Uni-Vorurteile: Lehrer bekommen schlechtere Studien!

Ich scrolle mich durch Spiegel-Online. Ein reißerischer Titel verlockt: „Grundschullehrer-Vorurteile. Kevins bekommen schlechtere Noten„. Davon habe ich zwar schon einmal irgendwo gelesen, aber eine alte Studie über die Vorurteile von Lehrern bezüglich der Namen ihrer Schüler soll durch eine taufrische neue Studie untermauert werden:

Offenbar haben Grundschullehrer nicht nur Vorurteile gegen bestimmte Vornamen, was eine vorangegangene Studie schon im vergangenen Sommer zeigte. Offenbar haben diese Vorurteile auch Einfluss auf die Notengebung, zumindest bei Jungen. (Spon)

Ah, wunderbar! Erfrischend diese Dramaturgie! Nicht nur, dass die fiesen Grundschullehrer vom vergangenen Sommer bis jetzt nichts dazugelernt haben, nein, noch schlimmer, sie benachteiligen darüber hinaus auch noch die sowieso schon vom Bildungssystem gebeutelten Jungen! Nieder mit den Grundschullehrern… oder? Ähm… vielleicht doch nicht?

Zumindest so richtig dramatisch scheint das Ergebnis der Studie nicht auszufallen, auch wenn man sich alle Mühe gibt, es so darzustellen:

Hängen die Noten auch von den Vornamen ab, wie die betreuende Professorin Astrid Kaiser damals warnte?

Die Nachfolgestudie legt das jetzt zumindest nahe. Allerdings sei der Zusammenhang weniger deutlich als befürchtet, sagt Kaiser. So zeige die neue Untersuchung vor allem, wie subjektiv es bei der Bewertung von Schülerleistungen generell zugehe, unabhängig vom Vornamen. Doch durch den Namen würden die Ergebnisse „noch zusätzlich modifiziert“, so Kaiser. (ebd.)

Huiuiui. „Zusätzlich modifiziert“ – das klingt gefährlich nach: „Das können wir schlecht belegen.“ Besonders dünne wird’s, wenn man sich das Vorgehen der Studie anschaut: Die gescholtenen Lehrer sollten online Schülerarbeiten durchsehen und diese bewerten. Dabei wurden verschiedene als kritisch empfundene Namen unter jeweils dieselben  Arbeiten gesetzt, um zu erfahren, ob die Lehrer Chantals schlechter benoten als Katharinas.

Klick-Klick-Studie
So läuft das halt im Internetzeitalter. Schnell mit Grafstat einen Fragebogen entworfen, schnell mit einem Bildbearbeitungsprogramm Namen unter Arbeiten ausgetauscht, schnell mal Klick-Klick gemacht und schon hat man eine belastbare Studie. Dass der Arbeitsalltag von Lehrern anders aussieht, blenden sowohl die betreuende Professorin und selber ehemalige Grundschullehrerin als auch der Autor des Artikels netterweise aus. Dass ich mit jedem Kevin, jeder Chantal, jeder Katharina und jedem Maximilian ein Gesicht, eine Stimme, eine Person, Erinnerungen, mündliche Beiträge, Hausaufgaben und Begegnungen abseits des Unterrichts verbinden kann, dass ich zu jedem Namen auch Kleidung, Frisur, Heftführung und bisweilen auch Eltern und Geschwister, Konfession und Nationalität kenne, sodass die Anzahl der möglichen Faktoren, die meine subjektive Noten-Entscheidungen beeinflussen können, rapide ansteigt, das fällt flugs mal unter den Tisch bei solchen Studien. Aber macht ja nichts, man kann ja ein Riesen-TamTam darum machen, das bringt Publicity und man kann sich wichtig fühlen.

Es gibt keine Kritik, nur Lehrerschelte
Und natürlich als Opfer, wenn man dann Kritik einstecken muss, denn das wichtigste Fazit des Artikels kommt erst zum Schluss: „Man macht sich unbeliebt. (…) „Eine Habilitandin lehnte das Thema ab, weil sie Angst hatte, dass man ihr Lehrerschelte vorwirft.“ Unbelehrbares Lehrerpack! Und ich bin jetzt wohl auch so einer, so ein Stänkerer, der sich nix sagen lassen will.

Vielleicht sollten wir demnächst eine Studie in Auftrag geben, die untersucht, mit welchen Vorurteilen Berufsgruppen kämpfen müssen, wenn sie universitär durchleuchtet werden. Dann könnte der nächste Spiegel-Titel lauten: Uni-Vorurteile. Lehrer bekommen schlechtere Studien.

5 Gedanken zu „Uni-Vorurteile: Lehrer bekommen schlechtere Studien!

  1. Hm. Auf die Gefahr hin, dass ich mich unbeliebt mache:

    Ist es nicht auch etwas reißerisch, eine Studie nur aufgrund einer Zusammenfassung auf Spiegel Online abzukanzeln? Schließlich werden in solchen Darstellungen die Fragestellung und die Ergebniss von Studien nur zusammenfassend und oft sogar verzerrt dargestellt. Da werden dann zwangsweise abstrakte Formulierungen benutzt um komplexe Wechselwirkungen in den Ergebnissen irgendwie verständlich zu machen.

    • Ganz richtig. Wer nachlesen möchte, was in der Masterarbeit festgestellt wurde, kann das unter diesem Link tun. Wesentlich anderes, als in der Spiegel-Zusammenfassung, kann ich da jedoch nicht erkennen. Ich glaube auch nicht, dass eine tiefergehende Beschäftigung mit der Arbeit das Ergebnis positiver ausfallen lassen würde. Alleine die Methode, fiktive Aufsätze fiktiver Schüler ohne realen Unterrichtskontext vorzunehmen, halte ich für untragbar, da zumindest meine Bewertung ganz wesentlich von dem bestimmt ist, was ich unterrichtet habe, welche Übungen wir vorgenommen haben, welche Aufgabenstellung dem Aufsatz zugrunde liegt und wieviel Zeit die Schüler zur dessen Bearbeitung zur Verfügung hatten. Im Fazit der Arbeit kommen dann auch überwiegend die Ergebnisse zum Tragen, die andere Studien hervorgebracht haben. Der letzte Absatz wirkt, angesichts der methodischen Vorgehensweise, dann wie Elfenbeinturm in Reinkultur:

      Ziel für ein vorurteilsfreies bzw. vorurteilsbewusstes Umgehen im Allgemeinen, im Kontext dieser Untersuchung aber auf den institutionellen Rahmen Schule bezogen, muss es sein, dass Menschen, hier speziell Lehrer, sich ihren Vorurteilen bewusst werden. Sie müssen dann den schwierigen Weg gehen, sich ihren sozialen Vorurteilen zu stellen, dass heißt eine Kontaktaufnahme mit dem Vorurteilsträger zu erwirken. (siehe Link, S.69)

      Na, was tun wir denn den ganzen Tag, wenn wir vor realen Schülern stehen? Stumm und abweisend dastehen und wüste Selektion nach Vornamen betreiben? Nein! Wir haben fast jeden Tag Kontakt mit „Vorurteilsträgern“. (Und was ich dann alles mit denen besprechen müsste: „Hey Kevin, dein Vorname könnte vielleicht vorurteilsbehaftet sein, ich setzte dich generell mal ’ne Viertelnote hoch, okay?“ Oder: „Mann, deine Frisur ist echt krass, vielleicht habe ich jetzt ein Vorurteil gegen dich, geh‘ lieber zum Friseur?“ Oder: „Bitte, Katharina? Dein Vater ist arbeitslos? Oh, das ist aber gefährlich, jetzt könnte ich trotz deines tollen Namens Vorurteile gegen dich entwickeln…er sollte lieber schnell eine Arbeit finden!“) Dass das Problem des Vorurteils insbesondere dessen Unbewusstheit ist, wird nicht berücksichtigt, es wird so getan, als würde jeder Mensch jederzeit vollkommen im Klaren darüber sein, welche Vorurteile er insgeheim hegt.

      Und vorsichtshalber noch einmal zum Mitschreiben: Ich streite nicht ab, dass jeder Lehrer (so auch ich) Vorurteile gegenüber Schülern hat, aber das große Problem dahinter auf ein Vornamen-Problem einzudampfen, das halte ich für (medial) aufgeblasenen Humbug.

      Darüber hinaus glaube ich auch, deutlich gemacht zu haben, dass ich gleichzeitig den journalistischen Stil kritisiere, der durch Dramaturgie und Fazit bewusst und platt bestimmte Stereotype bedient.

  2. Pingback: Lehrer-Link-Tipps September 2010 | LehrCare blog

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