Die Klassengröße hat keinen Einfluss…

Ein Kollege wies mich darauf hin: Ich solle doch mal auf der Homepage des NRW-Schulministeriums schauen, da würde man mit einer „tollen“ Studie zum Thema Einfluss der Klassengröße beeindrucken. Gesagt, getan. Und schon im ersten Absatz zieht’s mir die Schuhe aus:

„Die Klassengröße spielt keine wesentliche Rolle bei der Leistung der Schülerinnen und Schüler.“ Damit räumt Wilfried Bos, deutscher Koordinator der internationalen Grundschullesestudie Iglu, mit der gängigen Annahme auf, dass die Anzahl der Schülerinnen und Schüler in einer Klasse ausschlaggebend für den Lernerfolg seien. „Ob in einer Klasse etwa 24 oder 26 Kinder oder Jugendliche lernen, hat kaum Auswirkungen auf die Lernleistungen„, sagte der Professor auf einer Vortragsveranstaltung des NRW-Schulministeriums in der Düsseldorfer Luisenschule. (Schulministerium NRW, Hervorhebungen von mir)

Für eine solche Frechheit möchte ich eigentlich jetzt gerade in diesem Augenblick fleißig Backpfeifen verteilen. Alleine für 26 Kinder wäre ich froh… und diese Studie ist mal wieder in den Medien hoch und runter zitiert worden. Zumal die Klassengröße nicht nur Auswirkungen auf „Lernleistungen“ (wie immer man die definiert) hat, sondern auch auf Klassenklima, Raumsituation und Nervenkostüm der Lehrkräfte.

Weiß jemand, ob man die komplette Studie irgendwo bekommen/herunterladen kann?

11 Gedanken zu „Die Klassengröße hat keinen Einfluss…

  1. Also ich von meiner Seite kann sagen, dass die Oberstufe mit 10-25 Schülern pro Kurs doch wesentlich ertragreicher war als die vorhergegangen Jahre mit 30-35 Schülern je Klasse.

    Ist natürlich vom Schulministerium eine tolle Möglichkeit, die Aussage in die Titel zu kriegen, während man die absolut sinnlosen Zahlen irgendwo im Text versteckt… Dass 24 und 26 kein Unterschied ist, dürfte jedem klar sein. Ich kann auch sagen, dass es wenig Unterschied gemacht hat, ob wir zu 7. oder zu 9. in meinem Politik-Kurs saßen…

  2. Habe von dieser Studie auch schon gehört. Ich denke, dass im reinen Frontalunterricht diese Aussage sogar stimmt. Oder anders gesagt: Durch eine kleine Klasse wird ein reiner Frontalunterricht auch nicht sehr viel effektiver. Aber selbst da stimmen dann schon die anderen von dir angesprochenen Aspekte nicht mehr – besonders die Raumsituation. Kleine Gruppen werden wahrscheinlich besonders dann effektiv, wenn man entsprechende Methoden einsetzt, die dann plötzlich möglich werden. Im naturwissenschaftlichen Bereich lässt sich so z.B. viel besser experimentieren bzw. die Schüler können dann selbst experimentieren.

    • Stimmt! Die KlassenGRÖßE ist nicht ausschlaggebend. Es kommt auf die Persönlichkeit der Kinder an…

      .. wenn ich 24 oder 26 lammfromme SchülerInnen habe, ist das völlig irrelevant.

      Aber was ist denn mit unseren „besonderen“ Kindern. Werden die in so einer Studie dann auch doppelt oder dreifach gezählt? Einige Schüler müssen dann nämlich doppelt oder dreifach eingerechnet werden!!!

      UNGLAUBLICH!!! Wer stellt denn sowas fest, oder wurde mal wieder nur das aus der Studie gepickt, was pressewirksam ausgeschlachtet werden kann???

      ICH BIN ENTSETZT!!!

      • Ein österr. Nachhilfeinstitut empfiehlt Eltern, ihre Kinder nicht in Gruppen, die größer als 3-4 Personen enthält, einzuschreiben. Warum wohl ??? 😉 Im Übrigen bin ich der Meinung, dass sich JEDE/R der/die sich zum Thema „Schule“ in irgendeiner Art und Weise äußert, vorher VERPFLICHTEND 2-3 Monate in eine Klasse mit 30 SchülerInnen stellen sollte !!!

    • Alleine Gruppenarbeit wäre mit einigen Schülern schon um einiges leichter! Bei acht Gruppen á 4 Schüler wird das Präsentieren von Ergebnissen manchmal eine langwierige Angelegenheit.

      Mich ärgert besonders die Zahlenbasis, auf der diese Studie(?) fußt.

  3. Eine der Studien, die dazu missbraucht werden, ist die von Grit im Brahm (einfach zusammen mit Klassengröße googlen). Allerdings muss man hier auf Seiten der Zitierenden vorsätzliches Nichtverstehen diagnostizieren.
    Die Kurzfassung der Wahrheit(TM): In Deutschland gibt es keinen Automatismus zwischen Klassengröße und Lernerfolg (insofern ist die Behauptung oben keine offensitliche Lüge). Eine Deutung ist, dass die deutschen Lehrer das Potential nicht nutzen, aus welchen Gründen auch immer. International ist ein positiver Effekt aufgrund kleinerer Klassengrößen evident.
    Die neuere IGLU Studie habe ich noch nicht gelesen, aber auch hier darf man wohl eine politische Deutung der Ergebnisse unterstellen.

  4. Das interessante ist, dass Bos 1. Recht hat und 2. anscheinend etwas verschweigt. Inwiefern hat er Recht und was verschweigt er?-
    Recht hat er darin, dass ja die Klassengröße nicht automatisch schlechten/guten Unterricht produziert. Sie ist eine (von vielen) Bedingungen, die Möglichkeiten für guten/schlechten Unterricht einschränken/eröffnen. Den guten/schlechten Unterricht muss man dann damit machen. Was ist also mit „wesentlich“ in „keine wesentliche Rolle“ gemeint?
    Recht hat Bos auch damit, dass tatsächlich empirisch gefunden wurde, dass es egal ist, ob 24 oder 26 SchülerInnen. Aber er muss auch sagen, dass man gefunden hat, dass es absolut nicht egal ist, ob 30 oder 20 SchülerInnen. Also erst eine wirklich drastische Frequenzentlastung ermöglicht anderen Unterricht (keine Massenbelehrung sondern individualisiertes projektlernen) und damit tatsächlich bessere Lernerfolge. Diese Erkenntnis gibt es bei den Finnen zu holen. Und die Diskussion ist schon sehr alt. Die Finnen arbeiten nach dem Prinzip: kleine Kinder – kleine Klassen. Mit dem Erfolg, dass die SuS, wenn sie dann in den letzten Jahren vor dem Abitur sind, so selbständig lernen gelernt haben, dass sie tatsächlich in größeren Kursen und Klassen sitzen, als die SuS bei uns. Man sieht: die Sache ist differenziert und man muss sie genau kommunizieren.
    Interessant wäre nun, warum Bos hier offenbar nur die eine Seite der Angelegenheit kommuniziert bzw. nur mit der halben Wahrheit zitiert wird.
    Es geht damit ähnlich wie mit der ollen Ansage der Neo- und Altnazis: „In Deutschland gab es keine Vernichtungslager“. – Wer nicht weiß, dass alle Vernichtungslager in den eroberten Gebieten in Polen und der Ukraine lagen, der empört sich, weil er glaubt, es handele sich um Holocaustleugnung. Wer es weiß, der kann adäquat auf diese Provokation antworten.

    • 20 oder 30 Schüler sehe ichb aus der Perspektive der neuen Ich-kann-Schule zuerst einmal als Multiplikatoren – für gute wie für schlechte Pädagiogik. Für manches – z.B. Kanonsingen, womit man den sensiblen Umgang mit einander lernt – kann man gar nicht genug Schüler haben. Als S.Freud vir gut 120 Jahren in nancy war, gestand ihm der berühmte Prof. H.M. Bernheim, dass er bei seinen Privatpatienten 20 – 30 % Erfolgsquote habe und bei den armen Leuten im Saal über 80 %. Die suggestive Wirkung, die jeder Mensch hat, könnte und sollte in der Pädagogik die wichtigste lebenshilfe sein, wenn man nur endlich nicht davor den Kopf in den sstecken sondern sie verstehen lernen würde. Keiner kommt diesem Phänomen täglich aus.
      Ntaürlich hat die Klassengröße Einfluss – entsprechend der Intelligenz unseres Umgangs damit. Ich grüße freundlich.
      Franz Josef Neffe

  5. Pingback: A lot! | Kreide fressen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.