Nicht Giganten, Steinzeitmenschen! (Update)

In unserer technisierten Welt sind wir täglich umgeben von wahnwitzigen Erfindungen, die oft doch jede Science-Fiction in den Schatten stellen. Feuer knipsen wir aus kleinen, handlichen Plastikgeräten, mähen mit ausgebufften Maschinen in Windeseile ganze Wälder nieder und entwickeln in Laboren bombenfeste Spezialklebstoffe. Häuser errichten wir mittlerweile nach so besonderen Energiestandards, dass uns kaum ein Lufthauch entfleuchen kann, und unser Getreide wird von Mähdreschern vollautomatisch geerntet und gedroschen.
Wow! Kein Wunder, dass uns die Steinzeit primitiv und plump vorkommt.

Alles Steinzeit!

Doch vieles, das wir heute so selbstverständlich benutzen, geht letztlich auf den Erfindungsgeist der Steinzeitmenschen zurück: Noch heute funktionieren unsere kleinen Feuerzeuge nach dem vermeintlich primitiven Prinzip des Funkenschlagens, kein Hammer ist denkbar ohne Faustkeil. Äxte werden noch verwendet werden, wenn die Harvester den letzten Wald gefällt haben, und auch das berühmteste Orchester kommt nicht ohne Trommeln oder Blasinstrumente aus. In der Steinzeit bekannte komplexe chemischen Vorgänge wie das Herstellen von Birkenpech, dem Klebstoff der Steinzeit, mit steinzeitlichen Methoden zu kontrollieren, fällt heutigen Forschern noch schwer, und dass die Lebenswelt der beiden „modernsten“ Steinzeitmenschen, des Neandertalers und des Homo sapiens, weitaus komplexer war, als es der moderne Stadtmensch greifen kann, zeigt sehr schön die experimentelle Archäologie.

Werkzeugbau

Dass die Steinzeit populär-publizistisch nicht in der Versenkung verschwindet, dafür darf man Spiegel-Online danken, der immer wieder über die neuesten Erkenntnisse und Funde der Archäologen berichtet.
Angelika Franz berichtet in ihrem „Blog“ sehr plastisch, wie experimentelle Archäologen versuchten, herauszufinden, wie Steinzeitmenschen des Mesolithikums (sozusagen „mittelalte“ Steinzeitmenschen 😉 ) ihre Steinwerkzeuge herstellten (auch nachzulesen auf dem richtigen Blog des Archäologen Per Storemyr; Update: jetzt auch mit einem Video, das Deutsche gucken können). Denn als die Archäologen auf tumbere Art versuchten, aus einer bestimmten Gesteinsart zur Weiterbearbeitung geeignete Steinbrocken herauszuschlagen, erzeugten sie lediglich unbrauchbares Steinmehl.
Nachdem man durch Verfärbungen auf Hinweise stieß, dass die Steinzeitler dort Feuer angezündet hatten, versuchten sich auch die Archäologen daran, mithilfe kleiner Feuer den Stein zu brechen. Und tatsächlich: Die Steine sprangen besonders bei kleineren Feuern so, dass leicht größere Brocken herauszubrechen waren.
Storemyrs Fazit: „Stone Age people used their brains in extracting stone – not brute force!“

Experiment Steinzeit

Der SWR begleitete vor einigen Jahren ein schönes Experiment, das unter Beteiligung verschiedener Universitäten durchgeführt wurde. Das Experiment Steinzeit funktionierte recht simpel: Der bekannte Experimentalarchäologe Harm Paulsen führte eine 13-köpfige Gruppe heutiger Menschen in bekannte oder vermutete Alltagstechniken der Steinzeit ein (z.B. Feuerschlagen, mit einem Netz fischen, Werkzeuge bauen etc.) und diese lebte dann acht Wochen lang in einer kleinen Pfahlbausiedlung.
Während des Experiments wurde immer wieder deutlich, dass auch die begleitenden Experten die Steinzeitmenschen unterschätzten. So gelang es der Gruppe trotz Unterstützung von außen nur mit großem Aufwand, das Urgetreide Emmer zu entspelzen (von der Hülle zu befreien) oder ohne moderne Hilfsmittel das Dach wasserfest abzudichten – eine Plastikplane musste Abhilfe schaffen. Den Steinzeitlern scheint es hingegen gelungen zu sein, ihre Dächer abzudichten.
Dass derartige Experimente immer auch Inszenierung sind und nicht die wirkliche Steinzeit widerspiegeln können, zeigen die Rezensionen der Süddeutschen und der ZEIT; noch besser ist es aber, sich die Doku einfach selbst anzuschauen. In den öffentlich-rechtlichen Programmen wird sie ab und an wiederholt. Für Steinzeit-Fans ein Muss!

Spektrum Wissenschaft – kulturelle Evolution

Wer darüber hinaus mehr über die Steinzeit erfahren möchte, aber schwer verdauliche archäologische Fachliteratur scheut, dem lege ich die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ und aktuell besonders die Spezialausgabe von Spektrum der Wissenschaft – Der kreative Mensch ans Herz. Die spannt einen weiten Bogen über verschiedene Ergebnisse der aktuellen Steinzeitforschung und zeigt, wie vielfältig insbesondere die kulturelle Entwicklung unserer Vorfahren war, und wie eng diese auch mit der genetischen Entwicklung verzahnt gewesen sein muss.
Wer sich die berühmten Höhlenmalereien, Bewegungsstudien und sogar Anamorphosen aus Lascaux anschaut, dem muss es schwerfallen, unsere Vorfahren für minderkultivierte Keulenschwinger zu halten. Es gibt sogar Anzeichen für ein südeuropäisches Codesystem, das sich überregional in vielen Höhlenmalereien wiederfindet. Die Steinzeitmenschen haben also vielleicht schon vor etwa 30.000 Jahren eine erste rudimentäre Zeichensprache entwickelt.

Wir sollten unsere Urahnen also nicht unterschätzen, denn wir stehen lediglich auf den Schultern von Steinzeitmenschen, und vielleicht gibt es gerade darum einige Dinge, die wir von unseren Vorfahren wieder lernen wollen. Dazu mehr im nächsten Beitrag.

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