Das eigene Tempo

Der Unterricht der Zukunft“ lautet der Titel eines aktuellen FAZ-Artikels, in welchem die Autorin die potentiellen Segnungen des digitalen Unterrichts beschreibt. Im Kern wiederholt sie die alte Leier vom Lehrer, der als „Kurator“ seinen Schülerinnen beisteht. In Deutschland lerne man ja noch „im Akkord“ und „gleichgeschaltet“. Ich spare mir jetzt böse Anmerkungen zu den in Anführungszeichen markierten Begriffen und bleibe beim Thema „eigenes Tempo“.

Habe gerade eine Reihe hinter mir, in der ich als „Kurator“ für Wortarten tätig war und die Schülerinnen überwiegend im eigenen Tempo habe lernen und üben lassen. Mit Checklisten, Selbstüberprüfung und abgestuften Aufgabentypen und eigenem Tempo, aber auch mit instruktiven Phasen. Zugute kommt diese Arbeitsweise jedoch eher den Schülerinnen, die sowieso schon in der Lage sind, eigenständig zu arbeiten, schulischen Ehrgeiz zeigen, darüber hinaus den Mut haben, Fragen zu stellen und die zügig arbeiten können. Allen anderen fällt das „eigene Tempo“ eher auf die Füße als dass es hilft, solange wir alle bis zu einem Zeitpunkt X alle Klassenarbeiten geschrieben haben müssen. Denn bei der Zeugniskonferenz akzeptiert niemand, wenn ich sage, dass leider die Noten von zehn Schülerinnen noch fehlen, weil sie noch in Ruhe die Zeitformen des Verbs erarbeiten wollen oder weil eine Schülerin extrem getrödelt hat. Mit Deadlines zur Leistungsüberprüfung bleibt „Lernen im eigenen Tempo“ eine Farce.

Oder wie löst ihr das?

Der „zentrale Regulator“

Ein frohes neues Jahr allerseits! Und nein, es geht nicht um Frontalunterricht oder die Rolle des Lehrers im Klassenraum. Es geht viel mehr um eine erstaunliche Beobachtung, die ich beim wöchentlichen Laufen gemacht habe.

Ich laufe jede Woche mehrmals meine 5 Kilometer lange „Hausstrecke“, und in unregelmäßigen Abständen wage ich mich auch an die 10 Kilometer. Dabei wundere ich mich immer wieder, dass ich nicht nach der Hälfte der Strecke schon halb zusammenklappe, denn oft passiert es mir, dass ich nach 5 Kilometern zuhause ankomme, mich gerade noch zur Tür schleppe und froh bin, unterwegs nicht ins Gehen verfallen zu sein. Eigentlich müsste ich bei zehn Kilometern dann doch erst recht spätestens ab Kilometer 7 mit eklatanten Ermüdungserscheinungen und Motivationsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Aber im Gegenteil: Ich halte das Tempo exakt wie auf meiner 5k Strecke und komme im gleichen Zustand an meiner Haustür an, als hätte ich nur 5k gelaufen. Und das wundert mich schon lange, denn immerhin laufe ich ja doppelt so weit.

Doch warum das so ist, das kann man aktuell in einem schönen Zeit-Artikel eines Ultramarathonläufers lesen. Besonders aufschlussreich ist die Passage über eine Theorie, die besagt, dass ein „zentraler Regulator“ während des Laufens permanent unsere Erwartungshaltung und unsere reale Leistung abgleicht:

[Sportmediziner] Noakes ist überzeugt, dass in unserem Kopf eine unbewusste Steuerinstanz sitzt, die während intensiver Aktivität ständig den aktuellen Zustand des Körpers und den bewusst gefassten Plan mit früheren Erfahrungen abgleicht und Körper und Geist so gut wie möglich darauf einstellt. Ermüdung ist demnach kein unmittelbares Zeichen körperlicher Erschöpfung, sondern ein Signal des Central Governor. Wer sich vornimmt, zehn Kilometer zu laufen, dem reicht es auch nach zehn. Wenn er nach diesen zehn Kilometern erfährt, dass er noch 90 Kilometer laufen soll, wird er wohl scheitern. Wenn er sich aber von vornherein hundert Kilometer vornimmt, fühlt er sich nach zehn Kilometern wie gerade erst gestartet.

Das würde einiges erklären. Und spannend wäre die Frage, inwiefern eine solche Instanz sich auch auf andere Leistungen auswirkt, z. B. meine Fähigkeit Vokabeln zu lernen oder mich mit mathematischer Logik auseinanderzusetzen. In ersterem Fall ist es ja ganz ähnlich wie mit dem Laufen: Eine Hand voll Vokabeln zu lernen erschien mir als Schüler oft erstaunlich mühsam, während mir das Auswendiglernen sehr langer Textpassagen für Theaterstücke leicht von der Hand ging. Ob da auch so ein „zentraler Regulator“…

Klassenraum

A lot!

Die Klassengröße, unendliche Weiten, unendliche Diskussionen, ein Dauerbrenner. Alleine heute, an diesem furchtbar stürmisch und regnerischen Morgen, begegnete mir das Thema Klassengröße schon bereits zweimal: Zum ersten Mal, als ein Didaktik-Professor in einem Radiofeature erzählt, dass der gute Comenius schon behauptet habe, ein guter Lehrer könne leicht bis zu 100 Schüler gleichzeitig unterrichten. Sollten sparbegierige Bildungsministerinnen hier mitlesen, dann sei ihnen gleich gesagt, dass meine zweite heutige Begegnung mit dem Thema Klassengröße weniger erfreulich für Sparpolitiker war.

Die Washington Post (via) berichtet von einer Studie (pdf), die zu gänzlich anderen Ergebnissen kommt als hanebüchene Aussagen, die vom Bildungsministerium präsentiert werden (lesen und lachen). Der Titel formuliert das Gegenteil von dem, was in der letzten Zeit so durch die Medien gereicht wird: „Class size matters a lot, research shows“. Im Weiteren nennt der Artikel die Aspekte, auf die die Klassengröße wesentlichen Einfluss hat. Folgt man der Studie, so hat die Klassengröße einen direkten Einfluss auf die Lernergebnisse der Schüler; unter gleichen Bedingungen schneiden größere Klassen schlechter ab. Wie so oft leiden besonders sozial schwache Schüler unter zu großen Klassen, umgekehrt können gerade diese Schüler von kleineren Klassen profitieren (OECD, PISA, ick‘ hör euch trappsen, Frau Löhrmann). Überdies sollen kleinere Klassen auf lange Sicht gesellschaftliche Kosten einsparen, ich tippe auf Kosten für Kriminalität, ungesundes Verhalten etc., leider wird die Washington Post da nicht genauer.

Offen bleibt: Was wäre denn eine empfehlenswerte Klassengröße?  Weiterhin müsste man sich noch einmal das Studiendesign anschauen. Schade auch, dass auch hier über Klassengröße wieder nur output-orientiert diskutiert und dabei die offizielle Lieblings-Buzzphrase „Lebensraum Schule“ (immer mit bunten Blümchen und Bildern von glücklichen Hühnern Schülern denken) gerne vergisst, wäre übrigens ein weiterer Aspekt, den man bei der Diskussion über Klassengröße ins Auge fassen sollte.

 

Der Digital Education Day 2015 – #ded15

IMG_6985Voll, voller, Domplatte am Samstag! Was für ein Gedränge, was für Menschenmassen. Da kommt man sich als Bielefelder „Großstädter“ ganz klein mit Hut vor. Bevölkere nun unzählige Selfies fremder Menschen, habe einem Pärchen zum Küssen verholfen und war währenddessen auf der Flucht vor unzähligen Jungesellinnenabschieden, denn 30% der auf der Domplatte befindlichen Frauen schien mit Vierzigprozentigem angefüllt. Aber alles harmlos, was ein Glück, dass die Hogesa-Spinner erst Sonntag kommen!

Doch eigentlich war ich nicht in Köln, um mir die Menschen auf der Domplatte anzuschauen, sondern um mich über digitale Medien zu informieren, denn man hatte zum „Digital Education Day 2015“ gerufen, und da Köln in Schlagweite liegt, war ein Besuch mehr als angebracht… und lohnend!

Das liegt zum einen am offenen Format des Barcamps, das ja auch „Unkonferenz“ genannt wird, wobei man ihm mit der Vorsilbe „Un“ aber Unrecht tut. Neben schon gesetzten Veranstaltungen kann jeder Teilgeber spontan seine eigene Session anbieten und sich so auch aktiv mit eigenen Themen einbringen. Auf diese Weise kommen schnell bis zu 40 Sessions zusammen und jeder Besucher kann sich seinen eigenen Sessionplan zusammenstellen. Ich entschied mich für die Schwerpunkte BYOD, iPads im Unterricht, Elternarbeit und digitale Medien sowie Inklusion und iPads.

BYOD oder Office365

Das Thema BYOD begann mit einer schönen Übersicht der technischen Infrastruktur des Erich-Gutenberg-Berufskollegs in Köln, mutierte dann aber schnell zu einer überwiegenden Werbeveranstaltung für Microsofts Office365 (und einem beeindruckenden Touch-Tisch), welches unbestreitbar seine Vorzüge hat. Angeblich gebe es keine Probleme mit dem Datenschutz wegen der Serverstandorte in Irland und Holland, jedoch verzichte man vollständig darauf, personenbezogene Daten mit Office365 zu verarbeiten.

Microsoft scheint alles daran zu setzen, dass potenzielle Kunden sich frühestmöglich an seine Office-Suite gewöhnen, denn das Angebot für Schulen ist gewaltig: Von kostenlosen Office-Lizenzen für über 2500 Schüler und die Lehrer, dem Vorhalten von Backups bis hin zu kostenlosen Fortbildungen gibt Microsoft so einiges, damit wir Schulen möglichst unsere Schüler auf seine Office-Suite konditionieren.

Am Berufskolleg setzt man mittlerweile vollständig auf BYOD, die Schüler dürfen über die Geräte frei entscheiden, der Großteil der Schüler bringt jedoch sein Notebook mit. Schön war es hier, mal Einblick in die Medieninfrastruktur und die Probleme anderer Schulen bei der Medienentwicklung zu bekommen und zu sehen, dass nicht immer, nein, nie! alles glatt läuft.

iPads im Unterricht

Die Session zu iPads im Unterricht verließ ich nach der Hälfte der Zeit, weil ich die Möglichkeiten meines iPads und diverse mögliche Präsentations-Apps schon kannte. Wer sich damit noch nicht beschäftigt hatte, konnte hier wertvolle Tipps zum Umgang und Einsatz mit den Geräten im Unterricht bekommen.

Elternarbeit – Bleiben Sie dran

In einer sehr kleinen Session intensiven Austausch mit Matthias Felling von der AG Kinder- und Jugendschutz (AJS NRW) gehabt. Mitgenommen habe ich neue Links, z. B. zu www.schauhin.info und www.elternundmedien.de, wo man auch Referenten finden kann, die für Informationsabende zur Verfügung stehen. Klicksafe.de kannte ich schon, das ist ja schon lange etabliert. Schöne und eigentlich naheliegende Ideen brachte Felling ein: Zum Beispiel, dass man den SuS doch vorschlagen könne, bei WhatsApp Gruppen, die Organisatorisches zum Inhalt haben (z.B. Hausaufgaben), von privaten Tratsch-Gruppen zu trennen. Analog zu den Gesprächsregeln im Klassenraum müsse man auch Umgangsformen im Netz mit den SuS entwickeln.

Eltern mal nach ihren Medienerfahrungen zu befragen, das werde ich beizeiten auch mal machen. Diese geraten dann schnell ins Schwärmen, erzählen vom Sandmännchen und den schönen Samstagabenden mit „Wetten dass…?” und langen Radiositzungen. Dagegen sähen Eltern die heutigen Medien mit ganz anderen Augen – das bietet schöne Gesprächsanlässe. Fazit: Viele Anregungen!

Inklusion und iPads

Gut gefiel mir auch die Session zu „Inklusion und iPads“, denn so hatte ich mein iPad noch nicht kennengelernt. Es ist wirklich beeindruckend, was man aus den Bedienungshilfen für körperversehrte Menschen alles herausholen kann. Ein nahezu blinder, anwesender Kollege erzählte begeistert, dass die Entdeckung der Tablets für ihn bahnbrechend gewesen sei. Seine 2% Sehkraft könne er nun mithilfe der neuen technischen Möglichkeiten kompensieren und auch selbst wieder kreativ arbeiten. Dass man auch Hörgeräte und Joysticks für Menschen, die nicht touchen können, mit den Pads koppeln kann, war mir ebenfalls neu. Zudem stellte die Referentin einige Apps vor, die sowohl im DaZ-Bereich als auch im klassischen Inklusionsbereich eingesetzt werden können. Auch der Hinweis, dass Krankenkassen bisweilen die Kosten für die Tablets übernehmen, kann mal nützlich sein.

Ein Wermutstropfen

Einen Wermutstropfen muss ich aber auch vertröpfeln. Zu oft standen in den Sessions die technischen Möglichkeiten der Geräte oder mancher Apps im Vordergrund, wenig Worte wurde über konkrete Unterrichtssituationen, technische Probleme oder best practice verloren. Für schon medienaffine Lehrer, die gerne ihre Geräte ausprobieren, springt bei solchen Sessions nicht viel heraus, wir müssen vielleicht demnächst mehr in die Breite gehen, die Mediennutzung einzelne Fächer thematisieren oder einfach mal zeigen, was man so im Unterricht mit den Geräten gemacht hat.

Auch pädagogische Probleme wurden eher am Rande behandelt, dabei macht das doch den Kern unseres „Geschäftes“ und unseres Alltages aus. Sehr schade darum, dass die Session zum Thema Elternarbeit von nur drei Personen bestritten wurde, wo doch gerade die „digital education“ abseits von iPads und Office für Vermittlungsbedarf zwischen Schulen und Elternhäusern sorgt und ich das immer wieder als brennendes Thema wahrnehme.

Vielleicht demnächst, beim DED16 als Teilgeber?

Die kleine Minna

Eine bezaubernde kleine rothaarige Person, mit einem Patchworkkleidchen und einem Ast im Haar, dazu noch eine märchenhafte Geschichte und das Ganze in einem wunderschön illustrierten Kinderbuch – wer könnte da widerstehen?

Ich habe mich auf Anhieb in die kleine Minna verliebt. Darum unterstütze ich „Die kleine Minna“ bei Kickstarter. Leider fehlt es noch an Unterstützern und es sind nur noch 12 Tage Zeit!

Wer also ein einzigartiges Geschenk sucht, wer immer schon einmal eine Erstauflage in der Hand halten wollte, wer tolle Illustrationen liebt und sich gerne überraschen lässt, der sollte sich auf die kleine Minna einlassen und ihr auf Kickstarter ihre Reise ermöglichen.

5.000

Da sitzt man mit Sportlern in der Pause am Tisch und das Gespräch kommt auf den gefürchteten 5000-Meter-Lauf, den die Schüler aktuell absolvieren müssen. Man erzählt stolz, dass man die 5000 in ca. 27 Minuten schafft. Blick auf die Tabelle:„Das wäre dann eine 5+.“

Kollegen können so fies sein.

Straßburg 3

Straßburg – back in town

Straßburg 2Flammkuchen in sechs verschiedenen Variationen, traditionell zubereitetes Sauerkraut, Gewürztraminer. Und sage mir noch einmal jemand, Würstchen seien typisch deutsch! Nicht nur kulinarisch durften wir den Elsass im Ansatz ergründen, besonders die Erkundung des deutsch-französischen Verhältnisses und die europäischen Institutionen waren Ziele unserer Reise. Dazu hatte sich unser Reiseveranstalter ein abwechslungsreiches Programm überlegt: Beginnend beim Schloss Hambach, dessen Dauerausstellung wir begleitet von einer kenntnisreichen Führung besuchten und dabei die beeindruckend gut erhaltene schwarz-rot-goldene Flagge des Hambacher Fests von 1832 bestaunen durften, über das europäische Parlament und den Europarat bis hin zum Fort de Mutzig und einer Gedenkstätte zur wechselhaften Geschichte der Elsässer waren sowohl politische als auch historische Themen vertreten.

Straßburg 1Und das schöne Straßburg bietet dafür die perfekte Kulisse. Neben den oben genannten typisch elsässischen Spezialitäten zeigen alleine schon die immer auch deutsch ausgeschriebenen Straßennamen (Rue de la Mesange – Meisegass) und die Namen der umliegenden Orte (Haguenau – Hagenau), dass hier deutsche und französische Kultur aufeinandertrafen und treffen. Muss man sich in anderen Gebieten Frankreichs schon Sorgen machen, ob man überhaupt mit Englisch über die Runden kommt, habe ich in Straßburg nur einen Verkäufer getroffen, der kein Deutsch (und kein Englisch) konnte.

Leider fehlte es ein wenig an Zeit. In der Regel hatten wir pro Programmpunkt anderthalb Stunden Zeit, die jedoch meist nur für eine knappe Führung reichten und kaum Raum für eigenes Erkunden ließen. Insbesondere in dem beeindruckend gestalteten Mémorial de l‘ Alsace-Moselle zur deutsch-französischen Geschichte ab 1870 und auf dem Schloss Hambach hätte ich gerne noch die Gelegenheit genutzt, um ein wenig auf eigene Faust Exponate und Ausstellung zu begutachten. Vormerken muss ich mir, dass wir demnächst einen Seminartag vorschieben, um den SuS ein paar Eckpunkte der deutsch-französischen Geschichte zu vermitteln und einen kurzen Einblick in die Nationalbewegung zu geben. Denn so ganz ohne Vorwissen wird man sonst von der Fülle an neuen Informationen schlicht überflutet.

Wermutstropfen – und das zum ersten Mal in meiner Zeit als Lehrer – war das bei einem kleinen Teil der Schüler (kein generisches Maskulinum) offen zur Schau gestellte Desinteresse und die mangelnde Erziehung sowie Rücksichtnahme. Vielleicht werde ich ja auch nur doch langsam alt, aber da gab es durchaus eine Hand voll Schüler, die offensichtlich nicht im Ansatz weiß, wie man sich bei gemeinsamen Essen und als Gast im Allgemeinen angemessen verhält. Frage mich die ganze Zeit, ob man solche Schüler schon vorher herausfiltern sollte oder ob die gerade diese solche Gelegenheiten nutzen müssen, um wenigstens ab und zu mal in den Genuss gesellschaftlicher Etikette zu kommen?

Schadet nicht

„Es kann nicht schaden,wenn man gelernt hat, richtig zu arbeiten.“, so eine Kollegin, die selbst eine Ausbildung zur Bankkauffrau hinter sich hat. Sie hat nicht unrecht. Gewiss gewinnt man einen neuen Blickwinkel auf Arbeitsprozesse, lernt andere Ansprüche kennen, Stress auf andere Art und Weise zu bewältigen. Aber ist es nicht auch eines dieser typischen Klischees, die wir hier im „Westen“ so gerne verbeiten, weil „richtig arbeiten“ für uns irgendwas mit frühem Aufstehen, Ellbogen, Zähigkeit und guter Organisation zu tun hat?

Doch könnte man nicht genauso gut sagen, es kann nicht schaden, im Theater aufzutreten, oder könnte man nicht fordern, dass jeder sich einmal als Artist, Schauspieler oder Berufsmusiker versuchen sollte? Kreativ zu arbeiten, sich auf Ansprüche eines Publikums statt auf Vorgaben des Chefs einstellen zu müssen; im Team zu arbeiten, weil das Ergebnis nicht ein abstraktes Produkt, sondern unmittelbare Folge der gemeinsamen Arbeit ist; sich immer wieder neuen Themen zu widmen, statt in einer Endlosschleife Papierberge zu bewältigen; zu lernen, sich die Zeit über den Tag hinweg frei einzuteilen  – ist das schlechter als im Takt der Stechuhr Meetings und Vertragsabschlüsse zu absolvieren?

Schadet auch nicht, oder?

Straßburg – Abfahrt 

Meine erste Studienfahrt nach Straßburg beginnt um 8.00 Uhr bei angenehm kühlem Wetter und leicht diesigem Himmel. Ein tolles Programm hat uns die Karl-Arnold-Stiftung vorbereitet, ich freue mich besonders auf das Hambacher Schloss, welches wir heute besuchen werden und das ich nur von den berühmten Bildern zum Hambacher Fest kenne. Diesen geschichtsträchtigen Ort auf dem Weg nach Frankreich einmal besuchen zu können, passt besonders gut zu den mitfahrenden Schülen, die das Glück haben, die Ereignisse um 1832 schon vor der Thematisierung im Geschichtsunterricht kennenzulernen, und ich hoffe, dass viele das nutzen werden. 

Europaparlament und Europa-Rat stehen weiterhin auf dem Programm sowie der Besuch des Forts de Mutzig, das anscheinend ein gut erhaltenes Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Geschichte ab 1871 abgibt. Geschichte, wohin man blickt, dass ich da nicht schon früher mitgefahren bin! (Überdies soll Straßburg eine sehr schön Stadt sein, ich bin mal schwer gespannt.)

Laufschuhe habe ich mir eingepackt. Wann habe ich sonst noch einmal Gelegenheit, durch Straßburg zu laufen? 😉 

Mit digitalen Medien besser lernen?

Christian Ebel hat zu einer Blogparade mit dem Titel „Mit digitalen Medien besser lernen?“ aufgerufen und ich habe mich lange gefragt, was sollte ich eigentlich dazu beitragen können, wo das „digitale Lernen“ in meinem täglichen Unterricht eine eher untergeordnete Rolle spielt, gleichwohl ich jeden Tag auf Twitter und Co. verfolge, wie andere Kolleginnen und Kollegen das digitale Lernen langsam aber nachdrücklich in ihren Alltag einbauen. Könnte ich hier überhaupt eine sinnvolle Antwort auf Christians Frage formulieren?

Ich versuch’s mal. Wenn ich in meinem Unterricht die Stärken digitaler Medien kennengelernt habe, dann liegen sie vor allem im Bereich des Schreibenübens. Das kollaborative Arbeiten hat ja nur im weitesten Sinne gut funktioniert, bessere Erfahrungen habe ich hingegen vor längerer Zeit mit einem kleinen Blogexperiment und einem selbstgehosteten Blog gemacht. Das war zu einer Zeit, als der schulische Laptopwagen in unserem Oberstufengebäude noch voll einsatzfähig war.

Ein kurzes Blogexperiment

Im Versuch mit dem Blog ging es darum, dass die SuS eines Grundkurses Geschichte ihre schriftlichen Quellenanalysen ins Blog stellen sollten. Alle SuS hatten dann im Rahmen einer Arbeitsphase die Aufgabe, in Partnerarbeit mindestens drei andere Analysen zu kommentieren, positive sowie negative Aspekte herauszustellen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Grund für dieses Herangehensweise war, dass ich es in meinem normalen Unterricht niemals schaffe, alle Übungstexte eines kompletten Kurses durchzulesen und sinnvoll zu kommentieren (weshalb man ja auch schon in der analogen Welt dazu übergeht, sogenannte „Schreibkonferenzen“ abzuhalten). Diese Situation empfinde ich bis heute als sehr unbefriedigend, weil ich ja gerne sowohl den ganz schwachen SuS Unterstützung bieten möchte, aber auch den Schülerinnen und Schülern, die schon ganz ordentliche Texte schreiben. Selbst den besten Schülern kann man immer einen Tipp zur Verbesserung oder Optimierung auf den Weg geben. Und wenn man noch nie eine Quellenanalyse formuliert hat, dann sind sowieso alle Schüler erst einmal unsicher.

Die Erweiterung dieser Schreibkonferenzen in den digitalen Raum versprach einiges an Erleichterung:

  • Jakob Siebebpfeiffer,1832 | Blog zur Unterrichtsreihe Nationalismus und Nationalstaat

    Beispiel für einen Kommentar

    jeder digitale Text ist für jeden Schüler gut lesbar, da die oftmals unleserliche Handschrift wegfällt

  • jeder Text wird gewürdigt und bekommt einen Kommentar, der ihm Stärken und Schwächen sowie Verbesserungsvorschläge aufzeigt. Auch diese sind gut lesbar und müssen nicht an den Heftrand gequetscht werden.
  • jeder Kommentator übt sich darin, Texte qualitativ zu bewerten (und erweitert damit seinen Horizont für die eigenen Texte)
  • alle Texte stehen online und können bei Bedarf als „Blaupause“ verwendet werden

Das funktionierte insgesamt gut und auch die Rückmeldungen der SuS waren positiv. Alle Schülerinnen beteiligten sich sichtbar im Rahmen einer „sonstigen Mitarbeit“, niemand zog sich – wie im Unterrichtsgespräch – heraus. Könnte man dieses Verfahren über die ganze Unterrichtszeit einsetzen, könnten die SuS verschiedene Klausurtypen üben und diese wären jederzeit bis zum Abitur verfügbar.

Leider ging die Hardware unserer Laptops aus dem Laptop-Wagen kurz darauf kaputt, niemand reparierte oder ersetzte sie, sodass ein Fortsetzen dieser Arbeit nicht mehr möglich war. Ob also diese Methode langfristig etwas verbessern würde, kann ich letztlich nicht beurteilen. Weitere Projekte dieser Art finden wegen der fehlenden Ausstattung nun schon lange nicht mehr statt, denn ob ich einen Computerraum „erwische“, das steht in den Sternen und erlaubt mir keine verlässliche Unterrichtsplanung. Ich arbeite also wieder zu 99,9% mit Heft und Stift.

Besser lernen mit digitalen Medien? Vielleicht – wenn die Hardware vorhanden ist und der Schulträger sich verantwortlich zeigt.

Denn schön wär’s doch!

Mit meinen schreibintensiven Fächern Deutsch und Geschichte habe ich täglich in allen Altersstufen mit Schülern zu tun, denen das Schreiben schwer fällt,  das manuelle Schreiben ebenso wie das inhaltlich-strukturierte Schreiben, und wenn man diesen Schülern dann auch noch damit kommt, dass sie ihre Texte überarbeiten sollen, dann ist der Ofen ganz schnell aus: Den sowieso schon eher lustlos mit blauer Tinte ins Heft geschriebenen Text jetzt auch noch „überarbeiten“, ergo: neu schreiben? Oder mit Sternchen und Fußnoten so erweitern, dass man am Ende auch nicht besser durchblickt? Dann lieber an einer Tastatur – und ohne schmierende Tinte, klebriges Tipp-Ex und kratzende Füller!

Wie schön wäre es, wenn wir lange Texte generell an einem (dafür geeigneten) digitalen Medium schreiben könnten. Texte zu überarbeiten wäre ein Klacks, verschiedene Versionen ließen sich gewinnbringend vergleichen, Schrift wäre immer lesbar und auch das Schreiben würde denen, die feinmotorisch nicht so beschenkt sind, vielleicht etwas mehr Freude bereiten.

Das wäre eine echte Bereicherung durch digitale Medien. Könnte man damit besser schreiben lernen? Ich glaube schon.