Dritter Medienbildungstag – Nostalgie.

Gestern fand der dritte Medienbildungstag meiner alten Alma Mater, der Uni Bielefeld, statt. In den letzten Jahren habe ich die Uni auch immer wieder einmal aus unterschiedlichen Gründen besucht, aber dieses Mal war mir wirklich etwas nostalgisch zumute. Da mag zum einen daran liegen, dass ich ausnahmsweise ohne marodierende Schülergruppe im Schlepptau da war und zum anderen daran, dass mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich mittlerweile nahezu doppelt so alt wie die Erstsemester bin. Hilfe, ist das alles lange her, obwohl es mir vorkommt, als wäre das alles erst gestern gewesen!

Und da ich ca. 40 Minuten zu früh da war, habe ich mir erst einmal wieder in Ruhe die Uni angeschaut. Es hat sich doch einiges verändert – und das durchaus zum Positiven.

Nostalgie

Die gute alte Unihalle. Wie immer hässlich, von Plakaten diverser Interessensgruppen behangen, das Rattern der Tassenwagen auf dem schwarzen Noppenboden, der Bäcker, der Schreibwarenladen – alles noch an seinem Platz. Tauben im Dach gurren so laut, dass es die ganze noch spärlich besetzte Halle erfüllt. Die Sparkasse, in meiner Anfangszeit noch mit Personal besetzt, ist schon vor einigen Jahren durch Automaten ersetzt worden. Gott sei Dank gab es früher noch Menschen in der Filiale, denn ohne diese hätte ich meine Kaution für meine erste Wohnung nicht so schnell bekommen, wie es hätte sein müssen. Das ging nämlich plötzlich ganz schnell.

Auf der Suche nach der Uni-Bücherei werde ich jedoch jäh enttäuscht: Statt der kleinen Bücherhöhle, in der stapelweise die Semesterliteratur vorgehalten wurde, treffe ich nur auf einen seelenlosen Arbeitsraum, der unfreiwillig an diese Begegnungsräume im Knast erinnert, die man aus Fernsehserien kennt. Was haben sie mit der Bücherei gemacht? 😢

Schöner arbeitet es sich da auf der Galerie, die natürlich keine Ruhe bietet, dafür aber direkt am Puls der Uni schlägt. Freies Internet gibt es hier, jedoch ist das nur vor acht Uhr nutzbar, im Workshop war ein Umstieg auf das eigene mobile Netz nötig. Beim Gang über die Galerie begegnen mir alte Bekannte, natürlich das Büro des AStA und das des Schwulenreferats. Als ich als Erstsemester da das erste Mal vorbeigegangen bin, wären mir fast die Augen ausgefallen, denn dort hing ein Plakat, das zwei Männer bei der Fellatio zeigte. Ich konnte das damals gar nicht glauben, dass man solch ein Plakat aufhängen darf und war reichlich verunsichert. Gestern habe ich mich aufrichtig gefreut, dass das Plakat immer noch hängt. Es gehört einfach zum Uni-Inventar.

Die Aufwertung der Toiletten ist augenfällig. Statt der stinkenden Pissrinne und der löchrigen Toilettenwände setzt man auf ein schickes Design und klare Struktur. So saubere Toiletten habe ich in dieser Uni noch nie gesehen. Noch ein kurzer Besuch im Audimax und ein Foto von der kritischen Kunst vor dem Audimax – und dann ging die Begrüßungsveranstaltung auch schon los. 

Verstärkt wurde meine Nostalgieaufwallung dann auch noch im sicheren Hörsaal, als Frau Prof. Josting in die Veranstaltung eingeführte, denn an Frau Josting habe ich ausnahmslos positive Erinnerungen. Meine zweite Hausarbeit habe ich bei ihr geschrieben und ich weiß noch genau, was sie mir sagte, als sie mir diese zurückgab.

Später, nach der Einführung und dem ersten Workshop bei Ricarda Dreier, habe ich noch nachgeschaut, ob es die mega Frikadellen-Fladenbrote mit Krautsalat noch gibt – zu Studi-Zeiten quasi Grundnahrungsmittel – es gibt sie! Zu den Inhalten des „Mebit“ gibt es später mehr, erst einmal musste ich hier Grundbedürfnisse befriedigen. 😉

Ganztag. Doppelstunden. Halbtag?

Immer wieder beklagt man in der Öffentlichkeit die Unbeweglichkeit des Schulsystems. Dabei ist es die ganze Zeit in Bewegung. Zwar leider nur drei Schritte vor und dann wieder zwei zurück, aber in Bewegung ist es die ganze Zeit. Mal gibt es Kopfnoten, dann wieder nicht. Mal gibt es Inklusion, dann wieder nicht. Mal gibt es G8, dann wieder G9. Und mit dem Wechsel zu G9 steht auch die von der vorigen Regierung besonders propagierte Idee der Ganztagsschule wieder in Frage. Das erhöhte Stundenvolumen durch ein zusätzliches Schuljahr ermöglicht es den Gymnasien theoretisch, sich wieder fast vollständig nur als Halbtagsgymnasien zu präsentieren. Aber ist das sinnvoll?

An meiner Schule sind wir seit einigen Jahren im Ganztag – und auch für uns stellt sich die Frage, ob und wie wir diesen unter G9-Bedingungen weiter fortsetzen wollen. Ich möchte im Folgenden beschreiben, welche Vor- und Nachteile ich im Ganztag aus Lehrersicht wahrnehme.

Ganztag an meinem Gymnasium

Ein vollständiger, langer Schultag erstreckt sich bei uns von 7.50 Uhr bis 15.35 Uhr. Es gibt (mit Ausnahme für die fünften Klassen) eine Mittagspause von 13.05 bis 14.05 Uhr. Ganztag ist bei uns nicht zu denken ohne das Doppelstundenmodell. Wir haben an langen Tagen vier Lernphasen, die jeweils 90 Minuten umfassen, also immer von einer Doppelstunde Unterricht abgedeckt werden. Schülerinnen und Lehrerinnen haben also immer höchstens vier Fächer, auf die sie vorbereitet sein müssen.

Da wir die zusätzlichen Ganztagsstunden nicht schlicht für mehr Unterricht nutzen dürfen, verwenden wir sie für eigenständige Lernphasen sowie Wahlpflicht-AG-Stunden oder Klassenprojektstunden, in denen die Klassenleitungen Gelegenheit haben, sich um organisatorische und pädagogische Belange ihrer Klasse zu kümmern. Besonders letztere befreien Klassenleitungen davon, Teile ihres Fachunterrichts opfern zu müssen, und sie helfen dabei, sinnvolle Einrichtungen wie den Klassenrat zu institutionalisieren. In einem 45-Minuten-Modell hätte der wenig Chancen.

Aufgrund des Ganztages ist es uns möglich, eine Schulsozialarbeiterin direkt vor Ort zu haben, die neben ihren pädagogischen Aufgaben auch für Angebote in den Mittagspausen und bei Schulveranstaltungen sorgt. Als Klassenleitung bin ich dieser Kollegin schon mehr als tausend Dank schuldig, weil sie in harten Zeiten viel Last von meinen Schultern genommen hat. Schule ohne Schulsozialarbeit mag ich mir nicht mehr vorstellen.

Vorteile des Doppelstundenmodells

Als wir über das Doppelstundenmodell debattierten, hatte ich als neuer, frisch aus dem Referendariat stammender Kollege, die Befürchtung, dass es sehr anstrengend sein könnte, jede Stunde als Doppelstunde planen zu müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Statt – wie zuvor an einem „normalen“ sechsstündigen Tag fünf bis sechs Lerngruppen – muss ich nun nur maximal vier Lerngruppen vorbereiten.

90 Minuten reichen im herkömmlichen Unterricht für fast alles. Man kommt nicht in Zeitprobleme bei Klassenarbeiten (wie man die je in 45 Minuten sinnvoll schreiben lassen konnte?) und Arbeitsphasen können sinnvoll zu Ende geführt werden. Referendare können immer die von den Fachleitern geschätzte Auswertungsphase zeigen, auch wenn die Schülerinnen einmal etwas länger brauchen. Nahezu alle Arbeitsformen, die etwas mehr Zeit beanspruchen, können jederzeit durchgeführt werden und auch Filme können gezeigt und direkt nachbesprochen werden. Die unsinnigen Zwänge eines 45-Minuten-Rasters sind nicht mehr existent und das ist gut so.

Als Ganztagsgymnasium müssen wir logischerweise mehr Stunden abdecken als Halbtagsgymnasien. So kommt es, dass ich nicht jeden Tag meine sechs Schulstunden „herunterreiße“, sondern an manchen Tagen acht Stunden. Das wiederum hat zur Folge, dass ich an anderen Tagen ggf. nur vier Stunden unterrichten muss – und diese teilweise erst um 9.40 Uhr beginnen. Mitten in der Woche am Morgen entspannt im Arbeitszimmer arbeiten zu können, ist eine Errungenschaft des Doppelstunden-Ganztags.

Negativer Nebenaspekt des Doppelstundenmodells sind die sogenannten „Springstunden“. Das sind regelmäßige Freistunden, in denen man mitten im Schultag nicht eingesetzt werden kann (z.B. montags in der 3./4. Stunde). Was einem in den ersten beiden Stunden einen langen Morgen beschert, sorgt mitten am Schultag für Leerlauf. Wichtig ist darum, dass man eigenständig dafür sorgt, dass die Zeit sinnvoll genutzt wird: So kann man bei guter Planung Korrekturen, Klassen-Orga, Gesprächstermine, Vorbereitung etc. in diese Phasen legen und so seinen Nachmittag etwas entlasten.

Das klingt nun alles ganz prima, doch so einfach ist es nicht. Entlastend ist der Ganztag auf seine Weise schon, aber…

Nachteile

… wenn ich nachmittags nach Hause komme, bin ich im wahrsten Sinne des Wortes „durch“. In der Regel ist das gegen 16.00 Uhr, wenn nicht noch andere Termine hintendranliegen. Danach geht außer Vorbereitung nicht mehr viel, Korrekturen schiebe ich darum konsequent ins Wochenende oder in die Ferien. Habe ich eine Klassenleitung, lege ich telefonische Elterngespräche und E-Mails in die Abendstunden

Habe ich hingegen kurze Tage (also sechs durchgehende Vormittagsstunden), kommen diese mir vor wie Urlaub.

Die Mittagspause

Die einstündige Mittagspause – so wichtig sie vor dem Nachmittagsunterricht für Schülerinnen und Lehrerinnen ist – frisst auch eine Stunde Zeit, die man sich im Halbtagsmodell sparen kann. Eine „echte“ Pause ist es meist sowieso nicht, weil man dann ja (fast) alle Kolleginnen über eine Stunde hinweg erreichen kann und immer dringend irgendwelche Dinge klären muss. Drängen die Korrekturen, dann nehme ich mir meine Arbeit auch mit in die Mittagspause – und unser Korrekturraum ist immer gut besetzt.

Zudem hat der Schulträger uns mit dem Bau der Mensa einen schönen Kuckuck ins Nest gesetzt: Niemand möchte da gerne essen. Lehrerinnen zweier Schulen meiden es gänzlich, dort zu essen. Lediglich einige Schülerinnen, überwiegend aus den unteren Klassen, nutzen das Mensaangebot. Ein Gefühl von Entspannung mag dort nicht so recht aufkommen – dazu und zu dem Irrsinn der Architektur dieses jungen Gebäudes mal in einem anderen Beitrag.

A- und B-Wochen

Das Doppelstundenmodell erfordert, dass Fächer, die in ungerader Stundenzahl unterrichtet werden, derart auf zwei Wochen verteilt werden, dass sie ins Modell passen. Also wird ein Oberstufengrundkurs mit drei Stunden so auf zwei Wochen verteilt, dass er in einer Woche mit zwei und in der Folgewoche mit vier Stunden vertreten ist. Deshalb haben wir „A- und B-Wochen“, sprich: jede Klasse, jede Kollegin hat zwei Stundenpläne, damit alle Stunden ins Doppelstundenraster passen. Das ist nicht wirklich schlimm, aber ich weiß grundsätzlich nie, in welcher Woche ich gerade bin und welche Stunden ich morgen habe. Einen einwöchigen Plan hat man sich im Gegensatz dazu schnell gemerkt.

Ungünstig ist diese Aufteilung auch, wenn man das Pech hat, dass viele Feier- oder Brückentage, ggf. auch Klausurtermine auf bestimmte Tage fallen: Dann kann es passieren, dass meine achte Klasse mich in Geschichte nicht so häufig sieht, weil ja immer gleich alle beiden Wochenstunden gleichzeitg ausfallen – und nicht nur eine, wie es im Halbtagsmodell der Fall wäre.

Auch Referendare kämpfen oft mit unserem Doppelstundenmodell, da dieses es ihnen sehr erschwert, (Oberstufen)kurse zu finden, die nicht an ihrem Seminartag oder parallel zu ihrem eigenen Unterricht liegen. Auch die Terminierung von Unterrichtsbesuchen ist etwas komplizierter, und die meisten Fachleiter kommen nur sehr ungerne für eine Doppelstunde.

Also ist leider nicht alles Gold, was glänzt! Was tun? Wieder zurück zum Halbtag?

Lösung Halbtag?

Ich finde nicht. Es gibt ja zum Glück Erfahrungen von Kolleginnen. Eine, die ihren Weg an eine Halbtagsschule gemacht hat, berichtet, dass ihr die Rückkehr an ein Halbtagsgymnasium durchaus als stressiger erscheint; besonders die Vorbereitung der Einzelstunden würde viel Zeit beanspruchen und für „Arbeitszeitfraß“ sorgen. Dazu komme die volle Schultasche und nur kurze Pausen zwischen den Stunden.

Würden wir zum Halbtag zurückkehren, gäbe es keine AGs mehr, keine wertvollen Klassenprojektstunden und ein Rückbau der Lernzeiten und Förderstunden wäre die Folge, was mehr als bedauerlich wäre. Ich habe oben schon zum Ausdruck gebracht, dass ich mir Schule ohne unmittelbare Schulsozialarbeit nicht mehr vorstellen mag und das wäre leider die Konsequenz einer Halbtagsschule. Die Doppelstunden entlasten den Schultag und ermöglichen ergiebige Arbeitsphasen. Ein Halbtag könnte so nur eine Verschlechterung pädagogischer Arbeit bedeuten.

Vorbei.

Und schon ist sie wieder vorbei, die zieldifferente Inklusion an meinem Gymnasium. Wie so oft schon erlebt: Eine neue Landesregierung kommt und – schwupps – ist alles wieder ganz anders. Die Entscheidung dafür oder dagegen liegt dabei nicht bei uns als Schule (auf Twitter ranteten aber gleich die Empörten moralstark gegen die menschenverachtenden Gymnasien), sondern kommt von oben.

„Vorbei“ ist allerdings nicht der richtige Begriff: Die zieldifferent unterrichteten Kinder werden nun nicht einfach wegdelegiert, sondern gehen weiter ihren Weg an unserer Schule bis zum Ende ihrer Schulpflicht, und zielgleiche Kinder werden nach wie vor aufgenommen. Überdies stellt sich die Frage, was passiert, wenn 2022 im Land neu gewählt wird. Aber wir sind es ja gewöhnt, drei verschiedene Modelle parallel durchzuziehen…

Ich habe bei dieser Entscheidung ein lachendes und ein weinendes Auge. Weinen werde ich, weil zieldifferente Inklusion eine bessere Versorgung mit Ressourcen (Räume, Material) bedeutet, man mehr im Team arbeitet und man sieht, wie sehr Schüler mit diversen Problemen von einem sozialen Umfeld profitieren, in dem sie Lernen und Arbeiten mehr als Tugend erleben als in homogenen Sozialstrukturen.

Die Ressourcenversorgung verursacht aber auch das lachende Auge: Ich verzichte gerne auf Inklusion als Sparmodell auf dem Rücken der Lehrenden und der I-Kinder. Die nötige Doppelbesetzung mit dem Hochziehen der Inklusion durch alle Klassenstufen hindurch war nicht mehr durchzuhalten, es mangelte an Sonderpädagogen und im Falle einer längeren Erkrankung einer sonderpädagogischen Lehrkraft war irgendwann auch die kontinuierliche Betreuung der I-Kinder fragwürdig. Adäquaten Ersatz gab es keinen. Die Belastung trug das vertretende und nicht ausgebildete Kollegium. Die Belastung wächst deutlich, wenn man plötzlich für eine Klasse mindestens drei Unterrichtsreihen / je Unterrichtsstunden und Lernerfolgsüberprüfungen vorbereitet: einmal für die Regelschüler, dann für die stärkeren I-Kinder und dann für die sehr lernschwachen I-Kinder. Auch die so wichtige Zeit für Teambesprechungen musste immer weiter gekürzt werden, sodass manche Klassen mit weniger „harten“ Fällen vollkommen ohne Teamzeit auskommen musste – letztlich zu Lasten der Kinder, um deren Wohl und Werdegang es in diesen Besprechungen geht.

Links im Januar

Zuletzt dezent darauf hingewiesen worden, dass hier ja nur noch sporadisch etwas geschrieben werde. Das trifft offensichtlich zu. Und es liegt auch etwas daran, dass ich einerseits ungerne über meine Schule schreiben möchte, was ich unweigerlich täte, wenn ich hier schreibe – und andererseits auch keine Lust habe, jedesmal das ganz große politische Fass aufzumachen. Sucht man Anekdoten und Selbstlob, so wird man bei Twitter fündig, wozu also Blogbeiträge? Überdies schreibe ich wieder mehr auf meinem kleinen persönlichen Blog, wo es um Allerweltsgedöns und Gitarrenkrempel geht. Und das ist der zweite Grund, warum ich hier so wenig schreibe: Ich habe in den letzten Jahren zunehmend begonnen, das Thema Schule aus der Freizeit herauszuhalten und so ein Blog ist erst einmal nichts anderes als verbrauchte Freizeit.

Nichtsdestotrotz (ich schulde dem Batti noch eine Antwort auf seinen Einwand bezgl. des Umgangs mit dem Datenschutz. Und andererseits passieren ja gerade viele Dinge, die eine Würdigung vertrügen. Ich belasse es heute aber nur bei einigen Links:

Kartoffeln

So zur Süddeutschen-Zeitung (die mich wieder auf ihr Angebot lässt?) und sich unter dem Titel „Der Kartoffel-Effekt“ mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Smartphones beschäftigt. Statt mit Drogen, sollte man die Wirkung von Handynutzung auf Jugendliche lieber mit Kartoffeln vergleichen:

Der Handygebrauch verschlechtert die Gesundheit von Jugendlichen demnach nur um 0,4 Prozent. Statistisch ist das derselbe Effekt, der sich beim regelmäßigen Verzehr von Kartoffelgerichten einstellt und noch dazu ein Einfluss, den man nach Meinung der Wissenschaftler getrost vernachlässigen kann.

Lebenslange Drohung

Im – sehr zu empfehlenden – Soziopod zu „Angst und Gesellschaft“ fällt das Zitat:

„Lebenslanges Lernen ist heute eine Drohung geworden.“

Ich habe ihn nicht ganz zu Ende gehört, aber darüber sollte man tatsächlich mal nachdenken, denn dieser Spruch ist ja eines der gängigsten Totschlagargumente unserer Zeit.

Germanen

Warum die Germanen fast aus unseren Lehrplänen verschwunden sind“, heißt es bei der FAZ in einem Interview mit dem Bielefelder (oha, das lese ich auch gerade erst…) Juniorprofessor Lars Deile – und es wird nicht so stumpf, wie der Titel es unter Umständen befürchten lässt, sondern führt über einige Problemfelder der Didaktik und unterschiedlichen Vorstellungen von Geschichte.

Basic

In Deutschland ist nun gerade der Digitalpakt auf Eis gelegt worden, ich schaue währenddessen YouTube-Videos von 8-Bit-Nerds. Und während ich mir die Grundlagen der BASIC-Programmierung ansehe, stelle ich fest, dass die Amis uns schon 1978 haushoch überlegen waren: Denn da beschreibt jemand, dass er viele tolle Basic-Programme einfach in seiner Freizeit in den Schulcomputer einhacken konnte. Unvorstellbar an einer deutschen Schule im Jahr 1978 – und unvorstellbar im Jahr 2018.

Hefte mit ellenlangen Basic-Listings kenne ich allerdings auch. Eine tolle und neue Idee sind dagegen für mich die Sci-Fi-Heftchen, in deren Handlung immer wieder kleine Programme in Basic eingebunden sind, die der neugierige Leser nachprogrammieren soll. Eine Verbindung von Lesetext und Programmierung – wie großartig!

Wenn man dann noch sieht, dass in amerikanischen Mathebüchern der 90er neben den Rechnungen Basicprogramme abgedruckt waren, dann weiß man, warum Facebook, Google, Microsoft, Apple und wie sie alle heißen, nicht aus Deutschland kommen.

Neuland eben.

Bandbreite.

Grundwissen: In unserer Schule gibt es zwei Netzwerke. Ein pädagogisches Netz (langsam und unterdimensioniert) und ein Verwaltungsnetz der Stadt (rasend schnell, es werden lediglich Mails hin- und hergeschubst). 

Was zuvor geschah: Ein durchaus erfreuliches Gespräch zur Medienentwicklungsplanung endet mit der Feststellung, dass die Internet-Bandbreite leider nicht erhöht werden könne, die Telekom, die Stadtwerke… der gute alte16 MBit-Anschluss („Schulen ans Netz“) müsse für 1000 Schüler und 100 Lehrer erstmal genügen… und nein, das schnelle Verwaltungsnetz könne leider nicht für den schnöden pädagogischen Gebrauch genutzt werden.

Dann stehe ich im Büro des Chefs, der mir nur ein paar Fotos vom Schulgarten übermitteln möchte. Da das wegen der hohen Sicherheitsstandards per USB nicht funktioniert, schickt er mir die Bilder über das Verwaltungsnetz per Mail. „Die könnten aber etwas groß sein…“ – ich winke ab. Geduld habe ich massig. Der Chef klickt auf „Senden” und im gleichen Augenblick erklingt das „Gesendet“-Signal. Chefs Leitung hat mal eben ca. 35MB im Bruchteil einer Sekunde hochgeladen (in Worten: hochgeladen!).

Ich gehe ins Lehrerzimmer und weine still. Da liegt offensichtlich eine 1GBit-Leitung und wir nutzen sie nicht. Wegen der Telekom… is‘ klar.

Limit.

Habe mir gerade zum ersten Mal seit Jahren einen kompletten Blogbeitrag ohne Hoffnung auf Wiederkehr gelöscht, und das, wo ich hier doch nur noch so selten schreibe. Ich versuch’s einfach noch einmal, obwohl der „Drive“ jetzt raus ist.

Es ging um Inklusion in einem Blogbeitrag bei der FAZ, und der Autor beobachtet, dass die Inklusion sich in vielen Bundesländern im Rückbau befindet. Das langsam Langeweile ansetzende Credo lautet: Es fehlt an Ressourcen.

Im Tagesspiegel berichtet eine Berliner Referendarin, wie sie durch den hohen Numerus Clausus ins Studium nach NRW gedrängt wurde, dort mit dem Mathestudium kämpfte, sich das Studium selbst finanzierte und nach sechs Jahre erfolgreich abschloss, nur um bei ihrer Rückkehr nach Berlin  festzustellen, dass in ihrem Seminar nun mehr Quereinsteiger als Lehramtsstudenten sitzen, diese aber mehr Geld bekommen, den Gang des Seminars bestimmen und vom Wissen der ausgebildeten Studenten profitieren. Auch den Einsatz der Quereinsteiger sieht sie kritisch:

Unter ihnen waren Kollegen, die wurden Leiter einer ersten Klasse, ohne je Erfahrungen in Alphabetisierung oder Elementarmathematik gesammelt zu haben. In der Grundschule zählt die Schuleingangsphase aber zur Königsdisziplin, die sich sogar nicht alle erfahrenen Kollegen fachlich und organisatorisch zutrauen.

Statt Lehrereinstellung am Limit zu betreiben, um Kosten zu sparen, sollten die Verwaltungen vielleicht einmal vorausschauend planen, denn die Kosten schlecht ausgebildeter Kinder werden am Ende höher ausfallen:

Die aktuelle wie die alte Berliner Regierung verantworten es, wenn es in ein paar Jahren normal ist, dass Kinder sogar mit den basalen Grundfertigkeiten Schwierigkeiten haben werden.

Richten werden das Ganze dann die Elternhäuser – und ratet mal, zu welchem Ergebnis dann die OECD-Studien („Soziale Herkunft entscheidet über Bildungserfolg“) kommen werden…

Geschichten erzählen.

Kreatives Schreiben. Drei Schlüsselwörter an der Tafel und jeder, auch die Inklusionskinder, sollen im Rahmen einer begrenzten Zeit eine Geschichte um diese Wörter entwickeln. Eifriges Schreiben im Klassenraum, einige wandern dabei auf dadaistischen Pfaden, kreieren Lautmalereien und assoziative Satzketten, andere reimen, manche berichten. Es entstehen kleine Krimis, Abenteuererzählungen, Liebesgeschichten.

Ich gehe immer wieder herum, schaue über Schultern, gebe Anstöße, wenn gewünscht. Manche entwickeln mehr ein Grundgerüst und müssen dieses noch einmal in Erzählform gießen, andere schreiben nahezu druckreif. Und dann ist da J. Ein Inklusionskind mit der Perspektive, kein Abitur zu machen. Und ich schaue auch ihr über die Schulter, grummele etwas von Ausdrucksweise in meinen Bart, finde ihre Dialoge nicht sooo toll, weil mir das zu umgangssprachlich erscheint und es mir zu viel nach Rapper-Slang klingt. Sie lässt sich nicht beirren.

Wir haben viel Zeit zum Vorlesen und jeder, der mag, kommt dran. Wir lachen über Jandlhaftes, genießen trockenen Hemingway, lassen uns von einer hollywood-inspirierten Horrorstory das Gruseln lehren. Wirklich schöne Geschichten. Und dann liest J.

Und wie sie liest! Mit einer großartigen Artikulation, nur leicht und keinesfalls übermäßig verstellter Stimme gibt sie ihren Figuren und dem Erzähler Farbe, führt Erstere mit ungezwungener Leichtigkeit in ihre Geschichte ein und fügt nebenbei plastische Beschreibungen der Umwelt ein. Der Rapper-Slang passt plötzlich wunderbar, und J. schafft es als einzige, eine komplette und stringente Geschichte mit einem kurzen Einstieg, einem Spannungsbogen und einem Ende auszuformulieren. Grammatisch holpert es manchmal, aber wen interessiert das schon, wenn jemand so wunderbar Geschichten erzählen kann?

Datenschutz. Dienstrechner.

(Ein schneller Rant, der gerade einfach mal raus muss.)

Ich muss ja zugeben, beim Thema Datenschutz mehr als hin- und hergerissen zu sein. Auf der einen Seite stehen Datenmonster wie Facebook, das anscheinend mit den Daten seiner Nutzer Schindluder treibt, und auch Google und anderen Datensammlern braucht man nicht allzu viel Vertrauen entgegen bringen.

Auf der anderen Seite stehen die fortschrittshinderlichen Datenschützer mit ihren oft weit über das Ziel hinausschießenden Ideen. Statt mit Hilfe von Technik Arbeitsabläufe zu erleichtern, effizienter zu gestalten oder zu erneuern, möchten sie am liebsten bis ins letzte Glied alles reglementieren, vorschreiben, ihrem jungen Amt mehr Gewicht verleihen. Neueste Volte: Nun will man an die Lehrercomputer!

Helga Block, die Datenschutz-Beauftragte, stellt gegenüber dieser Redaktion klar, dass die Schulleitungen dafür verantwortlich seien, dass sensible Informationen über Schüler geschützt sind. Weil aber die Risiken bei privaten Lehrer-Computern sehr groß seien, könnten die Schulleitungen gar nicht alle Sicherheitsaspekte überschauen und dürften daher die Nutzung nicht genehmigen. Laut Block gibt es nur eine Lösung: „Dienstliche Geräte zur ausschließlich dienstlichen Nutzung bereitstellen.“ […]

Das sieht auch Stefan Behlau, Landeschef der Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) so. „Die Lehrer müssen Dienstgeräte nutzen können, wenn sie mit Schülerdaten arbeiten.“ Laut Behlau verwenden fast alle Lehrer private Geräte für Dienstliches. Das sei rechtlich problematisch, sagt er. „Wenn ein Gutachten über einen Schüler geschrieben wird, dann geht das natürlich auch am eigenen Rechner. Der Schüler-Name darf dort aber nicht auftauchen. Das ist nur auf einem Schul-PC erlaubt.“ (NRZ, 21.3.18)

Logineo –  eine Alternative?

Das klingt für mich in keiner Weise plausibel oder verlockend. Ich sehe, was für eine Grütze man da mit Logineo fabriziert hat, und in der Testversion, die ich einige Tage aktiv testen durfte, machte in Logineo nichts auf mich den Eindruck, als habe auch nur irgendeine Anwendung ansatzweise etwas mit einer ausgereiften Textverarbeitung zu tun. Ja, da gab es einen Texteditor. Und zwar von der Art, wie man ihn als „Notepad“ unter Windows kennt. Nackter ASCII-Text. Ein wahrlich grandioses Tool zum Schreiben von Gutachten! Tabellen? Berechnungen? Formeln? Fotos? Aber was schert das schon die Datenschützer…

Dienstliche Lehrerrechner?

Im Schuljahr 2017/18 unterrichten 198.483 Lehrerinnen und Lehrer in NRW 1. Wenn diese alle mit einem „dienstlichen Rechner“ ausgerüstet werden sollten, dann kann ich mir gut denken, wie diese Geräte aussehen werden: Dysfunktionaler Billigschrott, auf dem man aus Gründen der Kostenersparnis ein Linux draufgepackt hat, mit dem keiner umgehen kann, auf dem bestenfalls LibreOffice vorinstalliert ist und allerlei Software, die allerlei Böses verhindern soll, das Gute aber als Kollateralschaden gleich mitopfert. Eine Internetanbindung wäre ja gefährlich, USB-Sticks nicht minder und – da man ja wenigstens ans schulische Netz ranmüsste – müsste auch eine restriktive Netzwerkeinrichtung für Sicherheit sorgen.

Wie man sinnvolle Backupstrategien für alle Rechner umsetzen sollte, würde mich auch einmal interessieren: Aktuell habe ich stündliche Backups meiner Daten auf einer externen Festplatte und meine Unterrichtsvorbereitung habe ich zusätzlich dazu synchron im Netz. Ein „sicherer“ Dienstrechner dürfte all das gar nicht bieten und wenn, dann müsste das Backup irgendwo im schulischen Safe verwahrt werden, wo niemand es entwenden kann.

Eine Schulung oder gar technischer Support „sicherer“ Dienstrechner könnten selbstredend aus Kostengründen nicht geliefert werden; was kaputt ist, bleibt kaputt. Alles andere wäre sehr erstaunlich.

Die Folge wird sein, dass Kolleginnen und Kollegen entweder ganz auf den Elektroschrott verzichten (back to paper) oder sich mit zwei Geräten durch die Schulflure plagen: Einem offiziellen für den Datenschutz und dem privaten für den Unterricht, auf dem man auch einmal performant und ohne Hindernisse Anwendungen laufen lassen kann.

Noch schlimmer wären natürlich „sichere“ stationäre Dienstgeräte, sodass man von zuhause aus gar nicht mehr arbeiten könnte und sich stattdessen täglich um die wenigen „sicheren“ stationären Lehrerrechner prügeln müsste, aber daran mag ich gar nicht erst denken. Wenn man alle Daten nur noch in der Schule abrufen könnte, gäbe es täglich lustige Kämpfe unter den über einhundert Kolleginnen und Kollegen um das einzige Schultelefon, denn die Eltern- und Behördentelefonate wollen  ja auch irgendwann erledigt werden.

Fiktive Gefahr?

Welche Probleme es bislang durch unsichere Lehrerrechner gegeben hat, scheint mir unklar, die Gefahrenlage ist diffus. Konkrete Problemlagen sind mir nicht bekannt; vielleicht weiß ja jemand der Leser etwas Genaueres? Gibt es schon Gutachten-Leaks? Noten-Leaks? Oder Zeugniskommentar-Leaks?

Gegenvorschlag!

Verhandelt ordentliche Datenschutzvereinbarungen mit bekannten Dienstleistern wie (ja!) Google, Microsoft, Apple oder einem anderen Anbieter, der technisch und in puncto Manpower in der Lage ist (bitte!), solche Projekte zu stemmen. Zwingt diese gesetzlich zur Wahrung der Datenschutzvorgaben und kontrolliert diese (nicht so lasch wie bei den Autoherstellern!). Und dann bietet ihr deren zertifiziert-sichere, kontrollierte Cloudlösungen den Schulen an. Alles passwortgeschützt, verschlüsselt und bitte unter Anbindung an die Schuldomain! Nichts ist dämlicher, als eine „sichere“ Mailadresse á la „nachname.vorname.schulnummer@nrw.de“ – dann weichen nämlich alle wieder auf die unsichere Web.de-Adresse aus. Jeder nutzt seinen eigenen Rechner, über den er verschlüsselt auf die Cloud Zugriff hat.

Sicherlich hilft das nicht gegen unsichere Privatrechner, aber wie groß Probleme und Gefährdungen durch diese sind, dazu gibt es anscheinend keine genauen Daten.

Vergesst bitte auch nicht schon wieder die Schulämter, Bezirksregierungen und so weiter: Die Sicherheit der Gutachten, um die sich Herr Behlau da so große Sorgen macht, ist meist weniger gefährdet dadurch, dass sie auf einem Lehrerrechner herumliegen und als Ausdruck in einen Ordner wandern, als vielmehr dadurch, dass sie von Behörden und Ämtern im Klartext per Mail verschickt werden!

Wenn schon, dann bestraft diese bitte auch mit LOGINEO! Und tragt eure Kleinkriege nicht auf dem Rücken derer aus, die mit ihren selbstfinanzierten Geräten die Infrastruktur schaffen, die das Land NRW herzustellen niemals in der Lage wäre.