In die Inklusionsklasse – ja oder nein?

Große Pause, noch ca. 2 Minuten bis zum Klingeln, ich bin schon auf dem Sprung, als eine Kollegin mich anspricht. Sie sehe, ich hätte gerade keine Zeit, aber ob ich denn nicht Lust hätte, Deutsch in ihrer neuen Inklusionsklasse im nächsten Schuljahr zu unterrichten? Eine zweite Kollegin, mutmaßlich die Co-Klassenleitung, kommt hinzu, beide schauen mich erwartungsvoll an.

So langsam habe ich gelernt, dass man nie, nie und niemals unüberlegt zu irgendetwas – und sei es nur indirekt – sein Einverständnis ausdrücken sollte. Also sage ich nur, dass ich darüber gerne nachdenken würde und auf keinen Fall ad hoc entscheiden werde.

Die Herausforderung

Und da sitze ich nun schon das liebe lange Wochenende und grübele, ob ich da nun zu- oder absagen soll. Da ist auf der einen Seite die arme Kollegin, der man offensichtlich die Verantwortung zugeschoben geraten hat, sich ein Team zusammenzustellen, mit dem sie sich eine gute Zusammenarbeit vorstellen kann. Die würde eine Absage unter Umständen in Schwierigkeiten bringen. Da ist ferner die Herausforderung der Inklusion und Unterricht einmal völlig anders gestalten zu müssen. Und wäre es nicht auch einmal reizvoll in einer permanenten Doppelbesetzung zu arbeiten?

Andererseits…

Andererseits dräuen zusätzliche „Teamzeiten“ – und zwar richtig schön ganztagslehrerfreundlich von 15.40 bis 17.15 Uhr. Da winkt entweder ein sehr langer Tag oder massenweise halbtote Zeit. Und wer holt währenddessen meine Tochter aus der KiTa?

Direkte Erfahrungen mit der sogenannten „Inklusion“ habe ich zumindest im sehr kleinen Rahmen schon sammeln können. Solange alles läuft, ist es anstrengend, aber machbar. Muss man improvisieren, kann das aber schnell kippen. Situation: Computerführerschein, Internetzugang defekt, die reguläre Zweitbesetzung musste vertreten werden, die Stimmung unter den Jungs war aus Gründen schon vor der Stunde kurz vorm Kochen. Musste mehrfach körperlich dazwischen gehen. Nichts Dramatisches, aber über eine Doppelstunde hinweg doch sehr nervenaufreibend. Muss ich mir das nun unter Umständen jede Deutschstunde 90 Minuten lang antun? Und was, wenn noch mal ganz andere Kaliber dazwischen sitzen?

Dazu befürchte ich, dass die Doppelbesetzung am Ende mehr Zeit kostet, als sie spart: Jede Unterrichtsentscheidung, jede Planung muss abgesprochen werden, neue Arbeitsmaterialien müssen für die Inklusions-SuS, neben der sonstigen Differenzierung, gesondert gestaltet werden. Kolleginnen berichten darüber hinaus davon, dass sie in mühevoller Arbeit (ziel-)differenzierte Materialien erstellt haben, deren Bearbeitung dann am Ende schlicht verweigert wird: arbeiten für den Eimer.

Und die positive soziale Wirkung auf die anderen Schüler, von der man ja immer wieder berichtet, die kann ich auch nicht beobachten. Mag sein, dass es den sozialen Zusammenhalt stärkt, wenn man sich gemeinsam die Unpässlichkeiten körperbehinderter Kinder auffängt, doch nach meiner Beobachtung mutieren irgendwann auch die nettesten Jungs zu wutentbrannten Schlägern, wenn sie von einem besonderen Kind permanent lauthals beschimpft werden und Schläge angedroht bekommen.

Magerer Informationsfluss, fette Gerüchte

Genauere Informationen als „Deutsch“ und „du“ gibt es leider nicht, stattdessen bleibt mir nur die Gerüchteküche. Und deren Türen schließe ich lieber schnell, denn was da an Düften herauswabert, das lässt mich nicht gerade zu einem „Ja“ tendieren. (War übrigens eine tolle Idee der Landesregierung, alle möglichen Förderschwerpunkte ausgerechnet an Schulen zusammenzuführen, wo kein einziger Lehrer adäquat ausgebildet ist. Abgesehen von freiwilligen Erste-Hilfe-Kursteilnehmern.) Felsenfest sicher ist nur, dass unser für Inklusion ausgebildetes Personal langsam knapp und immer knapper werden wird. Wird die mir heute versprochene Doppelbesetzung dann im nächsten und übernächsten Schuljahr noch Bestand haben oder darf ich dann im Alleingang vor die Wand laufen?

Aber vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach viel zu vernagelt! Vielleicht habt ihr ja noch ein paar aufmunternde Argumente, Perspektiven und Ideen, warum man unbedingt einmal inklusiv Deutsch unterrichtet haben sollte?

 

7 Gedanken zu „In die Inklusionsklasse – ja oder nein?

  1. Wenn das mit der Familie nicht wäre: machen. Das heißt, vorher klären, auf wieviel Jahre du dich quasi verpflichtest. Einfach, weil das mal wieder etwas Neues ist. Aber das wird viel Zeit kosten. Wirf eine Münze, wenn dir das Ergebnis des Wurfs nicht gefällt, weißt du, was du wolltest. Im Zweifelsfall ablehnen.

  2. Ich bin seit einem Jahr an einer Realschule als Förderschullehrerin. So schlimm ist es bei uns nicht. Ich kümmer mich um die LE-Kinder und die ESE, wenn nötig, bereite meinen Unterricht in den Hauptfächern allein vor und stimme mich ab. Ist aber längst nicht so schlimm wie befürchtet, an Grundschulen liegt der Anspruch aber immer deutlich höher…Würde abklären, wie ihr es handhaben würdet und dann dem Bauchgefühl folgen, und natürlich abklären, ob du dann im nächsten Schuljahr auch zurück könntest…LG und gutes Gelingen

    • Vielen Dank für deine Aufmunterung. Ich denke, ich versuche es tatsächlich einmal. Eine liebe Kollegin hat mir auch schon angeboten, mir ihr differenziert vorbereitetes Material zur Verfügung zu stellen. Bin sehr gespannt, wie sich das entwickeln wird. Habt ihr auch so etwas wie eine Teamzeit?

    • Genau die Unterstützung von Kommune und Land bezweifele ich. Ich vermute, dass es so kommen wird, dass wir es im anstehenden Schuljahr noch gerade so hinbekommen, dass alles personell gut besetzt ist; aber wenn danach noch eine weitere  Inklusions-Klasse eröffnet werden wird, dann müssen wir irgendwann zwangsläufig unsere Förderschulkolleginnen auf die verschiedenen Klassen aufteilen. Damit wäre eine professionelle Doppelbesetzung Illusion und manche Lehrer müssten ohne Unterstützung unterrichten. Je nach Ausprägung des jeweiligen Förderschwerpunktes fände ich das schlimm – und zwar für alle Beteiligte.

       

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