Klassenraum

A lot!

Die Klassengröße, unendliche Weiten, unendliche Diskussionen, ein Dauerbrenner. Alleine heute, an diesem furchtbar stürmisch und regnerischen Morgen, begegnete mir das Thema Klassengröße schon bereits zweimal: Zum ersten Mal, als ein Didaktik-Professor in einem Radiofeature erzählt, dass der gute Comenius schon behauptet habe, ein guter Lehrer könne leicht bis zu 100 Schüler gleichzeitig unterrichten. Sollten sparbegierige Bildungsministerinnen hier mitlesen, dann sei ihnen gleich gesagt, dass meine zweite heutige Begegnung mit dem Thema Klassengröße weniger erfreulich für Sparpolitiker war.

Die Washington Post (via) berichtet von einer Studie (pdf), die zu gänzlich anderen Ergebnissen kommt als hanebüchene Aussagen, die vom Bildungsministerium präsentiert werden (lesen und lachen). Der Titel formuliert das Gegenteil von dem, was in der letzten Zeit so durch die Medien gereicht wird: „Class size matters a lot, research shows“. Im Weiteren nennt der Artikel die Aspekte, auf die die Klassengröße wesentlichen Einfluss hat. Folgt man der Studie, so hat die Klassengröße einen direkten Einfluss auf die Lernergebnisse der Schüler; unter gleichen Bedingungen schneiden größere Klassen schlechter ab. Wie so oft leiden besonders sozial schwache Schüler unter zu großen Klassen, umgekehrt können gerade diese Schüler von kleineren Klassen profitieren (OECD, PISA, ick‘ hör euch trappsen, Frau Löhrmann). Überdies sollen kleinere Klassen auf lange Sicht gesellschaftliche Kosten einsparen, ich tippe auf Kosten für Kriminalität, ungesundes Verhalten etc., leider wird die Washington Post da nicht genauer.

Offen bleibt: Was wäre denn eine empfehlenswerte Klassengröße?  Weiterhin müsste man sich noch einmal das Studiendesign anschauen. Schade auch, dass auch hier über Klassengröße wieder nur output-orientiert diskutiert und dabei die offizielle Lieblings-Buzzphrase „Lebensraum Schule“ (immer mit bunten Blümchen und Bildern von glücklichen Hühnern Schülern denken) gerne vergisst, wäre übrigens ein weiterer Aspekt, den man bei der Diskussion über Klassengröße ins Auge fassen sollte.

 

Der Digital Education Day 2015 – #ded15

IMG_6985Voll, voller, Domplatte am Samstag! Was für ein Gedränge, was für Menschenmassen. Da kommt man sich als Bielefelder „Großstädter“ ganz klein mit Hut vor. Bevölkere nun unzählige Selfies fremder Menschen, habe einem Pärchen zum Küssen verholfen und war währenddessen auf der Flucht vor unzähligen Jungesellinnenabschieden, denn 30% der auf der Domplatte befindlichen Frauen schien mit Vierzigprozentigem angefüllt. Aber alles harmlos, was ein Glück, dass die Hogesa-Spinner erst Sonntag kommen!

Doch eigentlich war ich nicht in Köln, um mir die Menschen auf der Domplatte anzuschauen, sondern um mich über digitale Medien zu informieren, denn man hatte zum „Digital Education Day 2015“ gerufen, und da Köln in Schlagweite liegt, war ein Besuch mehr als angebracht… und lohnend!

Das liegt zum einen am offenen Format des Barcamps, das ja auch „Unkonferenz“ genannt wird, wobei man ihm mit der Vorsilbe „Un“ aber Unrecht tut. Neben schon gesetzten Veranstaltungen kann jeder Teilgeber spontan seine eigene Session anbieten und sich so auch aktiv mit eigenen Themen einbringen. Auf diese Weise kommen schnell bis zu 40 Sessions zusammen und jeder Besucher kann sich seinen eigenen Sessionplan zusammenstellen. Ich entschied mich für die Schwerpunkte BYOD, iPads im Unterricht, Elternarbeit und digitale Medien sowie Inklusion und iPads.

BYOD oder Office365

Das Thema BYOD begann mit einer schönen Übersicht der technischen Infrastruktur des Erich-Gutenberg-Berufskollegs in Köln, mutierte dann aber schnell zu einer überwiegenden Werbeveranstaltung für Microsofts Office365 (und einem beeindruckenden Touch-Tisch), welches unbestreitbar seine Vorzüge hat. Angeblich gebe es keine Probleme mit dem Datenschutz wegen der Serverstandorte in Irland und Holland, jedoch verzichte man vollständig darauf, personenbezogene Daten mit Office365 zu verarbeiten.

Microsoft scheint alles daran zu setzen, dass potenzielle Kunden sich frühestmöglich an seine Office-Suite gewöhnen, denn das Angebot für Schulen ist gewaltig: Von kostenlosen Office-Lizenzen für über 2500 Schüler und die Lehrer, dem Vorhalten von Backups bis hin zu kostenlosen Fortbildungen gibt Microsoft so einiges, damit wir Schulen möglichst unsere Schüler auf seine Office-Suite konditionieren.

Am Berufskolleg setzt man mittlerweile vollständig auf BYOD, die Schüler dürfen über die Geräte frei entscheiden, der Großteil der Schüler bringt jedoch sein Notebook mit. Schön war es hier, mal Einblick in die Medieninfrastruktur und die Probleme anderer Schulen bei der Medienentwicklung zu bekommen und zu sehen, dass nicht immer, nein, nie! alles glatt läuft.

iPads im Unterricht

Die Session zu iPads im Unterricht verließ ich nach der Hälfte der Zeit, weil ich die Möglichkeiten meines iPads und diverse mögliche Präsentations-Apps schon kannte. Wer sich damit noch nicht beschäftigt hatte, konnte hier wertvolle Tipps zum Umgang und Einsatz mit den Geräten im Unterricht bekommen.

Elternarbeit – Bleiben Sie dran

In einer sehr kleinen Session intensiven Austausch mit Matthias Felling von der AG Kinder- und Jugendschutz (AJS NRW) gehabt. Mitgenommen habe ich neue Links, z. B. zu www.schauhin.info und www.elternundmedien.de, wo man auch Referenten finden kann, die für Informationsabende zur Verfügung stehen. Klicksafe.de kannte ich schon, das ist ja schon lange etabliert. Schöne und eigentlich naheliegende Ideen brachte Felling ein: Zum Beispiel, dass man den SuS doch vorschlagen könne, bei WhatsApp Gruppen, die Organisatorisches zum Inhalt haben (z.B. Hausaufgaben), von privaten Tratsch-Gruppen zu trennen. Analog zu den Gesprächsregeln im Klassenraum müsse man auch Umgangsformen im Netz mit den SuS entwickeln.

Eltern mal nach ihren Medienerfahrungen zu befragen, das werde ich beizeiten auch mal machen. Diese geraten dann schnell ins Schwärmen, erzählen vom Sandmännchen und den schönen Samstagabenden mit „Wetten dass…?” und langen Radiositzungen. Dagegen sähen Eltern die heutigen Medien mit ganz anderen Augen – das bietet schöne Gesprächsanlässe. Fazit: Viele Anregungen!

Inklusion und iPads

Gut gefiel mir auch die Session zu „Inklusion und iPads“, denn so hatte ich mein iPad noch nicht kennengelernt. Es ist wirklich beeindruckend, was man aus den Bedienungshilfen für körperversehrte Menschen alles herausholen kann. Ein nahezu blinder, anwesender Kollege erzählte begeistert, dass die Entdeckung der Tablets für ihn bahnbrechend gewesen sei. Seine 2% Sehkraft könne er nun mithilfe der neuen technischen Möglichkeiten kompensieren und auch selbst wieder kreativ arbeiten. Dass man auch Hörgeräte und Joysticks für Menschen, die nicht touchen können, mit den Pads koppeln kann, war mir ebenfalls neu. Zudem stellte die Referentin einige Apps vor, die sowohl im DaZ-Bereich als auch im klassischen Inklusionsbereich eingesetzt werden können. Auch der Hinweis, dass Krankenkassen bisweilen die Kosten für die Tablets übernehmen, kann mal nützlich sein.

Ein Wermutstropfen

Einen Wermutstropfen muss ich aber auch vertröpfeln. Zu oft standen in den Sessions die technischen Möglichkeiten der Geräte oder mancher Apps im Vordergrund, wenig Worte wurde über konkrete Unterrichtssituationen, technische Probleme oder best practice verloren. Für schon medienaffine Lehrer, die gerne ihre Geräte ausprobieren, springt bei solchen Sessions nicht viel heraus, wir müssen vielleicht demnächst mehr in die Breite gehen, die Mediennutzung einzelne Fächer thematisieren oder einfach mal zeigen, was man so im Unterricht mit den Geräten gemacht hat.

Auch pädagogische Probleme wurden eher am Rande behandelt, dabei macht das doch den Kern unseres „Geschäftes“ und unseres Alltages aus. Sehr schade darum, dass die Session zum Thema Elternarbeit von nur drei Personen bestritten wurde, wo doch gerade die „digital education“ abseits von iPads und Office für Vermittlungsbedarf zwischen Schulen und Elternhäusern sorgt und ich das immer wieder als brennendes Thema wahrnehme.

Vielleicht demnächst, beim DED16 als Teilgeber?

Mit digitalen Medien besser lernen?

Christian Ebel hat zu einer Blogparade mit dem Titel „Mit digitalen Medien besser lernen?“ aufgerufen und ich habe mich lange gefragt, was sollte ich eigentlich dazu beitragen können, wo das „digitale Lernen“ in meinem täglichen Unterricht eine eher untergeordnete Rolle spielt, gleichwohl ich jeden Tag auf Twitter und Co. verfolge, wie andere Kolleginnen und Kollegen das digitale Lernen langsam aber nachdrücklich in ihren Alltag einbauen. Könnte ich hier überhaupt eine sinnvolle Antwort auf Christians Frage formulieren?

Ich versuch’s mal. Wenn ich in meinem Unterricht die Stärken digitaler Medien kennengelernt habe, dann liegen sie vor allem im Bereich des Schreibenübens. Das kollaborative Arbeiten hat ja nur im weitesten Sinne gut funktioniert, bessere Erfahrungen habe ich hingegen vor längerer Zeit mit einem kleinen Blogexperiment und einem selbstgehosteten Blog gemacht. Das war zu einer Zeit, als der schulische Laptopwagen in unserem Oberstufengebäude noch voll einsatzfähig war.

Ein kurzes Blogexperiment

Im Versuch mit dem Blog ging es darum, dass die SuS eines Grundkurses Geschichte ihre schriftlichen Quellenanalysen ins Blog stellen sollten. Alle SuS hatten dann im Rahmen einer Arbeitsphase die Aufgabe, in Partnerarbeit mindestens drei andere Analysen zu kommentieren, positive sowie negative Aspekte herauszustellen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Grund für dieses Herangehensweise war, dass ich es in meinem normalen Unterricht niemals schaffe, alle Übungstexte eines kompletten Kurses durchzulesen und sinnvoll zu kommentieren (weshalb man ja auch schon in der analogen Welt dazu übergeht, sogenannte „Schreibkonferenzen“ abzuhalten). Diese Situation empfinde ich bis heute als sehr unbefriedigend, weil ich ja gerne sowohl den ganz schwachen SuS Unterstützung bieten möchte, aber auch den Schülerinnen und Schülern, die schon ganz ordentliche Texte schreiben. Selbst den besten Schülern kann man immer einen Tipp zur Verbesserung oder Optimierung auf den Weg geben. Und wenn man noch nie eine Quellenanalyse formuliert hat, dann sind sowieso alle Schüler erst einmal unsicher.

Die Erweiterung dieser Schreibkonferenzen in den digitalen Raum versprach einiges an Erleichterung:

  • Jakob Siebebpfeiffer,1832 | Blog zur Unterrichtsreihe Nationalismus und Nationalstaat

    Beispiel für einen Kommentar

    jeder digitale Text ist für jeden Schüler gut lesbar, da die oftmals unleserliche Handschrift wegfällt

  • jeder Text wird gewürdigt und bekommt einen Kommentar, der ihm Stärken und Schwächen sowie Verbesserungsvorschläge aufzeigt. Auch diese sind gut lesbar und müssen nicht an den Heftrand gequetscht werden.
  • jeder Kommentator übt sich darin, Texte qualitativ zu bewerten (und erweitert damit seinen Horizont für die eigenen Texte)
  • alle Texte stehen online und können bei Bedarf als „Blaupause“ verwendet werden

Das funktionierte insgesamt gut und auch die Rückmeldungen der SuS waren positiv. Alle Schülerinnen beteiligten sich sichtbar im Rahmen einer „sonstigen Mitarbeit“, niemand zog sich – wie im Unterrichtsgespräch – heraus. Könnte man dieses Verfahren über die ganze Unterrichtszeit einsetzen, könnten die SuS verschiedene Klausurtypen üben und diese wären jederzeit bis zum Abitur verfügbar.

Leider ging die Hardware unserer Laptops aus dem Laptop-Wagen kurz darauf kaputt, niemand reparierte oder ersetzte sie, sodass ein Fortsetzen dieser Arbeit nicht mehr möglich war. Ob also diese Methode langfristig etwas verbessern würde, kann ich letztlich nicht beurteilen. Weitere Projekte dieser Art finden wegen der fehlenden Ausstattung nun schon lange nicht mehr statt, denn ob ich einen Computerraum „erwische“, das steht in den Sternen und erlaubt mir keine verlässliche Unterrichtsplanung. Ich arbeite also wieder zu 99,9% mit Heft und Stift.

Besser lernen mit digitalen Medien? Vielleicht – wenn die Hardware vorhanden ist und der Schulträger sich verantwortlich zeigt.

Denn schön wär’s doch!

Mit meinen schreibintensiven Fächern Deutsch und Geschichte habe ich täglich in allen Altersstufen mit Schülern zu tun, denen das Schreiben schwer fällt,  das manuelle Schreiben ebenso wie das inhaltlich-strukturierte Schreiben, und wenn man diesen Schülern dann auch noch damit kommt, dass sie ihre Texte überarbeiten sollen, dann ist der Ofen ganz schnell aus: Den sowieso schon eher lustlos mit blauer Tinte ins Heft geschriebenen Text jetzt auch noch „überarbeiten“, ergo: neu schreiben? Oder mit Sternchen und Fußnoten so erweitern, dass man am Ende auch nicht besser durchblickt? Dann lieber an einer Tastatur – und ohne schmierende Tinte, klebriges Tipp-Ex und kratzende Füller!

Wie schön wäre es, wenn wir lange Texte generell an einem (dafür geeigneten) digitalen Medium schreiben könnten. Texte zu überarbeiten wäre ein Klacks, verschiedene Versionen ließen sich gewinnbringend vergleichen, Schrift wäre immer lesbar und auch das Schreiben würde denen, die feinmotorisch nicht so beschenkt sind, vielleicht etwas mehr Freude bereiten.

Das wäre eine echte Bereicherung durch digitale Medien. Könnte man damit besser schreiben lernen? Ich glaube schon.

Im Plauderton

Hach, da ist es ja wieder, mein Lieblingsvorurteil gegenüber Lehrern:

 Egal, ob Sie die Französische Revolution oder Schiller behandeln, Sie wissen so viel darüber, dass Sie den Stoff mühelos im Plauderton vermitteln können. (Spon)

Dass Lehrer eigentlich nur ein wenig plaudern können müssen, das kenne ich schon. Dass auch Uni-Dozenten das denken, war mir neu; doch entspricht etwa dieser Haltung die Entgegnung eines Dozenten für Lehramtsstudenten auf einen Beitrag einer Lehramtsstudentin, die sich bei Spiegel Online über ihre mangelhafte Ausbildung beklagt hatte. Und wieder einer, der das Klischee vom dampfplaudernden Lehrer vermittelt, der sein persönliches Wissen quatschend in dreißig weit geöffnete Nürnberger Trichter fließen lässt. Nicht zu vergessen, dass beim Lehrer auf keinen Fall „Begeisterung für seine Themen“ fehlen dürfe.

Mein Gott, weiß der überhaupt, was man an Schulen heute so macht? Und verrät er uns, wie man binnendifferenziert und inkludierend parliert? Oder Elterngespräche verplaudert? Noten beschwatzt? Mit Schülern über deren persönliche Probleme schnackt?

Im Plauderton. Wenn er sich da mal nicht im Ton vergriffen hat.

(Ich gehe ja gerne d’accord, dass Fachwissen eher hilft als schadet, aber von einem Dozenten, der als vermeintlicher Fachmann eine öffentliche Replik formuliert, hätte ich mir mehr als Platitüden auf die durchaus ernsthaften Einlassungen der Studentin erwartet. Vielleicht sogar Fachwissen?)

Protest am Gymnasium Brake

Aus aktuellem Anlass (und weil es nicht als flüchtiger Twitter-Link verkommen soll): Ein Link zu Edition Flints Beitrag zu einem Vorfall in Niedersachsen, bei dem sich das niedersächsische Kultusministerium nicht mit Ruhm bekleckert. Es geht um einen Besuch der Kultusministerin in einer Gesamtschule in Brake, den die Schüler des benachbarten Gymnasiums nutzten, um ihren Protest gegen die das Gymnasium abwertende Politik des Kultusministeriums kundzutun.

Statt „Hallo, liebe Frau Ministerin“, schreien Frauke Heiligenstadt (SPD) 1000 Gymnasiasten ihren Nachnamen entgegen, gefolgt von „wir haben’s satt“. Reimt sich schön, hört sich für die Ministerinnenohren aber offenbar nicht so schön an. (NWZ)

Das Braker Gymnasium stellte im Weiteren den im Kontext des Protests entstandenen Zeitungsartikel, wie es an der Schule üblich zu sein scheint, online und bekam prompt einen Maulkorb nebst eines „Disziplinar-Gespräches“ für die Schulleitung verpasst, wie man im Folgeartikel der NWZ lesen kann.

Was bleibt: Streisand

Hätte sich niemand um den auf der Schulhomepage online gestellten Zeitungsartikel gekümmert, würde ich heute nicht darüber schreiben, doch mittlerweile haben sowohl diverse Blogger als auch niedersächsische Medien das Thema aufgegriffen (Flint fasst zusammen) und man sieht sich in der Verantwortung, Klarstellungen zu veröffentlichen. Streisand eben.

Und bei allem Ärger über die unsensibel handelnde Landesschulbehörde: Ist doch irgendwie schön, dass die Schüler mit ihrem Protest etwas bewegt haben und dass ein paar übereifrige Beamte nun gehörig ins Schwitzen geraten.

Verschulung, Äpfel und informatische Bildung

Mehr Schule wagen

Auf der Website der Zeit findet sich heute ein Kommentar unter dem Titel „Verschulung? Ja bitte!“, in welchem der Autor Volker Meyer-Guckel dafür plädiert, den Begriff „Schule“ nicht negativ zu besetzen, sondern seine positiven Aspekte für die Universität stark zu machen. Folgt man ihm, so müsste die Universität eine komplette Wende zur Schule hinlegen, denn Meyer-Guckel plädiert für:

  • die Einführung fester Curricula
  • eine Fokussierung auf die Lernziele der Studenten
  • die Anpassung der (Hochschul)-Didaktik
  • eine stärkere Berücksichtigung heterogener Lerngruppen

Weiterhin stellt er fest, dass sich „seit einigen Jahren […] Schule und Schulforschung verstärkt darum [bemühen], herauszufinden, was Schüler wirklich gelernt haben, nicht nur durch punktuelles Prüfen in Klassenarbeiten, sondern nach besseren, objektivierbaren Maßstäben, die sich durch Vergleichsarbeiten oder Lernfortschrittserhebungen ermitteln lassen“.

Oha. Das klingt verdächtig, als wünschte sich jemand Vergleichsarbeiten für Studenten. Mehr Verschulung an den Unis? Blödsinn! Mein Gegenvorschlag: Verlängert die Oberstufe um drei Jahre und zahlt mir ein Professorengehalt. Ich wäre dabei… und die Profs dürften brav forschen. 😀

Apfeluhr

Und während die ersten Apfeluhren ausgeliefert werden, warte ich gespannt auf den Moment, in welchem der Erste auf Twitter verkündet, seine Schulhomepage apfeluhrtauglich gemacht zu haben. Die großen Onlineauftritte von Spiegel&Co. sind ja schon vorgeprescht, da kann es nun nicht mehr lange dauern, bis die ersten Webmaster ihre Seiten uhrenfest machen oder bis Google uhrenuntaugliche Seiten herabrankt, wie es das gerade mit nicht „mobile-friendly“ Seiten macht.

Informatische Bildung

Und bei den Stichworten „mobile friendly“, Google oder AppleWatch ist man doch auch gleich beim Thema „Medienkompetenz“ oder „Informatik“ – zumindest auf Twitter streiten die Parteien ja gerne lautstark (und mit nervtötender Penetranz) darum, ob man ein Pflichtfach Informatik einrichten sollte. Der aktuelle SWR Wissen-Podcast mit dem Titel „Schulfach Programmieren“ dreht sich genau darum. Warum wir in den Schulen mehr informatische Bildung über die Wisch-Kompetenz hinaus benötigen, kann man sich da anhören. Ob man dafür ein „Pflichtfach Informatik“ braucht, das sei dahingestellt (aber meine Skepsis mag nicht zuletzt an der nervtötenden Repetition einiger Nervensägen auf Twitter liegen).

Twitterpause und Handschrift

Habe mir vor ein paar Tagen eine mindestens einwöchige Twitter-Pause verordnet, weil mir dort das geballte „Schule ist schlecht“-Mantra meiner Timeline gehörig auf den Zwirn ging und ich davon ein wenig Abstand brauchte. Nett, dass wenigstens manche Journalisten für uns Lehrer in die Bresche springen, wenn wir dazu nicht in der Lage sind. Ja, ich weiß, das ist unfair, weil viele aus meiner Timeline Schule durchaus nicht nur negativ gegenüberstehen, und vieles dürfte einfach per schnellem Retweet in meine Timeline gespült werden, aber auf Dauer wirkt das wie Tröpfchenfolter. Und trotz aller eigenen Kritik an Schule muss ich nicht alles in Grund und Boden verdammen. Also: Twitterpause.

Handschrift

Dass in Finnland die gebundene Handschrift in den Grundschulen nicht mehr unterrichtet wird, ist hier ein großes Thema. Empörung! Ich auch. Zunächst, weil ich als typisch Schlagzeilenbelesener, glaubte, die Handschrift würde abgeschafft. Aber nein, nur die verbundene Schreibschrift wird abgeschafft, eine Druckschrift bleibt weiterhin erhalten und die Weltenordnung stürzt nicht vollständig ein. Denn dafür lernen die Kinder schon in der Grundschule das Schreiben auf dem Computer, was nicht die schlechteste Idee ist, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Tastaturkenntnisse und -fähigkeiten unserer Gymnasiasten bis in die hohe Mittelstufe hinein sind. Zeichen können nur von einer Seite aus gelöscht werden, Formatierungen abseits von „Zentrieren“ sind nahezu unbekannt, die Tab-Taste ist ein unnützer Platzverschwender und die Zweitbelegung von Tasten ein Buch mit sieben Siegeln (Wie macht man denn nun ohne Touch dieses vermaledeite „@“?).

Nun, für einige geht dann eben doch das Abendland (huch, das mag man in Zeiten von Pegida kaum noch schreiben) unter und die „Arme Sprache“ wird bejammert. Weniger dramatisch sieht den Wegfall der Schreibschrift dagegen Professor Brügelmann im WDR 5-Tagesgespräch. Ich sehe es jetzt auch weniger dramatisch.

So. Und jetzt wird wieder korrigiert. Dank Twitterpause komme ich auch viel schneller voran. 😉

Heute, 21.45 Uhr, Günther Jauch

Werde heute seit Ewigkeiten mal wieder „Günther Jauch“ zum Thema „Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium – freie Schulwahl für behinderte Kinder“ einschalten. „Halbtagsblogger“ Jan-Martin Klinge wird dort seine Sichtweise zum Thema Inklusion darbieten und ich freue mich darauf, ihn mal „in echt“ zu sehen. (Auch wenn ich bei dem Thema vermutlich wie ein HB-Männchen vor dem Fernseher auf- und niederspringen werde…)

Eine sinnlose Parade

Ich bin erstaunt. Bob Blume ruft zu einer Blogparade auf, die sich mit dem Thema „Versager im Schuldienst“ beschäftigt. Anlass war eine kurze Debatte in Bobs Blog mit einem der Diskutanten der ZDF-Talkshow Log in. Doch was soll das nützen?

Und so debattiert die Lehrersphäre nun darüber, ob und wie man „Versager“ aus dem Schuldienst entfernen kann, woran man sie erkennen kann oder auch nicht und und und.

Zwei Dinge sind dazu zu sagen:

  1.  Eine Blogparade ist nicht die richtige Form, um derart vielen komplexen Fragen auf den Grund zu kommen, auch wenn Bob darauf verweist, dass er gerne empirische Daten verarbeitet sehen würde. Woher sollen die kommen? Vorhersehbarerweise werden die Aussagen Banalcharakter haben.
  2. Not my job. Ich bin Lehrer und kümmere mich darum, dass mein Unterricht gut läuft. Wie mit Leuten zu verfahren ist, die keinen Bock haben oder die unfähig sind, ist Aufgabe anderer. Auch die Erforschung all dieser Fragen ist nicht meine Sache.

Just my 5 cent. Locker bleiben. Weiterbloggen.

Eine Klischeekaskade

In Bayern wird aktuell durch die CSU einmal mehr die Idee aufgeworfen, bayerischen Lehrern eine Präsenzpflicht an Schulen vorzuschreiben. Nikolaus Neumaier, Leiter der Redaktion Landespolitik, versucht es in einem Kommentar beim Radiosender „Bayern 2“ einmal mit Provokation:

Mach‘ einen Vorschlag, der von Lehrern etwas mehr Engagement fordert, und du wirst Sturm ernten.

Und dann bricht gleich eine ganze Lehrerklischeekaskade aus Neumaier heraus; eine nahezu vollständige Liste an Vorurteilen, die man so seit Jahrzehnten gegenüber Lehrern auffährt. Erster Punkt: Lehrer haben zu viel Freizeit und verbrauchen zu viel Platz an Badeseen und auf den Tennisplätzen! (Heute ist seit Weihnachten das erste Wochenende, an dem ich einmal  keine Korrektur zu erledigen habe und tatsächlich meinen Stehtisch Stehtisch sein lasse. Dafür sitze ich an meinem Schreibtisch, weil ich weiß, dass ich dieses Wochenende nicht viel sitzen muss. Ob den bayerischen Lehrern an ihren Präsenzarbeitsplätzen Stehtische angeboten werden, wenn sie Rückenprobleme haben?)

Dann konstruiert Neumaier einen Alterskonflikt: Schuld seien die Alten, die sich in ihrem Kuschelkokon so schön eingenistet haben, und er fantasiert von Junglehrern, die an Ganztagsschulen viel entspannter arbeiteten, weil man dann ja alle Probleme hintern den Schulmauern ließe. Ich kenne meinen Ganztags-Alltag sehr genau und weiß, dass ich auch nach meiner häuslichen Ankunft um 16.00 Uhr die Stunden des kommenden Tages vorzubereiten, Korrekturen vorzunehmen (was ich meist nicht schaffe, weshalb ich sie aufs Wochenende schiebe) und Organisatorisches nachzuarbeiten habe. Vor 20.00 Uhr bin ich meist nicht fertig (aber das wäre gewiss ganz anders, wenn ich noch vier Stunden in der Schule säße und mit den Kollegen quatschen könnte…).

Für eine Verlängerung der schützenden Schulmauern sorgen Telefon und E-Mail: Elterngespräche finden meist nach 18.00 Uhr statt, denn wie Herr Neumaier richtig bemerkt, arbeiten viele Eltern bis abends und 90% aller Elterngespräche finden logischerweise erst dann statt, wenn die Eltern wieder zuhause sind. Ein Präsenzpflicht müsste für viele Eltern weit bis nach 18.00 Uhr gehen, sollte das Ziel Neumaiers, dass der „Herr Deutschlehrer“ und die „Frau Lateinlehrerin“ auch nach der Arbeitszeit erreichbar sind, erfüllt werden können. Überdies: Bekommen die bayerischen Kollegen dann alle ein eigenes Diensttelefon oder müssen sie sich um das Schultelefon prügeln? Oder sollen die Eltern für jede Lappalie gleich direkt in die Schule kommen? Da wäre ich ja mal sehr gespannt, wie lange die das mitmachen.

Auch beim Aspekt Arbeitsplatz bleibt Neumaier eher wolkig. Naja, irgendwie wird’s schon ein Plätzchen geben, vielleicht baut man ein wenig aus… und dann gibt es ja noch die Klassenräume! Die ersetzen ein effizient eingerichtetes Arbeitszimmer mit Computer, Audiogeräten, WLAN-Verbindung und Scanner sowie Drucker nebst einigen Bücherregalen und Ordnersammlungen gewiss sehr gut! Das wäre für die Schüler eine Freude, mal die Klassenarbeitssammlung der „Frau Lateinlehrerin“ zu durchwühlen oder die Klassenarbeitsergebnisse der anderen Mitschüler zu durchforsten. (Und wenn Lehrer die Räume auch noch selber putzten, würde das darüber hinaus noch eine Stange Geld sparen, Herr Neumaier, denken Sie mal drüber nach!)

Ich kann mir nicht helfen, aber Menschen wie Neumaier scheinen es Lehern schlichtweg zu missgönnen, dass eine gute Hälfte der realen Arbeitszeit am heimischen Schreibtisch stattfindet. Es scheint auch bar ihrer Vorstellungskraft, dass andere Menschen dort richtig arbeiten. Rationale Argumente für eine Präsenzpflicht gibt es schlichtweg keine. Lehrer sind über die modernen Kommunikationsmedien für Eltern besser erreichbar denn je, der Ganztag findet de facto schon statt und eine effiziente heimische Arbeitsumgebung sollte nicht durch eine vielfach veraltete und dysfunktionale ersetzt werden. Was für eine hemmungslose Schnapsidee!