Im Plauderton

Hach, da ist es ja wieder, mein Lieblingsvorurteil gegenüber Lehrern:

 Egal, ob Sie die Französische Revolution oder Schiller behandeln, Sie wissen so viel darüber, dass Sie den Stoff mühelos im Plauderton vermitteln können. (Spon)

Dass Lehrer eigentlich nur ein wenig plaudern können müssen, das kenne ich schon. Dass auch Uni-Dozenten das denken, war mir neu; doch entspricht etwa dieser Haltung die Entgegnung eines Dozenten für Lehramtsstudenten auf einen Beitrag einer Lehramtsstudentin, die sich bei Spiegel Online über ihre mangelhafte Ausbildung beklagt hatte. Und wieder einer, der das Klischee vom dampfplaudernden Lehrer vermittelt, der sein persönliches Wissen quatschend in dreißig weit geöffnete Nürnberger Trichter fließen lässt. Nicht zu vergessen, dass beim Lehrer auf keinen Fall „Begeisterung für seine Themen“ fehlen dürfe.

Mein Gott, weiß der überhaupt, was man an Schulen heute so macht? Und verrät er uns, wie man binnendifferenziert und inkludierend parliert? Oder Elterngespräche verplaudert? Noten beschwatzt? Mit Schülern über deren persönliche Probleme schnackt?

Im Plauderton. Wenn er sich da mal nicht im Ton vergriffen hat.

(Ich gehe ja gerne d’accord, dass Fachwissen eher hilft als schadet, aber von einem Dozenten, der als vermeintlicher Fachmann eine öffentliche Replik formuliert, hätte ich mir mehr als Platitüden auf die durchaus ernsthaften Einlassungen der Studentin erwartet. Vielleicht sogar Fachwissen?)

Wir sollten uns langsam daran gewöhnen

Eine Studie wabert durch meine Filterbubble und durch die deutschen Medien. Ihre Aussage: Ein Verbot von Handys an Schulen fördere den Lernerfolg, so das Ergebnis: Die Schulleistungen verbesserten sich um 6,41%, wenn die Schüler auf das Handy verzichteten, was etwa dem Lerneffekt einer zusätzlichen Woche entspreche.

Das ist harter Tobak für uns medienaffine Lehrer, die neue Medien eher als Chance denn als Gefahr begreifen. Grund genug, sich die Studie etwas genauer anzuschauen, eine Aufgabe, der sich schon Herr Larbig angenommen hat.

Offene Fragen

Einige Fragen stellen sich beim flüchtigen Lesen der Studie. Zum Beispiel trennt sie begrifflich nicht zwischen Handys und Smartphones (in der Studie wird nur unscharf von “mobile phones” gesprochen). Die Studie bezieht sich auf Daten von 2001 bis 2011. Kaum eine Technik hat in dieser Phase eine rasantere Entwicklung miterlebt als die Welt der Handys und Smartphones (Nokia galt 2001 noch als Branchenriese, heute gehört Nokias Handysparte Microsoft). Inwiefern hat dieser durchaus gewaltige Unterschied zwischen Handys und Smartphones Niederschlag gefunden in den Ergebnissen der Studie? Inwiefern schulische Konzepte zur (Nicht-)Nutzung von Handys / Smartphones?

Medien verbinden Menschen

Bei all dem Genöle über die Studie möchte ich noch auf einen wunderbaren Artikel in der ZEIT verweisen: Kilian Trotier berichtet dort von dem Anthropologen Daniel Miller, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, zu untersuchen, „was Soziale Medien mit Menschen machen. Und was Menschen mit Sozialen Medien machen.“ Und er kommt zur gelasseneren Einsichten:

Das Leben wird durch Technik vermittelt. Miller kann daran nichts Schlechtes finden. Jedes persönliche und direkte Gespräch sei mediatisiert, es folge impliziten Regeln und Konventionen. Nur seien sie so tief in den Habitus eingelassen, dass niemand sie mehr als Regeln und Konventionen wahrnehme.

Technik entfremdet, macht einsam, verstört, steht zwischen Individuen. Miller hasst diese Sätze. “Menschen sind durch digitale Technologien nicht einen Deut stärker mediatisiert”, sagt er. Ein koreanischer Computerspieler sei nicht mehr und nicht weniger authentisch als ein Stammespriester in Ostafrika. “Kultur ist doch immer vermittelt!”

[…]

Es rege ihn auf, sagt er, wenn Wissenschaftler eine Studie über Freundschaft auf Facebook mit 300 amerikanischen Collegeschülern machten und die Ergebnisse auf japanische Hausfrauen übertrügen.

Wir sollten uns daran gewöhnen, dass unsere Kultur sich, wie eigentlich immer, gerade im Wandel befindet. Und wie so oft katalysiert durch Technik, vermittelt durch Medien, diesmal eben digitale.

Ob’s uns nun gefällt oder nicht. Wir sollten uns langsam daran gewöhnen.

Wirkungsvoll

Herr Mess hat eine tolle Hommage  „Über Die Drei Fragezeichen“ geschrieben. Wer mal einen Lateinlehrer kennenlernen will, der neben Caesar, Cato und Vergil auch die ersten 25 Folgen der Detektive aus Rocky Beach frei zitieren kann, der sollte unbedingt mal in Herrn Mess’ Blog schauen oder seinem Twitteraccount folgen.

Wirkung von Handlung

Jan-Martin Klinge erzählt im Halbtagsblog von den tollen Erfahrungen in seinem Technikkurs und berichtet, wie die Schüler Feuer fangen. Und während des Lesens finde ich es immer bedauerlicher, dass wir an den Gymnasien so wenig Unterricht mit den Händen stattfinden lassen. Ich merke das oft in meiner Steinzeit-AG, dass da die wilden Kerle plötzlich ganz normale Umgangsformen pflegen können und sogar das Prinzip der Leistungsorientierung für sich entdecken („Herr S., sieht das gut aus oder muss ich da noch nachfeilen?“ – „Darf ich XY beim Aussägen helfen, der ist noch nicht so weit?“ – Wenn sie das mal bei Textarbeit fragten!). Aber ab Klasse 6 ist damit mehr oder weniger Schluss, wenn sich nicht ab und an ein Bio- oder Physiklehrer erbarmt.

Wirkt beim Abi

Herr Rau erzählt in seinem Lehrerzimmer von einer sehr schönen Idee an seiner Schule:

Seit einigen Jahren – in Schulzeit umgerechnet: schon immer – wünschen Freunde und Verwandte den Abiturienten vor den Prüfungen mit Plakaten Glück.

Mit Fotos. Würde ich mir für meine Schule auch wünschen.

Präsentationen wirken

Dass das Halten von Präsentationen „eine völlig sinnbefreite Befriedigung der Erwartungen der Lehrperson“ darstellt und wie dämlich viele Vorgaben zur Foliengestaltung sind, wenn sie sich nicht an Wirkungsabsicht und Kontext orientieren, das demonstriert der Lehrerfreund in einem aktuellen Beitrag. Da fallen mir gerade zwei Schüler ein, die ihre Präsentation zum Berufswunsch „Pilot“ mit einer Begrüßung der Fahrgäste starteten und dann eine grandiose Präsentation abgefeiert haben. Die wussten, wo sie ihr Publikum abholen mussten. Hat gewirkt, ist lange her und ich hab’s bis heute nicht vergessen.

Protest am Gymnasium Brake

Aus aktuellem Anlass (und weil es nicht als flüchtiger Twitter-Link verkommen soll): Ein Link zu Edition Flints Beitrag zu einem Vorfall in Niedersachsen, bei dem sich das niedersächsische Kultusministerium nicht mit Ruhm bekleckert. Es geht um einen Besuch der Kultusministerin in einer Gesamtschule in Brake, den die Schüler des benachbarten Gymnasiums nutzten, um ihren Protest gegen die das Gymnasium abwertende Politik des Kultusministeriums kundzutun.

Statt „Hallo, liebe Frau Ministerin“, schreien Frauke Heiligenstadt (SPD) 1000 Gymnasiasten ihren Nachnamen entgegen, gefolgt von „wir haben’s satt“. Reimt sich schön, hört sich für die Ministerinnenohren aber offenbar nicht so schön an. (NWZ)

Das Braker Gymnasium stellte im Weiteren den im Kontext des Protests entstandenen Zeitungsartikel, wie es an der Schule üblich zu sein scheint, online und bekam prompt einen Maulkorb nebst eines „Disziplinar-Gespräches“ für die Schulleitung verpasst, wie man im Folgeartikel der NWZ lesen kann.

Was bleibt: Streisand

Hätte sich niemand um den auf der Schulhomepage online gestellten Zeitungsartikel gekümmert, würde ich heute nicht darüber schreiben, doch mittlerweile haben sowohl diverse Blogger als auch niedersächsische Medien das Thema aufgegriffen (Flint fasst zusammen) und man sieht sich in der Verantwortung, Klarstellungen zu veröffentlichen. Streisand eben.

Und bei allem Ärger über die unsensibel handelnde Landesschulbehörde: Ist doch irgendwie schön, dass die Schüler mit ihrem Protest etwas bewegt haben und dass ein paar übereifrige Beamte nun gehörig ins Schwitzen geraten.

Vor dem Podium

Wenn das nicht mal ein Fehler war, die Heizung auszuschalten. Brrrr. Schnatter.

Smartphone vs. ReclamGestern Abend eine Podiumsdiskussion der Grünen zum Thema „Smartes Lernen – Zwangsdigitalisierung des Unterrichtes?“ besucht, welche von der didaktischen Leiterin einer Bielefelder Schule, einem Schülervertreter, einer Medienwissenschaftlerin und dem Sprecher für Netzpolitik und Datenschutz der Grünen bestritten wurde. Letztlich drehte sich die Diskussion (vor allem innerhalb des Plenums) überwiegend darum, ob man mit Smartphones überhaupt ordentlich recherchieren könne und ob der Brockhaus(!) nicht doch…. Und dass man auf Smartphones doch keine Romane lesen könne, weil die Schrift zu klein… orrr (siehe Bild)!

Die meisten Anwesenden waren sich aber einig, dass die neuen Medien aus der Schule nicht mehr wegzudenken sind und dass das Urheberrecht einer dringenden Reform bedarf. Auch, dass es eine alle Jahrgänge betreffende Medienbildung geben sollte, war Konsens. Nur ein Biokollege wetterte über die Ausfälle der Technik und die hohen Kosten („Dann lieber das veraltete Schulbuch!“ – Schüler: „In meinem Geschichtsbuch ist noch Helmut Kohl der aktuelle Kanzler!“) – was tatsächlich ein neuralgischer Punkt ist, denn allzu langlebig ist die Technik nicht. Und ob man alle vier Jahre einen neuen Satz Smartgeräte anschaffen will, ist eine nicht zu vernachlässigende Frage. Dass die Tablets und Smartphones hingegen ganze Batterien von alten Medien (Fotokameras, Videokameras, Mikrophone, Taschenrechner etc.) ersetzen, wurde nur am Rande gestreift, es wurden eher die Gefahren betrachtet als der Nutzen. Dabei spielen die Geräte ihre Stärke besonders dann aus, wenn man sie produktiv einsetzt.

Sehr angenehm auf dem Podium fiel mir Prof. Dorothee Meister von der Uni Paderborn (Medienpädagogik und empirische Medienforschung) auf, deren Position ich nahezu vollumfänglich teilen konnte. Nur die Frage, ob man eher auf BYOD oder eine leichter zu integrierende „Das-gleiche-Gerät-für-alle-Schüler“-Lösung setzen sollte, könnte ich noch nicht für mich beantworten, da beide Ansätze ihre jeweiligen Vorzüge und Schwächen haben. Frau Meister entschied sich für die Einzelgerätelösung.

Video Kills The Classroom-Star?

Auf Twitter geben sich regelmäßig mehr oder weniger große und kleine Hypes die Klinke in die Hand. Aktuell ist der “Flipped Classroom” in meiner Bubble en vogue. “Flipped Classroom” bedeutet, dass die Schüler zuhause Erklärvideos schauen und dafür die Unterrichtszeit zum Üben, Diskutieren und Anwenden nutzen. (Polemisch formuliert: Statt der herkömmlichen Lesehausaufgabe schaut man nun Videos. Falls ich hier ungenau bin, dann mögen die passionierten Flipper gerne in den Kommentaren korrigierend eingreifen. 😉 ). 

Und so kam es, wie es kommen musste, vor einigen Tagen auf Twitter zu einer polemisch angehauchten Auseinandersetzung, ob Text nicht doch etwas “old school” wäre, und ich wollte schon twittermäßig voll reingrätschen, alleine schon, weil “old” nicht gleichzusetzen ist mit “schlecht” und wegen der einhundertausend Vorteile von Text, aber dann… nutze ich nicht auch andauernd irgendwelche Videos, um mir Dinge erklären zu lassen? Und lernen nicht andauernd alle möglichen Menschen um mich herum Neues aus YouTube-Videos? 

Youtubifizierung des Lernens 

Das Lernen mit Video ist nichts Neues. Schüler werden schon seit Generationen vom Telekolleg, ratternden Videorollen, leiernden VHS-Videos oder DVDs begleitet. Und mit YouTube ist das doch noch besser geworden:

Erst letzte Woche noch hatte ich keine Ahnung, wie ich die Gangschaltung des Fahrrads meiner Tochter einstellen sollte. Schnell bei Google gesucht, und einen Haufen unverständlicher Texte gefunden. Schwupps – auf YouTube das passende Video gesucht: Nach nur fünf Minuten war mir halbwegs klar, was zu tun war. Die Schaltung funktioniert wieder. Ein weiteres Beispiel: Meine Frau hat gerade das Häkeln für sich entdeckt. Gelernt hat sie es nicht in teuren Kursen oder mit Büchern Aus der Bibliothek, sondern ganz einfach per YouTube. 

Auch den Song “Road Trippin'” der Red Hot Chili Peppers habe ich per Video gelernt. Was ich nämlich nicht gelernt habe, ist es, Noten zu lesen und dank YouTube kann ich trotzdem Gitarre spielen. Die Kombination von Hören und eingeblendeter Tabulatur machen das Nachspielen viel leichter. Wie beim Häkeln oder der Gangschaltung: Manchmal ist es eben einfacher, wenn man das Ergebnis sehen und hören kann. 

Besonders dann, wenn die visuelle Unterstützung sich direkt auf das Lernergebnis auswirkt, sind Videos hilfreich. Es ist also doch etwas dran am Lernen per Video. 

Zeit

Auf der Gegenseite steht die Ökonomie: Videos zu konsumieren dauert sehr viel länger, als die gesprochene Menge an Text zu lesen. Dabei rast der Inhalt auch noch in Echtzeit am Konsumenten vorbei: was verpasst wird, wird verpasst, das Zurückspulen kostet wiederum viel Zeit. In der Regel meide ich Lernvideos oder Videomitschnitte von Vorträgen, weil das Dargestellte oft schneller zu lesen wäre. Den Hanse-Mooc bei Iversity habe ich nach wenigen Videoschnipseln drangegeben, weil mir die Zeit am Ende einfach zu schade war. Ein Text zur Einführung in die Geschichte der Hanse wäre hier zielführender gewesen. 

Von der Zeit für das Erstellen eines guten Videos wollen wir gar nicht sprechen. Natürlich hätte ich diesen Text schnell in eine Kamera quatschen können, aber selbst dabei hätte ich mich zigmal versprochen und neu starten müssen. Ein gutes Video braucht Vor- und Nachbereitung, unter Umständen eine zweite Kamera, vielleicht sogar einen eigenen Kameramann oder jemanden, der visuelle Effekte gekonnt einarbeitet, denn wir sprechen ja von Lernvideos. In meinem Arbeitsalltag undenkbar. Und gekonnt sein, muss es auch. Und wenn es aus irgendeinem Grund Mist ist, kann man es nicht schnell korrigieren. Hm. 

To flip or not to flip?

Überträgt man das auf Schule im Ganzen, dann sehe ich da für mich wenig Möglichkeiten, den “Classroom” per Video zu “flippen” ohne dabei Unmengen an Zeit zu verbraten, und zwar sowohl meine Zeit als auch die Zeit der Schüler. 

Text hat eben seine eigenen unschlagbaren Vorteile. Man kann ihn im eigenen Tempo lesen, schnell vor- und zurückblättern, anmerken, hat Begriffe unmittelbar vor Augen und kann komplexe Sachverhalte schnell sowie gründlich erfassen. Fußnoten erlauben schnelle Ergänzungen, ohne vom Kern wegzulenken, und Komplexes darf komplex bleiben, weil der Leser ja alle Zeit der Welt hat, wieder und wieder zu lesen und nachzuvollziehen. Was einer in zehn Minuten in eine Kamera salbadert, habe ich in einem Drittel der Zeit weggelesen. Ich kann innehalten, wenn mir danach ist, Gedanken weiterspinnen oder in aller Ruhe Notizen machen. 

Und jetzt bin ich doch wieder beim Text gelandet. Bin ich etwa zu old school?

Verschulung, Äpfel und informatische Bildung

Mehr Schule wagen

Auf der Website der Zeit findet sich heute ein Kommentar unter dem Titel „Verschulung? Ja bitte!“, in welchem der Autor Volker Meyer-Guckel dafür plädiert, den Begriff „Schule“ nicht negativ zu besetzen, sondern seine positiven Aspekte für die Universität stark zu machen. Folgt man ihm, so müsste die Universität eine komplette Wende zur Schule hinlegen, denn Meyer-Guckel plädiert für:

  • die Einführung fester Curricula
  • eine Fokussierung auf die Lernziele der Studenten
  • die Anpassung der (Hochschul)-Didaktik
  • eine stärkere Berücksichtigung heterogener Lerngruppen

Weiterhin stellt er fest, dass sich „seit einigen Jahren […] Schule und Schulforschung verstärkt darum [bemühen], herauszufinden, was Schüler wirklich gelernt haben, nicht nur durch punktuelles Prüfen in Klassenarbeiten, sondern nach besseren, objektivierbaren Maßstäben, die sich durch Vergleichsarbeiten oder Lernfortschrittserhebungen ermitteln lassen“.

Oha. Das klingt verdächtig, als wünschte sich jemand Vergleichsarbeiten für Studenten. Mehr Verschulung an den Unis? Blödsinn! Mein Gegenvorschlag: Verlängert die Oberstufe um drei Jahre und zahlt mir ein Professorengehalt. Ich wäre dabei… und die Profs dürften brav forschen. 😀

Apfeluhr

Und während die ersten Apfeluhren ausgeliefert werden, warte ich gespannt auf den Moment, in welchem der Erste auf Twitter verkündet, seine Schulhomepage apfeluhrtauglich gemacht zu haben. Die großen Onlineauftritte von Spiegel&Co. sind ja schon vorgeprescht, da kann es nun nicht mehr lange dauern, bis die ersten Webmaster ihre Seiten uhrenfest machen oder bis Google uhrenuntaugliche Seiten herabrankt, wie es das gerade mit nicht „mobile-friendly“ Seiten macht.

Informatische Bildung

Und bei den Stichworten „mobile friendly“, Google oder AppleWatch ist man doch auch gleich beim Thema „Medienkompetenz“ oder „Informatik“ – zumindest auf Twitter streiten die Parteien ja gerne lautstark (und mit nervtötender Penetranz) darum, ob man ein Pflichtfach Informatik einrichten sollte. Der aktuelle SWR Wissen-Podcast mit dem Titel „Schulfach Programmieren“ dreht sich genau darum. Warum wir in den Schulen mehr informatische Bildung über die Wisch-Kompetenz hinaus benötigen, kann man sich da anhören. Ob man dafür ein „Pflichtfach Informatik“ braucht, das sei dahingestellt (aber meine Skepsis mag nicht zuletzt an der nervtötenden Repetition einiger Nervensägen auf Twitter liegen).

Der Flüchtigkeitsfehler

In Nordrhein-Westfalen ändert man die Bewertungsmaßstäbe (pdf) bezüglich der sprachlichen Richtigkeit für die Oberstufe. Aktuell ist nur die zentrale Prüfung der Einführungsphase betroffen, man behält sich aber vor, die neuen Maßstäbe fürs Abitur zu übernehmen. Fleißige Menschen haben sich überlegt, dass es doch eine prima Idee wäre, in der Oberstufe die Rechtschreibung aufzuwerten und alles, was mit Textkohärenz zusammenhängt, abzuwerten. Offensichtlich möchte man die exorbitanten Abiturergebnisse aus Berlin nicht auf sich sitzen lassen und NRW jetzt einen kleinen Abiturschub verpassen. Wie auch immer, wer nun halbwegs in der Grundschule aufgepasst hat, dürfte bald mit einer passablen Rechtschreibleistung sein Abitur so gut wie in der Tasche haben, denn alle Punkte, die man nun der Rechtschreibung hinzugibt, werden den Aspekten Textstruktur, Stilistik oder Kohärenz abgezogen. 

Der Flüchtigkeitsfehler

Und während wir die neuen Punktelisten durchforsteten, fiel mir eine ältere Liste mit Korrekturzeichen in die Hände. Neben den mir alltäglichen Zeichen zur Markierung von Satzbau-, Zeichensetzungs-, Ausdrucks- oder Rechtschreibfehlern sprang mir ein Relikt aus meiner Grundschulzeit ins Auge, markiert mit dem Kürzel „Fl“: der Flüchtigkeitsfehler.

Und grau dämmerte es mir. Der Flüchtigkeitsfehler. Unscheinbarer Begleiter meiner Grundschulzeit, fand er sich doch gelegentlich am Heftrand neben Diktaten oder anderen in schönster Schreibschrift geschwungenen Texten. Mit der Zeit lernte ich, dass „Fl“ bedeutet, dass man einen Fehler gemacht hatte, der aber nicht als Fehler gewertet wurde, weil die Lehrerin davon ausging, dass man nur ein wenig geschusselt hatte. Fand ich gar nicht übel, immerhin hatte sie ja recht. Ich konnte ja eigentlich alles. 

Didaktisch betrachtet, ist der Flüchtigkeitsfehler die sinnloseste und intransparenteste aller Fehlerkategorien, denn einerseits hilft sie dem Schüler nullnadanichts bei der Einordnung seines Fehlers, und andererseits ist sie auch gar nicht dafür gedacht, den Schüler auf einen Fehler aufmerksam zu mache. Sie drückt letztlich nur die unendliche Gnade des Korrigierenden aus: Ich sehe einen Fehler, aber ich werte ihn nicht, denn ich glaube, dass du diesen Fehler in der Regel nicht machen würdest. Warum und wieso die Lehrkraft sich das denkt, wird dem Schüler nicht verdeutlicht. Ist halt so. Schwein gehabt.

Flüchtigkeitsfehler ins Abitur einquoten

Mein Tipp zur Aufbesserung des Abiturschnitts in NRW, falls die Berliner sich demnächst auch wieder einen Trick einfallen lassen: Die Fehlerkategorie „Fl“ einquoten. Mindestens zehn Prozent der Gesamtfehlersumme könnte man einfach als „Flüchtigkeitsfehler“ (nicht) werten. Das kann man gewiss statistisch irgendwie hinbiegen, dass besonders in Klausur- und Prüfungssituationen eine bestimmte Anzahl an Fehlern quasi aus Versehen gemacht werden und die könnte man doch eigentlich gleich herausrechnen.

Vielleicht ist die neue Punktregelung aber auch einfach nur ein Flüchtigkeitsfehler des Ministeriums? Wer weiß das schon?

Flurtische

Meine Schule ist ein Drecksloch. Ich hasse sie und den Architekten, der sie verbrochen hat. Abreißen müsste man ihn, den demotivierenden 60er-Jahre-Klotz, niedermachen, Staub zu Staub, und jeder möge den ersten Stein werfen. Ein aus den allerhässlichsten Farbresten zusammengemischter Kunststoffboden bahnt den Weg durch den sich Bildungsinstitution schimpfenden Betonkasten. Lange Flure, Türen links und Türen rechts durchbrechen die unverputzten, nackte Steinwände, die schmucklos Lebensraum verschandeln. Man möchte sich auf den ekelhaften Boden werfen, ihn einstampfen oder mit den Fäusten an die Wände trommeln, doch das Ungetüm bleibt und nichts wird ihm etwas anhaben.

Und doch und trotz aller Tristesse kann man etwas machen, um die Knast-Architektur aufzubrechen. Um ein wenig Leben hineinzubekommen. Um Unterricht etwas von der Architektur zu lösen. In unserem Fall hat die Schulleitung ganz einfach kleine Tische mit fest angebrachten Stühlen (ähnlich wie diese hier) auf die Flure gestellt. Geschätzt 7-8 Stück stehen davon auf dem langen Flur vor meiner Klasse. Und die nutze ich! 

Flurtische im Unterricht

Wenn ich also mit einem wundervollen Grammatikthema in meine Klasse komme, dann arbeite ich in der Regel nach dem Prinzip der Lerntheke, die sich auf Buch, Arbeitsheft und kopierte Drittmaterialien stützt. Jeder SuS bekommt Gelegenheit, sich selbst einzuschätzen und kann dann an seinem Arbeitsschwerpunkt arbeiten. Da ich weiß, dass meine Klasse durchaus quirlig ist und einige SuS sich gerne untereinander ablenken, dürfen also einige SuS auf den Flur und dort ihre Aufgaben bearbeiten. Je nach Auslastung (und mit der Zeit entdecken immer mehr Kolleginnen den Flur) kann ich also fast die Hälfte meiner Klasse auf dem Flur arbeiten lassen. Dabei habe ich, Knastarchitektur sei Dank, schnell alle im Blick und ich kann den freigewordenen Raum in der Klasse dazu nutzen, kleine, instruktive Angebote zu machen á la “Wer noch einmal erklärt haben möchte, was Inhaltssätze sind, der treffe sich mit mir am Pult”. Das nutzen jedesmal einige SuS, und auch die Guten fragen dann gerne noch einmal nach.

Licht und Schatten

Angenehm an dieser Arbeitsform ist, dass es im Klassenraum sehr viel leiser wird und dass auch die SuS auf dem Flur in Ruhe arbeiten können. Und nein, da rennt nicht andauernd einer über den Flur und klopft an Türen. Ehrlich gesagt, klopfen wohl eher weniger SuS an Türen, weil die anderen ja zugucken. Problematisch ist eher, dass die SuS die Nase voll haben von den hässlichen Wänden und beim Sitzen an den Tischen auf die Idee kommen, die Wände zu “gestalten”. Das möchte man nicht immer sehen. Auch klar: Die Flurtische sind kein Ersatz für die Architektur einer Bielefelder Laborschule, aber immer noch besser als gar keine Idee. Ich meckere ja gerne über alles mögliche, aber diese Flurtische sind wirklich eine tolle Bereicherung für den Unterricht.