Meckern und Mosern. Referendarsgejammer.

Man mag es manchmal wirklich nicht glauben. Da kommt eine Bundesministerin auf die Idee, ihren Länderkollegen unter Rückgriff auf eine nicht unbeträchtliche Finanzspritze ein wenig auf die Sprünge zu helfen – und was tut der Präsident des Lehrerverbandes, der allzu oft fälschlicherweise als Stellvertreter der meisten Lehrerinnen und Lehrer angesehen wird? Anstatt sich zu freuen, dass endlich jemand einmal Geld in die Hand nehmen und Schulen modernisieren will, meckert und mosert er!

Und natürlich könnte man das Geld auch in die Sanierung von Gebäuden stecken. Man könnte es aber auch in neue Schulpyschologen investieren. Mehr Stellen für Sonderpädagogen damit schaffen. Das Essen in Schulmensen gesünder machen. Schulwege besser absichern. Schulhöfe neu gestalten. Jeder Schule einen Schulgarten bescheren. Man könnte die Schule aber tatsächlich mal aus den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts abholen, wo sie – zu Kraus‘ Blütezeit – leider stehengeblieben ist. Gegenwind bekommt Kraus allerdings von allen Seiten.

Josef Kraus steht stellvertretend für den Philologenverband, den Verband der Realschullehrer und die Bundesverbände der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V. und der Berufsschulen e. V.

Was für ein Glück, dass ich keinem dieser Verbände jemals beitreten werde! Und wenn doch, dann wäre jetzt der Moment auszutreten.

Jammernder Referendar.

Aber nicht nur ehemalige Schuldirektoren mosern. Auch Referendare. Heute ein besonders prachtvolles Exemplar in der ZEIT. Zu Studienzeiten haben mich solche jammerhaften Artikel das Fürchten gelehrt, im Referendariat selbst habe ich dann langsam aber sicher an Verachtung gewonnen für dieses Herumgeheule. Vorab: Das Referendariat ist durchaus kein Zuckerschlecken, die Unterrichtsbesuche durchaus kritisierenswert, die Abhängigkeit von der Qualität der Fachleiter bemerkenswert und die Prüfung am Schluss nichts weiter als eine gefährliche Farce.

Und doch: Wer behauptet, er bekäme vor Unterrichtsbesuchen nur drei Stunden Schlaf und hätte permanent 60-Stunden-Wochen, um sich damit den Stundenlohn auf 4,50€ herunterrechnen zu können, der hat offensichtlich ganz andere Probleme als das Referendariat. Und ja, ein UB wird halt etwas aufwändiger vorbereitet als der Rest. Im Handwerk reicht es ja auch nicht, für die Meisterprüfung einfach etwas aus der laufenden Produktion herauszunehmen, das muss schon etwas sein, was die Fähigkeiten des Meisters abbildet. Schon mal ’ne Kolumne eines jammernden Handwerkermeisters gelesen?

Der Gipfel ist dann, darauf zu hoffen, dass man irgendwann die Kunst der „Türschwellenpädagogik“ erlernt habe und mit Unterricht aus dem Buch endlich den Status des lang ersehnten „’gut bezahlte[n[ Halbtagsjob[s]’“ erreiche, an dessen Nachmittagen man nur noch ein paar Klassenarbeiten korrigieren müsse. Ich echauffiere im Quadrat!

Dem Fazit kann man darum nur zustimmen:

Sofort in den Schuldienst einzutreten kann ich mir nämlich gerade beim besten Willen nicht vorstellen.

Ja bitte! Für die zukünftigen Kollegen wäre es das beste!

Die grauen Herren der digtalen Bildung

Wanka wirkt nach. Auf Twitter Diskussionen über ihren „Daddel-Kommentar“. Dazwischen Bemerkungen wie (sinngemäß) „Sie hat doch recht, unsere Kinder daddeln nur! Welches nutzt denn Evernote, Blogs oder Wikis?“. Oh weh! Digitales darf und soll also immer nur nützlich sein, der Zeitoptimierung dienen, der Allgemeinheit nutzen oder Bildung repräsentieren. Goodbye bunte Teenagerzeit, welcome du graue Welt der Erwachsenen!

Die selbsternannte digitale Lehrereelite überträgt ihre eigene Internetnutzung schlicht auf die folgende Generation. Nur, wer das Netz so nutzt wie wir im Berufsleben stehenden alte Säcke, der ist „digital gebildet“. Die selbstgestaltete Kultur der Jüngeren wird schlicht übergangen. Von Entwicklungspsychologie ganz zu schweigen. Und ohne zu erwähnen, dass das Digitale sich auf Abermillionen andere Arten und Weisen nutzen lässt, auch ohne Wikibloggetwitterzeug.

Ich stürze mich heute gerne auf jedes digitale Tool, aber mein 25 Jahre jüngeres Ich hätte gewiss kein größeres Interesse an langweiligen digitalen Werkzeugen zur Arbeitsorganisation: Es wollte zocken. Und das entweder am Computer oder auf dem Basketballplatz. Was hätte ich als Teenager bitteschön mit Evernote oder Wikis anfangen sollen? Jeden Abend eine Stunde ins Wiki schreiben? Strafarbeit! Ein privates Blog vielleicht, aber dann auch nur, weil ich schon immer gerne herumgeschrieben habe. Aber dann, worauf ich Bock gehabt hätte, und nicht das, was meine gouvernantenhafte Deutschlehrerin für sinnvoll gehalten hätte.

Übersehen wird dabei, dass die Teenager von heute schon längst aktiv sind. Und ja, sie lernen an Wisch-Geräten tatsächlich nicht, wie man Computer programmiert oder wie die Hardware aufgebaut ist. Dafür produzieren sie YouTube-Videos (lernen dabei autodidaktisch einiges über Schnitt, Ton, Spannungsbögen) und setzen dabei neue Formate durch (professionelle, erwachsene TV-Konsumenten wundern sich regelmäßig, wieso schon wieder so ein Pickelgesicht stundenlang beim Computerspielen in bräsigem Tonfall in eine Kamera quatschen kann und dabei Millionen Viewer hat) und gestalten eine völlig neue – ich hätte fast „TV-Kultur“ geschrieben, aber die lösen sie ja gerade ab – Videokultur. Professionelle Gamer verdienen auch ohne Evernote Beträge, von denen graue Bildungsherren nur träumen können, und jeder kleine Vorstadtrapper beatboxt ganz ohne Wiki in sein Handy. Wo früher einmal pro Woche einer kleinen Schar Auserlesener die Foto-AG das Fotografieren nahebrachte, steht heute das Experimentieren einer ganzen Generation mit der Handy-Cam und ihren zahllosen Apps. Und das Kollaborieren per Minecraft macht überdies viel mehr Spaß als lahme Evernote-Notizen zu teilen.

Das ist im Großen und Ganzen alles nicht professionell. Muss es auch gar nicht. Auf dem Bolzplatz haben wir früher auch nur just for fun gespielt und nicht, um den Ernst des Lebens zu erproben oder um für die Bundesliga zu trainieren. Natürlich müssen auch Kinder erst einmal ihr Gerät und dessen Möglichkeiten erkunden. Und natürlich wird ein Zehnjähriger mit seinem ersten Smartphone zunächst einmal Spiele spielen. Und das vermutlich sogar lange Zeit, bis er Lust bekommt, etwas Weiterführendes damit zu machen. Das entspricht einfach seinem Alter. So what? Müssen wir ihn gleich mit sperrigen Wikis, Twitterwalls, Edu-Apps und Optimierungstools quälen, bis es ihm mit Vierzehn zu den Ohren wieder rauskommt?

Das muss man als graubärtiger Studienrat (der den Umgang mit Taschenkalender und ToDo-Liste ja auch nicht mit zehn erlernte), dessen Kinder selbst schon lange erwachsen sind, gar nicht mitbekommen, dass junge Menschen immer ihre (digitale) Umwelt erschließen, neue Wege gehen, eigene Wege gehen und vielleicht auch mal eine Weile ihre Zeit verdaddeln müssen, um irgendetwas hinterher furchtbar langweilig, überflüssig und doof zu finden. Aber auch diese Erfahrung gehört zum digitalen Gebildetsein dazu.

Wir sollten bisweilen einfach mal gelassen bleiben und den Kindern ihre Zeit lassen.

 

Daddeln

Bildungsministerin Wanka plant DigitalPakt#D“ titelt man bei tagesschau.de und eigentlich sollte man sich ja ein bisschen freuen, dass endlich ein wenig Bewegung in die lahme digitale Bildungswelt kommt. Man sollte sich freuen, dass da endlich mal jemand ein wenig Geld in die Hand nehmen will. Aber, aber…

… was soll man von einer Bildungsministerin halten, die so zitiert wird: „Schülerinnen und Schüler müssen heute auch digital lernen und arbeiten können, statt nur zu daddeln.“

Ich weine still. Erinnere mich an meine Zeit als „Daddler“. An die Zeit, in der ich so ziemlich alles über Computer gelernt habe, was ich heute weiß. Durch das „nur zu daddeln“ habe ich gelernt und praktisch erfahren, was RAM bedeutet; wie man im laufenden Computercode cheaten kann; habe autodidaktisch kleine Programme zu programmieren gelernt. Ohne das Daddel und Filesharen mit Freunden bei Netzwerksessions hätte ich mir keinerlei Kenntnisse über den Aufbau kleiner Netzwerke erworben und nur, weil wir die grafisch anspruchsvollen Ballerspiele gedaddelt haben, konnte ich mir beim Übertakten das Innenleben meines Computers erschließen. Das half mir dann später, die Infrastruktur des Internets leichter zu verstehen und die Logik von den typischen Computersprachen des Internets war mir nicht unbekannt. Die großartigen Momente, wenn man beim Daddeln durch Teamplay etwas wirklich unerreichbar Scheinendes erreicht hatte… das kennt eine Wanka alles nicht.

Ich kann darum heute meine Computer bis zu einem gewissen Punkt selbst reparieren; verstehe in der Regel, warum etwas falsch läuft; kann mir selbst helfen, wenn an meinen Blogs geschraubt werden muss; verstehe die Transportwege des Internets sowie grob wie man verschlüsselt. Ich habe keine Angst vor der Konsole (aber doch Respekt) und wenn mal das WLAN zusammenbricht, weiß ich, wo mein LAN-Kabel liegt. Ich haue nicht noch fünfzigmal die Maustaste, wenn der Computer lahmt, und ich weiß, warum ich als Erstes den Einschaltknopf am Monitor drücke, wenn im Computerraum der Rechner angeblich nicht läuft.

Für Leute wie Wanka ist das einfach „nur […] daddeln“. Computerzeug.  Kann auf keinen Fall etwas mit Lernen zu tun haben, und was soll schon Gutes dabei herauskommen! (Und ich befürchte aufs Schlimmste: Wankas „lernen und arbeiten“ bezieht sich lediglich auf PowerPoint, Word, Excel und wenn’s hoch kommt, auf ’ne am Tablet gewischte Whiteboardpräsentation!). Hoffen wir, dass das Geld an den richtigen Stellen ankommt.

Und jetzt wird erst einmal gedaddelt.

 

Geheimtradition

Da denkt man immer, man müsse an einem traditionsreichen englischen Privat-Internat unterrichten, um an Geheimgänge, als Bibliotheksregale getarnte Geheimgänge oder ähnliches zu geraten, doch weit gefehlt! Denn letzte Woche fand ein Schüler folgende Geheimtradition:

zettel

Er musste natürlich sofort seinen Namen darauf schreiben und ihn wieder gut verstecken.

Habe gleich mal das Gerücht gestreut, dass das Schulgespenst davon besser nichts erfahren sollte…

Inklusion, heute mal in schön

Heute eine sehr angenehme Stunde in der Inklusionsklasse gehabt. Die Schüler bearbeiten das Thema „Briefe“ in einem Wochenplan, der verschiedene Aspekte des Briefeschreibens abdeckt. Dabei können wir beide Räume nutzen und die zusätzlichen Plätze, die wir auf den Fluren bereitgestellt bekommen haben, sodass jedem ein nahezu ungestörtes Arbeiten ermöglicht wird. Und das ist wirklich großartig. Die Sozialpädagogin hat für die I-Kinder spezielles Material zusammengestellt, sodass diese eine themengleiche Aufgabe haben, aber nicht vom Material überfordert werden.

Das Bonbon schlechthin ist der zusätzliche Raum, dessen Couch und verschiedene Mal- und Spielemöglichkeiten man auch als Belohnung nutzen kann, wenn einige der gymnasialen Schüler schneller und gründlicher arbeiten als ihre Genossen. Diese muss ich nun nicht mehr mit neuen Aufgaben oder verkrampften Kreativaufgaben quälen, sondern kann ihnen anbieten, sich auch einmal zehn Minuten auf der Couch zu entspannen und ein schönes Buch durchzuschauen. Schade, dass jetzt schon absehbar ist, dass wir diese Räume nicht für alle Klassen haben können, wenn wir die Inklusion langsam bis Klasse 9 hochziehen…

Es ist auch spürbar, dass einige der stärkeren Inklusionskinder am höheren Anspruch wachsen und sich zumindest am Material der anderen versuchen wollen und es auch ansatzweise können. Im Vergleich zu den Beobachtungen an der Grundschule scheint sich da auch neue Motivation zu entwickeln. Wenn sich das bewahrheiten sollte, wäre das wirklich ein toller Erfolg.

Wir sind schon „Flexi-Schule“

Ich mache eine kurze Pause in meiner Unterrichtsvorbereitung für die Inklusionsklasse, während ich über eine Schlagzeile stolpere: „Löhrmann will jetzt die Flexi-Schule“.

„Flexi“ scheint das neue Zauberwort der Politik zu werden. Immer dann, wenn man Verantwortung und feste Standpunkte umgehen, die unangenehme argumentative Auseinandersetzung mit dem Bürger vermeiden will, dann bietet man ihm „Flexi“ an. Nach der „Flexi-Rente“ kommt nun der Vorschlag meiner der NRW-Bildungsministerin Löhrmann, das Gymnasium abzuschaffen eine „Flexi-Schule“ einzurichten.

„Flexi“ beschreibt vielleicht auch das Rückgrat der Ministerin. Da wehte ihr nun offensichtlich einiges an Gegenwind aus der Ecke der G8-Gegner entgegen und anstatt standhaft zu bleiben, biegt sie sich zur Landtagswahl 2017 selber wie ein Gummibaum. Nichts bleibt mehr von der harten Pro-G8-Haltung, jetzt geht plötzlich alles.

Wir sind schon flexi

Es ist ja nicht so, dass die Schullandschaft seit Jahrzehnten erstarrt wäre. Als ich von der Uni an meine Ausbildungsschule kam, war ich durchaus erstaunt, wie sich das Arbeiten in der Oberstufe verändert hatte. Viel mehr Präsentationen der Schüler, weniger Frontalunterricht und eine Stärkung des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens, da nun jeder Schüler in einem Fach seiner Wahl eine Facharbeit zu einem Thema seiner Wahl schreiben musste. Einen bilingualen Zweig bieten wir überdies auch noch.

Nichtsdestotrotz kann es der Schulpolitik ja nie genug sein. So war meine erste (und zwar die allererste!) Amtshandlung an meiner Schule nach der Festanstellung die Umarbeitung eines Curriculums. Es sollten noch einige folgen, denn es stand, nachdem gerade das Zentralabitur eingeführt worden war, der Wechsel auf das G8 bevor. Damit nicht genug, entschied man sich dafür, dass kurz darauf alle Lehrpläne kompetenzorientierte Lehrpläne sein sollten.

Gleichzeitig haben wir unser Gymnasium auf den gebundenen Ganztag umgestellt, mit allem, was dazugehört: Angepasste Stundentafeln, Pausenkonzepte, Raumkonzepte, Umstellung auf ein Doppelstundenraster, dauerhaftem Nachmittagsunterricht, zusätzlichen Aufsichten, Vertretungskonzepte, die direkte (und großartige) Intergration von Schulsozialarbeit und was noch alles so dazu gehört. Eine Qualitätsanalyse durften wir bei all dem auch noch über uns ergehen lassen. Ein Neubau wurde geschaffen (wir müssen ihn jedoch „dank“ der lokalen Schulpolitik bald schon wieder verlassen) und das bestehende Schulgelände durch den Einsatz weniger Engagierter gehörig aufgewertet.

Kaum war das geschafft und halbwegs in gefestigten Bahnen, brach die Inklusion über uns herein. In einem verdammt kurzen Zeitrahmen mussten plötzlich „Fortbildungen“ wahrgenommen werden (frei nach dem Motto: „friß oder stirb eben ohne Fortbildung“), die Förderung von emotional-sozial auffälligen, geistig behinderten oder Kindern mit sehr niedrigem Intelligenzquotienten vorbereitet werden, der Aufbau von Förderplänen diskutiert werden, und wir als Gymnasium übernehmen nun ganz nebenbei noch das, was bis vor kurzem noch spezialisierte Förderschulen geleistet haben. Es sitzen nun Kinder in meiner gymnasialen 5. Klasse, die von Klasse 1 Grundschule über Hauptschulniveau bis hin zur gymnasialen Eignung (und diversen Verhaltensauffälligkeiten) alles abdecken, was die Schullandschaft so zu bieten hat. Noch mehr flexi?

Geht! Wir unterrichten schließlich (ebenfalls trotz unfassbar kurzer Vorlaufzeit) auch die Kinder der Integrationsklassen. Auch da sind die Kolleginnen mit diversen Schwierigkeiten befasst: nicht vorhandene Alphabetisierung, traumatisierte Kinder, unterschiedliche Ausgangssprachen, heterogene Altersgruppen usw. Wir schaffen das. Und das ist keine Ironie. Ich glaube das. Woran ich jedoch nicht mehr glaube, das ist die durchideologiesierte Schulpolitik in NRW.

Energie schonen

„Flexi-Schule“ wird, wie jede Reform, zum schlechten Schluss bedeuten, dass die Schülerschaft und die Lehrerkollegien an dem zu Knappsen haben werden, was Frau Löhrmann am Schreibtisch an grünen Ideen gebiert. Wieder wird eine Menge Papier mit Konzepten bekritzelt werden, die nach einem Jahr über den Haufen geworfen werden. Wieder werden Nachmittage nicht mit der Planung von Unterricht, sondern mit der Erfüllung ministerieller Wünsche verbracht werden. Und wieder wird alles in kürzester Zeit hinfällig sein.

Ich entziehe mich nun diesem Spiel. Ich habe nach nur sieben Dienstjahren als „echter“ Lehrer reichlich die Schnauze voll von ständig geänderten Lehrplänen, unvollständigen Reformen, dem sinnlosen schulpolitischen Herumgebastel und Gewurschtel, dem lapidaren Abtun unserer Sorgen und Befürchtungen und verabschiede mich jetzt in die innere Emigration. Gut genug ist das, was wir machen, ja offensichtlich nie. Soll Frau Löhrmann sich doch irgendwas ausdenken, ausbaden muss ich es ja so oder so. Aber ich werde es ab jetzt auf die denkbar energieschonendste Art und Weise ausbaden.

Alleine schon wegen der „Flexi-Rente“.

Zum ersten Mal: Inklusion

Fürs Protokoll: Zum ersten Mal inklusiv unterrichtet. Ich nenne es mal eher: An inklusiven Unterricht herangetastet, denn ich muss ja erst einmal sehen, welche Kinder welcher Unterstützung bedürfen. Da divergieren besonders stark die Aufmerksamkeitsspannen (eine mittelkurze Passage aus Harry Potter vorlesen ist für die einen entspannend, für die anderen zu anstrengend) und die schriftlichen Fähigkeiten. Ein Kind hat offensichtlich in meiner Stunde zum allerersten Mal gar nicht gestört. Hoffen wir, dass das so bleibt. 😀

Erstaunlich wenig gewöhnungsbedürftig war die Arbeit mit einer Sozialpädagogin an meiner Seite. Ich glaube, das wird sehr gut funktionieren, und auch die Anwesenheit der drei Inklusionshelfer hat nicht gestört, sondern war sehr entlastend, weil wir auch zu zweit kaum Kapazitäten gehabt hätten, um allen Kindern gerecht zu werden. Muss es mir jetzt zur Regel machen, meine Vorbereitung mitzuteilen, sodass sie diese für die Inklusionskinder anpassen kann, wenn nötig. Praktisch ist die Möglichkeit, Kinder in zwei Räume aufzuteilen. Heute gab es einen Raum der Stille (der mit der Couch) und einen Raum, wo man sich mit einem Partner leise austauschen durfte. Das gefällt mir. Die Ergebnisse aus dem Raum der Stille waren auch gleich inhaltlich besser und umfangreicher.

Heute war es aber auch sehr offen und eher kreativ als kognitiv. Ein wenig Bauchschmerzen bereiten mir darum Grammatikreihen, wenn es um die durchaus trockene Untersuchung von sprachlichen Phänomenen gehen wird.

Eine Papierblume

In den letzten Tagen viel Vertretungsunterricht in der Mittelstufe gehabt. Dabei ersten Kontakt zum ersten Schwung an Schülern aus der Integrationsklasse bekommen, die nun auf die bestehenden Klassen verteilt werden. Die Schüler können offensichtlich kein Deutsch, aber einer hatte Arbeitsmaterial und hat eigenständig damit gearbeitet. Die anderen beiden während der heutigen Vertretung hatten keine Idee, was sie tun sollten und ich als Vertretungslehrer auch nicht. Ich habe sie dann kurze Sätze auf Deutsch schreiben lassen, diese korrigiert und war beeindruckt, was die Jungs schon alles können. Sie sind ohne Familien hier, und der eine von den beiden hat sich deutlich gewünscht, wieder zurück in seine Heimat reisen zu können. Der andere konnte nur sehr rudimentär Deutsch (ihr kennt das gewiss, wenn der andere spiegelt, er habe verstanden, man aber irgendwie den Eindruck hat, dass das nicht stimmt), bastelte mir aber diese wundervolle Papierblume, nachdem er gesehen hatte, dass einer der Mittelstüfler einen Papierflieger gebaut hatte.

Papierblume

Auf YouTube habe er das gelernt, es sei aber kein Hobby. Dann bastelte er noch einen Hexenfinger zum Aufsetzen und einen Vogel, der – sehr zur Entzückung einer jungen Dame – seine Flügel bewegen konnte.

Frei.

Sitze gerade am Schreibtisch, die Sonne scheint, der Rasen ist frisch gemäht, lediglich einige nachmittägliche organisatorische Vorbereitungen stehen auf dem Plan.

Auch das gehört zum Lehrerleben, dass der Nachbar einen morgens um 9.00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein begrüßen kann, weil man den Rasenmäher über die grüne Wiese schiebt. Heute entfällt wegen Konferenzen der Nachmittagsunterricht und die neuen Fünftklässler werden am ersten Schultag nur von ihrem Klassenleitungsteam begrüßt. Ich bin darum an diesem Donnerstag „fein“ raus. (Fein in Anführungszeichen, weil mir die entfallenden Stunden angerechnet werden: Das bedeutet, ich muss sie ggf. in Form von Vertretungsstunden nacharbeiten, die mir dann auch nicht bezahlt werden. Die erste erwartet mich morgen.)

Die ersten Tage bestehen aus Orga. Listen abtippen (jaja, man könnte digitale Listen… CSV… seufz), Halbjahresplanung, Kolleginnen und Kollegen beim Einrichten ihrer neuen Mailadresse helfen. Besprechungen in den Fachschaften: Änderungen an den Stundentafeln, neue Konzepte zur Förderung (irgendwer hat die Mathematik kaputt gemacht), grobe Einordnungen in das lokale schulpolitische Ganze (die anderen Schulen werben jetzt damit, dass sie keinen Ganztag haben; wir damit, dass wir… seufz2), erste Beschwerden an den Lehrerrat, Tränen. Drei Tage fühlen sich an, als hätte man schon die Fülle eines ganzen Halbjahres erlebt.

Der angenehme Teil ist immer der Unterricht. Neue Kurse kennenlernen, unbekannte und bekannte Schüler begrüßen, Namenslisten abgleichen, Bücher austeilen, Themen vorstellen, Bewertungsmaßstäbe erläutern, Kennenlernspiele spielen, Reaktionen beobachten. Vorfreude („Wir machen Lyrik!“), Genöle („Och nöö, Kurzgeschichten!“). Erstaunlich, denn eigentlich fallen die Reaktionen genau umgekehrt aus. Der Unterricht hat mich insgesamt von den ca. 21h Arbeitszeit in dieser Woche bis heute nur 180 Minuten gekostet. Morgen kommt noch einmal etwas drauf, aber es überwiegt die Orga. Logo.

Arbeitszeit messen, das möchte ich in diesem Halbjahr möglichst regelmäßig. Ich bin daran schon oft gescheitert, weil es mir nach ein paar Tagen dann doch zu umständlich wurde. Aber ich möchte doch gerne einmal wissen, wieviel Zeit ich wirklich für Schule aufwende; Lehrer meckern ja zu Stoßzeiten gerne und viel und dabei gibt es ja auch immer wieder so Tage wie heute: Wo man dank günstiger Umstände nicht in die Schule fahren muss und bloggen kann.