Geschichte, Abi, Distanz und weiß der Himmel was noch…

Geschichte ist ein schwieriges Thema. Für die Kleinen ist es unendlich fern – und für die Großen ebenso, wie ich im Hauptseminar feststellen durfte. Für Nichtlehrer: Im Hauptseminar sitzen Referendare unterschiedlicher Fächerkombinationen und setzen sich dort mit eher allgemeinen Themen auseinander, wogegen Fachseminare nur von Referendaren des jeweiligen Fachs besucht werden.

Allgemeine Fachsprache
Im Hauptseminar ging es dann zuletzt um einen Stundenentwurf zum Thema „Moderner Antisemitismus“, der die Crux gleich schon im Titel trägt: das Wörtchen „modern“. Es dauerte seine Zeit, bis mir klar wurde, dass einige fachfremde Mitreferendare mit „modern“ ganz andere Dinge verbinden als gelernte Historiker und Literaturwissenschaftler.

Die Fachsprache der Geschichtswissenschaft ist leider nicht so scharf von der Alltagssprache getrennt wie bspw. die der Medizin, und das kann zu Missverständnissen führen. Vielen fällt es schwer, sich vorzustellen, dass man irgendetwas um 1870 als „modern“ bezeichnen kann. Eine weitere Herausforderung für den künftigen Geschichtslehrer. 😉

Abi
Des Weiteren war heute „Abi-Sturm“ oder „Abi-Gag“, wie auch immer man das hier nennt. Bis auf die laute Musik ist der aber vollkommen an mir vorbeigegangen, weil ich erst zur dritten Stunde kommen musste und das Meiste schon erledigt war. Laut war es aber. 😉 Einige Lehrer echauffierten sich über den Alkoholkonsum der Abiturienten. Nun ja, für einige geht es auch schon am nächsten Montag los mit den Klausuren – Zentralabi sei dank. Wer sich da im Abi-Shirt ’ne Erkältung holt oder den Samstag mit Kopfschmerzen verplempert, mag da im Nachteil sein. Andererseits: Wer bis jetzt nix gelernt hat…

Distanz
Einige Schüler versuchen, mich gegen ihre Lehrperson „auszuspielen“, bspw. in unverhohlener Abneigung gegen Lehrpersonen oder implizit in vorwurfsvollen Bemerkungen am Rande des Unterrichts, nach dem Motto „Das macht [Lehrperson] immer so“. Das führt zu total bekloppten Situationen, teilweise in der Schulöffentlichkeit, in denen ich tunlichst bemüht bin, die Distanz zu wahren und besagte Lehrperson (zu Recht!) zu verteidigen.

Da gibt es zweierlei Arten von Distanz: die, die ich in solchen Situationen dringend aufrecht erhalten muss, aber auch die, welche die Schüler zu ihren Lehrern aufgebaut haben, sodass sie oft glauben, einen sonderbaren Unterricht genießen zu müssen, von dem sie glauben, dass er ihnen nichts nützt.

Als Außenstehender kann ich nur sagen, dass der Unterricht fachlich hundertprozentig  war (je nach Thema weitaus fundierter als ich es hätte leisten könnten) und die Schüler, wenn sie sich nicht von Kleinigkeiten ablenken ließen, eine Menge mitnehmen könnten. Und vermutlich tun sie das auch und merken gar nicht, welch guten Unterricht sie da erleben dürfen, auch wenn unter Umständen wenig mediale oder sozialformbezogene Abwechslung vorhanden ist.

Aufnahme
Bisher bin ich von allen Lehrern sehr freundlich aufgenommen worden und es gibt keinen Grund zur Klage; doch nicht alle Referendare werden so freundlich empfangen wie wir. Einige berichten von Zettelchen in ihren Fächern, auf denen ihnen nahegelegt wird, sich doch andere Kollegen zur Hospitation zu suchen. Eine Referendarin wurde mit dem Hinweis, dass sie die Klasse unruhig mache, abgewiesen.

Das sorgt natürlich für Unmut, obwohl ich es ein Stück weit nachvollziehen kann, wenn die Kollegen an den entsprechenden Schulen sich nicht vor Fremdpublikum entblößen wollen. Ich kann mir schon vorstellen, dass es da an einigen Schulen handfester zugeht, immerhin durfte ich im Praktikum schon mal einen ersten Eindruck an einer Hauptschule gewinnen. Da muss man dann ganz schnell auch mit seiner eigenen Aggression kämpfen. (Und um mich aggressiv zu machen, braucht es schon etwas… ehrlich!)

Auch erste schockierte Desillusionierungen machen die Runde. Ich für meinen Teil aber warte ab und trinke Tee.

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