Ganztag. Doppelstunden. Halbtag?

Immer wieder beklagt man in der Öffentlichkeit die Unbeweglichkeit des Schulsystems. Dabei ist es die ganze Zeit in Bewegung. Zwar leider nur drei Schritte vor und dann wieder zwei zurück, aber in Bewegung ist es die ganze Zeit. Mal gibt es Kopfnoten, dann wieder nicht. Mal gibt es Inklusion, dann wieder nicht. Mal gibt es G8, dann wieder G9. Und mit dem Wechsel zu G9 steht auch die von der vorigen Regierung besonders propagierte Idee der Ganztagsschule wieder in Frage. Das erhöhte Stundenvolumen durch ein zusätzliches Schuljahr ermöglicht es den Gymnasien theoretisch, sich wieder fast vollständig nur als Halbtagsgymnasien zu präsentieren. Aber ist das sinnvoll?

An meiner Schule sind wir seit einigen Jahren im Ganztag – und auch für uns stellt sich die Frage, ob und wie wir diesen unter G9-Bedingungen weiter fortsetzen wollen. Ich möchte im Folgenden beschreiben, welche Vor- und Nachteile ich im Ganztag aus Lehrersicht wahrnehme.

Ganztag an meinem Gymnasium

Ein vollständiger, langer Schultag erstreckt sich bei uns von 7.50 Uhr bis 15.35 Uhr. Es gibt (mit Ausnahme für die fünften Klassen) eine Mittagspause von 13.05 bis 14.05 Uhr. Ganztag ist bei uns nicht zu denken ohne das Doppelstundenmodell. Wir haben an langen Tagen vier Lernphasen, die jeweils 90 Minuten umfassen, also immer von einer Doppelstunde Unterricht abgedeckt werden. Schülerinnen und Lehrerinnen haben also immer höchstens vier Fächer, auf die sie vorbereitet sein müssen.

Da wir die zusätzlichen Ganztagsstunden nicht schlicht für mehr Unterricht nutzen dürfen, verwenden wir sie für eigenständige Lernphasen sowie Wahlpflicht-AG-Stunden oder Klassenprojektstunden, in denen die Klassenleitungen Gelegenheit haben, sich um organisatorische und pädagogische Belange ihrer Klasse zu kümmern. Besonders letztere befreien Klassenleitungen davon, Teile ihres Fachunterrichts opfern zu müssen, und sie helfen dabei, sinnvolle Einrichtungen wie den Klassenrat zu institutionalisieren. In einem 45-Minuten-Modell hätte der wenig Chancen.

Aufgrund des Ganztages ist es uns möglich, eine Schulsozialarbeiterin direkt vor Ort zu haben, die neben ihren pädagogischen Aufgaben auch für Angebote in den Mittagspausen und bei Schulveranstaltungen sorgt. Als Klassenleitung bin ich dieser Kollegin schon mehr als tausend Dank schuldig, weil sie in harten Zeiten viel Last von meinen Schultern genommen hat. Schule ohne Schulsozialarbeit mag ich mir nicht mehr vorstellen.

Vorteile des Doppelstundenmodells

Als wir über das Doppelstundenmodell debattierten, hatte ich als neuer, frisch aus dem Referendariat stammender Kollege, die Befürchtung, dass es sehr anstrengend sein könnte, jede Stunde als Doppelstunde planen zu müssen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Statt – wie zuvor an einem „normalen“ sechsstündigen Tag fünf bis sechs Lerngruppen – muss ich nun nur maximal vier Lerngruppen vorbereiten.

90 Minuten reichen im herkömmlichen Unterricht für fast alles. Man kommt nicht in Zeitprobleme bei Klassenarbeiten (wie man die je in 45 Minuten sinnvoll schreiben lassen konnte?) und Arbeitsphasen können sinnvoll zu Ende geführt werden. Referendare können immer die von den Fachleitern geschätzte Auswertungsphase zeigen, auch wenn die Schülerinnen einmal etwas länger brauchen. Nahezu alle Arbeitsformen, die etwas mehr Zeit beanspruchen, können jederzeit durchgeführt werden und auch Filme können gezeigt und direkt nachbesprochen werden. Die unsinnigen Zwänge eines 45-Minuten-Rasters sind nicht mehr existent und das ist gut so.

Als Ganztagsgymnasium müssen wir logischerweise mehr Stunden abdecken als Halbtagsgymnasien. So kommt es, dass ich nicht jeden Tag meine sechs Schulstunden „herunterreiße“, sondern an manchen Tagen acht Stunden. Das wiederum hat zur Folge, dass ich an anderen Tagen ggf. nur vier Stunden unterrichten muss – und diese teilweise erst um 9.40 Uhr beginnen. Mitten in der Woche am Morgen entspannt im Arbeitszimmer arbeiten zu können, ist eine Errungenschaft des Doppelstunden-Ganztags.

Negativer Nebenaspekt des Doppelstundenmodells sind die sogenannten „Springstunden“. Das sind regelmäßige Freistunden, in denen man mitten im Schultag nicht eingesetzt werden kann (z.B. montags in der 3./4. Stunde). Was einem in den ersten beiden Stunden einen langen Morgen beschert, sorgt mitten am Schultag für Leerlauf. Wichtig ist darum, dass man eigenständig dafür sorgt, dass die Zeit sinnvoll genutzt wird: So kann man bei guter Planung Korrekturen, Klassen-Orga, Gesprächstermine, Vorbereitung etc. in diese Phasen legen und so seinen Nachmittag etwas entlasten.

Das klingt nun alles ganz prima, doch so einfach ist es nicht. Entlastend ist der Ganztag auf seine Weise schon, aber…

Nachteile

… wenn ich nachmittags nach Hause komme, bin ich im wahrsten Sinne des Wortes „durch“. In der Regel ist das gegen 16.00 Uhr, wenn nicht noch andere Termine hintendranliegen. Danach geht außer Vorbereitung nicht mehr viel, Korrekturen schiebe ich darum konsequent ins Wochenende oder in die Ferien. Habe ich eine Klassenleitung, lege ich telefonische Elterngespräche und E-Mails in die Abendstunden

Habe ich hingegen kurze Tage (also sechs durchgehende Vormittagsstunden), kommen diese mir vor wie Urlaub.

Die Mittagspause

Die einstündige Mittagspause – so wichtig sie vor dem Nachmittagsunterricht für Schülerinnen und Lehrerinnen ist – frisst auch eine Stunde Zeit, die man sich im Halbtagsmodell sparen kann. Eine „echte“ Pause ist es meist sowieso nicht, weil man dann ja (fast) alle Kolleginnen über eine Stunde hinweg erreichen kann und immer dringend irgendwelche Dinge klären muss. Drängen die Korrekturen, dann nehme ich mir meine Arbeit auch mit in die Mittagspause – und unser Korrekturraum ist immer gut besetzt.

Zudem hat der Schulträger uns mit dem Bau der Mensa einen schönen Kuckuck ins Nest gesetzt: Niemand möchte da gerne essen. Lehrerinnen zweier Schulen meiden es gänzlich, dort zu essen. Lediglich einige Schülerinnen, überwiegend aus den unteren Klassen, nutzen das Mensaangebot. Ein Gefühl von Entspannung mag dort nicht so recht aufkommen – dazu und zu dem Irrsinn der Architektur dieses jungen Gebäudes mal in einem anderen Beitrag.

A- und B-Wochen

Das Doppelstundenmodell erfordert, dass Fächer, die in ungerader Stundenzahl unterrichtet werden, derart auf zwei Wochen verteilt werden, dass sie ins Modell passen. Also wird ein Oberstufengrundkurs mit drei Stunden so auf zwei Wochen verteilt, dass er in einer Woche mit zwei und in der Folgewoche mit vier Stunden vertreten ist. Deshalb haben wir „A- und B-Wochen“, sprich: jede Klasse, jede Kollegin hat zwei Stundenpläne, damit alle Stunden ins Doppelstundenraster passen. Das ist nicht wirklich schlimm, aber ich weiß grundsätzlich nie, in welcher Woche ich gerade bin und welche Stunden ich morgen habe. Einen einwöchigen Plan hat man sich im Gegensatz dazu schnell gemerkt.

Ungünstig ist diese Aufteilung auch, wenn man das Pech hat, dass viele Feier- oder Brückentage, ggf. auch Klausurtermine auf bestimmte Tage fallen: Dann kann es passieren, dass meine achte Klasse mich in Geschichte nicht so häufig sieht, weil ja immer gleich alle beiden Wochenstunden gleichzeitg ausfallen – und nicht nur eine, wie es im Halbtagsmodell der Fall wäre.

Auch Referendare kämpfen oft mit unserem Doppelstundenmodell, da dieses es ihnen sehr erschwert, (Oberstufen)kurse zu finden, die nicht an ihrem Seminartag oder parallel zu ihrem eigenen Unterricht liegen. Auch die Terminierung von Unterrichtsbesuchen ist etwas komplizierter, und die meisten Fachleiter kommen nur sehr ungerne für eine Doppelstunde.

Also ist leider nicht alles Gold, was glänzt! Was tun? Wieder zurück zum Halbtag?

Lösung Halbtag?

Ich finde nicht. Es gibt ja zum Glück Erfahrungen von Kolleginnen. Eine, die ihren Weg an eine Halbtagsschule gemacht hat, berichtet, dass ihr die Rückkehr an ein Halbtagsgymnasium durchaus als stressiger erscheint; besonders die Vorbereitung der Einzelstunden würde viel Zeit beanspruchen und für „Arbeitszeitfraß“ sorgen. Dazu komme die volle Schultasche und nur kurze Pausen zwischen den Stunden.

Würden wir zum Halbtag zurückkehren, gäbe es keine AGs mehr, keine wertvollen Klassenprojektstunden und ein Rückbau der Lernzeiten und Förderstunden wäre die Folge, was mehr als bedauerlich wäre. Ich habe oben schon zum Ausdruck gebracht, dass ich mir Schule ohne unmittelbare Schulsozialarbeit nicht mehr vorstellen mag und das wäre leider die Konsequenz einer Halbtagsschule. Die Doppelstunden entlasten den Schultag und ermöglichen ergiebige Arbeitsphasen. Ein Halbtag könnte so nur eine Verschlechterung pädagogischer Arbeit bedeuten.

4 Gedanken zu „Ganztag. Doppelstunden. Halbtag?

  1. Danke für die Perspektive. Wir haben Halbtag, aber auch weitgehend mit Doppelstundenmodell – statt A/B-Wochen gibt es allerdings noch ein paar Einzelstunden zwischendurch. Vor- und Nachteile sehe ich auch; es seufzen vor allem Latein und Mathematik und auch das mit den Englischvokabeln ist schwieriger, aber vielleicht nicht weniger sinnvoll. Man hat auf jeden Fall viel weniger Mühe mit der Vorbereitung und ist viel freier in der Gestaltung. – Wenn es mit Ganztag mehr AGs gibt: Sind das zusätzliche Deputatsstunden, also bezahlte Stunden, oder ist das quasifreiwillige Arbeit? Oder werden die AGs nicht durcht Lehrer und Lehrerinnen betreut?

  2. Die AGs werden durch Lehrerinnen betreut, die diese aufs Deputat angerechnet bekommen.

    Als problematisch erachtet wird bei uns auch der nahezu vollständige Verzicht auf Hausaufgaben. Ob gewisse Aufgaben in Ruhe zu Hause oder im Kontext der Klasse erledigt werden, macht dann eben doch einen Unterschied.

  3. Ja und nein. Wir haben durch den Nachmittagsunterricht mehr Stunden im Pool, die wir zusätzlich zum „Pflichtprogramm“ abdecken müssen. Wie diese Stunden genutzt werden, das ist, wenn ich das richtig überschaue, jeder Ganztagsschule selbst überlassen. Und ja: Lehrer haben dann weniger Unterrichtseinsatz und dafür dann eine AG. Ich habe z. B. eine Steinzeit-AG, in der die Theorie eine untergeordnete Rolle spielt und eher gewerkt wird. Noten gibt es keine, nur einen Vermerk auf dem Zeugnis, ob man „erfolgreich“ usw. teilgenommen hat.

    Mehr AGs gibt es aber nicht. In unserem Konzept gibt es nur in Klasse 5 solche Wahlpflicht-AGs. Durch den Ganztag ist es auch schwerer geworden, Schülerinnen und Kolleginnen für die „klassischen“ AGs nach dem Unterricht zu gewinnen.

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