Ich will keine Tischtennisplatte sein.

Lehrer können wie Tischtennisplatten sein. Wie diese hochklappbaren, auf die man stundenlang einprügelt und bei denen jeder Ball, der Formel Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel folgend, wohlberechenbar zurückkommt. Langeweile vorprogrammiert. Keine noch so teure Tischtennisplatte kann einen Gegner auf Augenhöhe ersetzen, an dem man sich abarbeiten kann, der Finten setzt, unerwartete Stopps spielt, Fehler mit Schmetterbällen bestraft und Stumpfsinn mit Variabilität kontert. Ich will keine Tischtennisplatte sein, denn ich bin berechenbar.

Deshalb versuche ich, in allen meinen Lerngruppen die „Meldekette“ zu etablieren. Wenn ich den Zeitpunkt für geeignet halte, teile ich meinen Schülern mit, dass sie sich gegenseitig drannehmen sollen. So richten sich nicht alle Blicke auf mich, wenn jemand etwas sagt und die Schüler nehmen direkter Bezug auf das, was ihre Vorredner gesagt haben. Und so kommt es mit etwas Gewöhnung tatsächlich dazu, dass Schüler sich gegenseitig kommentieren, bewerten, ergänzen – ja, man könnte fast sagen: diskutieren, ohne dass ich als Tischtenniswand dazwischenstehen muss.

In meinen Augen ist diese Form des Austauschs allerdings nur fast Diskutieren, denn zu einer Diskussion gehört für mich ein freies, ungezwungenes, aber respektvolles Sprechen. Heute hätten meine Sechser beinahe richtig diskutiert. Da scherten zwei aus der Meldekette aus und stritten freiheraus über die Frage, ob in der altägyptischen Gesellschaft nun der Pharao wichtiger gewesen sei oder die Sklaven und Arbeiter.

Stille Freude meinerseits ob des Regelbruchs. Dann die erwartungsvollen Blicke der drei Mädels hinten links, die schweigend ihre Finger brav in die Luft reckten. Innerlich seufzend habe ich den Disput dann doch mit lobenden Worten unterbunden, um die Mädels zu ihrem Recht kommen zu lassen. Ist nicht immer einfach, der Hüter der Regeln zu sein. Und wo ich das gerade tippe, fällt mir ein, dass ich vielleicht auf ein stummes Schreibgespräch hätte umschwenken können… aber ob das das Gleiche ist? Und das Bedürfnis zur Diskussion wäre nicht mehr das gleiche gewesen.

6 Gedanken zu „Ich will keine Tischtennisplatte sein.

  1. „und die Schüler nehmen direkter Bezug auf das, was ihre Vorredner gesagt haben.“

    Man kann den Schülern auch sagen, dass sie die Antwort des Vorredners inhaltlich wiedergeben sollen (im Sinne des aktiven Zuhörens) und dann erst mit ihrem Beitrag starten. Ist auf jeden Fall eine Sache die geübt werden sollte, wie mir neulich im Unterricht aufgefallen ist. Die Schüler haben die Antwort des Vorredners zwar wiederholt, aber eher im Telegrammstil und stichwortartig. Ich musste sie immer wieder dazu auffordern, doch bitte ganze Sätze zu nutzen. Interressant war, dass gerade das Wiederholen dazu geführt hat, dass der Vorredner manchmal die eigene Aussage präzisiert hat. Im Sinne von ‚Nee, so meine ich das nicht …“.

  2. Davon habe ich schon gelesen und gehört, aber es zwingt die Schüler, „unpassende“ Gedanken beiseitezuschieben, was mir nicht gut gefällt. Aber ich kann mir vorstellen, dass diese Methode, gezielt eingesetzt und mit den Schülern abgesprochen, gute Dienste leisten kann. Ich werde mal schauen, wo ich das sinnvoll einsetzen kann…

  3. „aber es zwingt die Schüler, “unpassende” Gedanken beiseitezuschieben“

    Das verstehe ich jetzt aber nicht. Was sind ‚unpassende‘ Gedanken und wieso schieben die Schüler sie bei dieser Methode beiseite?

  4. [Hier befand sich ein längerer, umständlich formulierter Beitrag, der aber nach einigem Überlegen und einem Lesen im Sinne von „aktivem Lesen“ gelöscht werden musste. 😉 ]

    Mumpitz habe ich oben geschrieben. Ich hatte da etwas missverstanden und denke, ich werde die Methode nächste Woche einmal ausprobieren. Danke für den Hinweis!

  5. Danke für den Vergleich mit der Tischtennisplatte, passt sehr gut.

    Jetzt weiss ich endlich, wie ich mich im Moment fühle. Morgen habe ich ein Krisengespräch mit einem, der mich ein hundsmiserable Lehrerin findet (was er in anonymen Mails und in öffentlichen Verkehrsmitteln kundtut). Allerdings weiss er es noch nichts von dem Gespräch (sonst würde er nämlich schwänzen).

    Mich wundert bloss, dass ich immer wieder überrascht bin. Aber ich gewöhne mich nie richtig an die, die ihre massive Unzufriedenheit an mir auslassen.

  6. Das besondere eines guten Wettkampf Tischtennistisches ist gerade der, daß die Winkel-, Geschwindigkeits- und Rotationswiedergabe möglichst einheitlich und somit der Ball antizipierbar für den Spieler ist. Krumme alte Gartenplatten sorgen dahingegen für viele Überraschungen.
    Wenn man bei der grusligen Metapher bleibt, sollte der Lehrer der Trainer sein, der das beste aus seinem Team macht. Wenn Du Dich aber wie eine Tischtennisplatte siehst, sollte es der beste TT-Tisch sein, damit die Schüler antizipieren können und aus der Aktion-Reaktion lernen. Technisch anspruchsvolle Tischtennis Schläge sind halt nur auf guten Wettkampftischen möglich.

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