Die kleine Minna

Eine bezaubernde kleine rothaarige Person, mit einem Patchworkkleidchen und einem Ast im Haar, dazu noch eine märchenhafte Geschichte und das Ganze in einem wunderschön illustrierten Kinderbuch – wer könnte da widerstehen?

Ich habe mich auf Anhieb in die kleine Minna verliebt. Darum unterstütze ich „Die kleine Minna“ bei Kickstarter. Leider fehlt es noch an Unterstützern und es sind nur noch 12 Tage Zeit!

Wer also ein einzigartiges Geschenk sucht, wer immer schon einmal eine Erstauflage in der Hand halten wollte, wer tolle Illustrationen liebt und sich gerne überraschen lässt, der sollte sich auf die kleine Minna einlassen und ihr auf Kickstarter ihre Reise ermöglichen.

Kariert gucken

„Du guckst so kariert.“, stand im Hanni-und-Nanni-Band, den ich zufällig aus einer langen Reihe Enid-Blyton-Bände in unserem kleinen Ferienhaus herausgezogen hatte. Erst kürzlich hatte eine Schülerin nach genau dieser Redewendung gefragt. Das sagt man heute eher nicht mehr, kariert gucken.

Ich mochte Enid Blytons Bücher sehr und habe viele Bände aus allen möglichen Reihen von ihr angelesen. Die Abenteuer-Reihe, die Rätsel-Reihe, Fünf Freunde natürlich, Hanni und Nanni, Dolly und sogar in Tina und Tini habe ich reingelesen. Vieles ähnelte sich, manches wurde als „Mädchen-Bücher“ abgetan, aber das hat niemanden, den ich kenne und der gerne gelesen hat, ernsthaft interessiert. Ich kenne einige Jungs, die gerne Dolly gelesen haben, und keiner konnte sich dem Charme der tollen Hanni-und-Nanni-Mitternachtspartys mit Ölsardinen und Kondensmilch entziehen.

Geschlechterzuordnungen

Heute wird die richtige Geschlechtszuordnung jedoch schon im Buchhandel durch Farbcodes erledigt: Rosarote Einbände für die Mädchen, blaue und schwarze für die Jungs; Glitzerapplikationen auf den Buchdeckeln hier, 3D-Effekte dort; Pferdegesichter glotzen auf der einen, Fußballmotive auf der anderen Seite. Bloß nichts Falsches für das lesen lernende Kind,bloß keine falsche Prägung, bloß nichts Geschlechtsuntypisches in unserer ansonsten flächendeckend aufgeklärten westlichen Welt, in der man doch so sehr vorgibt, auf die Gleichbehandlung der Geschlechter zu achten. Schaut man sich neuere Hanni und Nanni-Auflagen an, dann kann’s mehr rosa gar nicht werden und im Klappentext faselt’s im besten Bravo-Sprech von „Zicken“ und „süßen Boys“. Alles fein zurechtgemacht für die vermeintliche Zielgruppe.

Der Fluch der Altersvorgabe

Nebenbei scheint es sich auch durchzusetzen, dass Bücher eine Altersempfehlung verpasst bekommen. Empfohlen ab 6. Für Leseratten ab 9. Örch.
Bei Beachtung dieser unsinnigen Angaben für unsichere Käufer passt man nicht die Literatur den Kindern an, sondern versagt es den Kinder, Literatur selbst einschätzen zu lernen.
Ordnet man sich diesen Empfehlungen unter, dürften sich  den Kindern kaum sprachliche und emotionale Herausforderungen stellen. Wen wundert’s, dass Lesen dann langweilig und vorhersehbar wird und dass der Wortschatz von Kindern immer weiter sinkt? Wie ein Grizzly einen armen Landvermesser ausweidet, das erliest man gewiss nicht in der handverlesen Kinderliteratur, und eine unmoderne Wendung wie „kariert gucken“ dürfte den jugendlichen Leser des 21. Jahrhunderts bei der Lektüre des zielgruppenorientierten Materials ebenso wenig irritieren wie ein ungewohnter, die Konzentration fordernder Satzbau.
Ist die furchtbare Medusa, sind die Qualen griechischer Sagengestalten, gefressene Märchen-Großmütter, Knochenmühlen am Koselbruch oder blutige Volkssagen für Kindergemüter so unerträglich, dass wir sie in Altersvorgaben einhegen müssen? Müssen denn alle Geschichten zunächst disney-überzuckert werden, damit sie „ab 10“ gelesen werden dürfen?

Gewöhnungseffekt?

Überdies gewöhnen sich die Kinder daran. Bei Buchvorstellungen wird häufig nachgefragt, ab welchem Alter und vor allem: ob für Mädchen oder Jungen? Besonders die Jungs wollen Mädchenbücher vermeiden, wenn ein Mädchen Bücher mit männlichen Protagonisten wie „Tom Sawyer“ oder „Harry Potter“ vorstellt, ist das in der Regel kein Aufreger. Ich „oute“ mich dann gerne als ehemaliger „Hanni und Nanni“-Leser – aber ob es hilft, gegen die rosarot-blauschwarz gefärbten Windmühlen der Marketingstrategen anzukämpfen, das wage ich zu bezweifeln.

Die sind dann doch mächtiger, als man  zu glauben bereit ist: Als vor einigen Monaten eine durchaus meinungsstarke Bekannte mit einer Tüte voller rosa Bauklötze für unsere Jüngste bei uns auftauchte, die sie fein säuberlich aussortiert hatte, weil ihre Jungs nicht mit Mädchenfarben spielen sollen, da habe ich dann wohl etwas kariert geguckt.

Melvin, mein Hund und die russischen Gurken (plus Zeilometer)

Ich bin ja gerade äußerst begeistert von der Kurzgeschichtensammlung „Melvin, mein Hund und die russischen Gurken“ der jungen Autorin Marlene Röder. Wer frische Kurzgeschichten für die Mittelstufe sucht, die sich mit jugendlichen Umbruchssituationen auseinandersetzen, dabei nicht aufgesetzt jugendlich wirken und schöne Anlässe für literarische Gespräche bieten, der sollte sich den Band auf jeden Fall einmal anschauen.

Das Tolle an den achtzehn Kurzgeschichten ist, dass jede einzeln geschlossen für sich betrachtet werden kann, aber immer auch über die Figuren Anknüpfungspunkte zu anderen Kurzgeschichten bietet. So erlebt der Leser eine Kurzgeschichte aus der Perspektive eines stehlenden Mädchens, das aus Angst vor dem sozialen Abstieg und Gruppendruck mit einer Freundin Kleidung stiehlt, um in einer anderen Kurzgeschichte in einer anderen Situation quasi nebenbei die überraschende Sicht dieser Freundin auf das stehlende Mädchen zu erfahren.

Das bindet Marlene Röder dem Leser aber nicht auf den Bauch, erst mit der Zeit bemerkt man, dass (fast?) alle Figuren wieder irgendwo in anderen Geschichten auftauchen, sodass man sich beim Lesen irgendwann unweigerlich die Frage stellt, welche Bezugspunkte man zu anderen Geschichten herstellen kann. Intertextualität und Perspektivität zu erklären, ist so ein Leichtes und erledigt sich fast schon nebenher beim Lesen.

Thematisch bewegen sich die Geschichten zwischen erster Liebe, der eigenen Position in der Clique, der Auseinandersetzung mit dem eigenen Äußeren, (Homo-)Sexualität, dem Wandel von Freundschaft, der ersten Party oder dem Abschied von Freunden – und bietet so einen breiten Zugriff auf die Lebenswelt jugendlicher Leser, was sie für den Deutschunterricht nahezu prädestiniert. Eine nette Abwechslung zum Kurzgeschichten-Einheitsbrei -Kanon, der dann meist  Zeiten thematisiert, als Telefone noch Wählscheiben hatten und in denen merkwürdige Männer ihre Sorgen vor sich hertragen.

Und falls ein mitlesender (Deutsch-)Lehrer eine Vorlage für ein Zeilometer für „Melvin, mein Hund und die russischen Gurken“ braucht, dann kann er sich dieses gerne hier herunterladen. Ein schickes Bild für den oberen Teil des Zeilometers muss sich allerdings jeder selber suchen (leider nur als PDF-Datei, WordPress mag das Pages-Format nicht).

Download – Zeilometer für Melvin, mein Hund und die russischen Gurken

Jugendbuchtipps

Es ist gar nicht so leicht mit den Jugendbüchern: Die jungen Leser bleiben jung, während die Bücher immer älter werden. Bevor also die Eltern kommen und bemängeln, dass sie ja schon dieses oder jenes in ihrer Schulzeit gelesen hätten, muss man ein wenig am Ball bleiben. Will man ein wenig am Ball bleiben, braucht man eine zuverlässige Inspirations-Quelle. Da helfen zum einen ein guter Twitter-Stream, andere Lehrerblogs oder gleich ein auf Jugendbücher spezialisiertes Blog wie (Tusch, Täterääää):

www.jugendbuchtipps.de

Was zunächst wie eine Werbeseite eines Jugendbuchverlags klingt, entpuppt sich als sehr schöne Sammlung von Rezensionen schöner Jugendbücher. Nach einem kurzen Teaser folgt eine hilfreiche und nicht vorgreifende Zusammenfassung des Inhalts nebst einer kurzen Bewertung sowie einem Fazit. Lehrerfreundlich ist die Seite obendrein, denn Autor, Lehrer und Schulpsychologe Ulf Cronenberg unterscheidet in der Kategorie „Tipps für Lehrer“ auch nach Alterstufen, sodass man sich neben thematischen Aspekten auch schnell einen Überblick über entsprechende Altersstufen verschaffen kann.

Lohnt sich!

„Little Brother“

Lese gerade Cory Doctorows „Little Brother“ und bin hin- und hergerissen. Einleitende Informationen wie Inhaltsangabe, Unterrichtsideen und vieles mehr erspare ich mir, denn die bekommt man wunderbar aufbereitet schon bei Herrn Rau.

Tja, und jetzt stehe ich da, den Kindle mit dem noch nicht ganz ausgelesenen Roman in der Hand, und überlege, ob „Little Brother“ wirklich die richtige Lektüre für meine achte Klasse sein könnte. Ein aktuelleres Thema kann man sich kaum vorstellen: Es geht um einen ausgewachsenen Überwachungsstaat, der sich nach einem gewaltigen Terroranschlag weiter entfaltet und eine Gruppe Jugendlicher, die sich gegen diesen Staat mit technischen Mitteln zu wehren versucht. Dabei erklärt der Erzähler nebenbei sehr anschaulich komplizierte Verschlüsselungsmechanismen (wer PGP verstehen will, sollte da mal hineinlesen), RFID, berühmte Köpfe der Computerwelt, die Hippie-Kultur, das Silicon Valley, erzählt über die Enigma-Maschine und vermittelt so vermutlich ein dutzend Mal mehr Informationen über die komplexe Computerwelt, als es alle Computerführerscheinkurse der Schulwelt zu leisten vermögen.

Doch dann sind da die flachen Figuren, und auch sprachlich ist der Roman nicht gerade ein Aushängeschild der Jugendliteratur (wie schön dagegen Daniel Handler, aber wie dick…) und die Story bislang (habe so etwa die Hälfte gelesen) doch eher mau. So richtig überzeugend für den Deutschunterricht wirkt das nicht, ich vermeide schon „Die Welle“, weil die so lieblos runtergeschrieben ist. Auch so mancher Ausdruck mag im ein oder anderen Elternhaus Anstoß finden, das Schwarz-Weiß-Malen (der Staat ist böse, böse, böse!) schmeckt mir auch nicht immer. Aber ich habe die Geschichte auch noch nicht komplett gelesen – hm, ich mag’s kaum glauben, vielleicht tue ich ihr ja Unrecht.

Aber das Thema, ja das Thema ist wirklich sehr reizvoll.

Aussichtslos, Bildungsrecherche

Schöne Aussichten…

Gemein! Ab Montag bin ich auf Klassenfahrt und die Wetterdienste drohen mit 90% Regenwahrscheinlichkeit – jeden Tag! 🙁

Die große Bildungsrecherche

In der Süddeutschen gab es offensichtlich eine zwanzigteilige „Bildungsrecherche“ – und niemand in meinem digitalen Umfeld kommentierte die. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviele Personen das sind und dass eigentlich in der „Bubble“ schlichtweg alles kommentiert zu werden scheint. Liegt’s am Bedeutungsverlust der etablierten Medien, am Bedeutungsverlust der SZ-Online oder liegt’s einfach nur daran, dass Interviews wie das mit Friedrich Denk ein derart weltfremdes Bild bieten, dass sich das Kommentieren kaum lohnt?

Kurz gefasst geht es um Lesekompetenz, Jungs und Mädchen, Geschlechtsteil-Literatur, süchtigmachende Computerspiele sowie  verdummende Tablet-Computer. Modernes ist doof, Neues abzulehnen und für die literarische Thematisierung aktueller Jugendprobleme eignet sich am besten die Literatur des 19. Jahrhunderts. Kinder sind von Natur aus keinesfalls wissbegierig und Jungs lediglich sexfixiert. Nicht zu vergessen die Rechtschreibreform, hach, das Leben ist schon schwer… damals…

Denken lernen

Musste während des Lesens des Interviews an Lisa Rosas aktuellen Beitrag zum „Denken lernen lehren“ denken. Wie unterschiedlich Verve und Sicht auf die Menschen. Wie miesepetrig und rückwärtig Denk, wie positiv und vorausblickend Lisa. Während der eine „Irrwege“ beim Selberdenken beklagt, werden diese auf der anderen Seite als Chance für das Entwickeln eigenen Denkens gesehen. Wo Denk das Lernen des Richtigen fordert, beharrt der entgegengesetzte Ansatz darauf, dass „das Richtige“ veränderlich ist, und auch die Bedingungen und Voraussetzungen des eigenen Denkens immer wieder offengelegt und hinterfragt werden müssen.

Tut man das nicht, besteht ernsthafte Gefahr, in einer Zeitschleife im 19. Jahrhundert hängenzubleiben und zu verpassen, dass die alten Diskurse währenddessen weitergesponnen wurden.

Ferienliteratur

Ferienzeit – Lesezeit. Und wie der Spon schreibt, entspannt man am besten beim Lesen. Und das habe ich in diesen Ferien bislang reichlich getan, diesmal auch mit besonderem Fokus auf die sogenannte Trivialliteratur. Mit Genuss einen schweren Rotwein zu trinken, bereitet große Freude, ein leckeres, leichtes Kölsch rinnt aber oft schneller und leichter durch die durstige Kehle. (Das richtige Kölsch zum Lesen heißt übrigens Sion und kommt in schnuckeligen kleinen 0,25l-Fläschchen daher. Lecker!)
Jetzt aber zur Literatur!

Lemony Snicket – Eine Reihe betrüblicher Ereignisse

Jedes Jahr in den Ferien knöpfe ich mir Jugendliteratur vor. Eine FAZ-Rezension besprach ausnehmend wohlwollend den Band „43 Gründe, warum es aus ist“ von Daniel Handler. Nebenbei erwähnte der Rezensent die unter dem Pseudonym „Lemony Snicket“ veröffentlichte Reihe über drei Waisenkinder, die ich mir gleich mit den ”43 Gründen, …“ zugelegt habe.
Der erste Band ist wunderbar geschrieben und handelt vom Anfang des betrüblichen Schicksals der drei Baudelaire-Waisenkinder. Der Erzähler zeichnet eine düstere Atmosphäre, lockert diese jedoch durch sein selbstironisches Erzählen und witzige Eigenarten der Figuren immer wieder so auf, dass sowohl das Unerhörte als auch das Herzensgute trotz der immer wiederkehrenden Beteuerung, die Geschichte könne nun kaum noch erträglich sein, immer im Gleichgewicht bleiben.
Das Deutschlehrerherz schlägt immer dann höher, wenn Handler in seinem Kinderbuch Fremdwörter nahezu inflationär, ja fast schon ungeniert lustvoll verwendet, diese aber immer kurz und kindgerecht in einem Nebensatz erläutert.
Ich hätte mir gewünscht, dass Tim Burton aus dieser Reihe einen Trickfilm macht – oder Ron Gilbert im Stile Maniac Mansions ein Adventure daraus strickt, aber leider wurden schon einige Bände verfilmt. Nicht von Tim Burton. (Und wo ich gerade von Maniac Mansion fasele, sei noch einmal auf das Spiel „The Cave“ hingewiesen, das von Ron Gilbert kreiert wurde.)

Andreas Eschbach – König von Deutschland

Auf Andreas Eschbach bin ich besonders über seine 10 Tipps für eine gute „Text-Überarbeitungs-Vorbereitung“ gestoßen, hatte aber auch schon vorher mal von ihm gehört. Dummerweise hatte ich ihn mit Wolfgang Hohlbein verwechselt, denn eigentlich wollte ich etwas von Hohlbein lesen, als ich auf Twitter nach Eschbach fragte. Wie auch immer, ich habe mir dann „König von Deutschland“ geholt und finde, naja, man kann ihn lesen. Die Idee, dass eine Gruppe Aktivisten versucht, die Gefahr durch Wahlcomputer zu demonstrieren, indem sie diese so manipulieren, dass eine monarchistische Partei die Bundestagswahlen gewinnt, ist wirklich gut, aber Eschbachs Stil gefällt mir nicht. Besonders bröselt er wahllos Fußnoten über den Roman und erklärt darin allerlei Unwichtiges. Verweise auf Wikipedia braucht man nicht zu verfußnoten, und es bleibt der Eindruck, dass Eschbach sich bei der Recherche viel Mühe gegeben hat und das auch zeigen möchte. Hätte er sich sparen dürfen. Seine Art zu erzählen ist nicht meines, mir wirkt das Ganze zu klischeehaft und nach Schema F für Bestseller durchgestylt. Eschbach hat gewiss noch mehr solcher 10-Punkte-Listen, die er beim Schreiben brav abarbeitet. Aber ist ja Geschmackssache, bei Ken Follett geht’s mir auch immer so.

Und dennoch: Es müsste mehr massentaugliche Romane geben, die die Probleme der unreflektierten Digitalisierung zugänglich aufbereiten. Wahlcomputer sind eines, Prism und Tempora schon weitaus gefährlichere. Es interessiert nur niemanden, weil das ja „irgendwie mit Computer“ zu tun hat; das tut nicht weh, wir merken das nicht, das ist nur für Computerspinner wichtig. Aber wenn die Butterpreise um 5 Cent steigen, werden die Mistgabeln hervorgekramt!

Juli Zeh zu Prism

Wir brauchen mehr politische Literatur in Deutschland! Darum schnell noch ein Link zu Juli Zehs Kommentar zu Prism. Zeh ist eine der wenigen mir bekannten noch politisch aktiven Autorinnen. Der Rest der politsch einst aktiven Autorenriege siecht gerade über seinem letzten Glas Rotwein oder macht aus Gewohnheit Wahlkampf für die SPD…

Isaac Asimov: Die Foundation-Trilogie

Was für ein Wälzer! Aber die über 800 Seiten lesen sich als wären es nur dreihundert. Als ich mir die Trilogie aus dem Buchregal gezogen hatte, hatte ich eher einen zähen Schinken erwartet, und auch der intellektuell vom Cover blickende Asimov (ich musste gleich an Eco denken) ließ einiges an Mühe beim Lesen erwarten. Doch im Gegenteil: Großartig, wie es Asimov gelingt, einen dicken Sci-Fi-Dreiteiler so zu schreiben, als wäre er eine leichte Novelle. Dabei strotz die Schwarte nur so vor Figuren, wechselnden Handlungssträngen, und Asimov komprimiert die Geschichte des Untergangs eines galaktischen Reiches und der darauf folgenden tausendjährigen Phase so geschickt und spannend, dass man förmlich in Lichtgeschwindigkeit durch die wechselhafte Geschichte der Psychohistorik, der Foundation und des Imperiums saust. Dabei verzichtet er auf übermäßige und lähmende Schilderungen futuristischer Neuerungen, sondern bleibt erzählerisch beim Punkt und treibt die Geschichte in kurzweiligen Dialogen voran. Vermutlich kommt Asimov ausgerechnet seine Erfahrung im Schreiben von Kurzgeschichten zugute, denn er verpackt die lange Geschichte der Foundation in viele miteinander verbundene, kurzweilige und spannende Phasen. Muss man gelesen haben!

Florian Illies: 1913

Eigentlich dürfte Asimov nichts für mich sein, denn oftmals ermüden mich ausufernde Dialoge. Da wäre Florian Illies’ eher erzählerisch gehaltener Schreibstil doch eher etwas für mich. Dazu noch das Thema: Das Jahr 1913, dem letzten von Kriegsahnungen schon schwülem Jahr, inmitten einer Phase europäischer künstlerischer und kultureller Blüte. Muss ich aber noch lesen. Was ich bislang gehört habe, war eher mau, aber darauf sollte man sich ja bekanntlich nie verlassen. Geschichte literarisch verpackt – darauf bin ich schon sehr gespannt!

Daniel Handler: 43 Gründe, warum es aus ist

Muss ich auch noch lesen. Es liegt aber schon hier und ist gaaanz toll illustriert. Erstaunlich: Ein Jugendbuch mit so vielen bunten Bildern habe ich, glaube ich, noch nie gelesen. Es geht um ein junges Mädchen, dass seinem Ex-Freund eine Kiste mit Gegenständen schickt, anhand derer es ihm die Trennung oder die Liebe (ich weiß es noch nicht) erklärt. Erinnert von der Story her etwas an „Tote Mädchen lügen nicht“, aber warten wir’s erst mal ab. Die Rezension war überschwänglich, also habe ich gleich mal zugeschlagen, denn im nächsten Schuljahr wartet eine achte Klasse auf mich. Eventuell wäre das ja was…

Soldaten – ein erster Eindruck

432 Seiten. Sachtext. Ohne Literaturangaben. Und ich pflüge förmlich hindurch, denn Sönke Neitzel und Harald Welzer haben sich redlich und erfolgreich Mühe gegeben, ihren umfangreichen Band „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ lesenswert zu gestalten. Das liegt zum einen am Stoff selbst, zum anderen aber auch an der lebendigen und immer sehr anschaulichen und klaren Art des Schreibens. Die Autoren verzichten auf umständliches Wissenschaftsgeschwurbel und kommen direkt zum Punkt, verzichten auf Fremdwortkaskaden und  erläutern immer dann, wenn es angebracht ist.

Der Stoff aus dem die Quellen sind – Abhörprotokolle
Zum Stoff. In der Monographie beschäftigen sich der Historiker Neitzel und der Sozialpsychologe Welzer mit britischen Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener seit September 1943. Das Besondere an diesen Abhörprotokollen ist, dass die Kriegsgefangenen bei ihren Gesprächen nicht wussten, dass sie abgehört wurden, sodass im Ergebnis Geschichtsquellen entstanden sind, die in ihrer Unverfälschtheit ihresgleichen suchen dürften. Wie normal war also Gewalt für die deutschen Soldaten, wie sprachen sie untereinander über Gräueltaten, wie gerierte man sich selbst, sah man sich gar zu Rechtfertigungen gezwungen? Diesen Fragen gehen Neitzel und Welzer nach und versuchen mithilfe der bis dahin unbekannten Dokumente einzuordnen, ob die deutsche Wehrmacht durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus besonders brutalisiert war.

Der Referenzrahmen – Die Welt der Soldaten
Zuvor definieren sie allerdings den „Referenzrahmen“ innerhalb dessen die Wehrmachtssoldaten gehandelt haben (müssten), sprich: Sie versuchen die Frage zu beantworten, wie es dazu kommen konnte, dass gutmütige Männer zu mordenden Männern wurden; versuchen zu ergründen, innerhalb welcher „Welt“ die Soldaten gedacht und gehandelt haben, welche Maßstäbe in dieser Welt galten, welche Grenzen diese Welt den Soldaten auferlegte – und was das spezifisch Nationalsozialistische an dieser Welt war.

Dieses Vorgehen bietet den Vorteil, nicht mit einem normativ und moralisch verstellten Blick an die Quellen heranzugehen, denn man versucht zunächst, die Sichtweise der Täter zu rekonstruieren und zu verstehen, warum sie in bestimmten Situationen so grausam handelten. Beispielsweise wird anhand mehrerer Aussagen von Jagdfliegern gezeigt, dass diese eher sportlichen Ehrgeiz entwickelten, ideologische Aspekte hingegen keine Rolle zu spielen schienen. Es ging also nicht darum, „Untermenschen“ zu vernichten und dem Endsieg zu dienen, sondern simpel Abschüsse zu sammeln – ähnlich wie bei „Frags“ in modernen Computerspielen. Der Referenzrahmen war hier also weniger ideologisch bzw. nazistisch definiert, als vielmehr bestimmt vom Alltag, von der „Arbeit“ im Kleinen, dem „Spaß“, soweit der im Rahmen des kriegerischen Umfelds einer Gruppe hierarchisch organisierter Soldaten möglich war.

So sinnvoll das Rekonstruieren des Referenzrahmens der Soldaten ist, so erfordert eine wissenschaftliche Ausblendung des Normativen dennoch den Balanceakt zwischen einer Relativierung auch massiver Gewalttaten, denn jeder Täter hat irgendeinen „guten“ Grund, Gewalt auszuüben, und einer moralisch-normativen Bewertung. Der Referenzrahmen wird sonst schnell zum Legitimationsrahmen, zur Entschuldigung des Einzelnen, der dann ja kaum anders konnte, als innerhalb seines Referenzrahmens zu handeln. Eingeholt wird das Moralisch-Normative dann immer wieder durch die Aussagen der Soldaten selbst, z.B. wenn ein Soldat, selber Vater zweier Säuglinge, davon berichtet, dass er mit ruhiger Hand wagenweise Frauen und Säuglinge erschossen hat oder wenn ein Soldat von dreijährigen Kindern berichtet, die, am Schopf hochgehalten, mit der Pistole erschossen und anschließend in Massengräber geworfen wurden.

Neitzel und Welzer bleiben jedoch nicht allein bei der Wehrmacht stehen, sondern vergleichen mit späteren Kriegen und auch z. B. mit der Episode um die amerikanische Hubschrauber-Crew, die eine Gruppe Zivilpersonen und den Reuters-Fotografen Namir Noor-Eldeen erschossen hat und untersuchen auf ihre Methode das Gesprächsprotokoll dieses Angriffs. Mit welchem Ergebnis, das lasse ich hier offen, denn die 4,50€ bei der Bundeszentrale für politische Bildung sind wirklich gut angelegt. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen.