Teil 2: Funktionen der Notengebung

Tafel

Erfolgreiches Lernen ist zunächst einmal gar nicht von Noten abhängig, wie alle Menschen wissen, die irgendwann einmal Sprechen oder möglicherweise schon vor der Schule Lesen gelernt haben. Wozu also Noten? Welcher Sinn verbirgt sich hinter der Notengebung? Welchen Zweck, welche Funktion erfüllt sie?

Gesellschaftliche Klassifikation

Wirft man einen Blick in die Fachliteratur, überkommt einen zunächst einmal große Verwirrung. Denn auch die Wissenschaftler wissen nicht so recht, welche Funktionen sie der Zensur denn nun zuschlagen sollen; ich gebe hier mal einen Vorschlag aus dem bunten Strauß an Vorschlägen wieder[1]:

  • Rückmeldefunktion (und zwar je für Lehrer und Schüler)
  • Berichtsfunktion (für Mama und Papa)
  • Anreizfunktion (gute Noten als Anreiz für gute Leistung)
  • Disziplinierungsfunktion (Fragen Sie mal die Frau Schavan)
  • Sozialisierungsfunktion (Schüler lernen unterschiedliche Leistungsnormen kennen.)
  • Klassifizierungsfunktion (Grundlage für Förderung und Selektion)
  • Selektionsfunktion (die Guten ins Kröpfchen…)
  • Zuteilungsfunktion (Harzt-IV vs. Numerus Clausus)
  • Chancenausgleichsfunktion (besonders benachteiligte Schüler erhalten bessere Noten als die objektive Leistung rechtfertigen würde)

Das ist ein Batzen Funktionen, den eine handvoll Ziffern erledigen soll, aber sie sind durchaus nachvollziehbar. Wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass Noten nur zweitranging der Entwicklung des einzelnen Schülers, aber zu großen Teilen administrativen Zwecken dienen. Sie sind also im Kern kein Instrument zur individuellen Verbesserung des Lernerfolgs, sondern dienen, was auch historisch begründbar ist, der Auslese, der positiven wie negativen Disziplinierung und bestimmen mehr oder weniger über die Berechtigung für den gesellschaftlichen Auf- oder Abstieg.

Der größte Profiteur von Noten ist also die Gesellschaft mit ihren zahlreichen Institutionen, weil die Zensur es ihr leichter macht, Entscheidungen zu treffen. Nicht umsonst rieb sich der IHK-Präsident in einer Fernsehdiskussion (Hart aber fair) die Hände, weil er sich erhofft, dass Kopfnoten ihm und seinen Kollegen schon bei der schriftlichen Bewerbung Auskunft über die Sozialkompetenz seiner Azubis in spe geben. Man muss diese Leute dann nicht mehr persönlich kennen lernen, sondern kann die mutmaßlich Ungeeignetsten direkt vom Schreibtisch aus in den Müllkorb befördern – die Schule hat ja schon vorsortiert. Gleiches gilt für Numerus Clausus-Fächer, bestimmte Ausbildungsberufe oder simpel dem Zugang zur Sekundarschule. Aber wo bleibt dabei die pädagogische Funktion von Noten?

Diagnose beim „Lernarzt“

Was meint überhaupt „pädagogische Funktion“? Ich verkürze das Thema hier stark, aber im Prinzip ist es ganz einfach: Inwiefern nützt, hilft oder unterstützt Notengebung das Kind / den Schüler in seinem persönlichen Lern- und Entwicklungsprozess? Ganz klar, und das wusste auch jeder in der Talk-Runde von Hart aber Fair, die den Ausschlag für diese Reihe gegeben hat: Besonders die Rückmeldefunktion ist die, die dem Schüler, dem Lehrer und den Eltern mitteilt, wo dieser steht, welche Leistungen gut und welche ausbaufähig sind. Daran anschließend muss gemeinsam mit dem Lehrer, wenn nötig, die Frage beantwortet werden, wie eine Leistungsverbesserung ganz konkret gelingen kann.

Der Lehrer sollte sich diesbezüglich vielleicht als „Lernarzt“ verstehen, der eine Diagnose stellt, einen Befund ableitet und daraus individuelle Schlüsse für das weitere Vorgehen seines Schülers zieht. Eigentlich logisch, oder? Stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen beim Hausarzt und der verpasst Ihnen einen Hustensaft, obwohl sie sich eigentlich den Knöchel verstaucht haben, mit der Begründung, die meisten Leute kämen auch sehr gut mit Hustensaft zurecht.

Aber Hand aufs Herz: Hat das jemand in seiner Schulzeit so erlebt? Hat schon eimal jemand einen Schüler sagen hören: „Himmel, schon wieder `ne Fünf, jetzt steht demnächst `ne Lernberatung an, Herr Xyz will mir zeigen, wie ich weiterkommen kann.“? Kennen Sie das? Ich nicht. Aber wie oft hört und liest man zum Schuljahresende vom Notendruck, von verheulten Kindern und vom schiefen Segen in zahlreichen Haushalten, was davon herrührt, dass alle Teilnehmer dieses Systems genau wissen, welche speziell biografischen Konsequenzen schlechte Noten nach sich ziehen können. Noten werden kaum als Hilfsmittel zur Diagnostik und zur Verbesserung des individuellen Lernens herangezogen, sondern als Diktat der Biographie empfunden. Klar: grob gesehen weiß jeder, dass nach ein paar Fünfen Nachhilfe oder Hauptschule droht, aber was wäre gewesen, wenn man schon bei der ersten Fünf für klar Schiff gesorgt hätte?

Aber wieso klappt das nicht? Können Noten überhaupt Rückmeldung über Leistung geben? Sind sie ein dafür geeignetes Instrument? Und wenn nicht, sind Noten dann hinfällig? Die Diskussion dieser Themen wird die nächsten Beiträge beschäftigen.

Bisher:
Teil 1 – Würfeln Lehrer doch?
Teil 2 – Funktionen der Notengebung
Teil 3 – Gütekriterien und so…
Teil 4 – Auch Lehrer machen Fehler.
Teil 5 – Pro Noten


[1] Der Strauß stammt von Zielinski, 1975. Zitiert nach Eiko Jürgens: Leistung und Beurteilung in der Schule, Sankt Augustin 2000, S.55.

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