Ach… der Ritterbach-Verlag…

Der Ritterbach-Verlag. Dort hat man gefälligst in NRW seine Lehrpläne zu beziehen. Gegen einen kleinen Obulus von um die 10 Euro bekommt dort jeder Lehrer seine Arbeitsgrundlage. Okay, man darf die Pläne auf der Ritterbach-Seite auch kostenlos herunterladen, wenn… ja, wenn… der Ritterbach-Server sich zur Mitarbeit überreden ließe:

Der Ritterbach-Verlag – ein ärgerliches Trauerspiel.

Danke Frau Behler,

dass Sie mir, trotz hinreichender finanzieller Zukunftssicherheit, einen potentiellen Arbeitsplatz wegnehmen wollen:

SPIEGEL: Frau Behler, Sie wollen einem Bielefelder Gymnasium, an dem Lehrermangel herrscht, helfen und dort unentgeltlich Deutsch unterrichten. Warum dürfen Sie das nicht?

Behler: Weil ich auf keinen Fall für meine Arbeit bezahlt werden möcht. Mit der Schulleiterin, die mich gefragt hatte, ob ich einspringen kann, war schon alles klar.

(Quelle: Spiegel Online)

Es gibt und gab ja auch überhaupt keine Deutsch-Referendare in Bielefeld, nur zwei ganze Fachseminare aktuell. Ich will am liebsten gar nicht wissen, welche Schulleiterin das war, die kostenlos Ex-Ministerinnen beschäftigen möchte. Anstatt Mängel bei der finanziellen Situation von Schulen (und nichts anderes kann ein Lehrermangel in Deutsch bedeuten) bei Frau Behlers Kollegin Sommer anzuprangern, bindet man lieber das politische System gleich mit ein. Ist ja dann auch dolle PR für die Schule! Und für Frau Behler, der barmherzigen Samariterin, der Sankt Martina von Bielefeld.

Aber es wird noch besser:

SPIEGEL: Haben Sie Hinweise, dass die NRW-Schulministerin Barbara Sommer, CDU, nun an einer Art Lex Behler arbeitet?

Behler (lacht): Ich habe den Eindruck, dass das Schulministerium sich jetzt bemüht, das Problem kreativ zu lösen. Eine Spezialregelung nur für mich wäre aber zu wenig. Ich bin sicher nicht die einzige Fachkraft, die ein paar Stunden pro Woche ehrenamtlich arbeiten würde. Diese Leute müssen ermutigt und nicht ausgebremst werden.

Na bestens! „Kreativ lösen“ klingt wirklich gut. Ehrenamtliche Deutsch- und Geschichtslehrer (man beachte die Fächerkombination Behlers). Große Klasse, wofür mache ich den ganzen Murks hier eigentlich mit? Damit ein paar Rentner mir dann den Arbeitsplatz wegnehmen? Warum schreibe ich hier eigentlich haufenweise didaktisch-methodische Kommentare, begründe jeden Furz mit fachwissenschaftlichen Artikeln und verfasse eine zweite Staatsexamensarbeit? Wieso muss ich das Studienseminar besuchen, reihenweise Unterrichtsbesuche über mich ergehen lassen und mich Prüfungsverfahren stellen, denen man auf zehn Kilometer ansehen kann, dass sie nicht pädagogische, sondern rein juristische Gewächse sind? Damit ausrangierte Fachkräfte mich für null Euro in Nicht-Mangelfächern ersetzen können?

Ich frage mich, Frau Behler, wer oder was hier ausgebremst werden soll. Mein Tipp: Verlagert doch einfach alle Schulen nach Rumänien, dann wird’s bestimmt noch billiger.

Eine langweilige Folie

Eines muss man Roland Koch ja lassen: Er bedient zum perfekten Zeitpunkt meine Unterrichtsreihe zum Thema „Jugendkriminalität“. Kaum will ich mit meinen Schülern Sinn und Unsinn härterer Strafen erörtern, tritt der hessische Ministerpräsident eine Debatte los, die, breit von den Medien aufgegriffen, auch bei meinen jugendlichen Schülern angekommen ist.

Für einen Stundeneinstieg bot sich also eine Folie mit Koch- und ähnlichen Forderungen an. Verschärfung der Jugendstrafe, Sicherungsverwahrung schon ab 18, Ausweisung und Bootcamps – alles Vorschläge, mit denen man eine prima Diskussion anzetteln könnte. Also flugs (und Google News sei dank) entsprechende Aussagen zusammengesucht und zugegebenermaßen recht lieblos auf eine Folie gedruckt.

Da die Folie als Einstieg gedacht war, sollte sie (eigentlich) auch optisch etwas hermachen, schließlich buhlt man als Lehrer um die Aufmerksamkeit von 33 Köpfen gleichzeitig. Deshalb wollte ich die gemachten Aussagen optisch unterstützen, vielleicht durch zackige Umrandungen, Signalfarben oder ähnliche dem Boulevardjournalismus nicht ganz unbekannte Verfahrensweisen. Die Schüler würden, das war mir völlig klar, sich sowieso kollektiv gegen die lächerlichen, durchschaubaren Koch-Forderungen stemmen. Leider war die Tageszeit schon zu weit vorgerückt, sodass ich lediglich die Schriftarten abwechslungsreich gestaltete und auf weitergehende Designanpassungen verzichtete.

Und vielleicht war das auch gut so. Denn die überwältigende Mehrheit der Schüler äußerte sich unerwartet positiv gegenüber den Koch-Vorschlägen. „Recht so!“ oder „Die haben wohl auch ’nen Kopf zum Denken!“ und „Da helfen nur härtere Strafen!“ waren Sätze, die durch die Klasse flogen. Und ich stand verblüfft abseits an der Tür und wunderte mich. Das hätte ich nicht erwartet. Und vielleicht nie erfahren, wenn meine Folie schon durch ihr reißerisches Design eine bestimmte Einstellung offenbart und unter Umständen damit schon das Konfliktpotenzial des Themas zerstört hätte.

So kann ich nun beruhigt meine Schüler in Gruppen zu verschiedenen aktuell möglichen Jugenstrafmaßnahmen arbeiten lassen, wohlwissend, dass nicht alle auf Hokey gebürstet sind. Und am Ende lege ich meine langweilige Folie noch einmal auf. Mal schauen, was dann dabei rauskommt.