Beobachtungen zur Motivation

(Ein Beitrag zur Blogparade bei Fontanefan)

„Er ist nur nicht richtig motiviert, da müssten Sie mal was dran machen!“

Worte eines studierten und beruflich erfolgreichen Elternteils beim Elternsprechtag, angesichts der Tatsache, dass das eigene Kind mit dem gymnasialen Stoff und Tempo insgesamt überfordert ist. Kubiwahn spricht in seinem Beitrag zum Thema ähnliche Erfahrungen an:

Wogegen ich mich aber immer verwehre ist diese Haltung […]: dass man in der Schulklasse nur die “richtigen” Knöpfe drücken muss, um motivierte Schüler zu haben – respektive: dass unmotivierte Schüler nur ein Zeichen eines unfähigen Lehrers ist.

Motivation „erzeugen“ zu wollen, erinnert mich an die hilflosen Versuche von großen Firmen und Konzernen, Motivation per Bestellung mithilfe von „Motivationsprofis“ á la Jürgen Höller zu generieren, indem man seine Angestellten möglichst motiviert über glühende Kohlen schickte. Und  – „Tschaka!“ – wer das geschafft hatte, war von nun an ein dauerhaft motiviertes Mitglied der Abteilung. Nicht wirklich. Und trotzdem gibt es heute noch Eltern, die ihre Kinder zu genau solchen Seminaren schleppen.

Ein schillerndes Chamäleon
Dieses Verständnis von Motivation greift  zu kurz und lässt vereinfachend die Rahmenbedingungen von Motivation außer Acht. Motivation hängt von zahllosen Faktoren ab und ist ein ziemlich fragiles Gebilde. Das fängt schon mit dem morgendlichen Aufstehen an:

  • Starte ich motiviert in meinen den Tag oder nicht?
  • Habe ich gut geschlafen oder schlecht?
  • Bin ich gesund?
  • Scheint die Sonne, drückt mir graues Wetter aufs Gemüt?
  • Treffe ich in der Schule auf nette Menschen oder nicht? Habe ich Freunde oder befürchte ich Mobbing?
  • Wie geht es meinen Eltern, Freunden, Geschwistern? Ist alles in Ordnung oder liegt Ärger in Form von Scheidung oder ähnlich schweren Streitigkeiten in der Luft?
  • Stecke ich in der Pubertät? Habe ich vielleicht Liebeskummer?
  • Habe ich überhaupt ausreichend Energie, um motiviert zu sein? Frühstück vergessen reicht schon…
  • usw.

Und das war gewiss nur ein kleiner Teil der möglichen Faktoren, die Motivation beeinflussen können und die Möglichkeit, auf diese als Lehrer von außen einzuwirken, erscheint mir sehr gering – will man nicht auf Höller-Hokus-Pokus setzen. Ich kann mir als Lehrer nur denken, was möglicherweise Schüler (de-)motiviert, aber wissen kann ich es nur in den seltensten Fällen. Aufgrund der Komplexität ist eines sicher: Motivation ist ein schillerndes Chamäleon, und welche Farbe ich gerade sehe, hängt davon ab, wo ich mich befinde, aber in den seltensten Fällen davon, wo der Schüler gerade wirklich steht. Gründe für (De-)Motivation sind immer nur meine Hypothese, wirklich wissen tue ich nichts (und schon gar nicht bei 150 Schülern).

Kann man den unmotivierten Lerner abschaffen?
Diese Frage stellt Fontanefan in seinem Einstieg in die Blogparade. Es wird ja gerne biologistisch argumentiert. Der Mensch sei von Natur aus Lerner, das Gehirn eine brutale Lernmaschine und dergleichen mehr. Schule verhindere nur diesen Prozess. Herr Rau setzte sich in seinem Beitrag mit dieser These kurz auseinander. Ein Mensch ist mehr als ein Hirn. Genauso gut kann man sagen, der Mensch ist evolutionsbiologisch betrachtet ein barfußlaufender Langstreckenjäger, dessen Stoffwechsel auf eine relativ geringe Nahrungsaufnahme ausgelegt ist. Trotzdem tun die meisten Menschen den Teufel, statt den ganzen Tag barfuß durch die Gegend zu rennen. Und einige sind auch ganz schön fett, obwohl sie theoretisch durchaus mit ziemlich wenig Nahrung auskämen (wo sie doch nicht einmal barfuß herumrennen). Und obwohl so ziemlich alle wissen, dass ihr widernatürliches Verhalten langfristig nachhaltig ungesund ist, ändern sie nichts daran. Menschen verhalten sich eben nicht so, wie wissenschaftliche Idealvorstellungen es gerne hätten. Das gilt auch in der Schule.

Will sagen: Wir sollten als Lehrer unser Bestes geben unsere Schüler zu motivieren, aber wir müssen uns auch nicht alles ans Bein binden, was die anderen so krähen. So wenig alle Menschen begeisterte Jogger werden, obwohl ihre Körper doch dafür wie geschaffen sind und man bei jedem beobachten kann, wie die Muskeln sich nach und nach kräftigen, der Körperfettanteil sinkt und die allgemeine Befindlichkeit sich verbessert, so wenig werden wir es schaffen, jedes Hirn für unsere Fächer, Inhalte, Themen und Problemstellungen zu motivieren.

Zeit für Abgehängte
Was ich mir wünschte, wäre Raum und Zeit für scheinbar unmotivierte Schüler, die Freiheit, andere Aufgabenstellungen verteilen zu dürfen (Daniel Pennac beschreibt in seinem Buch „Schulkummer“, wie er einem unmotivierten Schüler alternative Aufgaben stellte. Ich glaube, er sollte ein komplexes Buch lesen und musste dafür keine Klassenarbeit schreiben). Oft lassen wir Schüler mit ihren Schwierigkeiten zurück und diese verlieren den Anschluss, das demotiviert sowohl sachlich (ich kann es ja immer noch nicht!) als auch persönlich (die anderen sind schlauer als ich!) und sozial (die anderen kümmern meine Schwierigkeiten nicht!).

Letzte Woche hatte ich die einmalige Gelegenheit, mit einem Latein-Praktikanten im Grammatikunterricht Team-Teaching zu machen. Das war grandios! Ich habe mir die Unmotivierten an meinen Tisch geholt und wir haben zu Fünft Grammatik wiederholt, dass die Schwarte krachte. Und ich konnte alles fünf Mal erklären, ohne dass fünfundzwanzig andere gelangweilt die Augen rollten, und das Beste war, wenn ich aus jedem der fünf Münder dieses erleichterte „Ach so funktioniert das!“ hören konnte, und am Ende jeder einzelne die Übungsaufgaben selber an seinem Platz weiterarbeiten konnte. Mehr Zeit für individuelle Betreuung, die hätte ich manchmal gerne, damit niemand abgehängt wird.

5 Gedanken zu „Beobachtungen zur Motivation

  1. Leider sind viele Kollegen nicht so selbstreflektierend.

    Der Gau der Demotivation von Klassen besteht aus der Kombination: Kollege Midlife-Krise folgt auf Kollegin Wechseljahre in einer pubertären Klasse. Nach dieser Konstellation ist jeder konstruktive Unterricht nahezu unmöglich.

  2. Gerade am Wochenende habe ich noch über Motivation in der Schule nachgedacht…Was für ein wahrer Beitrag! Gleich der Anfang spricht mir aus der Seele. Und das Ende erst! Zudem: Es gibt sicher auch bei allen Erwachsenen Themenfelder, die sie einfach nicht motivieren – warum müssen die SchülerInnen dann für alles, immer und zu jeder Zeit motiviert sein?

  3. Schon richtig – immer sollen es die Lehrer/-innen richten. Das ist eine grausame Sache, denn für Interessenbildung, Motivation und grundsätzliche Erziehung ist nun einmal das Elternhaus sehr viel wichtiger. Wer in seinem Leben noch nie einen Erwachsenen mit Buch in der Hand gesehen hat (das soll es geben), der wird wohl kaum begeistert in Schulbücher sehen. Motivation zum Lernen, auch zum Erlernen unliebsamer Themengebiete und Sachverhalte, kommt von zu Hause. Das ist Elternsache, nicht Lehrersache.

    Trotzdem: Differenzierter Unterricht tut viel zur Motivation. Mit Klassengrößen, die bei der Hälfte des gerade Üblichen liegen, sowie Lehrassistenten/-innen und etwas mehr Zeit für den Stoff wäre es sicher einfacher.

    Gruß,

    eine freiberufliche Dozentin (Kinder- und Erwachsenenbildung) im Fernstudium DaF

  4. Vielen Dank für diesen Kommentar, er spricht mir aus der Seele.
    („Sei motiviert!“ funktioniert ebensowenig wie „Sei spontan!“)
    Zeit und Raum für Abgehängte, das würde schon viel richten.
    Und Zeit und Raum für erst mal gar nicht „schulnahe“ Aktivitäten: Holzhacken, eine Dirndlschürze nähen, sich im Wald orientieren. Da habe ich schon manche „unmotivierten“ Schüler aufblühen sehen.

    NB: Methodenmix, Humor, gute stories, Planspiele usw. helfen mitunter auch ein wenig.

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