Klassenraum

A lot!

Die Klassengröße, unendliche Weiten, unendliche Diskussionen, ein Dauerbrenner. Alleine heute, an diesem furchtbar stürmisch und regnerischen Morgen, begegnete mir das Thema Klassengröße schon bereits zweimal: Zum ersten Mal, als ein Didaktik-Professor in einem Radiofeature erzählt, dass der gute Comenius schon behauptet habe, ein guter Lehrer könne leicht bis zu 100 Schüler gleichzeitig unterrichten. Sollten sparbegierige Bildungsministerinnen hier mitlesen, dann sei ihnen gleich gesagt, dass meine zweite heutige Begegnung mit dem Thema Klassengröße weniger erfreulich für Sparpolitiker war.

Die Washington Post (via) berichtet von einer Studie (pdf), die zu gänzlich anderen Ergebnissen kommt als hanebüchene Aussagen, die vom Bildungsministerium präsentiert werden (lesen und lachen). Der Titel formuliert das Gegenteil von dem, was in der letzten Zeit so durch die Medien gereicht wird: „Class size matters a lot, research shows“. Im Weiteren nennt der Artikel die Aspekte, auf die die Klassengröße wesentlichen Einfluss hat. Folgt man der Studie, so hat die Klassengröße einen direkten Einfluss auf die Lernergebnisse der Schüler; unter gleichen Bedingungen schneiden größere Klassen schlechter ab. Wie so oft leiden besonders sozial schwache Schüler unter zu großen Klassen, umgekehrt können gerade diese Schüler von kleineren Klassen profitieren (OECD, PISA, ick‘ hör euch trappsen, Frau Löhrmann). Überdies sollen kleinere Klassen auf lange Sicht gesellschaftliche Kosten einsparen, ich tippe auf Kosten für Kriminalität, ungesundes Verhalten etc., leider wird die Washington Post da nicht genauer.

Offen bleibt: Was wäre denn eine empfehlenswerte Klassengröße?  Weiterhin müsste man sich noch einmal das Studiendesign anschauen. Schade auch, dass auch hier über Klassengröße wieder nur output-orientiert diskutiert und dabei die offizielle Lieblings-Buzzphrase „Lebensraum Schule“ (immer mit bunten Blümchen und Bildern von glücklichen Hühnern Schülern denken) gerne vergisst, wäre übrigens ein weiterer Aspekt, den man bei der Diskussion über Klassengröße ins Auge fassen sollte.

 

2 Gedanken zu „A lot!

  1. Nicht über Klassengrößen sollte man diskutieren, sondern über die Idealgröße von Lerngruppen. Klassen sind in Bezug auf das Lernen gänzlich überflüssig und (die meisten) Lehrer auch. Dazu müsste man aber erkennen, dass Belehrung nicht Lernen ist. Vermutlich könnte man eine Klasse mit weitaus mehr Schülern nach unten richten (Man mache sich bitte bewusst, was das Wort „unterrichten“ bedeutet). Dazu müsste man sich aber mal einen Blick gestatten, der über die Grenzen heutiger Beschulung hinaus geht.

    Die ideale Lerngruppe besteht aus 6 bis 8 – max. 10 Menschen unterschiedlichsten Alters. Sie bedarf nur hin und wieder der Unterstützung eines (erwachsenen) Lehrers, weil die Mitglieder der Gruppe ihre eigenen Lehrer sind. Wer Erfahrung mit solchen Lerngruppen hat, stellt fest, dass Kinder ohne die Einmischung von Erwachsenen sehr viel schneller lernen.

    Wer solche Erfahrungen machen möchte, beschäftige sich mal mit „Laising“. http://www.laisschule.at/

    Diese Schule steckt noch in den Anfängen. Inspiriert wurden die „Macher“ von der Schitinin Schule in Russland. Konkret von einem YouTube-Video in russischer Sprache mit deutschen Untertiteln in schlechter Rechtschreibung. Man reibt sich verwundert die Augen, wenn einem dort zwölf- oder dreizehnjährige Abiturienten begegnen. Ab der vierten Minute des folgenden Videos (von den Gründern der Laisschule) geht der Bericht über das Lernen an der Schitinin Schule auf der Krim los.

    http://www.youtube.com/watch?v=xPOQH1uzYiU

    Bei entsprechendem Interesse kann man sich eine ganze Reihe von Videos zum Thema anschauen und wird sich einmal mehr bewusst, dass man als Lehrer an einer deutschen Regelschule im tiefsten Mittelalter gefangen ist.

    Ich wünsche einen schönen Abend.
    M. Vogt

  2. Also ich finde diese ganze Diskussion und vor allem den durchgängigen Bezug auf etliche Studien um und bezogen auf Klassengrößen relativ unnötig, da ich auch ohne weitschweifige Studien zu einem klaren Ergebnis komme.

    Nun, wo ich kurz vor dem Abitur stehe, habe ich wirklich eine ganz eigene Studie zu diesem Thema. Durchgeführt via erzwungenem Selbsttest. Nach 12 Jahren habe ich nun schon wirklich alles erlebt.

    In der fünften Klasse waren wir bestimmt knapp dreißig und das war alles andere als wünschenswert. Ein Lehrer kann den Anforderungen, die dreißig Schüler – bewusst oder unbewusst – stellen, schlicht nicht gerecht werden. Heute sitze ich in einem Leistungskurs mit insgesamt (inklusive mir selbst) acht Schülern und ich finde, dass es kaum besser sein könnte. Die Behauptung von Comenius, ein guter Lehrer könne gut und gerne auch 100 Schüler unterrichten, halte ich für utopisch. Viel zu oft wird der Lernerfolg vom Lehrer abhängig gemacht. Vor allem aber kommt es auf die Motivation von den Schülern an, die meiner Meinung nach antiproportional zur Klassengröße sinkt.

    Man sollte außerdem nicht immer nur auf die „sozial schwachen“ Schüler eingehen. Es geht um das allgemeine Lernen. In einer Gruppe mit so vielen Individuen ergeben sich einfach zu viele Differenzen, die man als Lehrkraft nicht überbrücken kann. Entscheidend für den Lernerfolg ist in der Regel die Einstellung eines Schülers zum Fach, was lediglich bedingt mit dem sozialen Hintergrund zu tun hat. Auch „sozial starke“ Schüler leiden also oft unter zu großen Klassen, da auf Nachfragen meist nicht eingegangen werden kann.

    Es ist nun also eine traurige Tatsache, dass man an meiner Schule versucht, Lehrkräfte einzusparen, was sich letztlich auch wieder auf die Klassengröße auswirken wird.

    Es tut mir leid, dass ich hier jetzt so einen Roman fabriziert habe, aber ich finde, man muss das auch einfach mal aus der Schülersicht beleuchten.

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