Volle Dröhnung Steinzeit

Heute ist ein schöner Steinzeit-Tag. ZunĂ€chst konnte ich mich durch drei wunderbare Artikel der tollen aktuellen „Spektrum Spezial“-Ausgabe lesen, und nun finde ich auf Spiegel-Online diesen interessanten Artikel ĂŒber namibische FĂ€hrtenleser, die unseren Steinzeitexperten auf die Spur helfen sollen.

Ich hatte schon öfter den Verdacht, dass sich die Steinzeitforschung gerne auf „Kult“ und „Ritus“ zurĂŒckzieht, wenn sie Funde nicht so recht einzuordnen weiß. (Bisweilen muss man fast den Eindruck gewinnen, die Menschen der Steinzeit wĂ€ren ohne Unterlass durch die Gegend getanzt und hĂ€tten permanent Götterstatuetten aus Ton geknetet oder sie an WĂ€nde gepinselt.) Umso schöner, dass die namibischen FĂ€hrtenleser einigen zuvor rituell interpretierten Fußspuren ihre eigene Theorie dagegenstellen: Die Spuren wiesen auf den banalen Abbau von Lehm hin.

Bumerangs und Löwenzahn

Heute mit der Steinzeit-AG Bumerangs getestet. Und sie flogen wirklich und (ja!) auch im Kreis. Der SchĂŒler stolz wie Bolle. Ich auch. Auf dem RĂŒckweg wollten mir dann die MĂ€dels aus der Schulgarten-AG ein KrĂ€nzchen aus Löwenzahn aufsetzen. Ich habe das, wie ich finde, geschickt abwenden können: „Ja, Herr S., stimmt! Löwenzahn passt wirklich besser zu blond…“ Die Kollegin von der Schulgarten-AG wird sich gefreut haben. 😉

Hehe.

Problemorientierung – blĂ€ttert das Gold?

(Vor einigen Wochen ging die Meldung durch die Medien, dass ein Angestellter seinen eigenen Job outgesourct hatte. Der hat einfach Chinesen dafĂŒr bezahlt, dass sie seine Arbeit machen und hat sich wĂ€hrenddessen einen netten Lenz gemacht. Und manchmal, wenn ich mir die Klassenarbeitsberge anschaue, wĂŒnschte ich mir das auch… das ist wirklich der nervigste Teil dieses Berufes. Eigentlich sollte ich jetzt korrigieren, anstatt zu schreiben. Und warum schreibe ich diesen sinnlosen Vorspann? Auf zum Thema!)

Problemorientierung – Segen oder Fluch?
Christoph Pallaske hat vor einiger Zeit eine interessante Frage aufgeworfen: Sollte jede Geschichtsstunde problemorientiert ausgerichtet sein? Ich hatte im Referendariat genau zu diesem Thema einmal hier im Blog die Frage formuliert: „Problemorientierung ñ€“ in goldenen Lettern an die Wand ĂŒber den Schreibtisch?“ und dort genau die Position gespiegelt, die Christoph in seinem Artikel in Frage stellt:

Besonders die konkreten Formulierungen fĂŒr mögliche Unterrichtsplanungen fallen (…) oft schwer. (…) Und die Unzufriedenheit wird dadurch, dass die meisten SchulbĂŒcher selbst nur Inhaltsformulierungen vorgeben, nicht kleiner. Gelegentlich spotten Lehramtsstudierende, jedem Inhalt einfach die Formulierung „Fluch oder Segen“ anzuhĂ€ngen.

Nach wie vor finde ich die Problemorientierung sehr wichtig, um Geschichte nicht einfach als Reihe eine Aneinanderreihung von Fakten zu unterrichten und um zu verdeutlichen, dass Geschichte keine einseitigen Wahrheiten verkĂŒndet. DarĂŒber hinaus hilft mir als Lehrer die Problemorientierung dabei, den roten Faden aufrecht zu erhalten und in guten Stunden von einem geeigneten Einstieg ĂŒber eine Erarbeitungsphase hin zu einer Auswertung und einem Transfer des Erarbeiteten bzgl. des Problems zu kommen und nicht irgendwie im luftleeren (Fakten-)Raum zu agieren.

Schwierig wird es nur an einer Stelle: Wie macht man den SchĂŒlern klar, dass da ein „Problem“ besteht, denn warum sollte es SchĂŒler interessieren, ob nun klein- oder großdeutsch, ob der Gang nach Canossa nun demĂŒtigender Kniefall oder geschickter Schachzug oder ob die Demokratie der Athener eher Demokratie oder doch  nur eine Ausgrenzung vieler war? Sind doch alle tot, ist doch alles gegessen. „Aber“, wird da der Fachleiter einwerfen, „mit einem guten Einstieg packen Sie die SchĂŒler sofort!“ „Nein“, entgegnet dann z.B. Lisa in den Kommentaren, „der SchĂŒler muss seine eigenen Fragen und Probleme finden!“ – und irgendwo dazwischen stehe ich als Lehrer und habe auf Christophs Fragen und Lisas mehr als nachvollziehbare Forderung am Ende nur dĂŒrre Antworten, aber vielleicht hat ja hier noch jemand ein paar gute Ideen? Christophs Blog ist fĂŒr Geschichtsinteressierte nĂ€mlich sowieso immer lesenswert.

 

Kein richtiger Geschichtsunterricht im falschen?

„Das können Sie gerne machen, aber verraten Sie mir davon nichts!“, waren ungefĂ€hr die Worte meines Geschichtsfachleiters auf die Frage, was er denn von der Methode des Rollenspiels im Geschichtsunterricht halten wĂŒrde. Es wĂ€re absurd, aus dem Kontext der heutigen Zeit heraus eine historische Perspektive einnehmen zu können.

Mit dieser Haltung passte meine Fachleiter vielleicht nicht in den geschichtsdidaktischen Mainstream, wohl aber zu Hans-JĂŒrgen Pandels Nachwort im Band „Geschichtsdidaktik“, mit dem sich Christoph Pallaske auszugsweise in einem Beitrag beschĂ€ftigt. Pandel nennt diese Form des Unterrichts sogar „falschen Unterricht“. Pallaske relativiert in seiner Randnotiz diese Haltung und verweist darauf, dass eine reine „Abbilddidaktik“ im realen Unterricht an ihre Grenzen stoße und komplexe Inhalte oft altersgemĂ€ĂŸ unterrichtet werden mĂŒssten. Das Absolutsetzen des historischen Verstehens funktioniere nicht im Geschichtsunterricht.

Und genau da trifft Pallaske den Punkt. Denn die Frage, was „falscher Unterricht“ ist, beantwortet sich nicht durch den verengten Blick auf die historische Erkenntnis, sondern durch den Blick auf die SchĂŒler und den historischen Gegenstand. Geschichtsunterricht wird immer dann falsch sein, wenn er die SchĂŒler zugunsten des historischen Gegenstandes ĂŒbergeht. Da viele curricular vorgegebenen historische Themen die SchĂŒler aberÂ ĂŒberfordern, bleibt uns nichts anderes ĂŒbrig als historische VerkĂŒrzung und didaktische Formung.

Man sehe sich aktuelle SchulbĂŒcher der Sek I zur griechischen Antike an: Unter der großspurig formulierten Fragestellung „Was hat das alte Griechenland mit uns zu tun“ finden sich Themen wie die antike Olympiade, die Spartaner oder das Alltagsleben der antiken Griechen. Kaum ein Wort von der attischen Demokratie, den vorangegangenen Reformen, sozialen UmbrĂŒchen oder den zahlreichen griechischen Philosophen und Wissenschaftlern, was der vorgegebenen Fragestellung viel gerechter wĂŒrde als das AngefĂŒhrte. Und das zu Recht, weil elfjĂ€hrige Kinder mit solch komplexen Themen heillos ĂŒberfordert wĂ€ren (Randnotiz: Zur KomplexitĂ€t historischer Texte fĂŒr Kinder weiterlesen bei Daniel Bernsen).

Dass Rollenbiografien helfen können, z.B. diffuse Vorstellungen von „BĂŒrgertum“ zu klĂ€ren; dass gesellschaftliche Hierarchien im Rollenspiel oder durch Standbilder anders erfahren werden können; dass strukturelle Machtverteilung in einer Simulation eingĂ€ngiger dargeboten wird, wenn SchĂŒler selber handeln; all das kann man vielleicht nur dann von der Hand weisen, wenn die eigene Unterrichtspraxis schon Jahrzehnte zurĂŒck liegt. Und wenn man davon ausgeht, dass es immer nur ein „Entweder-oder“ und kein „Sowohl-als-auch“ geben kann.

Minecraft im Geschichtsunterricht?

Blick ĂŒber ein planiertes Minecraft-Gebiet

Das Computerspiel „Minecraft“ ist zur Zeit der absolute Renner bei Jungs in der fĂŒnften Klasse. Im Prinzip ist Minecraft nichts anderes als ein Lego-Spiel mit Klötzchengrafik anno ’98. Der Spieler hat im Kreativ-Modus die Möglichkeit, die zufĂ€llig generierte Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten und ist dabei nur durch Fantasie und die vorhandenen „Legosteine“ begrenzt. Dabei schrĂ€nkt ihn jedoch nur die Art der „Legosteine“ (Wasser, Stein, Erde, Baum, Sand, Glas, Eis etc.), nicht die Anzahl ein, denn Bausteine gibt es in unbegrenzter Anzahl. Trotz der altbackenen Grafik haben Spieler auf der ganzen Welt schon irrwitzige Projekte mit dem kleinen Programm umgesetzt – man beachte z.B. diesen Bau einer Kathedrale im Zeitraffer. Der Clou an Minecraft ist: Man kann kooperativ an Projekten arbeiten. Und hier wird Minecraft vielleicht fĂŒr den Geschichtsunterricht interessant.

Warum nicht architektonisch eher „einfache“ historische Bauwerke nachbauen und dann FĂŒhrungen durch die jeweiligen Bauten organisieren? Mir schweben da spontan eine Ă€gyptische Tempelanlage oder ein römischer Tempel vor. Aktuell gestalten wir in der Steinzeit-AG Höhlen- und Zeltlagermodelle, wieso nicht auch per Minecraft? Auch komplexere Bauwerke, wie eine mittelalterliche Burg könnte man eventuell in GrundzĂŒgen nachbauen. Wenn man mit dreißig SuS an einem Bauwerk arbeitet, dĂŒrfte das – wenn gut geplant – schon ziemlich schnell vonstatten gehen und eine große KlassenstĂ€rke hĂ€tte endlich mal einen handfesten Vorteil.

Ganz neu ist diese Idee nicht, wie ich gerade merke, in Japan hat das Randy Fujimoto versucht und schildert seine Erfahrungen in seinem Blog. NatĂŒrlich fehlt es den Klötzchen an AuthentizitĂ€t, was man bei Fujimotos Lager schnell bemerkt – eigentlich sieht es in den Holzbaracken ja ganz gemĂŒtlich aus.

Schwierigkeiten könnte es auch beim Zeitaufwand geben, denn die GrĂ¶ĂŸe von Projekten könnte schnell unterschĂ€tzt werden. SchĂŒler, die Minecraft nicht kennen, mĂŒssten erst einmal eingewiesen werden, allerdings ist Minecraft sehr schnell erlernbar, meine Tochter war nach wenigen Minuten schon sehr fleißig dabei. Eventuell könnte man Minecraft-begeisterte SchĂŒler auch neben dem Unterricht fĂŒr ein Minecraft-Projekt gewinnen, z.B. fĂŒr eine PrĂ€sentation. Hm. So ganz schlĂŒssig bin ich mir noch nicht – aber ich halte die Idee trotzdem mal hier fest!

(Wer Minecraft einmal ausprobieren möchte, kann sich eine Ă€ltere Version des Spiels kostenlos herunterladen. Ob man eine aktuelle Version nach dem riesigen Erfolg noch kostenlos beim Hersteller bekommt, erfĂ€hrt man wohl erst nach der Registrierung…)

Bildarchiv Westfalen

Ein schneller Linktipp fĂŒr die (westfĂ€lischen) Geschichtslehrer unter uns: www.bildarchiv-westfalen.lwl.org

Habe ich heute wĂ€hrend einer Fachgruppensitzung erfahren und da stĂ¶ĂŸt man wirklich auf schöne BilderschĂ€tzchen. Man kann eine Suchmaschine bemĂŒhen oder sich thematisch durch die Bilder klicken und z.B. nach „Arbeit und Beruf“ suchen, „Alltagsgegenstand“, „Architektur“ usw. Das ist toll, wenn man sich ĂŒberlegt, wie teuer ein Bild aus einem normalen Archiv ist, da bezahlt man schon stolze SĂŒmmchen. Betrachtet man die Konditionen des Archivs, so sind diese nicht minder teuer, aber zumindest die Verwendung im Unterricht ist gestattet:

Kostenloser Download

FĂŒr Unterricht und Bildungsveranstaltungen gestatten wir den Gratis-Download als JPG-Datei in 72 dpi mit integriertem Wasserzeichen „© LWL-Medienzentrum fĂŒr Westfalen“. Dieser Bildquellennachweis ist bei jeder Bildnutzung mitzufĂŒhren. Ein Genehmigungsantrag oder Nutzungsbeleg (Pkt. 2, 6) ist fĂŒr obigen Nutzungszweck nicht erforderlich. Ein Anspruch auf den kostenfreien Bezug höherwertiger Bildreproduktionen besteht nicht.

Tolle Ideen verschĂŒtt gehen lassen?

Es gibt wirklich so viele tolle Ideen, wie man den Unterricht abwechslungsreicher und interessanter gestalten könnte. Meistens haben diese Ideen jedoch den „Pferdefuß“, dass man sie im Rahmen normaler (d.h. ministerial vorgesehener) Unterrichtszeit kaum einsetzen kann. So bin ich schon öfter auf die Idee gestoßen, dass man im Geschichtsunterricht doch bestimmte Themen von den SchĂŒlern im Rahmen des Fernsehformats Tagesschau oder Ähnlichem umsetzen lassen könnte. Eine Redaktion erarbeitet dann ein fest umgrenztes Thema und gestaltet dazu eine vollstĂ€ndige Moderation mit Kartenmaterial, erklĂ€renden Grafiken und selbstverstĂ€ndlich sollte alles sachlich geprĂŒft und nichts erfunden sein. Um das Ganze spannender und multiperspektivischer zu machen, könnte man sogar das gleiche Thema von verschiedenen „Tagesschauen“ (z.B. den Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus österreichischer und russischer Sicht)  erklĂ€ren und einordnen lassen. Klar ist das anachronistisch, aber vor meinen SchĂŒlern bin ich eben nicht nur Historiker, sondern als Erstes(!) PĂ€dagoge und Didaktiker. Wenn ich also die sonst bei politischen Themen wegschnarchenden drei-viertel der Desinteressierten mit einem solchen Konzept motivieren kann, ist es mir den Anachronismus wert.

Bleibt – besonders in der SekII –  der verdammte Pferdefuß! Ich habe schlicht keine Zeit fĂŒr solche Sperenzchen! Das Abitur drĂŒckt, die Vorgaben scheinen endlos und die Klausurtermine sind immer viel zu knapp gelegt. Wie in drei Teufels Namen soll ich so abwechslungsreichere Methoden als das ĂŒbliche Karikaturen-Auflegen oder das Textquellen-Analysieren einsetzen? Am Ende des Schuljahres, wenn noch Zeit sein sollte, quasi als „Zugabe“, als „Bonbon“ – wenn schon der letzte Rest an Motivation hinwegunterrichtet wurde? Das Einzige, was mir heute dazu einfĂ€llt, ist, dass man solche Projekte eventuell aus dem Unterricht hinausverlagern und die SchĂŒler solches in ihrer Freizeit umsetzen lassen muss. Das hĂ€tte dann den Charakter von Referaten oder Facharbeiten, die ja auch zu Hause erarbeitet werden. Oder hat jemand von euch eine andere Idee, wie man kreativere, zeitaufwĂ€ndigere Unterrichtsvorhaben im Unterricht umsetzen kann?

Oder muss man tolle Ideen einfach zwangslĂ€ufig verschĂŒtt gehen lassen?

Soldaten – ein erster Eindruck

432 Seiten. Sachtext. Ohne Literaturangaben. Und ich pflĂŒge förmlich hindurch, denn Sönke Neitzel und Harald Welzer haben sich redlich und erfolgreich MĂŒhe gegeben, ihren umfangreichen Band „Soldaten. Protokolle vom KĂ€mpfen, Töten und Sterben“ lesenswert zu gestalten. Das liegt zum einen am Stoff selbst, zum anderen aber auch an der lebendigen und immer sehr anschaulichen und klaren Art des Schreibens. Die Autoren verzichten auf umstĂ€ndliches Wissenschaftsgeschwurbel und kommen direkt zum Punkt, verzichten auf Fremdwortkaskaden und  erlĂ€utern immer dann, wenn es angebracht ist.

Der Stoff aus dem die Quellen sind – Abhörprotokolle
Zum Stoff. In der Monographie beschĂ€ftigen sich der Historiker Neitzel und der Sozialpsychologe Welzer mit britischen Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener seit September 1943. Das Besondere an diesen Abhörprotokollen ist, dass die Kriegsgefangenen bei ihren GesprĂ€chen nicht wussten, dass sie abgehört wurden, sodass im Ergebnis Geschichtsquellen entstanden sind, die in ihrer UnverfĂ€lschtheit ihresgleichen suchen dĂŒrften. Wie normal war also Gewalt fĂŒr die deutschen Soldaten, wie sprachen sie untereinander ĂŒber GrĂ€ueltaten, wie gerierte man sich selbst, sah man sich gar zu Rechtfertigungen gezwungen? Diesen Fragen gehen Neitzel und Welzer nach und versuchen mithilfe der bis dahin unbekannten Dokumente einzuordnen, ob die deutsche Wehrmacht durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus besonders brutalisiert war.

Der Referenzrahmen – Die Welt der Soldaten
Zuvor definieren sie allerdings den „Referenzrahmen“ innerhalb dessen die Wehrmachtssoldaten gehandelt haben (mĂŒssten), sprich: Sie versuchen die Frage zu beantworten, wie es dazu kommen konnte, dass gutmĂŒtige MĂ€nner zu mordenden MĂ€nnern wurden; versuchen zu ergrĂŒnden, innerhalb welcher „Welt“ die Soldaten gedacht und gehandelt haben, welche MaßstĂ€be in dieser Welt galten, welche Grenzen diese Welt den Soldaten auferlegte – und was das spezifisch Nationalsozialistische an dieser Welt war.

Dieses Vorgehen bietet den Vorteil, nicht mit einem normativ und moralisch verstellten Blick an die Quellen heranzugehen, denn man versucht zunĂ€chst, die Sichtweise der TĂ€ter zu rekonstruieren und zu verstehen, warum sie in bestimmten Situationen so grausam handelten. Beispielsweise wird anhand mehrerer Aussagen von Jagdfliegern gezeigt, dass diese eher sportlichen Ehrgeiz entwickelten, ideologische Aspekte hingegen keine Rolle zu spielen schienen. Es ging also nicht darum, „Untermenschen“ zu vernichten und dem Endsieg zu dienen, sondern simpel AbschĂŒsse zu sammeln – Ă€hnlich wie bei „Frags“ in modernen Computerspielen. Der Referenzrahmen war hier also weniger ideologisch bzw. nazistisch definiert, als vielmehr bestimmt vom Alltag, von der „Arbeit“ im Kleinen, dem „Spaß“, soweit der im Rahmen des kriegerischen Umfelds einer Gruppe hierarchisch organisierter Soldaten möglich war.

So sinnvoll das Rekonstruieren des Referenzrahmens der Soldaten ist, so erfordert eine wissenschaftliche Ausblendung des Normativen dennoch den Balanceakt zwischen einer Relativierung auch massiver Gewalttaten, denn jeder TĂ€ter hat irgendeinen „guten“ Grund, Gewalt auszuĂŒben, und einer moralisch-normativen Bewertung. Der Referenzrahmen wird sonst schnell zum Legitimationsrahmen, zur Entschuldigung des Einzelnen, der dann ja kaum anders konnte, als innerhalb seines Referenzrahmens zu handeln. Eingeholt wird das Moralisch-Normative dann immer wieder durch die Aussagen der Soldaten selbst, z.B. wenn ein Soldat, selber Vater zweier SĂ€uglinge, davon berichtet, dass er mit ruhiger Hand wagenweise Frauen und SĂ€uglinge erschossen hat oder wenn ein Soldat von dreijĂ€hrigen Kindern berichtet, die, am Schopf hochgehalten, mit der Pistole erschossen und anschließend in MassengrĂ€ber geworfen wurden.

Neitzel und Welzer bleiben jedoch nicht allein bei der Wehrmacht stehen, sondern vergleichen mit spĂ€teren Kriegen und auch z. B. mit der Episode um die amerikanische Hubschrauber-Crew, die eine Gruppe Zivilpersonen und den Reuters-Fotografen Namir Noor-Eldeen erschossen hat und untersuchen auf ihre Methode das GesprĂ€chsprotokoll dieses Angriffs. Mit welchem Ergebnis, das lasse ich hier offen, denn die 4,50€ bei der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung sind wirklich gut angelegt. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen.

Holocaust im Comic

Oha! Geschichtslehrer und Comicinteressierte aufgemerkt: Die SĂŒddeutsche berichtet ĂŒber eine Ausstellung zum Thema „Holocaust im Comic“, die aktuell in MĂŒnchen besucht werden kann. Das ist prima, weil nun alle MĂŒnchener hingehen und sich die Ausstellung einfach ansehen können. Da MĂŒnchen fĂŒr mich allerdings eine 700-Kilometer-Reise bedeutet, behalte ich es mir vor, einfach alle in der Klickstrecke genannten Comics herauszuschreiben und mir diese bei Gelegenheit zuzulegen. Diese Geschichtsarbeit im Comic fasziniert mich immer mehr, weil Comics einfach eine so völlig andere Art der Auseinandersetzung und Bewertung mit historischen GegenstĂ€nden ermöglichen als die „typischen“ Geschichtsquellen – und -texte. Gleichzeitig fordern sie durch die grafische Darstellung fast automatisch zur Bewertung auf: Ist das Thema angemessen umgesetzt oder zu provokant oder zurĂŒckgenommen? Zu realistisch oder zu abstrakt? WĂ€hrend Schrifttexte gerne als „Wahrheit“ gesehen werden, bieten Comics viel leicht nachvollziehbare AngriffsflĂ€che, um ĂŒber die Auseinandersetzung mit Geschichte nachzudenken und sind damit eigentlich perfekt geeignet fĂŒr den Geschichtsunterricht!

Hier nun die Liste:

  • Äch bin wieder da! Text/Zeichnung: Walter Moers. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag, 1998.
  • Der Schrei nach Leben Band 2: Das Ghetto, Text: Patrick Cothias, Zeichnung: Paul Gillon, comicplus+ Verlag Sackmann und Hörndl, Hamburg 1988.
  • Der Weg des Königs Band 1: Vom Tod zum Leben, Text: Jean Annestay, Zeichnung: Jacques Armand. Hamburg: Carlsen Comics, 1992.
  • Auschwitz. Text/Zeichnung: Pascal Croci. Köln: Ehapa Verlag, 2005
  •  Zwischen den Fronten, Text/Zeichnung: Osamu Tezuka, Carlsen, Hamburg 2006.
  • Braun, Text/Zeichnung: Emmanuel Guibert. Sonneberg: Alpha Verlag, 1995

Einen Sammelband zur Ausstellung gibt es auch (fĂŒr happige 36€):

Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics; Ralf Palandt (Hrsg.); Sammelband; Archiv der Jugendkulturen Verlag; Berlin 2011; 36,- Euro; ISBN 978-3-940213-62-4

Wehler fĂŒr sieben Euro

Was ein GlĂŒck, dass es Referendare gibt, die immer auf der Suche nach Material sind. Da erzĂ€hlte mir gestern, ganz nebenbei, eine Referendarin, dass sie zwei BĂ€nde von Wehlers Gesellschaftsgeschichte fĂŒr „so um die 6 Euro pro Band“ gekauft hĂ€tte, worauf ich ihr spontan und unwillkĂŒrlich innerlich einen Vogel gezeigt habe, da ich alleine fĂŒr meinen Band knapp 50 Euro bezahlen durfte. Ja, meinte sie, wenn man bei der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung bestelle… Was ein Ärger, denn da habe ich ja schon ewig nicht mehr vorbeigeschaut!

Und tatsĂ€chlich gibt es dort „meinen“ Band mal eben 43 Euro gĂŒnstiger. Da habe ich mir den Nachfolger gleich fĂŒr 7 Euro bestellt und schwöre, dass ich jetzt wieder öfter bei der bpb vorbeisurfe.