Verb-Endstellungsmodell

Da eine Referendarin in Kürze meinen Unterricht übernehmen wird und ich sie gut beraten möchte, habe ich mir nach längerer Zeit mal wieder meine gute alte Deutsch-Didaktik aus dem Schrank gezogen. Und wie das beim Stöbern oft so ist, stößt man währenddessen auf ganz andere Dinge.

So begegnete mir zum ersten Mal im Kontext des Satzbaus die Idee, das Verb nicht prototypisch von seiner Position an der zweiten Stelle im Hauptsatz aus zu denken (und zu unterrichten), sondern eher den anderen Fall, die Klammerstruktur, als den Normfall zu betrachten. Das scheint mit einigen Problemen aufzuräumen, aber langsam. Zunächst ein Beispiel für die typische Vorgehensweise (hier dem Deutschbuch 5, Auflage 2011, von Cornelsen entnommen):

Der Kern des Satzes ist das Prädikat (Satzaussage). Prädikate werden durch Verben gebildet. In einem Aussagesatz steht die Personalform des Verbs immer an zweiter Satzgliedstelle:

Oft zeichnen Piraten eine Schatzkarte. So finden sie später ihre Beute.

(DB 5, S.255, Hervorhebungen im Original)

Das ist leicht zu merken, trifft aber leider nur auf manche Sätze zu. Sobald man sich komplexerer Satzstrukturen oder Zeitformen bedient, die eine Klammerstruktur erfordern, ist es schnell hinüber mit der leicht verständlichen Zweitposition des Verbs 1:

Die vermeintliche Zweitposition

Die Zweitposition ist nämlich nicht unbedingt der Regelfall:

Wenn man das bspw. das Perfekt verwendet, muss man auf eine Klammerstruktur zurückgreifen:

Es ist auf einen Sieg der Arminia hinausgelaufen.

Auch in einfachen Zeitformen muss geklammert werden, wenn man trennbare Verbformen verwendet:

Es lief auf einen Sieg der Arminia Bielefeld hinaus.

Der Gebrauch von Modalverben leistet ebenfalls der Klammerstruktur Vorschub:

Es sollte auf einen Sieg der Arminia Bielefeld hinaus-
laufen.

Erklärt man Schüler*innen erst im Nachhinein die Prädikatsklammer, so können sie durchaus noch nachvollziehen, dass auch hier das flektierbare Verb an zweiter Stelle steht, jedoch fällt es vielen sichtlich schwerer, eine Klammer als solche überhaupt zu erkennen.

Völlig verwirrend ist die Regel mit der Zweitposition dann, wenn vorangestellte Nebensätze ins Spiel kommen:

Weil XY so laufstark agierte, lief es auf einen Sieg 
der Arminia hinaus.

Das flektierbare Verb befindet sich nun gar an der ersten Position im Hauptsatz. Ich gebe meinen Schüler*innen darum immer den Hinweis, dass das flektierbare Verb im Hauptsatz immer vorne steht.

Die Klammer als der Regelfall

In meiner alten Didaktik 2 plädiert Angelika Steets unter Bezug auf Eduard Haueis darum dafür, „die Satz- oder Verbklammer als Regelfall und nicht als Sonderfall zu betrachten“ (S.221). Bei einteiligen Verbformen solle der rechte Rand der Klammer dann als „nicht sichtbar besetzt“ (ebd.) betrachtet werden. Zur Klammer gehören dann auch die Konjunktionen oder andere einleitende Ausdrücke wie „(…) weil XY so laufstark agierte.“

Vorteile dieser Betrachtung seien,

  • dass die Prädikatsklammer nicht später erneut eingeführt werden müsse.
  • dass diverse Möglichkeiten zur sprachreflexiven Auseinandersetzung gegeben seien (Wie funktioniert der Spannungsaufbau innerhalb der Klammer? Wieviele Informationen lassen sich sinnvoll im Mittelfeld der Klammer einsetzen? Welche Möglichkeiten zur Entlastung der Klammer gibt es? Etc.).

Lohnenswert?

Ich finde, dass das durchaus lohnenswert klingt. Fraglich bleibt für mich, ob man Kinder im Alter zwischen 10 und 12 Jahren mit abstrakten Strukturmodellen „abholen“ kann. 

Habt ihr das schon mal ausprobiert? Wie geht ihr da vor?

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Problemorientierung – Kompass für den Unterricht?

Nachdem der Unterricht gestern eher mittelmäßig bis schlecht war, ist es heute wieder richtig gut gelaufen. Das ist schön, wenn man mit einem beschwingten Gefühl die Schule verlassen kann und nicht darüber grübelt, was man alles hätte besser machen müssen. Ich hätte zwar heute auch eine Menge besser machen können, aber bin dennoch zufrieden mit dem heutigen Unterricht.

Geholfen hat mir der Groschen, der erst gestern dank des Fachseminars Geschichte fiel, in welchem wir zuletzt „Problemorientierung“ als Leitlinie für Unterrichtsreihen und -stunden ausgemacht hatten. Problemorientierung ist sehr hilfreich, wenn man einen roten Faden für Reihen oder Stunden sucht und hilft gleichzeitig dabei, langweilig scheinende Themen interessanter zu machen. Hat man dies vor Augen, fällt einem die Einzelplanung gleich viel leichter.

So brauchte ich darum gestern nicht allzulange grübeln, um aus dem Thema „Brutto – / Nettoverdienst“ etwas spannender „Statt Brutto nur Netto. Ungerecht?“ zu machen. (Jaja, man hätte das eleganter formulieren können…) So verliert man auch das Stundenziel nicht aus dem Auge und hat eine Stoßrichtung für die Transferphase. Auch Arbeitsblätter lassen sich viel leichter erstellen, wenn man weiß, wohin der Hase ganz genau laufen soll. Denn eigentlich sind alle Themen Fässer ohne Boden, die man ohne sinnvolle Einschränkung niemals füllen könnte. Problemorientierung hilft dabei.

Gleiches in Politik: Sichern Grundrechte ein friedvolles Zusammenleben oder provozieren sie Konflikte? Ist viel ergiebiger als „Wir machen heute Grundrechte…“. Gleichzeitig zwingt die Problemorientierung dazu, einen gelungen Problemaufwurf als Einstieg der Stunde zu wählen, alternativ zum kreuzöden „…schlagt dafür Seite XYZ auf…“, und man weiß, was man mit dem angebotenen Material aus dem Schulbuch abseits der dortigen Arbeitsaufträge machen kann. Die Schüler provozieren solcherart gewählte Themen zum Nachdenken. Es ist nämliche eines, etwas über das Grundrecht Glaubensfreiheit zu lernen und ein anderes, die Diskussion um ein Minarett in der Nachbarschaft zu verfolgen. Da kommt man dann runter vom Politik-Blabla und kann mal in medias res gehen. Das eine verleitet zu vorschnellem Kopfnicken, das andere verlangt Überlegung, Diskussion und ein begründetes Urteil.

Problemorientierung – in goldenen Lettern an die Wand über den Schreibtisch?