Mai 132012
 

Immer wieder werfen bestimmte Presseurheber olle Kamellen unters Volk und verkaufen sie als neue Erkenntnis, vielleicht, weil sie ihr Bildungsressort irgendwie mit „Content“ vollstopfen müssen. Der Zeit-Artikel über die Pädagogenausbildung (via @martinlindner) vom 11.5. hätte nach einem guten Einstieg durchaus das Zeug für einen guten Artikel gehabt, wenn er dann nicht auf halber Strecke in Platitüden und ollen Kamellen ersoffen wäre. Aber fangen wir vorne an.

Vor ein paar Jahren wäre der Rest dieses Artikels ähnlich einseitig ausgefallen wie die Vorurteile auf jener Studentenfete. (…) Heute handelt ein Artikel zur Lehrerbildung von Studienanfängern wie Beke Brandenburg.

Schön, ein optimistischer Einstieg. Einer, der Lehramtsstudenten Mut macht und sie nicht als Studenten zweiter Klasse abqualifiziert (was mich ja rasend macht, wenn ich meine Prüfungsordnung mit der meiner ehemaligen Nicht-Lehramtsstudenten vergleiche…). Und der Artikel mildert meine skeptische Haltung gegenüber der neuen Referendarsausbildung durch eine hoffentlich verbesserte Uni-Ausbildung, die das Lehramt mit besonderem Augenmerk bedenkt.

Aber dann wird der Artikel ziemlich merkwürdig. Da zieht man neuere Studienergebnisse heran, die feststellen, dass Lehrer, die schon 20 Jahre oder länger im Beruf stehen, nur noch zu 39% mit Freude ihren Beruf ausüben würden – und bezieht dies kausal und direkt auf deren Lehrerausbildung. Schön zurechtgebogen! Dass bei älteren Kollegen die Gründe vermutlich eher anders gelagert sein könnten (überbordende Bürokratie, Reformwahnsinn, im Laufe der Zeit die Lust verloren etc.), erwähnt man im Artikel nicht. Ähnlich undifferenziert geht es dann auch weiter. Ich zitiere mein Highlight:

Das Ergebnis der sogenannten Coactiv-Ergänzungsstudie: Jene Lehrer, die nicht nur inhaltlich ihr Fach beherrschten, sondern es auch didaktisch gut vermitteln konnten, hatten Schüler, die bei Pisa besser waren.

Bahnbrechend! Wahnsinn! Das hätte niemand gedacht. Ehrlich? Auf den Lehrer kommt es an? Und dass, wo wir doch iPads, Computer und Wikipedia haben… und der gute Lehrer wird dann auch mit einem Beispiel illustriert:

Warum nicht die Gitarre mitbringen, wenn man in der neunte Klasse in Physik über Akustik und Frequenzen redet?

Womit wir wieder bei den ollen Kamellen wären, ich kenne Referendare, die schon vor etwa fünfundzwanzig Jahren das Phänomen der Induktion anhand einer E-Gitarre demonstriert haben. Für ältere (kinderlose?) Journalisten ist das möglicherweise alles völlig neu und irrsinnig kreativ – im Schulalltag haben solche Ideen jedoch immer schon ihren Platz gehabt.

Ob die neue Lehrerausbildung so toll wird, wie im Artikel besungen, und nicht nur ein billiges Stellensparmodell, bei dem man die praktische Ausbildung („Praxissemster“) zusätzlich ohne Entlastung den Schulen aufbürdet, das werden wir herausfinden, indem wir dem Ganzen einfach mal etwas Zeit geben und die Entwicklung beobachten.

 Posted by at 13:08
Mai 092012
 

Jedes Halbjahr aufs Neue: Ein etwa 11-jähriges Mädchen schaut mich zweifelnd an, die große Säge in der einen, das Bambusrohr oder Sperrholz in der anderen. Ein Schwirrholz soll es dann meist werden oder eine Panflöte. Die ersten Züge gelingen noch recht grob, die Säge rutscht ab. Sie zweifelt sichtbar. Dann ist der Anfang gemacht, das Blatt zersägt leichtlaufend das Holz. Geschafft. Stolz. Von nun an werde ich nicht mehr gebraucht.

Die Arbeiten meiner letzten Mädchengruppe waren sehr schön, sehr sorgfältig und oft präziser gesägt als die der Jungen. Die sind manchmal zu ungestüm. Manche gestehen traurig, dass sie noch nie gesägt hätten. Die Sorgen der Väter sind dabei unbegründet: Verletzt hat sich in drei Jahren noch niemand. Sie sollten lieber sehen, mit welchem Feuereifer ihre Kinder zu Werke gehen, wenn sie mit eigenen Händen eigene Instrumente bauen dürfen. Ohne Notendruck, einfach nur mit einem Ziel.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal mit meiner Tochter gesägt?

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Apr 182012
 

Es ist ja immer gerade dann Vorsicht geboten, wenn gewisse Schlagworte besonders laut verkündet werden. So gab es gestern eine kurze Info über die neue Ausbildungsverordnung für Referendare in NRW für das Kollegium, in der die Worte „Coaching“ und „Professionalisierung“ fielen, tatsächlich aber lediglich eine Verschlechterung der Referendarsausabildung angekündigt wurde. Zumindest ist das meine Interpretation.

Es sieht nämlich so aus, dass nun das Seminar (das man sich, wenn ich das richtig verstanden habe, nun auch im Sinne der „Professionalisierung“ in „Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung“ umbenannt hat) die Ausbildungszeit auf anderthalb Jahre verkürzt hat, dafür aber die Wochenstundenzeit um zwei Stunden erhöht.

Weniger Autonomie – vorgeschriebener Unterrichtsbesuchstermin
Für fatal halte ich, dass man den ersten Unterrichtsbesuchstermin nun von Seiten des ZfsL vorschreibt. Ja, richtig gelesen. Das Seminar blockt im Juni die Termine für den ersten Unterrichtsbesuch an den Schulen und alle Referendare müssen schauen, dass sie da irgendwie ihren Unterrichtsbesuch unterbringen – das ZfsL schert sich offensichtlich nicht um schulinterne Curricula oder darum, dass Ausbildungslehrer u.U. mitten in laufenden Reihen stecken könnten. Auch eine vorangehende Hospitation bei den möglichen Ausbildungslehrern scheint man nun nicht mehr für angebracht zu halten.

Diesen erlaubt der Zeitmangel letztlich nicht. Denn die Referendare können bestenfalls etwa 12-15 Stunden in einer Lerngruppe unterkommen, bevor sie ihren ersten, festgeschriebenen Unterrichtsbesuch machen müssen. Es stehen den Referendaren lediglich exakt 11 Unterrichtstage (in vier Wochen, viel Ausfall durch Feiertage) zur Verfügung, in denen sie Zeit haben, sich auf diesen vorzubereiten. Die Fächer werden aber nicht jeden dieser 11 Tage unterrichtet, sondern teilweise nur zweistündig, sodass entsprechende Referendare unter Umständen nach nur 8 Unterrichtsstunden (bei uns 4 Doppelstunden) einen Unterrichtsbesuch zeigen müssen. (Für Referendare exotischerer Fächer wie Philisophie könnte es u. U. sogar noch düsterer aussehen…) Das ist Banane, aber der Irrsinn lässt sich steigern!

Noch weniger Praxis
Auf Grundlage dieses ersten Unterrichtsbesuchs gibt es dann zügig ein sogenanntes „Planungs- und Entwicklungsgespräch“, in dem die zukünftige Ausbildungsperspektive ausgelotet werden soll. Direkt darauf folgen die externen Projekttage und eine pädagogische Woche für die Referendare, weshalb diese vor den Sommerferien nicht mehr unsere Schule von innen sehen werden. Netterweise dürfen sie dann direkt nach dieser wahnsinnig umfangreichen schulpraktischen Erfahrung  in den eigenständigen Unterricht gehen. Das ist mal eine schul„praktische“ Ausbildung nach Maß!

Das bedeutet in der Praxis, dass die Referendare keine Gelegenheit mehr haben, sich in Ruhe die Schule, die Fachkollegen und die Unterrichtsgruppen anzuschauen, sondern letztlich darauf hoffen müssen, dass sie bei erstmaligem Betreten der Schule sofort einen freundlichen Kollegen finden, der sie sofort(!) und intensiv auf diesen unseligen vorgegebenen Unterrichtsbesuch vorbereitet. Die Verantwortlichen für die Ausbildungsordnung sehen das locker, immerhin haben die Referendare im Studium ja ein Praxissemsemester absolviert. Damit sind sie gewiss bestens auf einen zügigen Unterricht ohne Anleitung vorbereitet.

Fazit: Eine zweifache Zusammenstreichung der Ausbildungszeit durch das Verkürzen in Quantität (auf 1,5 Jahre) und Qualität (durch mangelnde Hospitation vor dem ersten Unterricht) bei gleichzeitiger Erhöhung der Präsenszeit (+2 Stunden, man muss das weggefallene Halbjahr ja ‘reinholen’) und verpflichtenden Unterrichtsbesuchsterminen ergibt für mich in der Summe einen höheren Druck und eine schlechtere Ausbildung. Zumindest ist das meine Prognose, ich lasse mich gerne durch die Praxis oder weitere Details eines Besseren belehren -  vielleicht wird’s nach dem ersten Semester ja besser…

Apr 152012
 

Es ist soweit, die Osterferien neigen sich dem Ende zu und ich melde mich nach dreiwöchiger Twitter-Abstinenz wieder zurück am Schreibtisch. Eigentlich müsste ich etwas zu einem wunderschönen Comenius-Austausch nach Barcelona schreiben, aber zunächst muss ich erst Gift und Galle spucken, denn was Jan-Martin Klinge da im Halbtagsblog schreibt, macht mich wirklich wütend:

Das Kultusministerium Thüringen ist nun mit einer Dienstanweisung (also ein verbindlicher Arbeitsauftrag) vorgeprescht, die mich ‘nachdenklich’ macht. Dort heißt es:

„Die Schulleiterin/der Schulleiter überprüft in regelmäßigen Abständen die Einhaltung der Bestimmungen des Gesamtvertrages an der Schule. Dazu ist von jeder Lehrkraft eine Übersicht zu führen, in der fortlaufend eingetragen wird, was, wann, aus welcher Quelle in welcher Anzahl kopiert wurde. Diese Übersichten sind von der Schulleitung regelmäßig zu prüfen.“

So fällt nun also die Retourkutsche für den Protest gegen den Schultrojaner aus. Wenn die Schulen sich den nicht bieten lassen, dann gibt’s eben sinnlose Mehrarbeit für Lehrer und Schulleiter. Das zeigt einmal sehr deutlich, welchen Stellenwert man Schule einräumt: Der verantwortungsvolle Dienst des Schulleiters wird zum Teilzeit-Handlangerjob für Schulbuchverlage degradiert. (Was der ‘kleine’ Lehrer dann an Schikane hat, lese man im Halbtagsblog.)

Jan-Martin beschreibt dann auch die Maßnahmen, die Lehrer wohl dagegen einleiten werden:

Zukünftige Lehrer haben also die Wahl: (…)keine Computer in der Schule mehr benutzen und nur noch heimlich (!) zu Hause vorbereiten.

So ist’s, obwohl ich schon meinen Rechner in der Schule habe. Mein Notebook liegt griffbereit in meinem Fach – nur zum Drucken muss ich noch an die Schulrechner.

Sollte man dieses System in NRW durchzusetzen versuchen, behalte ich mir vor, Unterricht rein nach Schulbuch zu machen und von Zeit zu Zeit „Fix und Foxi“-Episoden zu kopieren. Bin schon jetzt gespannt auf die Rückmeldung zu meiner Kopierübersicht…

Mrz 152012
 

Ja, nee, is’ klar! Da begleitet mich die Referendarin eine ziemlich langweilige (gleichwohl produktive) Doppelstunde lang, deren Auswertung wir wegen einer überraschenden dritten Vertretungsstunde in eben diese verschoben haben, und dann hauen die Schüler, dann natürlich in Abwesenheit der Referendarin, Beiträge heraus, dass die Schwarte nur so kracht. War ja klar…

 Posted by at 17:20
Mrz 082012
 

Seit wir in NRW wegen des Zentralabiturs alle Klausuren bepunkten, war es theoretisch schon lange möglich, den Erwartungshorizont für Klausuren in eine vorgefertigte OpenOffice- oder Excel-Tabelle einzuarbeiten, die Punkte dazuzutippen und das Klausurergebnis automatisch berechnen zu lassen. Leider habe ich aus purer Faulheit, eine entsprechende Tabelle zu erstellen, viele Monde verstreichen lassen und die Ergebnisse bis vor Kurzem manuell ausgerechnet. Damit ist jetzt Schluss, ich habe endlich eine entsprechende OpenOffice- (LibreOffice-) Calc-Tabelle erstellt und werde sie nicht auf meinem Computer versauern lassen.

Download hier (CC-Lizenz findet sich unter Datei/Eigenschaften).

Der Nachteil dieser Lösung: Sie sieht auf dem Bildschirm nicht besonders schick aus, was auf dem Ausdruck aber nicht auffällt, wenn man die Druckbereiche sinnvoll einrichtet.

Der Vorteil dieser Lösung: Man tippt einfach die Punkte ein und der Computer rechnet gleich die Note aus. Zumindest wenn man in NRW unterrichtet, denn die Berechnung orientiert sich an den NRW-Abiturbepunktungsvorgaben. Wie das in anderen Bundesländern aussieht, weiß ich nicht, aber die Tabelle ist leicht anzupassen.

Wie arbeitet man mit der Tabelle?

  1. Man schreibt den Text für den Erwartungshorizont in A-Spalte und veranschlagt in der B-Spalte die erwarteten Punkte.
  2. Man kopiert die so erstellte Grundtabelle (Rechtsklick (siehe Bild) > Tabelle kopieren/verschieben), wählt ‘kopieren’ sowie einen neuen Namen und stellt diese neue Tabelle ans Ende.
  3. Man trägt die Daten und Ergebnisse für einen Schüler in diese neu erstellte Tabelle ein und bekommt während der Eingabe die Zensur angezeigt.
  4. Wenn man die Ergebnisse einer Klausur eingegeben hat, kann man wieder bei Punkt 2 ansetzen und das Vorgehen für alle Klausuren wiederholen.

Es empfiehlt sich, die Datei unter „Datei > Dokumentvorlage > Speichern“ als Vorlage zu speichern, damit sie immer „frisch“ verfügbar ist und man sich das lästige Suchen in Ordnern erspart.

Worauf man unbedingt achten sollte!
Wenn die vorgegebenen Zeilen des Erwartungshorizonts nicht ausreichen und man eine oder mehrere hinzufügen möchte, muss man unbedingt die Berechnung der Summe der jeweiligen Teilaufgabe (Bild) anpassen! Sonst stimmt das Ergebnis nicht, weil diese Zeile nicht mitberechnet wird.

Kritik, Hinweise auf Fehler und Tipps bitte in die Kommentare, denn ich bin wirklich kein Tabellen-Freund und freue mich immer über Verbesserungsvorschläge. Und kopiert die Tabelle, verbessert sie, gebt sie weiter, verschönert sie…
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Mrz 042012
 

Lisa zwitscherte gerade einen Link zum NYRBLOG mit dem Titel „No student left untested“, in dem die Bloggerin von einer Vereinbarung zwischen dem NY State Education Department und Lehrerverbänden berichtet, dass man in Zukunft die Testergebnisse der Schüler verwenden will, um die Lehrer zu bewerten und deren berufliches Schicksal direkt und auch zeitlich unmittelbar mit diesen Ergebnissen zu verknüpfen. Ich muss leider stark kürzen:

But one sentence in the agreement shows what matters most: “Teachers rated ineffective on student performance based on objective assessments must be rated ineffective overall.” What this means is that a teacher who does not raise test scores will be found ineffective overall, no matter how well he or she does with the remaining sixty percent. In other words, the 40 percent allocated to student performance actually counts for 100 percent. Two years of ineffective ratings and the teacher is fired. (Hervorhebung von mir)

Im Weiteren erläutert die Autorin, warum dieses Vorgehen aus ihrer Sicht zwangsläufig zu schlechtem Unterricht und schlechteren Lehrern führen wird, und sie schreibt dabei einen sehr lesenswerten Artikel, den sich mancher Bildungsvermesser ins Stammbuch schreiben sollte.

Ich bin ja nun noch nicht so lange dabei, dass ich Langzeitbeobachtungen aufstellen könnte, aber ich finde es durchaus frappierend, wie unterschiedlich Lerngruppen und ihre Ergebnisse sein können. Mit manchen kann man nahezu permanent „unter Volldampf“ arbeiten und die tollen Leistungen entstehen von selbst, mit anderen muss man fast ringen, damit Ähnliches dabei herauskommt. Habe da gerade eine Grammatik-Arbeit vor Augen, die im letzten Jahrgang desolat ausfiel, im aktuellen Jahrgang dagegen bestens. Dass mein Unterricht sich so drastisch verbessert haben soll, glaube ich kaum. Solche Schwankungen als Basis für die Entscheidung zu nehmen, ob jemand als Lehrer arbeiten darf oder nicht, ist nicht wissenschaftlich, sondern fahrlässig.

Am AEG: Zeitpunkt für Klassenarbeiten selbst bestimmen
Umso schöner, dass es tatsächlich Schulen gibt, die inmitten all dieser heillosen Vermesserei auch andere Wege zu gehen versuchen. Im Albrecht-Ernst-Gymnasium in Oettingen, das ich schon einmal besuchen durfte, verzichtet man mittlerweile auf herkömmliche Klassenarbeiten in Drucksituationen:

Auch die zahlreichen Studien, die belegen, dass Schüler unter Angst und Druck schlechter lernen als ohne diese Stressfaktoren, hat das Team in Oettingen ernst genommen. Das gefürchtete Abfragen zu Beginn jeder Stunde und die vielen unangekündigten Exen wurden kurzerhand abgeschafft. “Die Kinder kommen zum Lehrer, wenn sie sicher sind, ein Themengebiet zu beherrschen, und sagen, dass sie einen Test schreiben wollen”, sagt Schmalisch. Es sei wie bei der Führerscheinprüfung: Ob jemand sich nach zwölf oder nach 30 Fahrstunden anmeldet, ist unwichtig – Hauptsache, er kann fahren. (Süddeutsche)

Feb 232012
 

Heute sollte es dann so weit sein, heute wollten zwei Schüler einer siebten Klasse, wie schon beschrieben, den anderen ACTA präsentieren und ehrlich gesagt war ich mehr schlecht als recht vorbereitet. Zumindest gefühlt hatte ich noch nicht genug gelesen und die Abiturvorbereitung nebst Organisation eines Förderkurses raubte dann doch die Zeit, die ich für eine gründliche Recherche benötig hätte. So harrte ich gespannt der Dinge, die da kommen sollten – im Zweifel hätten wir alles Unklare gesammelt und zur weiteren Bearbeitung vertagt. Es kam letzlich aber doch sowieso ganz anders.

Das Monster ACTA
Einer der beiden Referenten war nämlich erkrankt und so mussten wir den Vortrag verschieben. Während ich mit dem verbliebenen Referenten das weitere Vorgehen abklärte, ging aber ein Raunen durch die Klasse: Was ist eigentlich dieses ACTA? Wir müssen unbedingt über ACTA reden! ACTA muss gestoppt werden. Der Gesprächsbedarf lag so deutlich in der Luft, dass ich mich entschloss, erst einmal die Stimmung einzufangen, das Vorwissen abzuklopfen sowie Sorgen und Ängste aufzunehmen.

Auf meine Nachfrage schossen gleich um die zwölf Finger in die Luft: Die meisten Schüler hatten sich über die Anonymous-Video per Youtube informiert und zu Beginn gab ausgerechnet mein stillstes(!) Mädchen ein anderthalbminütiges, emotionales Statement ab, warum ACTA gefährlich sei. Sie wiederholt das aus dem Anonymous-Video bekannte Bild des Rezepts, das man zuhause nur noch unter Gefahr einer Strafe der Mutter weitersagen dürfe. Beliebte Webdienste wie Google, Facebook oder Youtube müssten abgeschaltet werden, sollte ACTA in Kraft treten. Sogar die Sprache würde sich durch ACTA verändern.

Eine der häufigsten Formulierungen in der folgenden Runde war „das wird dann an ACTA geschickt“. ACTA existiert in den Köpfen dieser Siebtklässler als Akteur, als Instanz, fast als Monster. Die Sorge vor der Überwachung des gesamten Lebens wurde formuliert; Angst davor, dass eine per Reply-Knopf kopierte Mail zur Strafe führen könnte, auch die Sorge vor Gefängnisstrafe wurde artikuliert.

Der verbliebene Referent trat dann erstaunlicherweise als besonnene Stimme im Anti-ACTA-Orkan auf: Es handele sich um ein Abkommen verschiedener Länder, und er wies sehr reflektiert darauf hin, dass Anonymous ‘Hacker’ seien, denen etwas wie ACTA besonders ungelegen komme, weshalb man nicht einfach deren Sichtweise folgen dürfe. Er verwies aber auch auf das „three-strikes“-Modell mit der Konsequenz einer Netzsperre.

Zuletzt entwickelten sich die Äußerungen dahin, dass jede Kultur erstickt werden müsse, wenn das Kopieren völlig verboten werden würde. Wie sollte man noch Songs covern? Was wäre mit eigenen Videos, bei denen das Radio im Hintergrund liefe? Unschlüssig war man sich bei der Frage, ob ACTA „den Händlern“ eher nütze oder schade, da es doch für den Internethandel eigentlich das Ende bedeuten müsse.

Fazit
Es war das Ende einer neunten Stunde in einer siebten Klasse, und es war die ganze Zeit mucksmäuschenstill, die Beteiligung engagiert und hoch. In den Äußerungen der Schüler kommt vieles zusammen, das aufgearbeitet werden muss. Manchen Schülern scheint nicht klar zu sein, wann eine Kopie unter Umständen wenig erfreulich für den Urheber sein kann und auf viele wirkt ACTA wie ein abstraktes Wesen (vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor, weil Dreizehnjährige sich noch nicht auf gewohnte Weise politisch ausdrücken können). Die Verbindung mit politischen oder wirtschaftlichen Gruppen haben die Schüler nicht vorgenommen, für sie gibt es nur dieses böse ACTA. Das Verlagswesen ist ihnen logischerweise unbekannt, Vertriebswege, Verwertungsketten unklar. Die Rolle der Provider wurde nicht erwähnt. Es wird Zeit, dass wir dem unscharfen Monstrum bald mal ein Gesicht verleihen. Fürs zweite Halbjahr dürfte sich dann logischerweise eine intensive „Medienerziehung“ (‘Erziehung’ klingt hier furchtbar, oder?) anschließen.

Falls jemand von euch noch eine Ergänzung oder Anregung für mich hat, bin ich ihm mehr als dankbar!

 Posted by at 21:19  Tagged with:
Feb 202012
 

Als ich letze Woche den Klassenraum meiner siebten Klasse betrat, hatte jemand die Tafel vollgeschmiert. Das ist, außer manchmal nach der langen Mittagspause, eigentlich nicht üblich, und ich werfe immer einen schnellen Blick darauf, um herauszufinden, ob das Angeschriebene thematisiert werden muss oder nicht. In der Regel finden nur harmlose Dinge kurz vor Stundenbeginn ihren Weg an die Tafel, aber diesmal nicht. „Stoppt Acta!” hatte jemand wiederholt an die Tafel geschrieben.

Und da stand ich nun vor dem grünen Monstrum, weiß hatten dreizehnjährige Siebtklässler „Stoppt Acta“ aufs Grün gebracht. „Ach, ACTA!“, sagte ich mit wissendem Unterton, dabei aber nur mit Halbwissen und Meinungsäußerungen auf Twitter gespeist. C. wittert seine Chance:„Können wir eigentlich auch einfach mal so Referate über irgendein Thema halten?“ „Klar.“ „Haben Sie auch ‘nen Beamer, auf dem man Videos zeigen kann?“ „Klar.“

Und folgerichtig sitze ich jetzt hier und beschäftige mich extrinsisch motiviert mit ACTA. Immerhin muss ich in der Lage sein, sachliche Fehler richtigzustellen, Sachverhalte zu erklären und dabei, gemäß dem Beutelsbacher Konsens, die Positionen ausgewogen darzustellen. Gar nicht einfach, in diesem Gewimmel von Meinungen, Unmutsäußerungen, Grabenkämpfen. Einen kleinen Einblick in das Dilemma zeigt das Schulmusikerblog, in dem Sebastian Dorok das Thema von beiden Seiten beleuchtet.

Gleichzeitig zeigt diese im Unterrichtsalltag eher nebensächlich erscheinende Episode, dass bei den jungen Menschen politisches Bewusstsein im Internet gebildet wird. Mit kurzen Videos kann man sie gut erreichen, plakative Botschaften abfeuern, Stimmung machen, Vordenken und Shitstorms schüren. Wir müssen Medieneziehung als genuin politische Bildung verstehen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder im Netz von plakativen, hippen oder auch rückwärtsgewandten Positionen überrumpelt werden. Es geht bei Medienbildung nicht um die bunteste Prezi und den kürzesten Twitterbeitrag, es geht schlichtweg darum, sich seiner Vernunft bedienen zu können. Auch wenn das bei so komplizierten Themen wie ACTA nicht immer einfach ist.

 Posted by at 09:58
Feb 162012
 

Der magische Spiegel. Haptischer Fingerzauber. Oh heilsbringende, unerklärliche Technologie. It’s a kind of magic.

Meine Feststellung im heutigen Unterricht war, dass in besonderen Fällen auch aller Zauber nicht hilft. Wir hatten es heute  eher haptisch: Die Schüler haben aus einzelnen, unverbundenen Worten, die sie als Papierschnipsel vorliegen hatten, einen sinnvollen Satz zusammengestellt und durch die unterschiedlichen Ergebnisse und das eigene Verschieben zusammenhängenden Einheiten das Satzglied und die Umstellprobe kennengelernt. Ist ein bekanntes Verfahren im Deutschunterricht und funktioniert in der Regel gut. Die Schüler legen wirklich mit Eifer ihre Sätze (Was kommt wohl dabei heraus?), vergleichen auf Folie ihre Ergebnisse und kommen zum Ergebnis, dass alle Sätze den gleichen Inhalt transportieren, aber trotzdem unterschiedlich gebaut sind. Offensichtlich gehören gewisse Wörter eines Satzes zusammen und bilden ein – den Begriff kennen manche Schüler schon aus der Grundschule – Satzglied. Und das Verschieben und Erkennen von Satzgliedern üben wir dann. (Sorry vorab, kein inverted classroom, kein LdL und nicht mal Internet irgendwie dabei… ich habe mich sogar beim Sprechen erwischt…)

Während der anschließenden Übung meldete sich dann ein verzweifelt dreinblickender junger Mann. Er hätte das alles nicht verstanden. Ein Blick ins Heft zeigte, dass alles gut aussah. Ich hockte mich dann neben ihn und führte die Übung gemeinsam mit ihm durch. Schritt für Schritt, ihm bei jedem seiner vielen unsicheren und hektischen „Ähhh… nein, doch nicht…“ klarmachend, dass er doch! ja! genauso! weitermachen soll. Keine magische Zauberkiste hätte ihm spiegeln können, dass er von vornherein schon alles verstanden hatte und nur sich selbst unsicher war. Ich werde jetzt vermehrt ein Auge auf ihn haben, um ihm Sicherheit bieten zu können.

Hätte ihm eine automatisierte Rückmeldung (Meldung „Prima!”, Farbe: grün) des magischen Spiegels auch geholfen?

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