Edel-Rechner

Wie Heise berichtet, gibt es wohl gerade „Streit um Edel-Rechner für NRW-Mathe-Unterricht“. Meine erste Vermutung, dass alle Schüler sich ab dem neuen Halbjahr den neuen Mac Pro auf den Rücken schnallen müssen, bestätigte sich leider nicht, stattdessen beschweren sich einige Eltern über einen 80€ teuren Taschenrechner. Warum nicht für 20€ mehr ein Tablet genommen hätte. Also, ich bin mir sicher, es findet sich mittlerweile auch ein Tablet für unter 80€.

Habe letztens das seltene Vergnügen einer Mathe-Klausuraufsicht gehabt. Die Schüler an meiner Schule haben auch grafikfähige „Edel-Rechner“. Das Erste, was der Kollege vor dem Austeilen der Arbeitsblätter sagte, war etwas wie:„Und jetzt resettet den Speicher eurer [Edel-Rechner]!“, gefolgt von einem allgemeinen Seufzen. Offensichtlich hätte man mit dem Inhalt des Speichers wundervoll schummeln können.

Wie schön das wäre, hätte man ein Billig-Tablet, das man nicht resetten kann, wo man evtl. sogar chatten kann oder sich durch Mathe-Foren wühlen kann. Aber was, wenn der Technikschrott dann abstürzt, der Akku arg nachlässt und die Geschwindigkeit… sollte man dann nicht gleich ein „Edel-Tablet“ kaufen?

Und wer einmal sehen will, wie das aussieht, wenn Schulen medienwirksam „Edel-Tablets“ in Prüfungssituationen einsetzen, dann sollte man sich unbedingt den Vortrag von Jöran Muuß-Merholz auf dem letzten CCC-Kongress anschauen. Sehr amüsant, was man da alles mit den Edel-Tablets macht!

(Nebenbei: Ich hatte nie einen grafikfähigen „Edel-Rechner“ und der Gebrauch einer Formelsammlung während Klausuren war gewiss unter Todesstrafe gestellt.)

Vom „digital naive“ zum neuen Bürger?

Evgeny Morozov stellt im Interview mit der FAZ dar, warum er eine Historisierung der Entwicklung des Internets für wichtig hält, warum er lieber von „Digitalität“ statt vom „Internet“ spricht und was das alles mit einer möglichen Zukunft zu tun hat (via @schb).

Wenn ich die Debatte historisiere, kann ich Wege entdecken, wie das Internet ganz anders hätte aufgebaut werden können. Es ging nicht um Demokratie und Zugang. Unternehmen haben für uns definiert, wie die Infrastruktur intellektuell und technologisch aussehen sollte. Die Öffentlichkeit hat das akzeptiert und muss nun die Konsequenzen tragen. (FAZ)

Die Vermessung des Menschen

Sehr lesenswert, vielleicht auch, weil es ein wenig deutlich macht, wie wichtig es ist, sich Gedanken um diese digitale Welt um uns herum zu machen. Die Kolleginnen schauten mich letztens wie einen Marsmenschen an, als ich zum Ausdruck brachte, dass ich mir sehr wünschen würde, dass eine Partei wie die Piraten im Parlament derartige Themen auf den Tisch bringen würde. Naja, so denkt der langhaarige Nerd eben, will ’ne Computerspielepartei im Parlament, ein Internetfreak halt, dabei gibt es doch Seriöseres, mögen sie sich gedacht haben. Dabei hat uns die Digitalität schon längst im Griff.

„Präemptives Regieren“, wie so plastisch im Film „Minority Report“ dargestellt, gibt es schon und findet Ausdruck in grausamen Morden durch amerikanische Drohnen. Doch nicht nur Regierungen (und ich spare mir jetzt Ausflüge zu Prism, Tempora und NSA sowie GHCQ) nutzen die neuen Möglichkeiten von Big Data: Eine hemmungslose digitale Vermessung ist in den Bereichen Gesundheit und Finanzen schon lange im Gange. Und es geht weiter: Mit der neuen Xbox stellen sich die Käufer ein Gerät in ihre Kinderstuben und Wohnzimmer, das ganz unverhohlen einräumt, seine Benutzer abzufilmen und die Ergebnisse auszuwerten. Auch das Fernsehverhalten wird komplett überwacht, die Televisoren Orwells sind nicht mehr weit entfernt. Ranga Yogeshwars Befürchtung, dass Kameras anhand der Reaktion der Pupille erkennen können, welche Stelle im E-Book ihn anspricht, ist technisch keine Utopie mehr, wie viele beim Lesen des Erfahrungsberichts gedacht haben mögen.
Dass Facebook die – vermutlich aus gutem Grund – privat geschalteten Profile seiner Nutzer vor wenigen Wochen leichtfertig alle öffentlich geschaltet hat, zeigt einmal mehr, wie wenig Bedeutung der einzelne Nutzer im Rahmen von Big Data hat. Und wohin entwickelt sich dieses Datenungetüm, wenn immer mehr „smarte“ Gegenstände, von Handys über Navigationsgeräte und Uhren bis hin zu Kühlschränken, unsere Lebenswelt bestimmen?

Digitale Bürger

Morozov wünscht sich „Konsumenten […], die sich jedes Mal in Bürger verwandeln, wenn sie Daten preisgeben müssen“. In einem anderen Artikel „Ideologie des Datenkonsums: Der Preis der Heuchelei“ fordert er:

„Digitale Themen müssen Sache der Mainstreampolitik werden, wir dürfen sie nicht allein den Piratenparteien oder ihren Nachfolgern überlassen. Wir können das Internet nicht mehr in der Art eines Ressorts wie etwa „Wirtschaft“ oder „Umwelt“ behandeln und hoffen, dass sich dort Sachkompetenz herausbildet. Konkrete Themen wie „Privatsphäre“ oder „Subjektivität“ müssen diskutiert werden. Ein so hehres Ziel wie „Internetfreiheit“ können wir vergessen – es ist eine Illusion, der hinterherzulaufen sich nicht lohnt. Wir müssen vielmehr Umgebungen schaffen, in denen die reale Freiheit weiterhin gehegt und gepflegt wird.“

Darin stimme ich Morozov von ganzem Herzen zu.

Aufklärung für „digital naives“

Und wir stehen als Lehrer mittendrin in dieser Entwicklung. Doch was ist uns wichtig? Sollten wir uns wirklich so laut aufregen über den lächerlichen Versuch von behördlichen Facebook-Regulierungen, und sollen wir in unserem schulischen Medienmangelbewusstsein die digitalen Medien weiterhin so heillos überhöhen – oder sollten wir unseren Schülern nicht vermitteln, wie heikel und riskant diese bunte, hübsch bewegte digitale Wirklichkeit auch sein kann? Wollen wir die als „digital natives“ überhöhten „digital naives“ sehenden Auges ins offene Messer laufen lassen und sie in der Illusion belassen, eine andere digitale Welt abseits von Facebook und Google sei nicht möglich? Oder sollten wir vielleicht langsam anfangen, Digitalität und Demokratie zum Thema zu machen? Und ein anderes Internet zu denken versuchen?

Zur Bezahlung von Lehrern und falsche Lehrer in Kollegien

Heute zwei sehr lesenswerte Links:

Bezahlung von Lehrern

Als Erstes zu einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel Bezahlung von Lehrern – Lohn der Leistung, in welchem der Lehrer Arne Ulbricht erklärt, warum er für eine leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern ist. Besonders lesenswert ist der Kommentar, weil Ulbricht erklärt, wie er sich eine leistungsbezogene Bezahlung vorstellt und warum er dann eher weniger verdienen würde. Zum Thema auch mal bei Herrn Rau vorbeischauen und die 134 Kommentare lesen…

Lehrer loswerden

Der zweite Link führt zu einem Interview der Berliner Zeitung (via Lisa Rosa) mit einem Berliner Schulleiter, der deutlich fordert, ungeeignete Lehrkräfte ziemlich schnell loszuwerden:

 Aber es kann auch am Unterricht des Lehrers liegen, der nicht funktioniert. Gerade vergangenes Schuljahr wollte ich deshalb mehrere Kollegen loswerden. Aber das geht nicht so einfach.

 

Aussichtslos, Bildungsrecherche

Schöne Aussichten…

Gemein! Ab Montag bin ich auf Klassenfahrt und die Wetterdienste drohen mit 90% Regenwahrscheinlichkeit – jeden Tag! 🙁

Die große Bildungsrecherche

In der Süddeutschen gab es offensichtlich eine zwanzigteilige „Bildungsrecherche“ – und niemand in meinem digitalen Umfeld kommentierte die. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviele Personen das sind und dass eigentlich in der „Bubble“ schlichtweg alles kommentiert zu werden scheint. Liegt’s am Bedeutungsverlust der etablierten Medien, am Bedeutungsverlust der SZ-Online oder liegt’s einfach nur daran, dass Interviews wie das mit Friedrich Denk ein derart weltfremdes Bild bieten, dass sich das Kommentieren kaum lohnt?

Kurz gefasst geht es um Lesekompetenz, Jungs und Mädchen, Geschlechtsteil-Literatur, süchtigmachende Computerspiele sowie  verdummende Tablet-Computer. Modernes ist doof, Neues abzulehnen und für die literarische Thematisierung aktueller Jugendprobleme eignet sich am besten die Literatur des 19. Jahrhunderts. Kinder sind von Natur aus keinesfalls wissbegierig und Jungs lediglich sexfixiert. Nicht zu vergessen die Rechtschreibreform, hach, das Leben ist schon schwer… damals…

Denken lernen

Musste während des Lesens des Interviews an Lisa Rosas aktuellen Beitrag zum „Denken lernen lehren“ denken. Wie unterschiedlich Verve und Sicht auf die Menschen. Wie miesepetrig und rückwärtig Denk, wie positiv und vorausblickend Lisa. Während der eine „Irrwege“ beim Selberdenken beklagt, werden diese auf der anderen Seite als Chance für das Entwickeln eigenen Denkens gesehen. Wo Denk das Lernen des Richtigen fordert, beharrt der entgegengesetzte Ansatz darauf, dass „das Richtige“ veränderlich ist, und auch die Bedingungen und Voraussetzungen des eigenen Denkens immer wieder offengelegt und hinterfragt werden müssen.

Tut man das nicht, besteht ernsthafte Gefahr, in einer Zeitschleife im 19. Jahrhundert hängenzubleiben und zu verpassen, dass die alten Diskurse währenddessen weitergesponnen wurden.

Hirnforscher Hüther – reiner Popanz? (ergänzt)

Es ist noch nicht allzu lange her, als Gerald Hüther mit seiner „Schule im Aufbruch“ auch durch Bielefeld reiste. Eine freundliche Mutter hatte mich per Mail auf Hüthers Projekt aufmerksam gemacht, leider war mein Wochenende kurz vor den Zeugniskonferenzen vollständig mit Korrekturen belegt. Ich hätte mir Hüther durchaus gerne angeschaut. Folgt man dem ZEIT-Artikel „Die Stunde der Propheten“, der heute auch online erschienen ist, so fußt Hüthers öffentliche Reputation jedoch mehr auf Schein als Sein. Autor Martin Spiewak geht hart mit ihm ins Gericht:

„Totes Holz“

So wird Hüthers wissenschaftlicher Leumund als „Hirnforscher“ in Frage gestellt. Hüther sei weder ordentlicher Professor, noch könne er auf empirische Forschung zum Thema Schule verweisen. „Hirnforschung“ sei alleine das Zauberwort, dass der „Wunderdoktor“ Hüther als letzte Begründung bemühe.

Eine fruchtbare Verbindung von Neurowissenschaft und Didaktik zweifelt Spiewak an, indem es auf Hüthers marginale Rolle an der Universität Göttingen verweist. Weder im Graduiertenkolleg noch im Exzellenzcluster sei Hüther aktiv, lediglich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie werde er neben anderen geführt. Hüthers „Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung“ bestehe aus dem „Zimmerchen“ Hüthers, gehöre nicht zur Hochschule und sei mittlerweile aufgelöst. Seine Publikationen seien, trotz ihrer Vielzahl, unbedeutend für die neurobiologische Forschung. Auch da, wo Hüther ernsthaft geforscht hat, unterstellt ihm der Autor magere Ergebnisse und bezeichnet ihn indirekt als „totes Holz“, da er sich kaum für die Universität oder die Forschung engagiere. Bestenfalls rhetorisches Talent wird Hüther zugestanden.

Spiewak hält auch Hüthers Bildungsthesen für Illusion:

Die Bildungsprediger nähren alle dieselbe Illusion. Mit Verweis auf die Hirnforschung suggerieren sie: Kinder wollen lernen – aber die Schule hindert sie daran. Das Problem, dass englische Vokabeln oder der Dreisatz anders gelernt werden müssen als Krabbeln und Laufen, lösen die Bildungsgurus in pädagogischer Poesie auf. Für Hüther heißen die zentralen Metaphern „Begeisterung“ und „Potenzialentfaltung“. In jedem Vortrag kommen sie vor. Denn was man mit Begeisterung lerne, bleibe hängen, sei „Dünger fürs Hirn“.

Ich spare mir das Wiederholen von Spiewaks Ergebnissen zum Einfluss auf Politik, zu verwickelten Netzwerken und Warnungen des Sektenbeauftragten der katholischen Kirche. Zusammenfassend bleibt der Eindruck, dass besonders Hüther für Spiewak ein Popanz darstellt, hinter dessen rhetorisch hochmontierter Fassade nur wenig Substanz zur greifen ist.

Offene Fragen

Bleibt jedoch die Begeisterung, die Hüther nicht nur unter Eltern auszulösen vermag! Was ist nun mit den Bildungs-„Propheten“? Verkannt im eigenen Land und Verkünder unbequemer Wahrheiten?

  • Sind die neuen Bildungspropheten einfach nur gute Selbstvermarkter oder ist es ihnen ernst mit ihren Themen?
  • Wenn Hüthers Reputation so mager sein sollte, wie von Spiewak ausgeführt, kann oder sollte man ihn dann als Bildungsexperten ernst nehmen? Genügt das Aufzählen alter reformpädagogischer Ideen, um als Bildungsexperte zu gelten?
  • Gibt der Erfolg (bei Eltern, Lehrern, Schulleitern) ihm recht oder bedient er nur geschickt Sehnsüchte und Wünsche von einem leichten, spielerischen Lernen, die in der aktuellen Situation zwischen G8-Einführungen, vermehrten Zentralprüfungen und Notendruck auf fruchtbaren Boden fallen?
  • Oder stemmt sich hier einfach ein altes, überkommenes System gegen neue, moderne Ideen, die sein Ende bedeuten würden?

 

Ergänzungen

Ich ergänze hier einmal, was auf Twitter oder in anderen Blogs zum Thema diskutiert wird.

  • Frau Ella kommentiert aus der Sicht der Referendarin, der die Alltagsfremdheit der Bildungspropheten gehörig auf den Keks geht.
  • Auf Twitter kreist eine Debatte rund um die Bedeutung (und Dilemmata) von „Studien“, „Empirie“, „Offenbarungen“ und ihren Gegenständen.

Einserinflation durch Kuschelpädagogik?

Generation Überflieger“(MP3) heißt der Titel des letzten Tagesgesprächs bei WDR5, in dem es um die angebliche Inflation der sehr guten Noten in NRW geht. Die NRW-CDU mutmaßt hinter der moderaten Steigerung der Absolventen mit einer 1,0 von 1,46% auf 1,55% sogar den bösen Einfluss der allgegenwärtigen „Kuschelpädagogik“. (Was hätte die CDU wohl gesagt, wäre das Ergebnis anders herum ausgefallen?)

Irgendwie passt das Ergebnis zu den Klagen, die jungen Leute von heute seien zu angepasst und strebsam. Die Shell-Studie 2010 fasst es positiver und spricht von einer „starke[n] Leistungsorientierung“. Die Anrufer des Tagesgesprächs haben aber wenig Gutes über die angehenden Studenten zu sagen. „Studierunfähig“ seien die, und sie beherrschten die Rechtschreibung nicht (sogar manche Doktoranden!). Einfach einmal selber reinhören.

Abitur versemmelt

Im ersten Moment scheint es unglaublich, aber es scheint tatsächlich wahr zu sein: In Schweinfurt hat eine vollständige Klasse von 27 Schülern einer Privatschule das Fachabitur nicht geschafft:

 Heuer standen erstmals Prüfungen zum Fachabitur an. Im Schriftlichen fielen alle 27 Schüler durch. Die mündlichen Prüfungen laufen noch.

Problematisch sei gewesen, dass nur die Prüfungsergebnisse und nicht die Noten aus dem Schuljahr gezählt hätten. Der „Notendruck“ habe gefehlt, Schulaufgaben seien nach Minuten abgegeben worden. In einigen Fächern sei „nur ein Achtel bis ein Drittel des Stoffes des Lehrplans behandelt“ worden.

Krass.

Links zu Schulleitern, Strebern und Chaoten

Zur Zeit scheinen Artikel über Schule hoch im Kurs zu stehen. Würde gerne einige kommentieren, aber komme gerade nicht dazu, darum hier nur die Links:

Alle aus etablierten Medien, und alle verdienten noch einen Kommentar, aber mir fehlt gerade die Zeit und der Kopf dafür. Genieße lieber die Sonne und schlürfe ein Glas Wein. 😛

 

Vogelperspektive gewinnen durch LDL?

Maik Riecken und Jean-Pol Martin haben aktuell zwei interessante Impulse in diese Debatte um der, die, das richtigste, wichtigste und beste Methode, Konzept und Ideengebilde gegeben. Letztlich kommen beide zum (altbekannten) Ergebnis, dass man Gelerntes konzeptualisieren können muss. Maik verwendet in seinem Artikel „Was bedeutet für mich Bildung?“ die Metapher des Lagers für das Lernen und argumentiert, dass man insbesondere zwischen Struktur und „Paketen“ (Inhalten) trennen müsse, und dass der Strukturerwerb ebenso wichtig sei wie der Erwerb von Inhalten. In meinen Worten zusammengefasst sagt Maik, dass einzelne Inhalte („1871 besiegt der Norddeutsche Bund Frankreich“) wertlos sind, solange diese Inhalte nicht strukturell eingebettet sind (z.B. in die europ. Ereignisgeschichte des 19.Jh., Mentalitätsgeschichte, Selbstbilder/Fremdbilder usw. ). Mein alter Lateinlehrer nannte das immer „Vogelperspektive“ einnehmen. Von oben auf die Dinge schauen, Distanz wahren und Zusammenhänge wahrnehmen, was aber beileibe nicht trivial ist.

Konzeptualisieren mit LDL
Auch Jean-Pol Martin verweist in seinem Beitrag auf diesen Zusammenhang zwischen Inhalt und Struktur und behauptet, ein Flow-Erlebnis sei nicht allein durch das Verarbeiten von  Informationen, sondern nur durch die Kontrolle über die Information möglich, welche sich in gelungener Konzeptualisierung ausdrücke. Also wieder die Vogelperspektive, und Jean-Pol gibt ein schönes Beispiel, wie man die Vogelperspektive auf Hegel gewinnt. Doch wie soll man das im Unterricht fruchtbar machen?

An dieser Stelle kommt vielleicht das besonders von Jean-Pol Martin propagierte „Lernen durch Lehren“ (LDL) ins Spiel. Auf die Schwierigkeit des selbstständigen Konzeptualisierens in Schule angesprochen antwortete Jean-Pol auf Twitter:

Man kann an Jean-Pols fünf Punkten gut nachvollziehen, wie das Konzeptionalisieren ablaufen kann; wichtig ist dabei, dass es am Ende „zur Handlung dräng[t]“, im Kontext des LDL also in das Bedürfnis mündet, das eigene Wissen weiterzugeben, anzuwenden, auszuprobieren. Und das nicht nur für eine Prüfung, sondern bestenfalls in Auseinandersetzung mit der Welt.

Daniel Bernsen zieht in seinem Blog gerade ein durchaus positives Fazit bezüglich seines LDL-Versuchs in einer 8.Klasse. Ob LDL Schülerinnen und Schülern eher dabei hilft, die Vogelperspektive zu gewinnen, wird sich wohl nur dann zeigen, wenn man es einmal ausprobiert. Daniel Bernsen zeigt, dass es funktionieren kann.

Lose Fäden
Ein paar lose Fäden / Anmerkungen hätte ich noch:

  • „Konzeptualisieren“ ist ein alter Hut. 😀
  • Fehlt in Schule das Konzept „fächerübergreifender Unterricht“, dass so wenig konzeptualisiert wird? Wäre nicht sogar ein Auflösen des Fachunterrichts nötig für eine Konzeptualisierung? Oder müsste gar stärker im Fachunterricht von Lehrerseite diese Konzeptualisierung vorgeführt werden? Oder von Schüler zu Schüler unterschiedlich? Liegt es nicht auch an der entwicklungspsychologischen Entwicklung der SuS, ob sie in der Lage sind, Inhalte aus der Vogelperspektive zu betrachten und zu verbinden? Alte Fragen, aber klar ist da noch nichts (auch wenn einige den Stein der Weisen gefunden zu haben vermeinen).
  • Wenn man „rastlos“ konzeptionalisiert, was schulisch bedeuten würde, in allen Fächern die Vogelperspektive einzunehmen, käme man dann nicht wieder zu einem „Universalwissen“, würde man nicht Jugendliche (und Erwachsene) mit diesem Anspruch heillos überfordern, lauter Leonardo da Vincis und Wilhelm v. Humboldts des 21. Jahrhunderts zu sein?
  • Daran schließt wieder die Frage an, was zu lernen denn nun nötig ist. Antwortet man nun mit dem Radikalen: Das, was Sinn stiftet! Oder mit dem Radikalen: Das, was für nötig erachtet wird!