Praxissemester.

Ich weiß noch, wie es als Referendar war, wenn KollegInnen meiner Ausbildungsschule kopfschüttelnd an unserem Referendarstisch vorbeigingen und sich gegenseitig bestätigten, dass es ja nahezu unmöglich sei, sich all die neuen Namen und Gesichter zu merken.

Mittlerweile geht es mir ganz ähnlich. Nun gut, meine Schule ist doppelt so groß wie meine Ausbildungsschule und die Bedingungen haben sich mittlerweile stark verändert. Referendare sind nur noch anderthalb Jahre in der Ausbildung und wir haben stattdessen gefühlt zwanzig verschiedene Sorten Praktikanten zusätzlich an unserer Schule. Manche kommen nur für wenige Wochen und absolvieren so eine Art Schnupperpraktikum, andere hingegen machen ein Praxissemester und absolvieren teilweise Unterricht oder beobachten, ausgerüstet mit allerlei Fragebögen, den Unterricht. Ich schätze mal, dass es übers ganze Schuljahr über zwanzig Menschen sind, die mal zwischendurch bei uns durchs Lehrerzimmer huschen, und die Unterscheidung von Referendaren, Praxissemestern und Praktikanten, die nur kurz da sind, wird immer schwieriger. Mittlerweile ignoriere ich Neuankömmlinge auch, solange sie mich nicht betreffen, und merke mir keine Namen zu den vielen Gesichtern.

Heute aber hat mir ein Artikel in einem FAZ-Blog doch einen schönen Einblick in das Leben eines Praxissemesters verschafft. Finde ich sehr lesenswert.

Das eigene Tempo

Der Unterricht der Zukunft“ lautet der Titel eines aktuellen FAZ-Artikels, in welchem die Autorin die potentiellen Segnungen des digitalen Unterrichts beschreibt. Im Kern wiederholt sie die alte Leier vom Lehrer, der als „Kurator“ seinen Schülerinnen beisteht. In Deutschland lerne man ja noch „im Akkord“ und „gleichgeschaltet“. Ich spare mir jetzt böse Anmerkungen zu den in Anführungszeichen markierten Begriffen und bleibe beim Thema „eigenes Tempo“.

Habe gerade eine Reihe hinter mir, in der ich als „Kurator“ für Wortarten tätig war und die Schülerinnen überwiegend im eigenen Tempo habe lernen und üben lassen. Mit Checklisten, Selbstüberprüfung und abgestuften Aufgabentypen und eigenem Tempo, aber auch mit instruktiven Phasen. Zugute kommt diese Arbeitsweise jedoch eher den Schülerinnen, die sowieso schon in der Lage sind, eigenständig zu arbeiten, schulischen Ehrgeiz zeigen, darüber hinaus den Mut haben, Fragen zu stellen und die zügig arbeiten können. Allen anderen fällt das „eigene Tempo“ eher auf die Füße als dass es hilft, solange wir alle bis zu einem Zeitpunkt X alle Klassenarbeiten geschrieben haben müssen. Denn bei der Zeugniskonferenz akzeptiert niemand, wenn ich sage, dass leider die Noten von zehn Schülerinnen noch fehlen, weil sie noch in Ruhe die Zeitformen des Verbs erarbeiten wollen oder weil eine Schülerin extrem getrödelt hat. Mit Deadlines zur Leistungsüberprüfung bleibt „Lernen im eigenen Tempo“ eine Farce.

Oder wie löst ihr das?

Protest am Gymnasium Brake

Aus aktuellem Anlass (und weil es nicht als flüchtiger Twitter-Link verkommen soll): Ein Link zu Edition Flints Beitrag zu einem Vorfall in Niedersachsen, bei dem sich das niedersächsische Kultusministerium nicht mit Ruhm bekleckert. Es geht um einen Besuch der Kultusministerin in einer Gesamtschule in Brake, den die Schüler des benachbarten Gymnasiums nutzten, um ihren Protest gegen die das Gymnasium abwertende Politik des Kultusministeriums kundzutun.

Statt „Hallo, liebe Frau Ministerin“, schreien Frauke Heiligenstadt (SPD) 1000 Gymnasiasten ihren Nachnamen entgegen, gefolgt von „wir haben’s satt“. Reimt sich schön, hört sich für die Ministerinnenohren aber offenbar nicht so schön an. (NWZ)

Das Braker Gymnasium stellte im Weiteren den im Kontext des Protests entstandenen Zeitungsartikel, wie es an der Schule üblich zu sein scheint, online und bekam prompt einen Maulkorb nebst eines „Disziplinar-Gespräches“ für die Schulleitung verpasst, wie man im Folgeartikel der NWZ lesen kann.

Was bleibt: Streisand

Hätte sich niemand um den auf der Schulhomepage online gestellten Zeitungsartikel gekümmert, würde ich heute nicht darüber schreiben, doch mittlerweile haben sowohl diverse Blogger als auch niedersächsische Medien das Thema aufgegriffen (Flint fasst zusammen) und man sieht sich in der Verantwortung, Klarstellungen zu veröffentlichen. Streisand eben.

Und bei allem Ärger über die unsensibel handelnde Landesschulbehörde: Ist doch irgendwie schön, dass die Schüler mit ihrem Protest etwas bewegt haben und dass ein paar übereifrige Beamte nun gehörig ins Schwitzen geraten.

Verschulung, Äpfel und informatische Bildung

Mehr Schule wagen

Auf der Website der Zeit findet sich heute ein Kommentar unter dem Titel „Verschulung? Ja bitte!“, in welchem der Autor Volker Meyer-Guckel dafür plädiert, den Begriff „Schule“ nicht negativ zu besetzen, sondern seine positiven Aspekte für die Universität stark zu machen. Folgt man ihm, so müsste die Universität eine komplette Wende zur Schule hinlegen, denn Meyer-Guckel plädiert für:

  • die Einführung fester Curricula
  • eine Fokussierung auf die Lernziele der Studenten
  • die Anpassung der (Hochschul)-Didaktik
  • eine stärkere Berücksichtigung heterogener Lerngruppen

Weiterhin stellt er fest, dass sich „seit einigen Jahren […] Schule und Schulforschung verstärkt darum [bemühen], herauszufinden, was Schüler wirklich gelernt haben, nicht nur durch punktuelles Prüfen in Klassenarbeiten, sondern nach besseren, objektivierbaren Maßstäben, die sich durch Vergleichsarbeiten oder Lernfortschrittserhebungen ermitteln lassen“.

Oha. Das klingt verdächtig, als wünschte sich jemand Vergleichsarbeiten für Studenten. Mehr Verschulung an den Unis? Blödsinn! Mein Gegenvorschlag: Verlängert die Oberstufe um drei Jahre und zahlt mir ein Professorengehalt. Ich wäre dabei… und die Profs dürften brav forschen. 😀

Apfeluhr

Und während die ersten Apfeluhren ausgeliefert werden, warte ich gespannt auf den Moment, in welchem der Erste auf Twitter verkündet, seine Schulhomepage apfeluhrtauglich gemacht zu haben. Die großen Onlineauftritte von Spiegel&Co. sind ja schon vorgeprescht, da kann es nun nicht mehr lange dauern, bis die ersten Webmaster ihre Seiten uhrenfest machen oder bis Google uhrenuntaugliche Seiten herabrankt, wie es das gerade mit nicht „mobile-friendly“ Seiten macht.

Informatische Bildung

Und bei den Stichworten „mobile friendly“, Google oder AppleWatch ist man doch auch gleich beim Thema „Medienkompetenz“ oder „Informatik“ – zumindest auf Twitter streiten die Parteien ja gerne lautstark (und mit nervtötender Penetranz) darum, ob man ein Pflichtfach Informatik einrichten sollte. Der aktuelle SWR Wissen-Podcast mit dem Titel „Schulfach Programmieren“ dreht sich genau darum. Warum wir in den Schulen mehr informatische Bildung über die Wisch-Kompetenz hinaus benötigen, kann man sich da anhören. Ob man dafür ein „Pflichtfach Informatik“ braucht, das sei dahingestellt (aber meine Skepsis mag nicht zuletzt an der nervtötenden Repetition einiger Nervensägen auf Twitter liegen).

Heute, 21.45 Uhr, Günther Jauch

Werde heute seit Ewigkeiten mal wieder „Günther Jauch“ zum Thema „Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium – freie Schulwahl für behinderte Kinder“ einschalten. „Halbtagsblogger“ Jan-Martin Klinge wird dort seine Sichtweise zum Thema Inklusion darbieten und ich freue mich darauf, ihn mal „in echt“ zu sehen. (Auch wenn ich bei dem Thema vermutlich wie ein HB-Männchen vor dem Fernseher auf- und niederspringen werde…)

Edel-Rechner

Wie Heise berichtet, gibt es wohl gerade „Streit um Edel-Rechner für NRW-Mathe-Unterricht“. Meine erste Vermutung, dass alle Schüler sich ab dem neuen Halbjahr den neuen Mac Pro auf den Rücken schnallen müssen, bestätigte sich leider nicht, stattdessen beschweren sich einige Eltern über einen 80€ teuren Taschenrechner. Warum nicht für 20€ mehr ein Tablet genommen hätte. Also, ich bin mir sicher, es findet sich mittlerweile auch ein Tablet für unter 80€.

Habe letztens das seltene Vergnügen einer Mathe-Klausuraufsicht gehabt. Die Schüler an meiner Schule haben auch grafikfähige „Edel-Rechner“. Das Erste, was der Kollege vor dem Austeilen der Arbeitsblätter sagte, war etwas wie:„Und jetzt resettet den Speicher eurer [Edel-Rechner]!“, gefolgt von einem allgemeinen Seufzen. Offensichtlich hätte man mit dem Inhalt des Speichers wundervoll schummeln können.

Wie schön das wäre, hätte man ein Billig-Tablet, das man nicht resetten kann, wo man evtl. sogar chatten kann oder sich durch Mathe-Foren wühlen kann. Aber was, wenn der Technikschrott dann abstürzt, der Akku arg nachlässt und die Geschwindigkeit… sollte man dann nicht gleich ein „Edel-Tablet“ kaufen?

Und wer einmal sehen will, wie das aussieht, wenn Schulen medienwirksam „Edel-Tablets“ in Prüfungssituationen einsetzen, dann sollte man sich unbedingt den Vortrag von Jöran Muuß-Merholz auf dem letzten CCC-Kongress anschauen. Sehr amüsant, was man da alles mit den Edel-Tablets macht!

(Nebenbei: Ich hatte nie einen grafikfähigen „Edel-Rechner“ und der Gebrauch einer Formelsammlung während Klausuren war gewiss unter Todesstrafe gestellt.)

Zur Bezahlung von Lehrern und falsche Lehrer in Kollegien

Heute zwei sehr lesenswerte Links:

Bezahlung von Lehrern

Als Erstes zu einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel Bezahlung von Lehrern – Lohn der Leistung, in welchem der Lehrer Arne Ulbricht erklärt, warum er für eine leistungsbezogene Bezahlung von Lehrern ist. Besonders lesenswert ist der Kommentar, weil Ulbricht erklärt, wie er sich eine leistungsbezogene Bezahlung vorstellt und warum er dann eher weniger verdienen würde. Zum Thema auch mal bei Herrn Rau vorbeischauen und die 134 Kommentare lesen…

Lehrer loswerden

Der zweite Link führt zu einem Interview der Berliner Zeitung (via Lisa Rosa) mit einem Berliner Schulleiter, der deutlich fordert, ungeeignete Lehrkräfte ziemlich schnell loszuwerden:

 Aber es kann auch am Unterricht des Lehrers liegen, der nicht funktioniert. Gerade vergangenes Schuljahr wollte ich deshalb mehrere Kollegen loswerden. Aber das geht nicht so einfach.

 

Aussichtslos, Bildungsrecherche

Schöne Aussichten…

Gemein! Ab Montag bin ich auf Klassenfahrt und die Wetterdienste drohen mit 90% Regenwahrscheinlichkeit – jeden Tag! 🙁

Die große Bildungsrecherche

In der Süddeutschen gab es offensichtlich eine zwanzigteilige „Bildungsrecherche“ – und niemand in meinem digitalen Umfeld kommentierte die. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wieviele Personen das sind und dass eigentlich in der „Bubble“ schlichtweg alles kommentiert zu werden scheint. Liegt’s am Bedeutungsverlust der etablierten Medien, am Bedeutungsverlust der SZ-Online oder liegt’s einfach nur daran, dass Interviews wie das mit Friedrich Denk ein derart weltfremdes Bild bieten, dass sich das Kommentieren kaum lohnt?

Kurz gefasst geht es um Lesekompetenz, Jungs und Mädchen, Geschlechtsteil-Literatur, süchtigmachende Computerspiele sowie  verdummende Tablet-Computer. Modernes ist doof, Neues abzulehnen und für die literarische Thematisierung aktueller Jugendprobleme eignet sich am besten die Literatur des 19. Jahrhunderts. Kinder sind von Natur aus keinesfalls wissbegierig und Jungs lediglich sexfixiert. Nicht zu vergessen die Rechtschreibreform, hach, das Leben ist schon schwer… damals…

Denken lernen

Musste während des Lesens des Interviews an Lisa Rosas aktuellen Beitrag zum „Denken lernen lehren“ denken. Wie unterschiedlich Verve und Sicht auf die Menschen. Wie miesepetrig und rückwärtig Denk, wie positiv und vorausblickend Lisa. Während der eine „Irrwege“ beim Selberdenken beklagt, werden diese auf der anderen Seite als Chance für das Entwickeln eigenen Denkens gesehen. Wo Denk das Lernen des Richtigen fordert, beharrt der entgegengesetzte Ansatz darauf, dass „das Richtige“ veränderlich ist, und auch die Bedingungen und Voraussetzungen des eigenen Denkens immer wieder offengelegt und hinterfragt werden müssen.

Tut man das nicht, besteht ernsthafte Gefahr, in einer Zeitschleife im 19. Jahrhundert hängenzubleiben und zu verpassen, dass die alten Diskurse währenddessen weitergesponnen wurden.

Einserinflation durch Kuschelpädagogik?

Generation Überflieger“(MP3) heißt der Titel des letzten Tagesgesprächs bei WDR5, in dem es um die angebliche Inflation der sehr guten Noten in NRW geht. Die NRW-CDU mutmaßt hinter der moderaten Steigerung der Absolventen mit einer 1,0 von 1,46% auf 1,55% sogar den bösen Einfluss der allgegenwärtigen „Kuschelpädagogik“. (Was hätte die CDU wohl gesagt, wäre das Ergebnis anders herum ausgefallen?)

Irgendwie passt das Ergebnis zu den Klagen, die jungen Leute von heute seien zu angepasst und strebsam. Die Shell-Studie 2010 fasst es positiver und spricht von einer „starke[n] Leistungsorientierung“. Die Anrufer des Tagesgesprächs haben aber wenig Gutes über die angehenden Studenten zu sagen. „Studierunfähig“ seien die, und sie beherrschten die Rechtschreibung nicht (sogar manche Doktoranden!). Einfach einmal selber reinhören.

Abitur versemmelt

Im ersten Moment scheint es unglaublich, aber es scheint tatsächlich wahr zu sein: In Schweinfurt hat eine vollständige Klasse von 27 Schülern einer Privatschule das Fachabitur nicht geschafft:

 Heuer standen erstmals Prüfungen zum Fachabitur an. Im Schriftlichen fielen alle 27 Schüler durch. Die mündlichen Prüfungen laufen noch.

Problematisch sei gewesen, dass nur die Prüfungsergebnisse und nicht die Noten aus dem Schuljahr gezählt hätten. Der „Notendruck“ habe gefehlt, Schulaufgaben seien nach Minuten abgegeben worden. In einigen Fächern sei „nur ein Achtel bis ein Drittel des Stoffes des Lehrplans behandelt“ worden.

Krass.