Wir sind schon „Flexi-Schule“

Ich mache eine kurze Pause in meiner Unterrichtsvorbereitung für die Inklusionsklasse, während ich über eine Schlagzeile stolpere: „Löhrmann will jetzt die Flexi-Schule“.

„Flexi“ scheint das neue Zauberwort der Politik zu werden. Immer dann, wenn man Verantwortung und feste Standpunkte umgehen, die unangenehme argumentative Auseinandersetzung mit dem Bürger vermeiden will, dann bietet man ihm „Flexi“ an. Nach der „Flexi-Rente“ kommt nun der Vorschlag meiner der NRW-Bildungsministerin Löhrmann, das Gymnasium abzuschaffen eine „Flexi-Schule“ einzurichten.

„Flexi“ beschreibt vielleicht auch das Rückgrat der Ministerin. Da wehte ihr nun offensichtlich einiges an Gegenwind aus der Ecke der G8-Gegner entgegen und anstatt standhaft zu bleiben, biegt sie sich zur Landtagswahl 2017 selber wie ein Gummibaum. Nichts bleibt mehr von der harten Pro-G8-Haltung, jetzt geht plötzlich alles.

Wir sind schon flexi

Es ist ja nicht so, dass die Schullandschaft seit Jahrzehnten erstarrt wäre. Als ich von der Uni an meine Ausbildungsschule kam, war ich durchaus erstaunt, wie sich das Arbeiten in der Oberstufe verändert hatte. Viel mehr Präsentationen der Schüler, weniger Frontalunterricht und eine Stärkung des wissenschaftspropädeutischen Arbeitens, da nun jeder Schüler in einem Fach seiner Wahl eine Facharbeit zu einem Thema seiner Wahl schreiben musste. Einen bilingualen Zweig bieten wir überdies auch noch.

Nichtsdestotrotz kann es der Schulpolitik ja nie genug sein. So war meine erste (und zwar die allererste!) Amtshandlung an meiner Schule nach der Festanstellung die Umarbeitung eines Curriculums. Es sollten noch einige folgen, denn es stand, nachdem gerade das Zentralabitur eingeführt worden war, der Wechsel auf das G8 bevor. Damit nicht genug, entschied man sich dafür, dass kurz darauf alle Lehrpläne kompetenzorientierte Lehrpläne sein sollten.

Gleichzeitig haben wir unser Gymnasium auf den gebundenen Ganztag umgestellt, mit allem, was dazugehört: Angepasste Stundentafeln, Pausenkonzepte, Raumkonzepte, Umstellung auf ein Doppelstundenraster, dauerhaftem Nachmittagsunterricht, zusätzlichen Aufsichten, Vertretungskonzepte, die direkte (und großartige) Intergration von Schulsozialarbeit und was noch alles so dazu gehört. Eine Qualitätsanalyse durften wir bei all dem auch noch über uns ergehen lassen. Ein Neubau wurde geschaffen (wir müssen ihn jedoch „dank“ der lokalen Schulpolitik bald schon wieder verlassen) und das bestehende Schulgelände durch den Einsatz weniger Engagierter gehörig aufgewertet.

Kaum war das geschafft und halbwegs in gefestigten Bahnen, brach die Inklusion über uns herein. In einem verdammt kurzen Zeitrahmen mussten plötzlich „Fortbildungen“ wahrgenommen werden (frei nach dem Motto: „friß oder stirb eben ohne Fortbildung“), die Förderung von emotional-sozial auffälligen, geistig behinderten oder Kindern mit sehr niedrigem Intelligenzquotienten vorbereitet werden, der Aufbau von Förderplänen diskutiert werden, und wir als Gymnasium übernehmen nun ganz nebenbei noch das, was bis vor kurzem noch spezialisierte Förderschulen geleistet haben. Es sitzen nun Kinder in meiner gymnasialen 5. Klasse, die von Klasse 1 Grundschule über Hauptschulniveau bis hin zur gymnasialen Eignung (und diversen Verhaltensauffälligkeiten) alles abdecken, was die Schullandschaft so zu bieten hat. Noch mehr flexi?

Geht! Wir unterrichten schließlich (ebenfalls trotz unfassbar kurzer Vorlaufzeit) auch die Kinder der Integrationsklassen. Auch da sind die Kolleginnen mit diversen Schwierigkeiten befasst: nicht vorhandene Alphabetisierung, traumatisierte Kinder, unterschiedliche Ausgangssprachen, heterogene Altersgruppen usw. Wir schaffen das. Und das ist keine Ironie. Ich glaube das. Woran ich jedoch nicht mehr glaube, das ist die durchideologiesierte Schulpolitik in NRW.

Energie schonen

„Flexi-Schule“ wird, wie jede Reform, zum schlechten Schluss bedeuten, dass die Schülerschaft und die Lehrerkollegien an dem zu Knappsen haben werden, was Frau Löhrmann am Schreibtisch an grünen Ideen gebiert. Wieder wird eine Menge Papier mit Konzepten bekritzelt werden, die nach einem Jahr über den Haufen geworfen werden. Wieder werden Nachmittage nicht mit der Planung von Unterricht, sondern mit der Erfüllung ministerieller Wünsche verbracht werden. Und wieder wird alles in kürzester Zeit hinfällig sein.

Ich entziehe mich nun diesem Spiel. Ich habe nach nur sieben Dienstjahren als „echter“ Lehrer reichlich die Schnauze voll von ständig geänderten Lehrplänen, unvollständigen Reformen, dem sinnlosen schulpolitischen Herumgebastel und Gewurschtel, dem lapidaren Abtun unserer Sorgen und Befürchtungen und verabschiede mich jetzt in die innere Emigration. Gut genug ist das, was wir machen, ja offensichtlich nie. Soll Frau Löhrmann sich doch irgendwas ausdenken, ausbaden muss ich es ja so oder so. Aber ich werde es ab jetzt auf die denkbar energieschonendste Art und Weise ausbaden.

Alleine schon wegen der „Flexi-Rente“.

600 Euro mehr

Ich habe mir ja für 2014 vorgenommen, hier positiver zu schreiben, weniger zu meckern, eher produktiv zu wirken! In diesem Sinne:

Wie schön, mit NRW endlich mal wieder Schlusslicht in einem Ranking zu sein!

(Es geht darum, was die Länder sich ihre Schüler kosten lassen. Würde man in NRW die 600€ drauflegen, die bis Niedersachsen fehlen, hätten alle Schüler ein prima Notebook. Oder alle Klassen Beamer. Oder pro zehn Schüler ein Smartboard. Wir haben aber auch recht viele Schüler in NRW, muss man zugeben…)

Sinkendes Schiff

Ich ärgere mich gerade über das „Bildungsprogramm“ der Piraten. Nebst einigem Schwachsinn (Rauschkunde? Wie tief sinkt das Piratenschiff noch?) stößt man aber auch auf Aussagen wie diese, die man in den letzten Wochen ja häufiger vernommen hat:

„Wir haben doch oft die Situation, dass jemand zum Beispiel in Mathe schlecht ist, in Sprachen aber super – und dann bleibt er nur wegen der 6 in Mathe komplett sitzen, obwohl er in anderen Fächern locker eine Klasse weiter könnte“, sagt Benjamin Stöcker, der ebenfalls für den Landtag kandidiert. (SZ)

Kennt jemand von euch solche Schüler? Mir ist – obwohl man die Situation ja ach so oft hätte – niemand bekannt, auf den das je zugetroffen wäre.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“

Maik Riecken und Herr Rau haben per Twitter auf einen Strauß spannender Texte verwiesen, die mich gehörig ins Grübeln gebracht haben. Dass der Bologna-Prozess einen Widerspruch zu allem darstellte, was ich pädagogischerseits über das Lernen gelernt hatte und eine Wende hin zu einer universitären Form des Neoliberalismus darstellte, war schon zu Uni-Zeiten zu beobachten. Dass eben dieser Prozess nun mit Verspätung auch in den Schulen ankommt, mit dieser These beschäftigt sich der Text von „Gebattmer“ im GBlog (und gibt dabei auch einen ersten Einblick in den Diskussionsstand).

Mehrere Größen einer modernen Schule werden dort und in den verlinkten Artikeln einer Untersuchung unterzogen: So wird der Trend zur Individualisierung ebenso kritisiert wie die Funktion von Qualitätsanalysen oder die Kompetenzorientierung der Lehrpläne. Der Blick auf Schule ist dabei ein politischer, kein pädagogischer, dadurch natürlich auch perspektivisch gefärbt, was aber den Überlegungen und Beobachtungen keinen Abbruch tut. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Text von Andreas Hellgermann, Lehrer und Theologe an einem Berufskolleg.

Machtausübung durch Individualisierung

Alle die oben genannten Kennzeichen einer Schule spiegeln, folgt man den Autoren, nichts anderes als eine Form von Machtausübung, die auf direkten Zwang oder Gewalt verzichtet, aber im Ergebnis einen Schüler garantiert, für dessen „Marktförmigkeit der erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen“ man garantieren kann; „der von Richard Sennet beschriebene »flexible Mensch«, der handeln kann, wo immer man ihn hinstellt, der funktioniert“ (Andreas Hellgermann).

Macht ohne Gewalt wird dadurch ausgeübt, dass man die Akteure (und das können sowohl die Schulen als auch die Schüler sein) durch den Zwang zur Selbstständigkeit lenkt, weil diese sich durch den Drang zur Individualisierung Beratern ausliefern, eigene Ziele formulieren und sich damit gleichzeitig der Kontrollinstanz der Standardisierung unterwerfen müssen:

»Jeder ist seines Glückes Schmied« ist eine so banale wie entscheidende Losung des neoliberalen Projektes, die immer dann aus der Tasche geholt wird, wenn es darum geht, die Ungerechtigkeit von Strukturen auf den Einzelnen abzuwälzen. Da dies in der Regel nicht zu einer Lösung, sondern tendenziell zur Überforderung des Subjekts in Schul-, Universitäts- und Arbeitszusammenhängen führt und der Einzelne nun damit beschäftigt ist, mit den jeweiligen Anforderungen klarzukommen, kann (…) die gesellschaftliche Grundordnung, nicht mehr in den Blick kommen und kritisch hinterfragt werden. (…)

An dieser Stelle wird nun auch deutlich, wozu die Standardisierungen in der Schule gebraucht werden: Sie sind die entscheidende Kontrollinstanz in Bezug auf das Handeln, weil nur mit ihnen überprüft werden kann, ob »richtig« gehandelt wurde. Und sie sind zugleich der Hinweis auf das Misstrauen gegenüber wirklicher Individualität und wirklicher Heterogenität, die möglicherweise doch zu »falschem« Handeln führen könnten.  (Andreas Hellgermann)

Erziehung zur Selbstkritik

Das klingt alles sehr theoretisch, aber ich habe meine Verwunderung noch gut vor Augen, als ich frisch von der Uni kommend, die gerade mit Anwesenheitszwängen und vorgefertigte Modulen die Freiheit des Lernens massiv beschränkte, ins nordrhein-westfälische Schulsystem wechselte, voller Ideen von offenerem Unterricht, freiem Lernen und der Erziehung zur Mündigkeit. Was mich dann erwartete, war ernüchternd. Pisa hatte mit seinen Schockwellen die Bildungsministerien erschüttert und nun erwarteten mich Vera 8, Vergleichsprüfungen in der damals noch existierenden zehnten Klasse und das Zentralabitur. Gleichzeitig sollten Schüler aber selbstbestimmt lernen, Lehrer möglichst nur als „Lerncoaches“ unterstützend zur Seite stehen, alle in ihrem eigenen Tempo lernen – letztlich aber bestens präpariert sein für die turnusmäßigen Disziplinierungs… äh… Prüfungen.. äh… Lernstandsmessungen. Weiterhin sollten die Schüler sich selbst bewerten, in Portfolios die eigene Entwicklung dokumentieren und sich zu Entwicklungsgesprächen (man nennt es Schülersprechtag) mit ihren Lehrern treffen.

Führt man dieses Vorgehen vom einzelnen Schüler und Lehrer weiter auf die institutionelle Ebene, so kommt man zwangsläufig auf das neu eingeführte Instrument der schulischen Qualitätsanalyse (gefühlt jede Schule meiner Twitter-Timeline hat aktuell eine vor oder hinter sich). Auch hier vereinbaren Schulen nach „wertfreier Evaluation“ bezüglich bestimmter „Qualitätsstandards“ (man zählt z.B., wie oft schulweit die Meldekette eingesetzt wurde!) „eigene“ Ziele und Lösungen, benötigen dafür „Coaches“, führen „Portfolios“ und müssen ferner dafür sorgen, dass neue Evaluationen stattfinden. Die Unterwerfung unter den neoliberalen Wirtschaftssprech ist bezeichnend, von einer Sprache der Pädagogik keine Spur. Bezugnehmend auf Foucaults Konzept der Pastoralmacht folgert Hellgermann, dass „Macht- und Disziplinierungstechniken in das Subjekt hinein verlagert“ werden und damit auch der Begriff der „Kritik“ sich wandele, indem er sich wesentlich nur auf Subjekte beziehe. Kritik gibt es dann nur noch an falschen Arbeitsabläufen, an falsch handelnden Subjekten, an fehlender Evaluation etc. Das System selbst entziehe sich der Kritik.

Ich finde die Beobachtungen Hellgermanns sehr bedenkenswert, wenn auch vieles in der Realität (zunächst?) weniger dramatisch erscheinen mag, und es zu bedenken ist, dass Schule nicht stromlinienförmig funktioniert und Lehrer sehr wohl nicht nur kompetenzorientiert, sondern immer auch inhaltlich arbeiten und eigenständiges Denken einfordern. Aber die Tendenz der Beobachtung ist bedenkenswert und wirft ein anderes Licht auf vieles, was auf den ersten Blick so nett und hilfreich wirkt.

Acta, der zweite Teil

Heute sollte es dann so weit sein, heute wollten zwei Schüler einer siebten Klasse, wie schon beschrieben, den anderen ACTA präsentieren und ehrlich gesagt war ich mehr schlecht als recht vorbereitet. Zumindest gefühlt hatte ich noch nicht genug gelesen und die Abiturvorbereitung nebst Organisation eines Förderkurses raubte dann doch die Zeit, die ich für eine gründliche Recherche benötig hätte. So harrte ich gespannt der Dinge, die da kommen sollten – im Zweifel hätten wir alles Unklare gesammelt und zur weiteren Bearbeitung vertagt. Es kam letzlich aber doch sowieso ganz anders.

Das Monster ACTA
Einer der beiden Referenten war nämlich erkrankt und so mussten wir den Vortrag verschieben. Während ich mit dem verbliebenen Referenten das weitere Vorgehen abklärte, ging aber ein Raunen durch die Klasse: Was ist eigentlich dieses ACTA? Wir müssen unbedingt über ACTA reden! ACTA muss gestoppt werden. Der Gesprächsbedarf lag so deutlich in der Luft, dass ich mich entschloss, erst einmal die Stimmung einzufangen, das Vorwissen abzuklopfen sowie Sorgen und Ängste aufzunehmen.

Auf meine Nachfrage schossen gleich um die zwölf Finger in die Luft: Die meisten Schüler hatten sich über die Anonymous-Video per Youtube informiert und zu Beginn gab ausgerechnet mein stillstes(!) Mädchen ein anderthalbminütiges, emotionales Statement ab, warum ACTA gefährlich sei. Sie wiederholt das aus dem Anonymous-Video bekannte Bild des Rezepts, das man zuhause nur noch unter Gefahr einer Strafe der Mutter weitersagen dürfe. Beliebte Webdienste wie Google, Facebook oder Youtube müssten abgeschaltet werden, sollte ACTA in Kraft treten. Sogar die Sprache würde sich durch ACTA verändern.

Eine der häufigsten Formulierungen in der folgenden Runde war „das wird dann an ACTA geschickt“. ACTA existiert in den Köpfen dieser Siebtklässler als Akteur, als Instanz, fast als Monster. Die Sorge vor der Überwachung des gesamten Lebens wurde formuliert; Angst davor, dass eine per Reply-Knopf kopierte Mail zur Strafe führen könnte, auch die Sorge vor Gefängnisstrafe wurde artikuliert.

Der verbliebene Referent trat dann erstaunlicherweise als besonnene Stimme im Anti-ACTA-Orkan auf: Es handele sich um ein Abkommen verschiedener Länder, und er wies sehr reflektiert darauf hin, dass Anonymous ‚Hacker‘ seien, denen etwas wie ACTA besonders ungelegen komme, weshalb man nicht einfach deren Sichtweise folgen dürfe. Er verwies aber auch auf das „three-strikes“-Modell mit der Konsequenz einer Netzsperre.

Zuletzt entwickelten sich die Äußerungen dahin, dass jede Kultur erstickt werden müsse, wenn das Kopieren völlig verboten werden würde. Wie sollte man noch Songs covern? Was wäre mit eigenen Videos, bei denen das Radio im Hintergrund liefe? Unschlüssig war man sich bei der Frage, ob ACTA „den Händlern“ eher nütze oder schade, da es doch für den Internethandel eigentlich das Ende bedeuten müsse.

Fazit
Es war das Ende einer neunten Stunde in einer siebten Klasse, und es war die ganze Zeit mucksmäuschenstill, die Beteiligung engagiert und hoch. In den Äußerungen der Schüler kommt vieles zusammen, das aufgearbeitet werden muss. Manchen Schülern scheint nicht klar zu sein, wann eine Kopie unter Umständen wenig erfreulich für den Urheber sein kann und auf viele wirkt ACTA wie ein abstraktes Wesen (vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor, weil Dreizehnjährige sich noch nicht auf gewohnte Weise politisch ausdrücken können). Die Verbindung mit politischen oder wirtschaftlichen Gruppen haben die Schüler nicht vorgenommen, für sie gibt es nur dieses böse ACTA. Das Verlagswesen ist ihnen logischerweise unbekannt, Vertriebswege, Verwertungsketten unklar. Die Rolle der Provider wurde nicht erwähnt. Es wird Zeit, dass wir dem unscharfen Monstrum bald mal ein Gesicht verleihen. Fürs zweite Halbjahr dürfte sich dann logischerweise eine intensive „Medienerziehung“ (‚Erziehung‘ klingt hier furchtbar, oder?) anschließen.

Falls jemand von euch noch eine Ergänzung oder Anregung für mich hat, bin ich ihm mehr als dankbar!

Medienbildung ist politische Bildung

Als ich letze Woche den Klassenraum meiner siebten Klasse betrat, hatte jemand die Tafel vollgeschmiert. Das ist, außer manchmal nach der langen Mittagspause, eigentlich nicht üblich, und ich werfe immer einen schnellen Blick darauf, um herauszufinden, ob das Angeschriebene thematisiert werden muss oder nicht. In der Regel finden nur harmlose Dinge kurz vor Stundenbeginn ihren Weg an die Tafel, aber diesmal nicht. „Stoppt Acta!“ hatte jemand wiederholt an die Tafel geschrieben.

Und da stand ich nun vor dem grünen Monstrum, weiß hatten dreizehnjährige Siebtklässler „Stoppt Acta“ aufs Grün gebracht. „Ach, ACTA!“, sagte ich mit wissendem Unterton, dabei aber nur mit Halbwissen und Meinungsäußerungen auf Twitter gespeist. C. wittert seine Chance:„Können wir eigentlich auch einfach mal so Referate über irgendein Thema halten?“ „Klar.“ „Haben Sie auch ’nen Beamer, auf dem man Videos zeigen kann?“ „Klar.“

Und folgerichtig sitze ich jetzt hier und beschäftige mich extrinsisch motiviert mit ACTA. Immerhin muss ich in der Lage sein, sachliche Fehler richtigzustellen, Sachverhalte zu erklären und dabei, gemäß dem Beutelsbacher Konsens, die Positionen ausgewogen darzustellen. Gar nicht einfach, in diesem Gewimmel von Meinungen, Unmutsäußerungen, Grabenkämpfen. Einen kleinen Einblick in das Dilemma zeigt das Schulmusikerblog, in dem Sebastian Dorok das Thema von beiden Seiten beleuchtet.

Gleichzeitig zeigt diese im Unterrichtsalltag eher nebensächlich erscheinende Episode, dass bei den jungen Menschen politisches Bewusstsein im Internet gebildet wird. Mit kurzen Videos kann man sie gut erreichen, plakative Botschaften abfeuern, Stimmung machen, Vordenken und Shitstorms schüren. Wir müssen Medieneziehung als genuin politische Bildung verstehen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Kinder im Netz von plakativen, hippen oder auch rückwärtsgewandten Positionen überrumpelt werden. Es geht bei Medienbildung nicht um die bunteste Prezi und den kürzesten Twitterbeitrag, es geht schlichtweg darum, sich seiner Vernunft bedienen zu können. Auch wenn das bei so komplizierten Themen wie ACTA nicht immer einfach ist.

Streiken nicht strafbar

Zumindest dürfen verbeamtete Lehrer nicht mit Sanktionen belegt werden, wenn sie streiken, sofern ich das richtig verstehe:

Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschied, dass verbeamtete Lehrer trotz des geltenden Streikverbots für Beamte ohne disziplinarische Konsequenzen ihre Arbeit niederlegen dürfen. (Spiegel)

Die klagende Lehrerin musste die 1500 Euro Geldbuße nicht zahlen.

Ach… der Ritterbach-Verlag…

Der Ritterbach-Verlag. Dort hat man gefälligst in NRW seine Lehrpläne zu beziehen. Gegen einen kleinen Obulus von um die 10 Euro bekommt dort jeder Lehrer seine Arbeitsgrundlage. Okay, man darf die Pläne auf der Ritterbach-Seite auch kostenlos herunterladen, wenn… ja, wenn… der Ritterbach-Server sich zur Mitarbeit überreden ließe:

Der Ritterbach-Verlag – ein ärgerliches Trauerspiel.

Danke Frau Behler,

dass Sie mir, trotz hinreichender finanzieller Zukunftssicherheit, einen potentiellen Arbeitsplatz wegnehmen wollen:

SPIEGEL: Frau Behler, Sie wollen einem Bielefelder Gymnasium, an dem Lehrermangel herrscht, helfen und dort unentgeltlich Deutsch unterrichten. Warum dürfen Sie das nicht?

Behler: Weil ich auf keinen Fall für meine Arbeit bezahlt werden möcht. Mit der Schulleiterin, die mich gefragt hatte, ob ich einspringen kann, war schon alles klar.

(Quelle: Spiegel Online)

Es gibt und gab ja auch überhaupt keine Deutsch-Referendare in Bielefeld, nur zwei ganze Fachseminare aktuell. Ich will am liebsten gar nicht wissen, welche Schulleiterin das war, die kostenlos Ex-Ministerinnen beschäftigen möchte. Anstatt Mängel bei der finanziellen Situation von Schulen (und nichts anderes kann ein Lehrermangel in Deutsch bedeuten) bei Frau Behlers Kollegin Sommer anzuprangern, bindet man lieber das politische System gleich mit ein. Ist ja dann auch dolle PR für die Schule! Und für Frau Behler, der barmherzigen Samariterin, der Sankt Martina von Bielefeld.

Aber es wird noch besser:

SPIEGEL: Haben Sie Hinweise, dass die NRW-Schulministerin Barbara Sommer, CDU, nun an einer Art Lex Behler arbeitet?

Behler (lacht): Ich habe den Eindruck, dass das Schulministerium sich jetzt bemüht, das Problem kreativ zu lösen. Eine Spezialregelung nur für mich wäre aber zu wenig. Ich bin sicher nicht die einzige Fachkraft, die ein paar Stunden pro Woche ehrenamtlich arbeiten würde. Diese Leute müssen ermutigt und nicht ausgebremst werden.

Na bestens! „Kreativ lösen“ klingt wirklich gut. Ehrenamtliche Deutsch- und Geschichtslehrer (man beachte die Fächerkombination Behlers). Große Klasse, wofür mache ich den ganzen Murks hier eigentlich mit? Damit ein paar Rentner mir dann den Arbeitsplatz wegnehmen? Warum schreibe ich hier eigentlich haufenweise didaktisch-methodische Kommentare, begründe jeden Furz mit fachwissenschaftlichen Artikeln und verfasse eine zweite Staatsexamensarbeit? Wieso muss ich das Studienseminar besuchen, reihenweise Unterrichtsbesuche über mich ergehen lassen und mich Prüfungsverfahren stellen, denen man auf zehn Kilometer ansehen kann, dass sie nicht pädagogische, sondern rein juristische Gewächse sind? Damit ausrangierte Fachkräfte mich für null Euro in Nicht-Mangelfächern ersetzen können?

Ich frage mich, Frau Behler, wer oder was hier ausgebremst werden soll. Mein Tipp: Verlagert doch einfach alle Schulen nach Rumänien, dann wird’s bestimmt noch billiger.

Eine langweilige Folie

Eines muss man Roland Koch ja lassen: Er bedient zum perfekten Zeitpunkt meine Unterrichtsreihe zum Thema „Jugendkriminalität“. Kaum will ich mit meinen Schülern Sinn und Unsinn härterer Strafen erörtern, tritt der hessische Ministerpräsident eine Debatte los, die, breit von den Medien aufgegriffen, auch bei meinen jugendlichen Schülern angekommen ist.

Für einen Stundeneinstieg bot sich also eine Folie mit Koch- und ähnlichen Forderungen an. Verschärfung der Jugendstrafe, Sicherungsverwahrung schon ab 18, Ausweisung und Bootcamps – alles Vorschläge, mit denen man eine prima Diskussion anzetteln könnte. Also flugs (und Google News sei dank) entsprechende Aussagen zusammengesucht und zugegebenermaßen recht lieblos auf eine Folie gedruckt.

Da die Folie als Einstieg gedacht war, sollte sie (eigentlich) auch optisch etwas hermachen, schließlich buhlt man als Lehrer um die Aufmerksamkeit von 33 Köpfen gleichzeitig. Deshalb wollte ich die gemachten Aussagen optisch unterstützen, vielleicht durch zackige Umrandungen, Signalfarben oder ähnliche dem Boulevardjournalismus nicht ganz unbekannte Verfahrensweisen. Die Schüler würden, das war mir völlig klar, sich sowieso kollektiv gegen die lächerlichen, durchschaubaren Koch-Forderungen stemmen. Leider war die Tageszeit schon zu weit vorgerückt, sodass ich lediglich die Schriftarten abwechslungsreich gestaltete und auf weitergehende Designanpassungen verzichtete.

Und vielleicht war das auch gut so. Denn die überwältigende Mehrheit der Schüler äußerte sich unerwartet positiv gegenüber den Koch-Vorschlägen. „Recht so!“ oder „Die haben wohl auch ’nen Kopf zum Denken!“ und „Da helfen nur härtere Strafen!“ waren Sätze, die durch die Klasse flogen. Und ich stand verblüfft abseits an der Tür und wunderte mich. Das hätte ich nicht erwartet. Und vielleicht nie erfahren, wenn meine Folie schon durch ihr reißerisches Design eine bestimmte Einstellung offenbart und unter Umständen damit schon das Konfliktpotenzial des Themas zerstört hätte.

So kann ich nun beruhigt meine Schüler in Gruppen zu verschiedenen aktuell möglichen Jugenstrafmaßnahmen arbeiten lassen, wohlwissend, dass nicht alle auf Hokey gebürstet sind. Und am Ende lege ich meine langweilige Folie noch einmal auf. Mal schauen, was dann dabei rauskommt.