Entmündigung.

Fridays For Future sind an mir fast völlig vorbeigezogen. Von meinen direkten SchülerInnen war niemand bei der Demo, alle Klassen waren vollzählig. Auf dem Elternabend am Dienstag davor fragte niemand nach FFF. Man hörte von Schulen, an denen man Wandertage zur Demo organisieren durfte, anderswo hörte man von Kursen, die gemeinsam zu den Demos gehen wollten. Ich feiere in solchen Momenten ja Schüler, die sich den Anweisungen der Lehrer verweigern und stattdessen gegen den erzwungenen Demogang protestieren. Durch seine Anwesenheit zu einer politischen Aussage gezwungen zu werden, ist nichts als schlichte Entmündigung. Und genau das sollte Schule niemals leisten.

5 Gedanken zu „Entmündigung.

  1. Amen.
    Das sehe ich ganz genauso und es bedarf vieler, die mit Rückgrat ihre Meinung auch vertreten – auch gegen den vermeintlichen Tenor im Kollegium. Ich möchte nicht von schweigenden Mehrheiten reden, aber wohl von einer Sprachlosigkeit, die ich nicht mehr gutheißen kann.
    Eine Parallele übrigens ist für mich der 1. Golfkrieg, bei dem ich freundlich eingeladen wurde, die nächsten Stunden könnten ja auch frei sein, wenn wir erst Plakate malten und anschließend auf die Straße gingen gegen den Krieg. (Na, was tat ich wohl?!)
    Fragte man mich zu FFF, dann gäbe es als Beamter meines Landes nur eine Antwort: Was sagt denn das Gesetz? Wir leben doch in einem Rechtsstaat.
    Und das SchulG sagt: Es gibt eine Schulpflicht, die einzuhalten ist. Das hat also meine Haltung dazu zu sein.
    Ich gehe einen Schritt weiter: Ich habe einen Eid darauf geschworen, die Landesverfassung und freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht zu untergraben, sondern nach Kräften zu stützen.
    Ich kann nicht verstehen, wie manche Kollegen (und die Kanzlerin und Herr Steinmeier) da nicht eine Diskrepanz zwischen Eid und derzeitigem Handeln sehen können, wenn Sie Schüler animieren, das SchulG zu missachten.
    Allerdings bin ich auch nicht blind für meine Umwelt: Die Einschätzung einiger hinsichtlich des (m.E. oft sehr undifferenziert kommunizierten) Klima-Themas führt diese Kollegen dazu, den Nutzenverlust, den sie (vielleicht!) erleiden könnten, höher einzuschätzen als den Nutzenverlust, der aus dem Bruch von Recht und Gesetz hier und heute entsteht. Frei heraus: Ich denke, dass das ein großer Fehler ist.
    Wann immer ein Kind Politiker heftig beschimpft, sie würden nichts (!) oder nur Falsches tun, lege man ihm den Assessment Report 5, Working Group I vor die Nase (ca. 1.600 Seiten; es gibt 3 Working Groups und Zusatzmaterial und den kurzen Abklatsch für Policy Makers) und sage: Erklär‘ mal (u.a. auch, warum es diesen Bericht überhaupt gibt)!
    Link: https://www.ipcc.ch/report/ar5/wg1/
    Wenn wir unsere Jugend nicht dazu bewegen, zu differenzieren und sich zu mäßigen, die Erfahrung der Alten zu achten und (gemeinsam!) nach innovativen Lösungen zu suchen, begehen wir m.E. einen großen Fehler.
    Aber ehrlich: Was „wissen“ „wir“ eigentlich?

  2. Entmündigen: Nein. Deshalb gerne Verweise geben; ansonsten ist das keien Demo, sondern ein Ausflug. Aber die Verweise sollen sicher nicht als Strafe verstanden werden – sind ja auch keine, sondern eine Ordnungsmaßnahme. Dass man das von den Streikenden gut findet, darf man sicher durchscheinen lassen.
    Ansonsten begegnet mir die Meinung meines Vorkommentators auch im Lehrerzimmer gelegentlich, mehr noch im Lehrerforum online. (Dort ein wenig nach Schulart verteilt, könnte man sich mal anschauen.) Dazu gehören Rückzug auf eine vermeintliche Schulpflicht, die nach der 12. Klasse abgegolten ist, für Wiederholer bereits vorher; auf Unterrichtsausfall (aber papstfrei geben in Bayern, und ansonsten ist Unterrichtsausfall egal), und am Ende noch das Herbeiphantasieren einer schweigenden Mehrheit hinter sich und das als Rückgrat zu feiern. Kurz: Ich teile diese Meinung nicht.

  3. Auch ich teile diese Meinung nicht (aber das weißt Du ja, Michael). Schulausflüge zu Demos sind eine Verletzung des Überwältigungsverbots und insofern nicht in Ordnung. Verweise für FFF-demonstrierende Schüler*innen finde ich konsequent (und auch gar nicht problematisch für Schüler*innen): letztendlich geht es beim Schulstreik doch gerade darum, etwas zu tun, das rechtlich fragwürdig, aber aus Sicht der Demonstrierenden aufgrund der Faktenlage moralisch geboten ist. 
    [Abgesehen mutiert das Kommentarfeld zu einem nicht editierbaren, wenn man auf »Antworten« unterhalb eines Kommentars klickt. Es funktioniert nur bestimmungsgemäß, wenn man ohne Verkettung einfach drauflos schreibt.]

  4. Danke, Michael, dass du deine Meinung hier so klar äußerst. Dass Politiker oft als ahnungslose Opportunisten dargestellt werden (von allen möglichen Seiten), halte ich auch für eine schlimme Sache, wenngleich manche auch einiges dafür tun, diesen Eindruck zu bestätigen.

    Persönlich sehe ich die FFF-Sache in puncto Schule so wie Herr Rau und Hanjo: Inhaltlich finde ich die Streiks gut, lediglich eine Zwangsverpflichtung widerspricht in meinen Augen der freien politischen Entfaltung.

    Differenzierung und Mäßigung finde ich auch wichtig, aber wenn man davon spricht, dann sehe ich noch nichts wesentlich „Übermäßiges“ in der FFF-Bewegung. Zu stürmen und zu drängen ist das Privileg der Jugend, das müssen wir in die Jahre kommenden Säcke wohl oder übel hinnehmen. 😉

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