Der Flüchtigkeitsfehler

In Nordrhein-Westfalen ändert man die Bewertungsmaßstäbe (pdf) bezüglich der sprachlichen Richtigkeit für die Oberstufe. Aktuell ist nur die zentrale Prüfung der Einführungsphase betroffen, man behält sich aber vor, die neuen Maßstäbe fürs Abitur zu übernehmen. Fleißige Menschen haben sich überlegt, dass es doch eine prima Idee wäre, in der Oberstufe die Rechtschreibung aufzuwerten und alles, was mit Textkohärenz zusammenhängt, abzuwerten. Offensichtlich möchte man die exorbitanten Abiturergebnisse aus Berlin nicht auf sich sitzen lassen und NRW jetzt einen kleinen Abiturschub verpassen. Wie auch immer, wer nun halbwegs in der Grundschule aufgepasst hat, dürfte bald mit einer passablen Rechtschreibleistung sein Abitur so gut wie in der Tasche haben, denn alle Punkte, die man nun der Rechtschreibung hinzugibt, werden den Aspekten Textstruktur, Stilistik oder Kohärenz abgezogen. 

Der Flüchtigkeitsfehler

Und während wir die neuen Punktelisten durchforsteten, fiel mir eine ältere Liste mit Korrekturzeichen in die Hände. Neben den mir alltäglichen Zeichen zur Markierung von Satzbau-, Zeichensetzungs-, Ausdrucks- oder Rechtschreibfehlern sprang mir ein Relikt aus meiner Grundschulzeit ins Auge, markiert mit dem Kürzel „Fl“: der Flüchtigkeitsfehler.

Und grau dämmerte es mir. Der Flüchtigkeitsfehler. Unscheinbarer Begleiter meiner Grundschulzeit, fand er sich doch gelegentlich am Heftrand neben Diktaten oder anderen in schönster Schreibschrift geschwungenen Texten. Mit der Zeit lernte ich, dass „Fl“ bedeutet, dass man einen Fehler gemacht hatte, der aber nicht als Fehler gewertet wurde, weil die Lehrerin davon ausging, dass man nur ein wenig geschusselt hatte. Fand ich gar nicht übel, immerhin hatte sie ja recht. Ich konnte ja eigentlich alles. 

Didaktisch betrachtet, ist der Flüchtigkeitsfehler die sinnloseste und intransparenteste aller Fehlerkategorien, denn einerseits hilft sie dem Schüler nullnadanichts bei der Einordnung seines Fehlers, und andererseits ist sie auch gar nicht dafür gedacht, den Schüler auf einen Fehler aufmerksam zu mache. Sie drückt letztlich nur die unendliche Gnade des Korrigierenden aus: Ich sehe einen Fehler, aber ich werte ihn nicht, denn ich glaube, dass du diesen Fehler in der Regel nicht machen würdest. Warum und wieso die Lehrkraft sich das denkt, wird dem Schüler nicht verdeutlicht. Ist halt so. Schwein gehabt.

Flüchtigkeitsfehler ins Abitur einquoten

Mein Tipp zur Aufbesserung des Abiturschnitts in NRW, falls die Berliner sich demnächst auch wieder einen Trick einfallen lassen: Die Fehlerkategorie „Fl“ einquoten. Mindestens zehn Prozent der Gesamtfehlersumme könnte man einfach als „Flüchtigkeitsfehler“ (nicht) werten. Das kann man gewiss statistisch irgendwie hinbiegen, dass besonders in Klausur- und Prüfungssituationen eine bestimmte Anzahl an Fehlern quasi aus Versehen gemacht werden und die könnte man doch eigentlich gleich herausrechnen.

Vielleicht ist die neue Punktregelung aber auch einfach nur ein Flüchtigkeitsfehler des Ministeriums? Wer weiß das schon?

Flurtische

Meine Schule ist ein Drecksloch. Ich hasse sie und den Architekten, der sie verbrochen hat. Abreißen müsste man ihn, den demotivierenden 60er-Jahre-Klotz, niedermachen, Staub zu Staub, und jeder möge den ersten Stein werfen. Ein aus den allerhässlichsten Farbresten zusammengemischter Kunststoffboden bahnt den Weg durch den sich Bildungsinstitution schimpfenden Betonkasten. Lange Flure, Türen links und Türen rechts durchbrechen die unverputzten, nackte Steinwände, die schmucklos Lebensraum verschandeln. Man möchte sich auf den ekelhaften Boden werfen, ihn einstampfen oder mit den Fäusten an die Wände trommeln, doch das Ungetüm bleibt und nichts wird ihm etwas anhaben.

Und doch und trotz aller Tristesse kann man etwas machen, um die Knast-Architektur aufzubrechen. Um ein wenig Leben hineinzubekommen. Um Unterricht etwas von der Architektur zu lösen. In unserem Fall hat die Schulleitung ganz einfach kleine Tische mit fest angebrachten Stühlen (ähnlich wie diese hier) auf die Flure gestellt. Geschätzt 7-8 Stück stehen davon auf dem langen Flur vor meiner Klasse. Und die nutze ich! 

Flurtische im Unterricht

Wenn ich also mit einem wundervollen Grammatikthema in meine Klasse komme, dann arbeite ich in der Regel nach dem Prinzip der Lerntheke, die sich auf Buch, Arbeitsheft und kopierte Drittmaterialien stützt. Jeder SuS bekommt Gelegenheit, sich selbst einzuschätzen und kann dann an seinem Arbeitsschwerpunkt arbeiten. Da ich weiß, dass meine Klasse durchaus quirlig ist und einige SuS sich gerne untereinander ablenken, dürfen also einige SuS auf den Flur und dort ihre Aufgaben bearbeiten. Je nach Auslastung (und mit der Zeit entdecken immer mehr Kolleginnen den Flur) kann ich also fast die Hälfte meiner Klasse auf dem Flur arbeiten lassen. Dabei habe ich, Knastarchitektur sei Dank, schnell alle im Blick und ich kann den freigewordenen Raum in der Klasse dazu nutzen, kleine, instruktive Angebote zu machen á la “Wer noch einmal erklärt haben möchte, was Inhaltssätze sind, der treffe sich mit mir am Pult”. Das nutzen jedesmal einige SuS, und auch die Guten fragen dann gerne noch einmal nach.

Licht und Schatten

Angenehm an dieser Arbeitsform ist, dass es im Klassenraum sehr viel leiser wird und dass auch die SuS auf dem Flur in Ruhe arbeiten können. Und nein, da rennt nicht andauernd einer über den Flur und klopft an Türen. Ehrlich gesagt, klopfen wohl eher weniger SuS an Türen, weil die anderen ja zugucken. Problematisch ist eher, dass die SuS die Nase voll haben von den hässlichen Wänden und beim Sitzen an den Tischen auf die Idee kommen, die Wände zu “gestalten”. Das möchte man nicht immer sehen. Auch klar: Die Flurtische sind kein Ersatz für die Architektur einer Bielefelder Laborschule, aber immer noch besser als gar keine Idee. Ich meckere ja gerne über alles mögliche, aber diese Flurtische sind wirklich eine tolle Bereicherung für den Unterricht. 

Vernebelte Sonnenfinsternis und debattierende Jugend

Sitze, während ich dies schreibe, in der Bahn nach Bielefeld und steckt, wie auf eigentlich jeder Fahrt mit der Bahn irgendwo auf der Strecke fest. Um mich herum ist es in solchen Situationen entweder stockdunkel oder, wie jetzt, ganz fies neblig und der Bahnfahrer entschuldigt alle zehn Minuten die Verspätung, um gleich eine neue anzukündigen.

Eine Netzverbindung gibt es hier im Niemandsland auf den Gleisen im Ruhrgebiet natürlich nicht, sodass ich diesen Beitrag wie in den guten alten Zeiten offline tippen muss. Ein WLAN gibt es in der Regionalbahn nämlich auch nicht. Erstaunlich auch, dass alle Störungen prompt behoben sind, wenn ein ICE an uns vorbeigerauscht ist.

Jugend debattiert

Dabei komme ich gerade von der Landesqualifikation „Jugend debattiert“, an der ich zum ersten Mal als Juror teilnehmen durfte, was mir viel Freude gemacht hat. Das Thema der Hinrunde („Soll an nordrhein-westfälischen Grundschulen das Fach Demokratie mit dem Schwerpunkt Kinderrechte eingeführt werden?“) fand ich zwar nicht so glücklich gewählt, umso besser gefiel mir aber das Thema der Rückrunde: Soll in Deutschland die Vorratsdatenspeicherung wieder eingeführt werden.

Auch das Verhalten der anderen Gruppen zu beobachten, war äußerst spannend. Ein Gruppe, die gleichzeitig mit uns in der Bahn fuhr, wurde vom begleitenden Kollegen und einem Vorjahresveteranen noch in der Bahn regelrecht gebrieft, worauf sie während der Debatten noch zu achten hätten. (Die haben dann auch den ersten Platz gemacht ;-) ).

Die Debatten waren dann wirklich gut, aber bundesfinalreife Kandidaten habe ich leider nicht zu sehen bekommen. Oft wurde Kant zitiert, oft die moralische Ebene bemüht, aber am Ende zählen eben handfeste Argumente und nicht die Anzahl der Kant-Zitate. Erstaunlich aber auch die Beurteilung mancher Jury-Mitglieder, die bemängelten, dass Schüler ihre Eröffnungsreden einstudiert hätten. Joa mei! Da bereiten sich Schüler gut vor und dann wird es ihnen gleich angekreidet… aber wir waren ja immer zu dritt. ;-)

Großen Dank verdient das Orga-Team, das für ein tolles Catering und eine entspannte Atmosphäre gesorgt hat, weil wirklich jederzeit sonnenklar war, wo man wann an welchem Ort was zu tun hatte. Austragungsort war übrigens das Studienseminar in Oberhausen, architektonisch mindestens drei Stufen über dem muffigen Bau in Bielefeld, mit viel Licht und hellen Glasfronten. Schade nur, dass den ganzen Tag eine fiese Nebelglocke über NRW lag, sodass wir keinen einzigen Sonnenstrahl zu Gesicht bekamen. Von Anweisungen, wie man sich bei einfallendem Sonnenlicht zu verhalten hatte, wurden wir verschont – eigentlich erstaunlich – immerhin hatten wir ja auch leibhaftige Schüler dabei.

Davon könnte sich Die Bahn gerne eine Scheibe abschneiden. Für die Strecke Oberhausen – Bielefeld (ca. 150 km) haben wir am Ende geschlagene vier Stunden gebraucht.

Von der Mühe des Eichhörnchens

Ein Desaster. Von wegen „kollaborativ“ arbeiten. Gelöschte Ergebnisse, stattdessen ist dummes Zeug dazwischen geschrieben. Um mich herum verzweifelte Schülergesichter und der oder die Täter nicht mehr aufzuspüren, obwohl er oder sie mit Unschuldsmiene nur zwei Meter von mir entfernt sitzen muss. Das war mein erster und letzter Versuch, die SuS Arbeitsergebnisse per Google Docs präsentieren zu lassen. Blamabel. Nicht mit einer Silbe bloggenswürdig. Und alleine die Zeit, die dafür aufgewendet worden war. Ich schweige lieber.

Ein Jahr später. Heute. Ein Teil der besagten Gruppe sitzt in meinem Diff-Kurs und versucht, den Weg zur amerikanischen Unabhängigkeit in einer Sonderausgabe einer fiktiven Zeitung darzustellen. Einige setzen auf rein handschriftliche Ergebnisse, andere brauchen noch Zeit im „Luiz“ (Lern- und – Informationszentrum), um ihre Texte dort am Computer zu schreiben. Und während ich im Laufe der Stunde zwischen zwei Räumen pendelnd an schon in der Vorstufe wunderschönen Plakaten vorbeikomme, sehe ich: Meine Schüler aus dem letzten Jahr, die gemeinsam an einem Dokument arbeiten – per Google Docs! “Damit haben wir schon gestern zu Hause angefangen, geht doch so viel einfacher.”

Verzeichnisdienste und Linius

Verzeichnisdienste

Und wo ich heute schon schrieb, dass ich bei Twitter kürzer treten möchte, da kann ich mein Blog wieder für kürzere Beiträge missbrauchen. Zum Beispiel, um auf einen Beitrag von Maik Riecken hinzuweisen, der zeigt, wie leicht das Leben mit Verzeichnisdiensten wäre. Ich zitiere einmal Maiks Beispielvision:

Die Schulsekretärin gibt einen neuen Schüler in die Schulverwaltung ein, der die Schule gewechselt hat. Gleichzeitig sind damit ein Account auf dem Schulserver, eine E-Mailadresse und ein WLAN-Zugang angelegt und sämtliche Zugänge und Zugriffsberechtigungen auf der alten Schule deaktiviert. Selbstredend ist unser Schüler damit auch gleich den richtigen Gruppen auf der Lernplattform der Schule zugewiesen, in die Schulstatistik eingepflegt und in der Lehrmittelverwaltung mit den korrekten Attributen versehen (z.B. Geschwisterermäßigung bei der Schulbuchausleihe).

Hach, schöne Utopie.

Linius

Herr Rau, der aus dem Lehrerzimmer, twitterte heute zu einem wordpress-basierten Storytelling-Werkzeug namens „Linius“. Die Homepage wirkt etwas sparsam und so gar nicht nach aufregendem Storytelling, aber die Ergebnisse können sich sehen lassen. Einfach schön. Damit ließe sich sowohl in Deutsch als auch in Geschichte was machen.

Twitterpause und Handschrift

Habe mir vor ein paar Tagen eine mindestens einwöchige Twitter-Pause verordnet, weil mir dort das geballte „Schule ist schlecht“-Mantra meiner Timeline gehörig auf den Zwirn ging und ich davon ein wenig Abstand brauchte. Nett, dass wenigstens manche Journalisten für uns Lehrer in die Bresche springen, wenn wir dazu nicht in der Lage sind. Ja, ich weiß, das ist unfair, weil viele aus meiner Timeline Schule durchaus nicht nur negativ gegenüberstehen, und vieles dürfte einfach per schnellem Retweet in meine Timeline gespült werden, aber auf Dauer wirkt das wie Tröpfchenfolter. Und trotz aller eigenen Kritik an Schule muss ich nicht alles in Grund und Boden verdammen. Also: Twitterpause.

Handschrift

Dass in Finnland die gebundene Handschrift in den Grundschulen nicht mehr unterrichtet wird, ist hier ein großes Thema. Empörung! Ich auch. Zunächst, weil ich als typisch Schlagzeilenbelesener, glaubte, die Handschrift würde abgeschafft. Aber nein, nur die verbundene Schreibschrift wird abgeschafft, eine Druckschrift bleibt weiterhin erhalten und die Weltenordnung stürzt nicht vollständig ein. Denn dafür lernen die Kinder schon in der Grundschule das Schreiben auf dem Computer, was nicht die schlechteste Idee ist, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Tastaturkenntnisse und -fähigkeiten unserer Gymnasiasten bis in die hohe Mittelstufe hinein sind. Zeichen können nur von einer Seite aus gelöscht werden, Formatierungen abseits von „Zentrieren“ sind nahezu unbekannt, die Tab-Taste ist ein unnützer Platzverschwender und die Zweitbelegung von Tasten ein Buch mit sieben Siegeln (Wie macht man denn nun ohne Touch dieses vermaledeite “@”?).

Nun, für einige geht dann eben doch das Abendland (huch, das mag man in Zeiten von Pegida kaum noch schreiben) unter und die „Arme Sprache“ wird bejammert. Weniger dramatisch sieht den Wegfall der Schreibschrift dagegen Professor Brügelmann im WDR 5-Tagesgespräch. Ich sehe es jetzt auch weniger dramatisch.

So. Und jetzt wird wieder korrigiert. Dank Twitterpause komme ich auch viel schneller voran. ;-)

Angstbürger essen WLAN auf

Ach je, eigentlich braucht man sich nicht mehr zu wundern.

In der digitalen Welt ist schon längst genau das eingetreten, wovor sich die Deutschen doch am meisten fürchten: Sie sind abgehängt. Die Angstbürger siegen.

Während in den USA ein digitales Schwergewicht nach dem anderen erwächst und viele kleine Anbieter die Nischen dominieren, die das Netz noch nicht erreicht hat, klagt man in der alten Welt über Monopolstellungen, Marktmacht und mangelnde Alternativen. Denn es gibt nahezu keine bedeutende Software, die nicht aus den USA kommt. Doch anstatt den Fehdehandschuh aufzugreifen und produktiv darauf zu reagieren, übt man sich auf unserem Flecken der Erdkugel in Verbotsübertrumpfungen.

Die einen träumen im Großen von der Zerschlagung Googles (Nico Lumma dazu), und andere wüten im Kleinen erfolgreich gegen ein flächendeckendes WLAN an Schulen. Woanders kauft und verfilmt man die Biografien der Computer-Entrepreneure, hier bejubelt man die Scheuerls und Spitzers dieses Landes. Da möchte man sich an den Kopf packen, doch Vorsicht lieber Michel: Dein Aluhut könnte dabei verrutschen!

Wen wundert’s, dass aus Deutschland bestenfalls liederliche, schnell abgesoffene Copy&Paste-Startups stammen und die höchste Kompetenzstufe in der ICILS 2013 (pdf) kaum erreicht wurde? Die bis dato wichtigste Technologie des 21. Jahrhunderts – sie wird von deutschen Angstbürgern lahmgelegt.

Lernen2.0 ohne Internet

Vor einigen Jahren durfte ich bei einem Besuch in Oettingen das Albrecht-Ernst-Gymnasium und dessen „Triebkraft“ Günther Schmalisch kennenlernen. Damals wurde noch davon gesprochen, dass die Klassenräume weit geöffnet werden müssten, große Lernräume entstehen sollten oder dass Klassenarbeiten nicht zwingend gleichzeitig geschrieben werden müssten.

Das alles scheint Gestalt angenommen zu haben, wie man in dem begeisterten Bericht von Karlheinz Pape lesen kann. Der vielleicht wichtigste Satz in seinem Beitrag lautet:

Für Lernen 2.0 braucht man gar kein Internet.

Für uns Web2.0-Schnösel und Webversteher, die für alles und jedes das Netz benutzen wollen und gutem Unterricht ohne digitale Anbindung jede Berechtigung absprechen.

Stärke erkennen

Durcheinander im Klassenraum einer Mittelstufenklasse. Berufsvorbereitung. Zum Glück nur eine kleine Gruppe, knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler bewegen sich kreuz und quer durch den Raum, um sich gegenseitig ihre Stärken zu dokumentieren. Die Mädchen stellen den Großteil der Gruppe, kaum eine lässt die Zettel der anderen unbeachtet, überall wird ernsthaft und fleißig notiert. Bei den Jungs sieht das etwas anders aus, einige attestieren sich große Fähigkeiten bei Burger King und Co. – aber da greife ich nicht ein, das ginge am Ziel vorbei. Ich halte mich zurück, denn was die Schüler sich gegenseitig notieren, geht mich genau genommen gar nichts an. Sie sollen möglichst auch Stärken zurückgemeldet bekommen, die mit dem normalen Schulalltag nichts zu tun haben, und dass ein wenig peer-group-bezogenes Schulterklopfen dabei ist: geschenkt.

Und während so fleißig geschrieben wird, beobachte ich, dass auf einem Zettel fast noch gar nichts steht. Im Vergleich mit den anderen stehen dort nur wenige Punkte, und ich bin mir sicher, dass die Schülerin mehr als enttäuscht sein wird, wenn sie zu ihrem Platz zurückkehrt. Dabei ist die Arbeitsphase bald vorbei. Eine Schülerin kommt, betrachtet den Zettel, geht weiter. Eine weitere spaziert mit gezücktem Stift am Tisch vorbei, verdreht lesend den Kopf, geht weiter. Ein Schüler. Nichts.

Ich kündige die letzte Minute an und die kleine Menschenmenge räumt sich. Einige sitzen schon auf ihren Plätzen, andere schreiben noch schnell zu Ende. Und dann kommt F., eine ganz ruhige, erfasst mit einem schnellen Blick das Problem und notiert in Sekundenschnelle drei weitere Stärken auf dem zu leeren Blatt Papier.

Allein in dieser einen Handlung steckten so viele Stärken, dass es mich schier umgehauen hat.