Teil 4: Auch Lehrer machen Fehler.

Tafel

Wer zum ersten Mal über Lehrerfehler stolpert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nahezu alle Vorurteile über den Notenwürfel scheinen wahr zu werden…

Unser guter Herr Lehmann aus der letzten Folge hätte es vor Gericht wahrlich schwer. Denn viele der Fehler, die man ihm da vorwerfen könnte, werden als unbewusste Fehler attestiert, also als Fehler, auf die er direkt gar nicht oder nur schwer Einfluss nehmen kann.

Die folgend aufgeführten Lehrerfehler lassen sich bei Jürgens nachschlagen.[1] (Bitte nicht die Fußnoten klicken! Da liegt irgendwas im Argen…)Ich zähle einmal einige auf:

Da hätten wir zunächst den Halo-Effekt, dessen urteilsverfälschende Wirkung darin besteht, dass ein allgemeiner Eindruck die Wahrnehmung einzelner Merkmale bestimmt. Sie sind Lehrer, wählen CDU und haben „Zecken“ schon immer gehasst? Dann sollte die junge Dame mit dem pinkfarbenen Irokesenschnitt vielleicht besser die Klasse wechseln. Aber es geht auch subtiler. Es „besteht z.B. die Gefahr, dass Schüler die durch ihr Auftreten, ihre Kleidung, ihr Sprachverhalten usw. einen unordentlichen Eindruck machen, schlechtere Beurteilungen auf Leistung erhalten, als sie eigentlich verdienen.“[2] Vielleicht liegen manche Schüler also gar nicht so falsch mit ihrer Annahme, Lehrer(in) XYZ könne Jungs/Mädels per se nicht leiden.

Ähnlich gelagert ist der logische Fehler. So sind Lehrer bspw. oft des Glaubens, gute Matheschüler seien gleichfalls auch gute Physikschüler. Aus dem Vorliegen eines Merkmals wird gleichzeitig fälschlicherweise auf ein anderes geschlossen. Und umgekehrt.

Beharrlichkeitstendenz nennt die Pädagogik das, was Schüler gemeinhin „Abo“ nennen. Trotz einer Leistungsverbesserung schafft der Schüler einfach nicht den Sprung von seiner „Standardnote“. Ein einmal gefälltes Urteil prägt die Erwartungshaltung des Lehrers, der dann dazu neigt, dieses Urteil beizubehalten.

Auch für Laien gut nachvollziehbar sind Erwartungseffekte. Hand aufs Herz: Fünf Aufsätze in Folge mit „Sehr gut“ zu bewerten, wer macht das schon? Gleichzeitig werden mittelmäßige Arbeiten, die nach einer solchen Reihe sehr guter Arbeiten korrigiert werden, tendenziell schlechter bewertet als sie es verdient hätten, was man Kontrasteffekt nennt. So kann die Note einer Arbeit mit davon abhängen, in welchem Kontext sie korrigiert wurde. Fatal für Schüler, deren Arbeiten oft nach einer Reihe sehr guter Arbeiten korrigiert werden. Manchmal ist das Alphabet auch keine Hilfe…

Noch drastischer lesen sich die Erkenntnisse zum Pygmalion-Effekt. Folgt man diesem, so beeinflussen Lehrer mit ihren Erwartungen unter bestimmten Umständen(!) das Schülerverhalten. Und zwar so, dass die Schüler das vom Lehrer erwartete Verhalten erfüllen, im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung. So kann es sein, dass Lehrer Schüler, bei denen sie eine höhere Leistungserwartung haben, häufiger aufrufen, loben und häufiger Hilfestellung bei falschen Antworten bieten. Jürgen Oelkers, ein Notenbefürworter, schreibt dazu: „Lehrerinnen und Lehrer beziehen sich in ihrem Unterricht mehr auf die guten Schüler, sie lassen gute wie schlechte Schüler direkt oder häufiger indirekt wissen, was sie von ihrer Leistungsfähigkeit und oft damit verknüpft von ihrer Person halten, und das Selbstbild der Schüler passt sich tendenziell dem Bild an, das die Lehrer von ihnen haben und mitteilen.“[3]

Doch auch implizite Persönlichkeitsurteile können eine Rolle spielen. Die Projektion von eigenen Wünschen, Zielen und Vorstellungen auf Schüler können sich ebenso auf die Benotung auswirken, wie persönliche Werthaltungen oder Einstellungen.

Darüber hinaus gibt es noch allgemeinere Beurteilungstendenzen: Einige Lehrer tendieren bei ihrer Bewertung eher zur Mitte, andere zur Strenge. Einige wissen um die Folgen für ihre Schützlinge und neigen dann eher zu milderen Beurteilungen als angebracht.

Es ist leicht nachvollziehbar, wie sehr solche Erkenntnisse die Notengebung in Frage stellen. Dabei sollte man sich nicht die Illusion machen, von solchen Fehlern frei zu sein oder mit dem Wissen darum, diese vermeiden zu können. Die meisten Fehler spielen sich auf unbewusster Ebene ab, so dass es nicht gerade ein einfaches Unterfangen sein würde, sie auszuklammern, auch wenn es Überlegungen dazu gibt, auf die ich in einer späteren Folge kommen möchte. Allerdings versteht man unter diesen Voraussetzungen Ingenkamp, den ich hier schon einmal zitiert habe:

„Lehrer sollten wissen, dass der Messfehler unseres Zensurensystems im allgemeinen +- einer Zensurstufe angenommen werden muss, dass also Schwankungen zwischen den Zensuren 2 und 4 allein durch die mangelnde Zuverlässigkeit dieses Beurteilungsverfahrens verursacht werden können.“[4]

Das liest sich wie ein totales Zensurendesaster, aber keine Bange, in der nächsten Folge haue ich auch mal in die Kerbe pro Notengebung. 😉 Wer möchte, kann ja den zitierten Oelkers-Aufsatz (pdf) schon eimal lesen.

Bisher:
Teil 1 – Würfeln Lehrer doch?
Teil 2 – Funktionen der Notengebung
Teil 3 – Gütekriterien und so…
Teil 4 – Auch Lehrer machen Fehler.
Teil 5 – Pro Noten


[1] Jürgens, E.: Leistung und Beurteilung in der Schule, Sankt Augustin 2000.[2] Sacher, W.: Prüfen. beurteilen. Benoten. Bad Heilbrunn 1994, S.43. Zitiert nach Jürgens.[3] Oelkers, J.: Leistungen und Noten: Probleme der Schülerbeurteilung. (PDF)

[4] Ingenkamp, Karlheinz: Lehrbuch der pädagogischen Diagnostik, Weinheim 1988, S.40.

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