wahrscheinlich schon ausklinken und meinen Unterricht weitermachen, statt die Tür abzuschließen…

Ich frage mich manchmal, wo bei diesen Menschen der „point of no return“ liegt? Wann ist der Moment, in dem ein doch meist unauffälliger, junger Mensch endgültig zum Täter wird. Und zwar zu einem kompromisslosen Täter, kompromissloser als die meisten Raub- und Massenmörder zu sein scheinen, wenn wahllos und ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht Menschen dahingemordet werden.

Mittlerweile ändert sich meine Haltung zu Computerspielen, vielleicht auch, weil diesmal der Fokus der Mediendiskussionen nicht auf der Debatte um sogenannte „Killerspiele“ liegt. Ich erinnere mich noch gut an die eigene Jugendzeit, als wir rätselten, ob Wrestling nun echt oder gespielt sei; als Actionfilme noch nachhaltig Eindruck und aus heutiger Sicht lächerliche Horrofilme schlechte Nächte bescherten. Die Perspektive des jugendlichen Hokey war nun mal eine andere als die des erwachsenen Hokey. Moderne Actionspiele kenne ich nicht aus jugendlicher Sicht – vielleicht entgeht mir da der Einfluss, den diese Bilder auf noch reifende junge Männer haben können.

Eine Referendarin ist bei dem Attentat gestorben, so hat man auf WDR 5 gestern berichtet. Das macht mich betroffen, vermutlich, weil es so nah an meiner Lebenssituation ist. Du wirst einer Schule zugewiesen, gibst dein Bestes für die Schüler dort, plötzlich steht einer mit ’ner Pistole vor dir und erschießt dich. Falsche Zeit, falscher Ort. Mann.

Ich glaube, es sind in Deutschland mehr Menschen bei School-Shootings ums Leben gekommen, als bei Terroranschlägen von allen islamistischen Terroristen zusammengenommen. Mehr Menschen wurden durch Sportwaffen ermordet als durch all die imaginären Bomben, die durch die Köpfe unserer Innenminister rollen. Dabei geht es scheinbar immer um Macht, um gekränkte Ehre, darum, es dem Rest der Gesellschaft noch einmal zeigen zu wollen, bevor man als Anti-Held den Tod findet. Doch sind nie die Lehrer alleine die Ziele dieser Täter; die Verletzungen reichen vermutlich tiefer als schlechte Noten – was hat man den Tätern angetan, dass sie in derartige Depressionen stürzen, sich in Gewalt flüchten und vom unauffälligen Einzelgänger zum enthemmten Massenmörder werden? Schule scheint jedoch ursächlich etwas damit zu tun zu haben – ansonsten könnten die Täter auch in einen Supermarkt oder an den Bahnhof gehen. Wir sollten langsam anfangen darüber nachdenken, statt leichtfertig mit dem Finger auf Sportschützen und Computerspiele zu zeigen.

Mit Abstand

Die frohe Botschaft vorab: Es ist vollbracht! Ich habe eine Stelle an einem Bielefelder Gymnasium angenommen und brauche im Untertitel des Blogs nicht das Prädikat „arbeitsloser Lehrer auf Jobsuche“ zu führen! Die Zusage war eine große Erleichterung, denn es hätte die festliche Vorweihnachtsstimmung doch um einiges getrübt, wenn die Unsicherheit der Arbeitslosigkeit fürs Jahr 2009 gedräut hätte. Zumal man nach der Hochstimmung aufgrund des erfolgreichen Prüfungstages ungerne in Depressionen verfallen möchte.

Der Prüfungstag
Der Prüfungstag… zu dem wollte ich sowieso noch etwas schreiben – ein langer Text ist dazu schon entstanden – aber mit ein wenig Abstand bloggt es sich doch besser. Doch meine ursprüngliche Einschätzung bleibt: Diese Institution ist unsäglich. Im schlimmsten Fall, welcher bei einem mir sehr gut bekannten Referendar eingetreten ist, hat man anderthalb Jahre lang ordentlichen Unterricht gemacht und steht letztlich dennoch wie ein begossener Pudel da, denn durchfallen kann man am Prüfungstag immer, selbst wenn alle Vornoten „Sehr gut“ sein sollten. Man ist also auf Verderb und Gedeih der Prüfungskommission ausgeliefert – ausgerechnet den Menschen, die, mit Ausnahme des Fachleiters, am wenigsten Unterricht überhaupt gesehen haben.

Was ein Durchfallen dann bedeutet, brauche ich hier wohl nicht noch einmal auszuführen. Verlust an Selbstvertrauen, Zweifel am eigenen Unterrichtsstil, Verständnislosigkeit bei überraschendem Nichtbestehen, 15% weniger Gehalt und nur noch eine letzte Chance, bevor man vor dem Nichts steht, obwohl man jahrelang dafür geschuftet hat. Nichts gegen harte Prüfungsbedingungen, aber wenn so vieles von 90 Minuten abhängt, dann kann man nicht mehr von Objektivität sprechen.

Blick nach vorne
Doch egal. Das Thema ist jetzt durch. Ich kann nach vorne blicken und will auch gar nicht meckern. Immerhin habe ich an meinem Prüfungstag meine neue Chefin kennengelernt, ohne allerdings zu wissen, dass ausgerechnet meine Prüfungsvorsitzende meine neue Chefin werden würde.

Ich freue mich auf meine neue Aufgabe, doch frage ich mich, wie ich ab dem neuen Halbjahr mit dem Fulltime-Job an meiner neuen Schule zurechtkommen werde. Immerhin werde ich dann mehr als das Doppelte an Stunde zu bewältigen haben als das, was ich im eigenständigen Unterricht kennengelernt habe. Ich gehe mal davon aus, dass das harte Monate (Jahre?) werden, bis man das effizient hinbekommt. Neue Schulbücher, neue Kollegen, neue interne Curricula, neue Schüler, ein neues Gebäude, neue Eltern, neue Chefs – das wird aufregend.

Vielleicht habe ich an meiner neuen Schule Gelegenheit, einen Israel-Austausch zu machen, was mich als Geschichtslehrer natürlich brennend interessieren würde (Schaffe ich es wohl, nebenbei Hebräisch zu lernen?). Da ich an einer Ganztagsschule arbeiten werde, überlege ich aktuell, wie ich mich ins AG-Angebot einbringen kann. Eine AG „Experimentelle Archäologie“ fände ich ja mal spannend, aber das lasse ich mir noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen. Immerhin braucht man dafür eine Menge praktische Erfahrung und eine Menge handfestes Material – und an beidem mangelt es mir. Aber toll wäre das… ich denk‘ lieber noch mal drüber nach…

Demnächst steht ein Besuch an meiner alten Uni ins Haus, bei der Lehramtsanwärter mir und einer Mitreferendarin Fragen zum Referendariat stellen können, worauf ich ebenfalls sehr gespannt bin. Ich überlege noch, ob eine kleine Präsentation nützlich sein könnte, denn anderhalb Stunden Frage-Antwort ist ja für beide Seiten sehr ermüdend. Das gilt auch für Studenten. Da ich mein Referendariat insgesamt positiv erlebt habe, kann ich den Studenten doch Mut machen und ihnen Raten, den Panikstuss auf einschlägigen Referendarseiten in den Wind zu schlagen.

Wie auch immer, dieses stressbeladene Jahr neigt sich einem entspannten Ende zu und ich wünsche Euch allen frohe und erholsame Weihnachtsfeiertage!

„Bildung ist ein Standortfaktor“

Und wir können lernen von all denen, die in den vergangenen, effizienzbesoffenen Jahren besonders out waren: Von den Schülern altsprachlicher Gymnasien zum Beispiel, die ihren marktgetrimmten Altersgenossen immer schlechter erklären konnten, wozu Latein und Griechisch denn gut seien. (…) Von Lehrern, die nicht glauben, dass sie ein Produkt herstellen – sondern, dass sie Kinder erziehen. Von all diesen Menschen könnten auch die Marktradikalen etwas lernen: dass eine Gesellschaft andere Kraftquellen hat und andere Kraftquellen braucht als nur den Profit. (Zeit)

Dabei fiel heute im Seminar wieder das Wort vom „Standortfaktor Bildung“. Bildung scheint für Menschen, die so sprechen, lediglich eine volkswirtschaftliche Ressource wie Kohle und Öl zu sein, die man den entsprechenden wirtschaftlichen Bedürfnissen gemäß heranzüchten und ausbeuten kann. Die Folgen einer solchen Politik sehen wir heute an einer angeblich von Anette Schavan unterdrückten Studie: Fast 20.000 Abiturienten haben sich wegen der Studiengebühren gegen ein Studium entschieden.

Ganz anders die beiden Hauptschullehrer, die heute im Seminar eine Fortbildung leiteten. Diese führten uns Referendaren praxisnah (sprich: sie behandelten uns wie ihre Schüler) vor, wie ein Tag an ihrer Konrad-Adenauer-Hauptschule in den Klassenstufen 5 und 6 aussieht. Ich kann das jetzt nicht in Gänze ausführen, aber diese engagierten Lehrer schaffen es tatsächlich, ihren Schülern einen Projektunterricht im dewey’schen Sinn anzubieten, der ihnen tagsüber weitestgehend über ihren Unterricht Wahlmöglichkeiten lässt, sogar so weitgehend, dass die Schüler die Möglichkeit haben, eine Woche weniger Mathe zu machen, eine andere Woche dafür mehr.

75 Schüler werden von zwei Lehrern betreut. Das Tagesprogramm legen die Schüler selbst in der ersten Stunde fest, indem sich jeder Schüler für einen von mehreren Punkten entscheidet, die ihm an der Tafel präsentiert werden. Die Abstimmung läuft äußerst straff, so wie der ganze Unterricht einem strengen Reglement unterliegt, was uns Referendare einige Mal kräftig schlucken ließ. Bspw. geben die Lehrer vor, wieviele Fragen zu einem Thema gestellt werden dürfen. So müssen dann jeder einzelne der 75 Schüler überlegen, ob seine Frage jetzt wirklich sinnvoll und nicht nur Zeitschinderei ist, denn wenn durch Drömelei eine von maximal drei Fragen verloren geht, ist das eine Möglichkeit, sich ganz schnell unbeliebt zu machen. Klare Zeitvorgaben und keine Kompromisse sind Programm.

Auf der anderen Seite steht die große Freiheit, die die Schüler in ihren Entscheidungen haben. Am Ende stehen Produkte: Filmsequenzen, Baseballkappen, Handwerksarbeiten. Die Schüler in den Filmsequenzen sprechen alle eloquent, machen keinen „unterbelichteten“ Eindruck. Die Fächer finden Verbindung in den Projekten, die man hier sonderbarerweise „Netzwerke“ nennt. Beim Projekt (ich nenne es Projekt :-P) „Fahrzeug“ müssen die Schüler einen Bericht anfertigen, physikalische Grundlagen klären und eine Präsentation ihre Fahrzeuges vorbereiten.

Er hätte keine Bauchschmerzen mehr, seitdem er sich frei entscheiden könne, was er am Tag machen wolle, sagt ein junger Mann. Ich glaube es ihm unbenommen, es klingt nicht gestellt. In die Uni seien sie nun eingeladen worden, erzählen die beiden Lehrer, um ihre Schule vorzustellen. Das wäre ein tolles Projekt, an dem die Schüler schon arbeiten würden.

Das sind sie: Lehrer, die nicht glauben, dass sie ein Produkt herstellen – sondern, dass sie Kinder erziehen.