Angstbürger essen WLAN auf

Ach je, eigentlich braucht man sich nicht mehr zu wundern.

In der digitalen Welt ist schon längst genau das eingetreten, wovor sich die Deutschen doch am meisten fürchten: Sie sind abgehängt. Die Angstbürger siegen.

Während in den USA ein digitales Schwergewicht nach dem anderen erwächst und viele kleine Anbieter die Nischen dominieren, die das Netz noch nicht erreicht hat, klagt man in der alten Welt über Monopolstellungen, Marktmacht und mangelnde Alternativen. Denn es gibt nahezu keine bedeutende Software, die nicht aus den USA kommt. Doch anstatt den Fehdehandschuh aufzugreifen und produktiv darauf zu reagieren, übt man sich auf unserem Flecken der Erdkugel in Verbotsübertrumpfungen.

Die einen träumen im Großen von der Zerschlagung Googles (Nico Lumma dazu), und andere wüten im Kleinen erfolgreich gegen ein flächendeckendes WLAN an Schulen. Woanders kauft und verfilmt man die Biografien der Computer-Entrepreneure, hier bejubelt man die Scheuerls und Spitzers dieses Landes. Da möchte man sich an den Kopf packen, doch Vorsicht lieber Michel: Dein Aluhut könnte dabei verrutschen!

Wen wundert’s, dass aus Deutschland bestenfalls liederliche, schnell abgesoffene Copy&Paste-Startups stammen und die höchste Kompetenzstufe in der ICILS 2013 (pdf) kaum erreicht wurde? Die bis dato wichtigste Technologie des 21. Jahrhunderts – sie wird von deutschen Angstbürgern lahmgelegt.

Lernen2.0 ohne Internet

Vor einigen Jahren durfte ich bei einem Besuch in Oettingen das Albrecht-Ernst-Gymnasium und dessen „Triebkraft“ Günther Schmalisch kennenlernen. Damals wurde noch davon gesprochen, dass die Klassenräume weit geöffnet werden müssten, große Lernräume entstehen sollten oder dass Klassenarbeiten nicht zwingend gleichzeitig geschrieben werden müssten.

Das alles scheint Gestalt angenommen zu haben, wie man in dem begeisterten Bericht von Karlheinz Pape lesen kann. Der vielleicht wichtigste Satz in seinem Beitrag lautet:

Für Lernen 2.0 braucht man gar kein Internet.

Für uns Web2.0-Schnösel und Webversteher, die für alles und jedes das Netz benutzen wollen und gutem Unterricht ohne digitale Anbindung jede Berechtigung absprechen.

Stärke erkennen

Durcheinander im Klassenraum einer Mittelstufenklasse. Berufsvorbereitung. Zum Glück nur eine kleine Gruppe, knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler bewegen sich kreuz und quer durch den Raum, um sich gegenseitig ihre Stärken zu dokumentieren. Die Mädchen stellen den Großteil der Gruppe, kaum eine lässt die Zettel der anderen unbeachtet, überall wird ernsthaft und fleißig notiert. Bei den Jungs sieht das etwas anders aus, einige attestieren sich große Fähigkeiten bei Burger King und Co. – aber da greife ich nicht ein, das ginge am Ziel vorbei. Ich halte mich zurück, denn was die Schüler sich gegenseitig notieren, geht mich genau genommen gar nichts an. Sie sollen möglichst auch Stärken zurückgemeldet bekommen, die mit dem normalen Schulalltag nichts zu tun haben, und dass ein wenig peer-group-bezogenes Schulterklopfen dabei ist: geschenkt.

Und während so fleißig geschrieben wird, beobachte ich, dass auf einem Zettel fast noch gar nichts steht. Im Vergleich mit den anderen stehen dort nur wenige Punkte, und ich bin mir sicher, dass die Schülerin mehr als enttäuscht sein wird, wenn sie zu ihrem Platz zurückkehrt. Dabei ist die Arbeitsphase bald vorbei. Eine Schülerin kommt, betrachtet den Zettel, geht weiter. Eine weitere spaziert mit gezücktem Stift am Tisch vorbei, verdreht lesend den Kopf, geht weiter. Ein Schüler. Nichts.

Ich kündige die letzte Minute an und die kleine Menschenmenge räumt sich. Einige sitzen schon auf ihren Plätzen, andere schreiben noch schnell zu Ende. Und dann kommt F., eine ganz ruhige, erfasst mit einem schnellen Blick das Problem und notiert in Sekundenschnelle drei weitere Stärken auf dem zu leeren Blatt Papier.

Allein in dieser einen Handlung steckten so viele Stärken, dass es mich schier umgehauen hat.

Steinzeitmenschen nicht dauertanzend

Da war ich gestern Mittag doch überrascht, dass, obwohl die Medien erst vor wenigen Wochen  darüber berichtet hatten, die Arte-Doku „Fußspuren in die Vergangenheit“ so schnell ausgestrahlt wurde. Mein Steinzeitlerherz schlug gleich höher, denn die Doku berichtet von der Begegnung zwischen modernen, westlichen Wissenschaftlern und Fährtenlesern aus dem Stamm der San, welche den Archäologen helfen sollten, prähistorische Fußspuren zu lesen und zu deuten.

Was soll ich schreiben, alles Wesentliche zur Doku kann man schon bei Nils Müller nachlesen. Kurz gefasst: Die namibischen Fährtensucher konnten in allen gezeigten Fällen logisch und begründet darstellen, wie die Fußspuren ihrer Meinung nach (nicht) entstanden sind. So wurden aus den geheimnisumwitterten Fersenabdrücken einer der Volp-Höhlen banale Transportwege von einer Lehmgrube zu einem noch erhaltenen Steinzeit-Kunstwerk. Die wissenschaftliche Forschung hatte da bislang einen rituellen Tanz vermutet.

Nebenbei war es spannend, zu beobachten, wie sehr das Fährtenlesen unserem literarischen Lesen ähnelt: Die Fährtensucher mussten die sich ihnen darbietenden Zeichen entschlüsseln, sie in einen Zusammenhang bringen und konnten dann eine Geschichte rekonstruieren. Aus der Vielzahl an tanzenden Höhlenmenschen (man beachte all die Vorurteile, die darin mitschwingen) wurden so sehr nüchtern Vater und Sohn, die gemeinsam an einem Kunstwerk arbeiteten.

Und das war das Schöne an den nüchternen Betrachtungen der Afrikaner: Sie erklärten die Spuren ganz pragmatisch und ohne religiösen Hokuspokus, der sich in der Dokumentation als eine zu oft gewählte peinliche Verlegenheitslösung der modernen Archäologie entpuppte, die immer dann herhalten muss, wenn eine handfeste Erklärung nicht greifbar scheint.

Doch das kennzeichnet Wissenschaft eben auch, wir müssen uns das nur permanent vor Augen halten. Ein schönes Beispiel bietet hier der Neandertaler. Vor nur gut hundert Jahren stellte man sich den Neandertaler noch so vor, mittlerweile hat sich das Bild gewandelt, und es gibt beeindruckende moderne Rekonstruktionen – die ihrerseits aber wieder beeinflusst sein mögen, von unserer heutigen Sicht auf die Welt. Gut möglich, dass sich unser Bild vom dauertanzenden, super-spirituellen Höhlenmenschen auch langsam wandelt. Nur gut, dass uns Naturvölker dabei noch helfen können.

Fahrrad und laufen

Fahrrad

Bin selten so gut in ein Schuljahr gestartet. Wichtigster Vorsatz: Für alles genug Zeit nehmen. Notennotizen direkt nach der Stunde eintragen, Listen in Ruhe ausfüllen, Aufgaben beenden und sich nicht von anderen dazwischenfunken lassen („Hast du mal gerade…“). Klappt bislang gut, bin (noch) tiefenentspannt. Es schont die Nerven, wenn man mit dem Fahrrad zur Schule fährt. Der Bus ist keine Alternative mehr, seit ich mich letzte Woche ganz hinten in die Tür quetschen musste, das noch halb ausgeklappte Portemonnaie mit der Fahrkarte in der Linken, die schwere Tasche in der Rechten, einen Zeigefinger irgendwo eingehakt – und bei aufgedrehter Heizung, denn als der Busfahrer die Kiste angeworfen hat, war es ja noch kühl. Per Fahrrad kommt man schon wach am Schulgebäude an und hat notfalls auch mal ein paar Minuten mehr (dreißig, um genau zu sein, ich fahre meist sehr früh los, weil mich auch viel Verkehr morgens nervt).

Drückt mir die Daumen, dass ich das auch im Winter durchziehe.

Laufen

Ansonsten versuche ich seit einigen Wochen, möglichst regelmäßig zu laufen. Bin mittlerweile bei 5 km pro Lauf angekommen, die ich nun auch locker durchlaufen kann, ohne ins Keuchen zu geraten. Mehr Strecke geht auch, aber ich will mich langsam steigern, um dem Körper Gelegenheit zu geben, sich nach Jahrzehnten ohne Sport wieder an die Belastung zu gewöhnen. Das muss ja nicht gleich in einer Verletzung enden.

Und mittlerweile macht das Laufen wirklich Spaß und ich freue mich auf jeden Lauf, nicht zuletzt auch, weil ich gespannt bin, wie die Zombie-Apokalypse sich entwickeln wird. Laufen mit Hörspiel – da kommen zwei prima Dinge zusammen, und gleichzeitig ist es auch noch gesund, das hat man selten. Wenn es mir in den ersten Wochen nach den Sommerferien gelingt, möglichst regelmäßig zu laufen, dann muss ich nur noch den kalten Winter überwinden – und ein neues Hobby ist geboren. 12k sind das Ziel – danach schaue ich mal weiter.

Ein neues Schuljahr

Drei Tage Unterricht in NRW – und schon wundere ich mich wieder, wie all das geschafft werden soll und woher so mancher seine Zeit für all die Camps (OERCamp Köln, EduCamp Hattingen) hernimmt, wenn er nebenbei noch korrigieren, unterrichten, Nebenprojekte betreuen, sich offiziell fortbilden und zwischendurch noch seine Familie (Freunde?) sehen will. Ich bin immer schwer beeindruckt von dem Einsatz, den manche an den Tag legen. Ich schaffe das nicht, der normale Alltag hat mich jetzt schon wieder voll im Griff.

Sechs Korrekturgruppen erwarten mich im neuen Schuljahr, das ist mein persönlicher Rekord, gleichwohl ich einzelne Kollegen kenne, die schon sieben Korrekturen hatten. Natürlich kommt es auch noch darauf an, wieviel die jeweiligen Gruppen durchschnittlich schreiben, wie groß die Gruppen sind und wieviele schriftliche Arbeiten pro Halbjahr geschrieben werden, dann relativiert sich die Zahl der Korrekturen rasch. Mein Differenzierungs-Kurs schreibt zum Beispiel nur eine Klassenarbeit pro Halbjahr und besteht nur aus 18 Personen, das ist natürlich nicht vergleichbar mit einem Deutsch-LK, der nicht selten auch mal 30 Personen fasst. Klappt schon.

Dieses Jahr liegt mein unterrichtlicher Schwerpunkt deutlich in Geschichte. Ein Diff-Kurs, eine AG, zwei EF- und ein Q1-Kurs sollen versorgt werden. Die Änderung der Lehrpläne für die Einführungsphase (früher Klasse 11) verlangt nun einen diachronen Durchgang durch die Geschichte, was mich persönlich sehr freut. Als erstes Thema steht „Erfahrung mit Fremdsein“ auf dem Plan und wir schauen dann von der Antike bis in die jünste Geschichte, wie sich die Auseinandersetzung mit Fremden und eigener Fremdheit ausgewirkt und entwickelt hat. Themenfelder Römer / Germanen; Asien / Europa; Arbeitsmigration im Ruhrgebiet. Endlich einmal nicht chronologisch arbeiten zu müssen, das finde ich klasse!

Auch sonst stellen sich neue Herausforderungen, aber dazu vielleicht später einmal. Das Jahr startet jedenfalls gut, die Gruppen machen einen rundum motivierten Eindruck und ich bin gespannt, wohin das neue Schuljahr führen wird.

Lernlab KAS? Zu Hilfe!

Und da fragte die @Barfussprinzess doch glatt, ob ich auch in Köln beim Lernlab dabei sein werde. Öhm. Lernlab? In der KAS? Das war mal wieder an mir vorbeigezogen, obwohl ich bei Kubi doch schon einmal etwas über das Lernlab Berlin gelesen hatte. Und während ich zum Lernlab KAS recherchierte, wurde mir klar, dass ich lehrer2.0mäßig nichts zu bieten habe. Nix 2.0, eher Lehrer 0.0. Doppelnull. Zu Hilfe! Oder?

Lernlabs

Das Lernlab ist eine Veranstaltung, bei der Lehrer, wenn ich es richtig verstanden habe, quasi in bester Piratenmanier für einen Tag eine Schule „kapern“, dort nach Absprache (okay, nur so halb-piratig) den Unterricht übernehmen und dabei neue Konzepte des Lernens2.0 vorstellen. Zum Beispiel die von Kubiwahn erwähnten digitalen Backchannel von @Lammatini im allgemeinen Unterrichtsgespräch. Fünf interessierte Gäste hospitieren dabei zusätzlich.

Und ich so?

Und als ich so nach dem Hashtag des nächsten Lernlab suchte, fand ich diese Auflistung möglicher Aktivitäten für das nächste Lernlab im Oktober in der Kölner Kaiserin-Augusta-Schule. Während ich die Auflistung durchging, stellte sich mir die Frage, ob ich mich auch auf dieser Liste wiederfinden könnte und welchen Beitrag ich liefern könnte, das kleine Rädchen der digitalen Bildung in NRW ein klein wenig weiter zu drehen.

Zu allem Übel hatte ich dabei noch einen kritischen @ciffi und eine anspruchsvolle @lisarosa auf dem Screen. Der eine mokierte sich über die mangelnde digitale Praxis der Lehrerschaft, die andere betonte das andere, nicht allein auf neoliberal orientiertes Bulimielernen orientierte Lernen, ohne das alle 2.0-Bestrebungen sinnlos sein, was die eigene Einschätzung nicht leichter machte.

Nichts

Die beschämende Antwort war: Nichts. Da hatte ich nichts zu bieten. Wikis haben sich in meinem Unterricht nicht etablieren lassen, Moodle auch nur schleppend und mit Nachhaken. Klar, einzelne Tools lassen sich mal vermitteln (z. B. Prezi als PP-Ersatz), aber ein dauerhafter Einsatz, der Mehrwert oder sinnvollen Ersatz bestehender Methoden oder Werkzeuge versprach… da sah’s doch eher mau aus. Geocaching im Geschichtsunterricht? Noch nie. Der Einsatz toller Handy-Lernapps im Unterricht? Never.
Nun, ich scheue bewusst Dienste, die Anmeldungen verlangen, weil ich meine Schüler denen nicht aussetzen mag. Facebook ist für mich mittlerweile besonders persönlich ein No-Go, da will ich selbst nicht mehr hin. Seit meine Mobilnummer über die Telefonliste auch an die SuS „durchgesickert“ ist, versuchen manche Schüler, mich über WhatsApp zu erreichen, was in Einzelfällen hilfreich sein kann, aber im Großen und Ganzen von mir boykottiert wird (furchtbarer Lehrer, der ich bin, ich weiß schon…), weil eben das Gros der Schüler von der Kommunikation ausgeschlossen ist. Und von Lernen will ich gar nicht reden. Die mediale Ausstattung an meiner Schule ist, als dürre Entschuldigung eingeschoben, bescheiden. Beamer hängen in Fachräumen, die ich in der Regel selten betrete, und ein ganzes Exemplar für ca. 110 Kollegen kann man sich ausleihen. Aber anderen kann es ja nicht besser gehen. Und dennoch: Nichts, nichts, nichts, wohin ich auch blickte.

Dünn, mau, geradezu beschämend sah es also aus mit der Lehrer2.0fähigkeit meiner Wenigkeit. Obwohl…

Der letzter Rettungsanker: Weblogs

… Blogs, mit denen hatte ich schon mehrere 2.0-Versuche gestartet. Aber ob deren Ergebnisse wohl für eine Präsentation vor anderen Lehrern bestehen würden und ob der Einsatz wirklich den erhofften „Mehrwert“ gebracht hat? Davon mehr im nächsten Beitrag.

Rückblick, Karikatur und drei Gesetze

Heute gibt’s Vermischtes. Ein wenig Ferienrückblick, ein wenig Gedanken zum Elternsprechtag und ein paar lose Fäden zu den Gesetzten Shoshanna Zuboffs. Aber von allem nur ein Wenig.

Eingeschobener Rückblick

Während unseres Aufenthalts im hohen Norden besuchten wir auch Flensburg. Eine wirklich wunderschöne Stadt mit der höchsten Dichte an Tatoo-Studios, die mir je begegnet ist. Ob das wohl an den vielen Seebärinnen und -bären liegt, die sich einen Anker tätowieren lassen?

Karikatur zum Elternsprechtag

Herr Rau verwies vor einigen Wochen auf eine Karikatur mit dem Titel „Hopeful parents“, die darstellt, wie Eltern hinter ihrem anscheinend exzessiv Nintendo spielenden Sohn stehen und sich stolz Stellenanzeigen für professionelle Nintendospieler ausmalen. Ob man so etwas am Elternsprechtag mal außen an die Tür hängen sollte? Sorgt bestimmt für Diskussionsstoff bei den Wartenden. Vielleicht aber auch für schlechte Stimmung…

Drei Thesen

Vor einigen Wochen habe ich mir diese Thesen der Ökonomin Shoshana Zuboff der Universität Harvard notiert, die mir in diesem Artikel begegneten, bin aber noch nicht dazu gekommen, mir genauere Gedanken dazu zu machen. Der Artikel nennt ihre Thesen „Gesetze“, aber Gesetze kann ich in ihren Ideen nicht erkennen. Sie behauptet:

  1. Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.
  2. Was in digitalisierte Information verwandelt werden kann, wird in digitalisierte Information verwandelt.
  3. Jede Technologie, die für Überwachung und Kontrolle genutzt werden kann, wird, sofern dem keine Einschränkungen und Verbote entgegenstehen, für Überwachung und Kontrolle genutzt.

Der verlinkte Artikel bezieht diese Thesen auf Moocs und die Frage, ob universitäre Lehre auch ohne Dozenten funktionieren kann, aber man könnte Zuboffs Thesen auch mal auf Schule ausdehnen. Gibt es eine Zwangsläufigkeit der Digitalisierung des Lehrens und des Lernens? Sind Lehrprozesse so gestaltbar, dass sie automatisierbar (und so letztlich von einer Lehrperson loslösbar) sind? Und wie sieht es mit der Kontrolle aus? Bedeutet ein erhöhte Einsatz von digitaler Technik auch automatisch ein erhöhtes Maß an Kontrolle und Überwachung der Nutzer respektive Schüler (und Lehrkräfte)? Wo bestehen da Reibepunkte zwischen der reformpädagogisch orientierten digital-pädagogischen Vorhut und der entpersonalisierten Automatisierung; wo werden Konflikte bei Entfaltung der Persönlichkeit, dem eigenen Lernprozess und der totaleren Kontrolle entstehen?

Bin sehr gespannt, wohin wir uns zukünftig entwickeln werden.

Kariert gucken

„Du guckst so kariert.“, stand im Hanni-und-Nanni-Band, den ich zufällig aus einer langen Reihe Enid-Blyton-Bände in unserem kleinen Ferienhaus herausgezogen hatte. Erst kürzlich hatte eine Schülerin nach genau dieser Redewendung gefragt. Das sagt man heute eher nicht mehr, kariert gucken.

Ich mochte Enid Blytons Bücher sehr und habe viele Bände aus allen möglichen Reihen von ihr angelesen. Die Abenteuer-Reihe, die Rätsel-Reihe, Fünf Freunde natürlich, Hanni und Nanni, Dolly und sogar in Tina und Tini habe ich reingelesen. Vieles ähnelte sich, manches wurde als „Mädchen-Bücher“ abgetan, aber das hat niemanden, den ich kenne und der gerne gelesen hat, ernsthaft interessiert. Ich kenne einige Jungs, die gerne Dolly gelesen haben, und keiner konnte sich dem Charme der tollen Hanni-und-Nanni-Mitternachtspartys mit Ölsardinen und Kondensmilch entziehen.

Geschlechterzuordnungen

Heute wird die richtige Geschlechtszuordnung jedoch schon im Buchhandel durch Farbcodes erledigt: Rosarote Einbände für die Mädchen, blaue und schwarze für die Jungs; Glitzerapplikationen auf den Buchdeckeln hier, 3D-Effekte dort; Pferdegesichter glotzen auf der einen, Fußballmotive auf der anderen Seite. Bloß nichts Falsches für das lesen lernende Kind,bloß keine falsche Prägung, bloß nichts Geschlechtsuntypisches in unserer ansonsten flächendeckend aufgeklärten westlichen Welt, in der man doch so sehr vorgibt, auf die Gleichbehandlung der Geschlechter zu achten. Schaut man sich neuere Hanni und Nanni-Auflagen an, dann kann’s mehr rosa gar nicht werden und im Klappentext faselt’s im besten Bravo-Sprech von „Zicken“ und „süßen Boys“. Alles fein zurechtgemacht für die vermeintliche Zielgruppe.

Der Fluch der Altersvorgabe

Nebenbei scheint es sich auch durchzusetzen, dass Bücher eine Altersempfehlung verpasst bekommen. Empfohlen ab 6. Für Leseratten ab 9. Örch.
Bei Beachtung dieser unsinnigen Angaben für unsichere Käufer passt man nicht die Literatur den Kindern an, sondern versagt es den Kinder, Literatur selbst einschätzen zu lernen.
Ordnet man sich diesen Empfehlungen unter, dürften sich  den Kindern kaum sprachliche und emotionale Herausforderungen stellen. Wen wundert’s, dass Lesen dann langweilig und vorhersehbar wird und dass der Wortschatz von Kindern immer weiter sinkt? Wie ein Grizzly einen armen Landvermesser ausweidet, das erliest man gewiss nicht in der handverlesen Kinderliteratur, und eine unmoderne Wendung wie „kariert gucken“ dürfte den jugendlichen Leser des 21. Jahrhunderts bei der Lektüre des zielgruppenorientierten Materials ebenso wenig irritieren wie ein ungewohnter, die Konzentration fordernder Satzbau.
Ist die furchtbare Medusa, sind die Qualen griechischer Sagengestalten, gefressene Märchen-Großmütter, Knochenmühlen am Koselbruch oder blutige Volkssagen für Kindergemüter so unerträglich, dass wir sie in Altersvorgaben einhegen müssen? Müssen denn alle Geschichten zunächst disney-überzuckert werden, damit sie „ab 10“ gelesen werden dürfen?

Gewöhnungseffekt?

Überdies gewöhnen sich die Kinder daran. Bei Buchvorstellungen wird häufig nachgefragt, ab welchem Alter und vor allem: ob für Mädchen oder Jungen? Besonders die Jungs wollen Mädchenbücher vermeiden, wenn ein Mädchen Bücher mit männlichen Protagonisten wie „Tom Sawyer“ oder „Harry Potter“ vorstellt, ist das in der Regel kein Aufreger. Ich „oute“ mich dann gerne als ehemaliger „Hanni und Nanni“-Leser – aber ob es hilft, gegen die rosarot-blauschwarz gefärbten Windmühlen der Marketingstrategen anzukämpfen, das wage ich zu bezweifeln.

Die sind dann doch mächtiger, als man  zu glauben bereit ist: Als vor einigen Monaten eine durchaus meinungsstarke Bekannte mit einer Tüte voller rosa Bauklötze für unsere Jüngste bei uns auftauchte, die sie fein säuberlich aussortiert hatte, weil ihre Jungs nicht mit Mädchenfarben spielen sollen, da habe ich dann wohl etwas kariert geguckt.