Hirnforscher Hüther – reiner Popanz? (ergänzt)

Es ist noch nicht allzu lange her, als Gerald Hüther mit seiner „Schule im Aufbruch“ auch durch Bielefeld reiste. Eine freundliche Mutter hatte mich per Mail auf Hüthers Projekt aufmerksam gemacht, leider war mein Wochenende kurz vor den Zeugniskonferenzen vollständig mit Korrekturen belegt. Ich hätte mir Hüther durchaus gerne angeschaut. Folgt man dem ZEIT-Artikel „Die Stunde der Propheten“, der heute auch online erschienen ist, so fußt Hüthers öffentliche Reputation jedoch mehr auf Schein als Sein. Autor Martin Spiewak geht hart mit ihm ins Gericht:

„Totes Holz“

So wird Hüthers wissenschaftlicher Leumund als „Hirnforscher“ in Frage gestellt. Hüther sei weder ordentlicher Professor, noch könne er auf empirische Forschung zum Thema Schule verweisen. „Hirnforschung“ sei alleine das Zauberwort, dass der „Wunderdoktor“ Hüther als letzte Begründung bemühe.

Eine fruchtbare Verbindung von Neurowissenschaft und Didaktik zweifelt Spiewak an, indem es auf Hüthers marginale Rolle an der Universität Göttingen verweist. Weder im Graduiertenkolleg noch im Exzellenzcluster sei Hüther aktiv, lediglich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie werde er neben anderen geführt. Hüthers „Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung“ bestehe aus dem „Zimmerchen“ Hüthers, gehöre nicht zur Hochschule und sei mittlerweile aufgelöst. Seine Publikationen seien, trotz ihrer Vielzahl, unbedeutend für die neurobiologische Forschung. Auch da, wo Hüther ernsthaft geforscht hat, unterstellt ihm der Autor magere Ergebnisse und bezeichnet ihn indirekt als „totes Holz“, da er sich kaum für die Universität oder die Forschung engagiere. Bestenfalls rhetorisches Talent wird Hüther zugestanden.

Spiewak hält auch Hüthers Bildungsthesen für Illusion:

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern „Begeisterung“ und „Potenzialentfaltung“. In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei „Dünger fürs Hirn“.

Ich spare mir das Wiederholen von Spiewaks Ergebnissen zum Einfluss auf Politik, zu verwickelten Netzwerken und Warnungen des Sektenbeauftragten der katholischen Kirche. Zusammenfassend bleibt der Eindruck, dass besonders Hüther für Spiewak ein Popanz darstellt, hinter dessen rhetorisch hochmontierter Fassade nur wenig Substanz zur greifen ist.

Offene Fragen

Bleibt jedoch die Begeisterung, die Hüther nicht nur unter Eltern auszulösen vermag! Was ist nun mit den Bildungs-„Propheten“? Verkannt im eigenen Land und Verkünder unbequemer Wahrheiten?

  • Sind die neuen Bildungspropheten einfach nur gute Selbstvermarkter oder ist es ihnen ernst mit ihren Themen?
  • Wenn Hüthers Reputation so mager sein sollte, wie von Spiewak ausgeführt, kann oder sollte man ihn dann als Bildungsexperten ernst nehmen? Genügt das Aufzählen alter reformpädagogischer Ideen, um als Bildungsexperte zu gelten?
  • Gibt der Erfolg (bei Eltern, Lehrern, Schulleitern) ihm recht oder bedient er nur geschickt Sehnsüchte und Wünsche von einem leichten, spielerischen Lernen, die in der aktuellen Situation zwischen G8-Einführungen, vermehrten Zentralprüfungen und Notendruck auf fruchtbaren Boden fallen?
  • Oder stemmt sich hier einfach ein altes, überkommenes System gegen neue, moderne Ideen, die sein Ende bedeuten würden?

 

Ergänzungen

Ich ergänze hier einmal, was auf Twitter oder in anderen Blogs zum Thema diskutiert wird.

  • Frau Ella kommentiert aus der Sicht der Referendarin, der die Alltagsfremdheit der Bildungspropheten gehörig auf den Keks geht.
  • Auf Twitter kreist eine Debatte rund um die Bedeutung (und Dilemmata) von „Studien“, „Empirie“, „Offenbarungen“ und ihren Gegenständen.

17 Gedanken zu „Hirnforscher Hüther – reiner Popanz? (ergänzt)

  1. >Sind die neuen Bildungspropheten einfach nur gute Selbstvermarkter oder ist es ihnen ernst mit ihren Themen?
    Das halte ich für keine wichtige Frage, zumal die Grenzen bei so etwas fließend sind. Irgendwann ist man immer von dem überzeugt, was man sagt, selbst wenn man nicht so – oder mit mehr Zweifeln – angefangen hat.

    >Wenn Hüthers Reputation so mager sein sollte, wie von Spiewak ausgeführt, kann oder sollte man ihn dann als Bildungsexperten ernst nehmen? Genügt das Aufzählen alter reformpädagogischer Ideen, um als Bildungsexperte zu gelten?
    Ernst nehmen kann man seine Meinung wie die von vielen anderen. Aber es bleibt halt nur Meinung.

    > Gibt der Erfolg (bei Eltern, Lehrern, Schulleitern) ihm recht oder bedient er nur geschickt Sehnsüchte und Wünsche von einem leichten, spielerischen Lernen, die in der aktuellen Situation zwischen G8-Einführungen, vermehrten Zentralprüfungen und Notendruck auf fruchtbaren Boden fallen?
    Heilsversprechungen kommen in schwierigen Zeiten an. Du schreibst ja selber von „Bildungspropheten“. Damian Duchamps „predigt […] zum Chor“, Felix Schaumburg fragt, wie „das prophezeite ‚Lernen 2.0′“ aussieht, Christian Füller wartet „auf die digitale Erlösung“, Lisa Rosa erzählt, „wodurch meine Seele gerettet wurde“, Precht sagt, sein „Buch [ist] zum Teil mit der Glut des Apostels geschrieben.“
    Wenn der Reformeifer nicht etwas säkularer wird, kann ich ihn nicht ernst nehmen.

    >Oder stemmt sich hier einfach ein altes, überkommenes System gegen neue, moderne Ideen, die sein Ende bedeuten würden?
    Das weiß ich nicht. Ich würde die Reformer ja gerne ernster nehmen, wenn sie es mir nicht so schwer machen würden.

    • Man darf gerne bessere Fragen formulieren und auch eigene stellen, ist ja klar. Bei Precht bin ich mir allerdings nicht sicher, ob der nicht einfach auf den Zug aufgesprungen ist…

      die religiöse Semantik innerhalb des Web2.0-Diskurses ist mir noch gar nicht aufgefallen. Solange ich nicht „bekehrt“ werden soll, ist mir das auch gleich, und Reformpädagogik habe ich noch nie für etwas Schlechtes gehalten, denn letztlich kommt es auf das Ergebnis der jeweiligen Pädagogik an. Wenn ich mir die Werdegänge verschiedener Menschen unterschiedlicher Schulformen (z.B. Waldorfschüler) vor Augen halte, dann kann ich nicht sagen, dass es ihnen an etwas mangelt.

      Problematisch wird es, finde ich, wenn aus Reformideen eucharistische Massenbewegungen werden, deren Teilnehmer ihr Heil im Barte des Propheten suchen, diese selber aber vor Ort nicht aktiv werden.

      Und wenn „Hirnforschung“ vorgeschoben wird, wo, wenn ich die ZEIT richtig verstehe, kaum bis keine „Hirnforschung“ drin ist, dann wird’s tatsächlich haarig.

  2. Allein die Tatsache, dass sich der eine Prophet Precht den anderen Propheten Hüther in seine erste Sendung geholt hat (damit sie sich beide gegenseitig bestätigen können), macht ihn verdächtig… (zu Hüther siehe auch: http://goo.gl/d2U93)

    Ich habe auch bisher nur die Erfahrung machen können, dass die sog. Reformer nach einem Heil suchen, dabei aber entweder nur glauben, dass die nach ihren Ideen reformierten Schulen besser seien (Precht) oder die Ideen utopisch, weil schlicht nicht finanzierbar sind. („Jede Klasse 5 Schüler und nur noch interdisziplinäre Projekte.“)
    Das Problem ist immer, dass sich die Reformideen/Versprechungen so gut anhören. Jeder skeptische Lehrer wird dann zum Miesepeter, System-/Privilegienbewahrer und am schlimmsten als „Konservativer“ abgestempelt. Das ist dann auch leider das Niveau, auf dem Reformer und Revolutionäre versuchen, die Welt zu verändern – diffarmieren der Gegener bis nur noch die eigene Meinung übrig bleibt.
    Oh, jetzt war ich vielleicht etwas ungerecht gegenüber den tatsächlich vernünftig denkenden Reformern.

    • Ich muss hier mal bekennen, dass ich durchaus mit der Reformpädagogik sympathisiere. Ich denke nicht, dass sie zu einem schlechteren Ergebnis führt, das Ergebnis ist lediglich ein anderes, sprich: Ein Schüler, der nicht unbedingt gewohnt ist, Klausuren nach Abiturschema zu schreiben, sondern sich Problemen und Fragestellungen auf andere Art und Weise nähert. Ob reformpädagogische Prinzipien sich immer und unter allen Bedingungen überall gleich umsetzen lassen, steht auf einem anderen Blatt – hier in Bielefeld soll die Laborschule (habe da aber keine belastbaren Belege) insgesamt auch eher eine typisch bildungsbürgerliche Schülerschaft aufweisen, was ja nicht im Sinne des Erfinders war.

      Das Problem des Abstempelns sehe ich auch! Und ich sehe da so viele Kollegen, die viel Zeit, Mühe, Arbeit und Fürsorge in ihren Unterricht und ihre Pädagogik investieren, dass ich es oft sehr bedauerlich finde, wie im öffentlichen Diskurs – und eben auch von dem oben genannten Trio – über Schule gesprochen wird. Die sollten mal sehen, was so eine BeratungslehrerIn leistet; was Klassenlehrer für ihre Schüler stemmen und wie viel Zeit, Arbeit etc. oft in einzelne Schüler investiert wird. Bei so ’nem feschen Vortrag wird das dann alles schnell mal abgebügelt. Sind ja aus dem 19. Jahrhundert, die Schulen, gell?

  3. Sind die neuen Bildungspropheten einfach nur gute Selbstvermarkter oder ist es ihnen ernst mit ihren Themen?
    —> Wenn man nur die drei im Artikel Genannten betrachtet: eindeutig. Und das in meinen Augen Schlimme daran ist, dass sie von der Masse akzeptiert werden als Experten, wo sie doch vom Fundamentalen gar keine Ahnung haben. Aber jeder war mal Schüler, viele haben selbst schulpflichtige Kinder, da fühlt sich jeder als Experte.

    Wenn Hüthers Reputation so mager sein sollte, wie von Spiewak ausgeführt, kann oder sollte man ihn dann als Bildungsexperten ernst nehmen? Genügt das Aufzählen alter reformpädagogischer Ideen, um als Bildungsexperte zu gelten?
    –> Beide Male NEIN. Denn um wirkliche, das heißt umsetzbare, reformpädagogische Ideen zu haben, muss ich Ahnung von der Theorie haben. Ich kann nicht ernsthaft etwas von „keine Noten“ erzählen, wenn ich ganz genau weiß, dass eine öffentliche Schule ohne Noten finanziell und personell nicht umsetzbar ist. Mal davon abgesehen erzählen uns weder Precht noch Hüther etwas bahnbrechend Neues. Im Grunde guttenbergen die nur.

    Gibt der Erfolg (bei Eltern, Lehrern, Schulleitern) ihm recht oder bedient er nur geschickt Sehnsüchte und Wünsche von einem leichten, spielerischen Lernen, die in der aktuellen Situation zwischen G8-Einführungen, vermehrten Zentralprüfungen und Notendruck auf fruchtbaren Boden fallen?
    Letzteres.

    Oder stemmt sich hier einfach ein altes, überkommenes System gegen neue, moderne Ideen, die sein Ende bedeuten würden?
    Das Problem an der Sache ist, dass das mit den neuen modernen Ideen so eine Sache ist. Man kann ja viele Ideen haben, aber ob die funktionieren, dass müsste man erst mal erproben über Jahrzehnte (man will ja wissen ob Konzept X einen wirtschaftlich gesehen besseren Arbeiter hervorbringt oder nicht), also kann man sie nicht sofort flächendeckend einführen. Dazu braucht es Studien, aber mit denen hat es ja der Herr Hüther nicht so und ich wage zu behaupten, dass der Herr Precht da auch nicht soooo viel Ahnung von hat.

  4. Ich kann mir vorstellen, dass der „Erfolg bei Eltern, Lehrern etc.“ nur bedingt mit dem Inhalt zu tun hat:
    Von größerer Bedeutung mag die Leidenschaft sein, mit der die Visionen vorgestellt werden. Da ist jemand authentisch, leidenschaftlich und begeistert (& begeisternd) von etwas überzeugt und so etwas steckt an. Jürgen Klopp mag als Beispiel für einen „Motivator“ herhalten.

    Aus dem Unterricht kennen wir das doch alle selbst: Wenn wir ein Thema besonders begeistert vortragen, sind die Schüler am Ende fröhlich dabei. Das ist in der Bildungspolitik nicht anders.

    • Wären die Zuhörer auch so begeistert, würden die Herren so flammend von der Einführung der Prügelstrafe sprechen? Du hast natürlich recht, dass der Enthusiasmus mitreißen mag, aber die Inhalte (zugespitzt: Lernen ohne Mühe und mit purer Freude, dazu noch „hirngerechter“) tragen auch ihren Teil dazu bei. So ist es für die Zuhörer auch leichter, alle Enttäuschung und Fehlschläge ins System zu schieben: Meine Tochter ist dann eben nicht faul oder schlecht organisiert, wenn sie die Vokabeln nicht gelernt hat, denn die doofe, altbackene Schule vermiest ihr ja permanent den Spaß daran.

  5. Pingback: Von Heilsversprechungen und falschen Propheten | LehrerStuhl

  6. Na ja, Popanz hin, Popanz her, diese Herren haben ein Problem erkannt, das real besteht.

    Schule in Deutschland ist oft öde und wenig erfolgreich. Und mit einem mindestens ebenso dürftigen wissenschaftlichen Fundament wie die Thesen der Reformapologeten.

    Lehrer in Deutschland werden an Hochschulen von Theoretikern ausgebildet, die oft nichts mit der schulischen Praxis zutun haben und erfahren im Referendariat eine mehr oder oft noch weniger qualifizierte Betreuung, mit zweifelhaften Beurteilungsverfahren.
    Didaktik und Pädagogik sind in der Ausbildung überwiegend periphere, theorielastige und freiwillige Veranstaltungen.
    In der beruflichen Praxis unterrichtet der deutsche Lehrer meist ohne professionelles Feedback, als Einzelkämpfer, gegen eine widerspenstige amorphe Schülerinnenschaft. Persönliche Krisen werden mehr oder meist weniger erfolgreich überstanden, besieht man sich die Statistik der Frühpensionen.
    Auf nicht im eigenen Milieu sozialisierte Kollegen, Kollegen aus anderen Ländern und Bundesländern oder gar Quereinsteiger, wird oft mit einer Arroganz herabgesehen, die der eigenen mangelhaften Ausbildung Hohn spricht. Hierzu möge man sich ein eigenes Bild bei Lehrerfreund.de machen.

    Nicht zu vergessen, die schulischen Inhalte und Vorgaben werden vom Lehrplan und den Verordnungen vorgegeben und sind somit politisch definiert. Ebenso wie die jeweiligen Übertrittsnoten und NC-Reglements. Der grosse Irrtum vieler deutscher Lehrer besteht darin, dass sie dem Irrglauben erliegen, dass das deutsche Bildungssystem so bleiben müsste, wie sie es selbst erfahren haben und täglich perpetuieren.

    Hochselektive Bildungssysteme, wie das deutsche Bildungssystem, grenzen und schliessen aus. Sie zementieren prekäre Verhältnisse, statt zu fördern und zu ermöglichen.
    Interessant: Armut senkt den IQ um 13 Punkte
    Vieles deutet also darauf hin, dass Geld unsere geistigen Fähigkeiten deutlich beeinflusst.
    http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article119546442/Armut-senkt-den-IQ-um-13-Punkte.html

    Und sehen wir uns Aussagen an, wie: „… Das Problem an der Sache ist, dass das mit den neuen modernen Ideen so eine Sache ist. Man kann ja viele Ideen haben, aber ob die funktionieren, dass müsste man erst mal erproben über Jahrzehnte (man will ja wissen ob Konzept X einen wirtschaftlich gesehen besseren Arbeiter hervorbringt oder nicht), also kann man sie nicht sofort flächendeckend einführen …“, dann erschreckt soviel Unwissenheit und Ignoranz gegenüber bisherigen langjährig praktizierten Modellen, in Deutschland selbst und in erfolgreicheren PISA-Vergleichsländern wie Finnland.

    • Lieber Hubertus,

      zweifelsohne ist im deutschen Bildungssystem nicht alles Gold, was glänzt, aber plakative Schwarzmalerei zeugt nicht von kritischem Geist und wirkt meist wenig überzeugend denn vielmehr dogmatisch. (Das gilt erstaunlich häufig für die sich als progressiv verstehenden KollegInnen, wie mir mal nebenbei auffällt.)
      Dass unsere Schulen aus einer „widerspenstige[n] amorphe[n] Schülerinnenschaft“ und schlecht ausgebildeten, arroganten Einzelkämpfer-Lehrern bestehen, welche sich darüber hinaus noch allen Veränderungen gegenüber sperren, ist mir schlicht zu simpel. Es fehlen nun nur noch Helikopter-Eltern, um den Rundumschlag komplett zu machen. Liest man Ihre Einlassungen, wird recht deutlich, dass Sie keinen direkten Einblick in eine deutsche Schule haben. Das ist schade, denn ich glaube, wir stehen inhaltlich gar nicht so weit auseinander.

      Meine Alltagsrealität als Lehrer sieht anders aus. Über die Ausbildung von Lehrern fühle ich mich bestens aufgeklärt, immerhin habe sie durchlaufen und das bei durchaus qualifizierter Betreuung im Referendariat. Auf welche Ausbildung beziehen Sie sich eigentlich – die der pädagogischen Hochschulen, die alte Lehramtsausbildung oder die Master-Ausbildung? Das alte Referendariat mit mehreren verteilten Prüfungen? Das zweijährige? Oder das anderthalbjährige? Oder produzieren sie allesamt gleich schlechte und unbrauchbare Lehrer? An unseren Schulen tummeln sie sich immerhin alle.

      Würden Sie Lehrerkollegien nicht nur aus zweiter Hand kennen, wüssten Sie, dass neue Kolleginnen und Kollegen (ja, auch ausländische und Quereinsteiger) durchaus sehr herzlich aufgenommen werden. Natürlich schreibt es sich in der Presse leichter über die dünkelhaften Gymnasiallehrer, aber das ist eine Chimäre, die an meinen Schulen keinen Raum hat(te).

      Den Umbau unseres durchaus sehr selektiven Bildungssystems sollten Sie als aufmerksamer Leser ja schon bemerkt haben, der Wegfall der Hauptschulen ist unausweichlich, Inklusion beschlossene Sache, das Sitzenbleiben die Ausnahme und nicht die Regel. Das sind keine finnischen Verhältnisse, zugegeben, aber es ist nicht so, dass sich auch im Großen nichts tut. Im Kleinen übrigens, so mein Eindruck, tut sich noch viel mehr.

      Die Lehrer an meiner Schule tauschen Ideen und Material gerne aus und arbeiten durchaus gemeinsam; gegenseitige Evaluation oder gar Supervision kosten aber nun einmal Stunden und damit eine Menge Geld, die Kultusministerien lieber sparen.

      Und ja, Lehrpläne sind politisch! Dazu hat Herr Rau das Wesentliche schon gesagt. Das ist auch all den anderen blind staatsgläubigen Lehrern klar, weshalb sie sich dezidiert mit ihren Lehrplänen auseinandersetzen. Ich verweise auf den aktuellen Fall des neuen Kernlehrplans Geschichte in NRW, der von dem Verband der Geschichtslehrer auch politisch auseinandergenommen wird. Werfen Sie doch mal einen Blick hinein…

      Mal nebenbei: Sie kritisieren hier mit ausdauerdem Eifer die aktuelle, ich nenne es mal „Interpretation von Schule“, in Deutschland. Wie würde Ihre Schule aussehen? Was wäre Ihr Konzept?

      • Sie haben Recht, in die Verhältnisse Ihres Bundeslandes habe ich vermutlich keinen Einblick. In das Schulsystem Bayerns um so mehr. In andere Bundesländer einen etwas geringeren.

        Für Bayern gilt leider diese Realität. Zugegeben auch hier gibt es Schulen, die anders sind. Diese sind leider die Ausnahme.

        Die negative Schilderung der Realität der Lehrerausbildung ist nicht meine Erfindung. Das thematisieren die KollegInnen in ihren Foren zuhauf. Auch dass Bayern Europameister im Sitzenbleiben ist, wird nicht von mir proklamiert, sondern vom bayerischen LehrerInnenverband, der dies anprangert.
        Freuen Sie sich, dass Sie in einem fortschrittlicheren Bundesland, an einer Schule mit kooperativen und freundlichen Kollegen arbeiten. Die Arroganz bayerischer Kolleginnen kenne ich leider aus direkter Erfahrung. So sind nicht alle, aber eben nicht wenige.

        Wie würde meine Schule aussehen:

        Folgender Artikel in der ZEIT ist eine direkte Antwort auf den Artikel, auf den Sie Bezug nehmen. Dem Tenor dieses Artikels kann ich mich wirklich anschliessen:

        DIE ZEIT (05.09.2013 / S. 39 / WISSEN)
        Der Weg ins Klassenzimmer ist dornig

        „… Es bleibt der Praxistest. Was aus wissenschaftlicher Sicht höchst plasibel ist, scheitert oft an den … Bedingungen vor Ort …- der geringen Änderungsbereitschaft viele Lehrkräfte.
        … ganztägig, fächerübergreifend, … Einführung …: Weniger Inhalt, klar und in kleinen Spannungsbögen und mit anschaulichen Bespielen, ist effektiver als … . Daran schliesst sich 2 stündige Gruppenarbeit und nach der Mittagspause eine 2 stündige Einzelarbeitsphase an, jeweils betreut von 2 Lehrkräften aus benachbarten Disziplinen. Nach einer aktiven Bewegungsphase, eine Phase aktiver Erinnerung …“

        Es lohnt, ihn ganz zu lesen.

  7. >Nicht zu vergessen, die schulischen Inhalte und Vorgaben werden vom Lehrplan und den Verordnungen vorgegeben und sind somit politisch definiert.

    Ja was denn sonst? *Wenn* es einen Lehrplan gibt, orientiert der sich an den fachlichen Inhalten (z.B. fundamentalen Ideen) und an der Lernpsychologie. Beides wird von Menschen erstellt und bedarf damit der Überprüfung, aber das ist ja selbstverständlich. Dass Lehrpläne darüber hinaus „politisch“ sind, ist klar; Sie werden von der Legislative erstellt und von der Exekutive umgesetzt. Als einzige Alternative sehe ich den Verzicht auf Lehrpläne, so dass entweder jede Schule selbst entscheidet, was sie lehrt (schlechte Idee) oder die Kinder selbst entscheiden, was sie lernen wollen (ebenso).

    Ansonsten freue ich mich schon, jetzt nach den Ferien meine Klasse mit „Guten Morgen, widerspenstige amorphe Schülerinnenschaft“ begrüßen zu können.

  8. „Ja was denn sonst?“

    Vielleicht die Nicht-Propheten eines praktizierten tradierten Bildungsmodells, das ebenso viel oder wenig mit Wissenschaftlichkeit zu tun hat, wie das der kritisierten Bildungs-Apologeten? Vielleicht die vielen Kollegen als Anhänger der irrigen Annahme, dass das aktuelle Bildungspersonal seinen Bildungsauftrag selbst definiert? Oder die Anhänger eines gefühlten höheren Niveaus unter der Schülerschaft vor 20 Jahren, die propagieren, dass 20% einer Kohorte absolut ausreichend fürs deutsche Gymnasium wären?

    Wenn wir uns die Aussagen der Diskutanten ansehen, dann herrscht dort die seltsame Annahme, dass das aktuelle Bildungsystem eine ideologiefreie, wissenschaftlich fundierte Veranstaltung sei. Und dessen *zweifelsfreie* Qualitäten müsse man gegen diese verderpten Propagandisten einer unseligen antiökonomischen Bildungsideologie, die lediglich verhindern will, *einen wirtschaftlich gesehen, besseren Arbeiter hervorzubringen*, unbedingt verteidigen.

  9. Na gut, einmal noch:

    >“Ja was denn sonst?”

    Also keine Antwort auf meine Frage, sondern der übliche Rundumschlag, den wir oben schon hatten? Da ging es darum, dass Lehrpläne politisch sind. Ich weiß immer noch nicht, wie es nicht-politische Lehrpläne geben soll. (Tatsächlich ist mir eine Möglichkeit eingefallen – aus Mangel an sachgerechter Argumentation auf der Gegenseite?)

  10. „Also keine Antwort auf meine Frage, sondern der übliche Rundumschlag, den wir oben schon hatten?“

    Nein keine direkte Antwort, sondern vertiefende Fragen, die den üblichen Tunnelblick der konservativen Bildungsakteure wieder mehr auf das Grosse und Ganze lenken mögen.

    Nun denn, alles nochmals auf Null.

    “Ja was denn sonst?”

    Ausgangspunkt war die *Verteufelung* (um beim religiösen Vokabular zubleiben, das prägt sich einfach besser ein) der Bildungsapologeten Hüter, Precht & Co, auf die anscheinend die dumme Masse hereinfällt.

    Diesen wird in dieser Diskussion vorgeworfen, sie wären unwissenschaftlich und ahnungslos.
    Und sie würden lediglich alten Wein in neuen Schäuchen kredenzen.
    Dabei übersehen die Diskutanten lediglich, dass, soweit ich es überblicke, bisher schon funktionierende *bessere* Modelle, gegen die bestehende *überholten* Modelle aus dem 19. Jahrhundert, gesetzt werden.
    Dekoriert wird diese *religiös* verbrämte Bildungs*Propaganda* mit vermeintlichen *Erkenntnissen* aus Studien zur Hirnforschung und anderem populärem Schnick-Schnack. So die Darstellung des Zeit-Journalisten. Und das von einem Professor, der, in den Augen dieses Journalisten, einen minderwertigen Titel trägt. Flankiert werden dessen Thesen von einem *lediglich* medial erfolgreichen Populärphilosophen.

    Besehen wir uns dagegen die Grundfesten der guten alten dreigliedrigen Bildungssortieranstaltenverteidigungsfront, dann wird dort allenthalben einem gefühlten Niveau von vor 20 bis 30 Jahren hinterher getrauert (meist wird die Zeit des eigenen *hochwertigen* Abiturs herangezogen), das durch ein, schon damals umstrittenes, ebenso unwissenschaftliches Fundament getragen wird.

    “Ja was denn sonst?”

    Zurück zu den politischen Lehrplänen und ihrer Ablehnung der Idee, „dass entweder jede Schule selbst entscheidet, was sie lehrt (schlechte Idee) oder …“.
    Sollten Sie eines Tages nach Bayern kommen und dort Lehrer nach dem Lehrplan fragen, dann bekommen Sie von kompetenten unter diesen die Antwort, dass die einzelnen Schulen einen erstaunlichen Spielraum haben, diesen umzusetzen und jede Schule dies auch nutzt.
    Oft wird aber als Ausrede, was alles nicht ginge, der Lehrplan angeführt. Oder das hohe Stundenpensum, der Mangel an Geld, unspezifische pädagogische Bedenken oder eine mysteriöse technische Nichtumsetzbarkeit werden ebenso angeführt.
    Gäbe es keine Schulen mit einer fast gleichen Struktur, die es anders machen, dann würde man das glauben können. So erscheint es nur als Ausrede, keine Doppelstunden oder fächerübergreifenden und/oder Projektunterricht durchführen zu können.
    Dass es ohne Sitzenbleiben geht und ohne Noten bis zur 8. Klasse zeigen viele andere Bildungssystem, die bei PISA oft besser abschneiden als das deutschen PISA-Siegerbundesland Sachsen, das schon seit Jahren das G8 hat und fast landesweit ausschliesslich Doppelstundenunterricht.

    “Ja was denn sonst?”

    Um dem augenrollenden Beitrag, *PISA-Vergleiche* können wir nicht mehr hören und es ist auch in Finnland nicht alles Gold was glänzt und das kann man so nicht vergleichen, gleich vorzubeugen:
    Ja, das kann man alles nicht so schlicht vergleichen, selbst die einzelnen Schulen in den Bundesländern und dort die Klassen kann man nicht vergleichen, denn jeder Lehrer unterrichtet und benotet anders. Objektiv und vergleichbar ist bei Schulnoten grundsätzlich nichts. Das ist oft tagesformabhängig. Pech gehabt, wenn der Lehrer gerade eine schlechte Phase hat.

  11. „Schlimmes geschähe dir da, mein Bester, wenn du nach Athen gekommen, wo in ganz Hellas die größte Redefreiheit herrscht, dann hier als einziger an ihr nicht teilhaben solltest. Aber setze auch dagegen: wenn du weitläufig redest und nicht das Gefragte beantworten willst, dass auch mir Schlimmes geschähe, wenn ich nicht weggehen dürfte, ohne dich zu hören.“
    (Platon, Gorgias)

  12. „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.“
    (Non vitae, sed scholae discimus.) Seneca

    Schon Seneca beklagte also, dass die Erziehung in der Schule kaum dazu geeignet sei, die jungen Menschen auf das Leben vorzubereiten – eine 2000 Jahre alte Klage, die sich im Lauf der Jahrhunderte kaum verändert hat.

    Das *Pädagogen*-Urgestein aus „Der Hals der Giraffe“ (ein Bildungsroman) Inge Lohmark ergänzt das sehr schön in diesen Worten: „Der Wahrheit ist niemand gewachsen: Der Existenz einer einzigen, nachprüfbaren, beweisbaren Wirklichkeit. Erst recht nicht diese Männer (oder Frauen), die aus Angst vor dem richtigen Leben gleich ganz auf der Schule geblieben waren und sich hinter verschlossenen Türen vor Halbwüchsigen aufplusterten. Imponiergehabe ewiger Sitzenbleiber.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.