Termine von Abi-Streichen

Habe gerade beim Aufräumen ein altes Foto meines Abitur-Jahrgangs vor unserem Abi-Streich gefunden. Man sieht die komplette Jahrgangsstufe in weißen T-Shirts vor dem Arnsberger Brunnen in der Altstadt, bewaffnet mit Wasserpistolen und bereit, den allerletzten Schultag zu gestalten. Die Details habe ich nicht mehr im Kopf, aber es wurden bunte Plakate gestaltet und das Foyer der Schule wurde sehr eindrucksvoll zu einem ägyptischen Tempel umgestaltet, in dem auf einer Säule Süßigkeiten gespendet wurden. Es war ein schöner Tag für die ganze Stufe, besonders weil alle unseres kleinen Jahrgangs ihr Abitur bestanden hatten, wie der kleine Zeitungsartikel unter dem Foto verrät. Der Termin des Abi-Streichs lag nämlich nach der Bekanntgabe der Abiturergebnisse.

Hier in Bielefeld finden Abitur-Streiche allerdings schon vor den Osterferien statt, die Schüler feiern ihren letzten Schultag, wobei einige schon wissen dürften, dass sie ihre Zulassung nicht schaffen, und andere werden das Abitur nicht bestehen. Warum feiert man das Abitur schon vor den Prüfungsterminen? Ist das überall so? Hat das Gründe im Verhalten vorangegangener Abi-Jahrgänge, weil man sich Sanktionsmöglichkeiten / mehr Kontrolle offenhalten will?

Geheimtradition

Da denkt man immer, man müsse an einem traditionsreichen englischen Privat-Internat unterrichten, um an Geheimgänge, als Bibliotheksregale getarnte Geheimgänge oder ähnliches zu geraten, doch weit gefehlt! Denn letzte Woche fand ein Schüler folgende Geheimtradition:

zettel

Er musste natürlich sofort seinen Namen darauf schreiben und ihn wieder gut verstecken.

Habe gleich mal das Gerücht gestreut, dass das Schulgespenst davon besser nichts erfahren sollte…

Eine Papierblume

In den letzten Tagen viel Vertretungsunterricht in der Mittelstufe gehabt. Dabei ersten Kontakt zum ersten Schwung an Schülern aus der Integrationsklasse bekommen, die nun auf die bestehenden Klassen verteilt werden. Die Schüler können offensichtlich kein Deutsch, aber einer hatte Arbeitsmaterial und hat eigenständig damit gearbeitet. Die anderen beiden während der heutigen Vertretung hatten keine Idee, was sie tun sollten und ich als Vertretungslehrer auch nicht. Ich habe sie dann kurze Sätze auf Deutsch schreiben lassen, diese korrigiert und war beeindruckt, was die Jungs schon alles können. Sie sind ohne Familien hier, und der eine von den beiden hat sich deutlich gewünscht, wieder zurück in seine Heimat reisen zu können. Der andere konnte nur sehr rudimentär Deutsch (ihr kennt das gewiss, wenn der andere spiegelt, er habe verstanden, man aber irgendwie den Eindruck hat, dass das nicht stimmt), bastelte mir aber diese wundervolle Papierblume, nachdem er gesehen hatte, dass einer der Mittelstüfler einen Papierflieger gebaut hatte.

Papierblume

Auf YouTube habe er das gelernt, es sei aber kein Hobby. Dann bastelte er noch einen Hexenfinger zum Aufsetzen und einen Vogel, der – sehr zur Entzückung einer jungen Dame – seine Flügel bewegen konnte.

Frei.

Sitze gerade am Schreibtisch, die Sonne scheint, der Rasen ist frisch gemäht, lediglich einige nachmittägliche organisatorische Vorbereitungen stehen auf dem Plan.

Auch das gehört zum Lehrerleben, dass der Nachbar einen morgens um 9.00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein begrüßen kann, weil man den Rasenmäher über die grüne Wiese schiebt. Heute entfällt wegen Konferenzen der Nachmittagsunterricht und die neuen Fünftklässler werden am ersten Schultag nur von ihrem Klassenleitungsteam begrüßt. Ich bin darum an diesem Donnerstag „fein“ raus. (Fein in Anführungszeichen, weil mir die entfallenden Stunden angerechnet werden: Das bedeutet, ich muss sie ggf. in Form von Vertretungsstunden nacharbeiten, die mir dann auch nicht bezahlt werden. Die erste erwartet mich morgen.)

Die ersten Tage bestehen aus Orga. Listen abtippen (jaja, man könnte digitale Listen… CSV… seufz), Halbjahresplanung, Kolleginnen und Kollegen beim Einrichten ihrer neuen Mailadresse helfen. Besprechungen in den Fachschaften: Änderungen an den Stundentafeln, neue Konzepte zur Förderung (irgendwer hat die Mathematik kaputt gemacht), grobe Einordnungen in das lokale schulpolitische Ganze (die anderen Schulen werben jetzt damit, dass sie keinen Ganztag haben; wir damit, dass wir… seufz2), erste Beschwerden an den Lehrerrat, Tränen. Drei Tage fühlen sich an, als hätte man schon die Fülle eines ganzen Halbjahres erlebt.

Der angenehme Teil ist immer der Unterricht. Neue Kurse kennenlernen, unbekannte und bekannte Schüler begrüßen, Namenslisten abgleichen, Bücher austeilen, Themen vorstellen, Bewertungsmaßstäbe erläutern, Kennenlernspiele spielen, Reaktionen beobachten. Vorfreude („Wir machen Lyrik!“), Genöle („Och nöö, Kurzgeschichten!“). Erstaunlich, denn eigentlich fallen die Reaktionen genau umgekehrt aus. Der Unterricht hat mich insgesamt von den ca. 21h Arbeitszeit in dieser Woche bis heute nur 180 Minuten gekostet. Morgen kommt noch einmal etwas drauf, aber es überwiegt die Orga. Logo.

Arbeitszeit messen, das möchte ich in diesem Halbjahr möglichst regelmäßig. Ich bin daran schon oft gescheitert, weil es mir nach ein paar Tagen dann doch zu umständlich wurde. Aber ich möchte doch gerne einmal wissen, wieviel Zeit ich wirklich für Schule aufwende; Lehrer meckern ja zu Stoßzeiten gerne und viel und dabei gibt es ja auch immer wieder so Tage wie heute: Wo man dank günstiger Umstände nicht in die Schule fahren muss und bloggen kann.

In die Inklusionsklasse – ja oder nein?

Große Pause, noch ca. 2 Minuten bis zum Klingeln, ich bin schon auf dem Sprung, als eine Kollegin mich anspricht. Sie sehe, ich hätte gerade keine Zeit, aber ob ich denn nicht Lust hätte, Deutsch in ihrer neuen Inklusionsklasse im nächsten Schuljahr zu unterrichten? Eine zweite Kollegin, mutmaßlich die Co-Klassenleitung, kommt hinzu, beide schauen mich erwartungsvoll an.

So langsam habe ich gelernt, dass man nie, nie und niemals unüberlegt zu irgendetwas – und sei es nur indirekt – sein Einverständnis ausdrücken sollte. Also sage ich nur, dass ich darüber gerne nachdenken würde und auf keinen Fall ad hoc entscheiden werde.

Die Herausforderung

Und da sitze ich nun schon das liebe lange Wochenende und grübele, ob ich da nun zu- oder absagen soll. Da ist auf der einen Seite die arme Kollegin, der man offensichtlich die Verantwortung zugeschoben geraten hat, sich ein Team zusammenzustellen, mit dem sie sich eine gute Zusammenarbeit vorstellen kann. Die würde eine Absage unter Umständen in Schwierigkeiten bringen. Da ist ferner die Herausforderung der Inklusion und Unterricht einmal völlig anders gestalten zu müssen. Und wäre es nicht auch einmal reizvoll in einer permanenten Doppelbesetzung zu arbeiten?

Andererseits…

Andererseits dräuen zusätzliche „Teamzeiten“ – und zwar richtig schön ganztagslehrerfreundlich von 15.40 bis 17.15 Uhr. Da winkt entweder ein sehr langer Tag oder massenweise halbtote Zeit. Und wer holt währenddessen meine Tochter aus der KiTa?

Direkte Erfahrungen mit der sogenannten „Inklusion“ habe ich zumindest im sehr kleinen Rahmen schon sammeln können. Solange alles läuft, ist es anstrengend, aber machbar. Muss man improvisieren, kann das aber schnell kippen. Situation: Computerführerschein, Internetzugang defekt, die reguläre Zweitbesetzung musste vertreten werden, die Stimmung unter den Jungs war aus Gründen schon vor der Stunde kurz vorm Kochen. Musste mehrfach körperlich dazwischen gehen. Nichts Dramatisches, aber über eine Doppelstunde hinweg doch sehr nervenaufreibend. Muss ich mir das nun unter Umständen jede Deutschstunde 90 Minuten lang antun? Und was, wenn noch mal ganz andere Kaliber dazwischen sitzen?

Dazu befürchte ich, dass die Doppelbesetzung am Ende mehr Zeit kostet, als sie spart: Jede Unterrichtsentscheidung, jede Planung muss abgesprochen werden, neue Arbeitsmaterialien müssen für die Inklusions-SuS, neben der sonstigen Differenzierung, gesondert gestaltet werden. Kolleginnen berichten darüber hinaus davon, dass sie in mühevoller Arbeit (ziel-)differenzierte Materialien erstellt haben, deren Bearbeitung dann am Ende schlicht verweigert wird: arbeiten für den Eimer.

Und die positive soziale Wirkung auf die anderen Schüler, von der man ja immer wieder berichtet, die kann ich auch nicht beobachten. Mag sein, dass es den sozialen Zusammenhalt stärkt, wenn man sich gemeinsam die Unpässlichkeiten körperbehinderter Kinder auffängt, doch nach meiner Beobachtung mutieren irgendwann auch die nettesten Jungs zu wutentbrannten Schlägern, wenn sie von einem besonderen Kind permanent lauthals beschimpft werden und Schläge angedroht bekommen.

Magerer Informationsfluss, fette Gerüchte

Genauere Informationen als „Deutsch“ und „du“ gibt es leider nicht, stattdessen bleibt mir nur die Gerüchteküche. Und deren Türen schließe ich lieber schnell, denn was da an Düften herauswabert, das lässt mich nicht gerade zu einem „Ja“ tendieren. (War übrigens eine tolle Idee der Landesregierung, alle möglichen Förderschwerpunkte ausgerechnet an Schulen zusammenzuführen, wo kein einziger Lehrer adäquat ausgebildet ist. Abgesehen von freiwilligen Erste-Hilfe-Kursteilnehmern.) Felsenfest sicher ist nur, dass unser für Inklusion ausgebildetes Personal langsam knapp und immer knapper werden wird. Wird die mir heute versprochene Doppelbesetzung dann im nächsten und übernächsten Schuljahr noch Bestand haben oder darf ich dann im Alleingang vor die Wand laufen?

Aber vielleicht bin ich mittlerweile auch einfach viel zu vernagelt! Vielleicht habt ihr ja noch ein paar aufmunternde Argumente, Perspektiven und Ideen, warum man unbedingt einmal inklusiv Deutsch unterrichtet haben sollte?

 

Das eigene Tempo

Der Unterricht der Zukunft“ lautet der Titel eines aktuellen FAZ-Artikels, in welchem die Autorin die potentiellen Segnungen des digitalen Unterrichts beschreibt. Im Kern wiederholt sie die alte Leier vom Lehrer, der als „Kurator“ seinen Schülerinnen beisteht. In Deutschland lerne man ja noch „im Akkord“ und „gleichgeschaltet“. Ich spare mir jetzt böse Anmerkungen zu den in Anführungszeichen markierten Begriffen und bleibe beim Thema „eigenes Tempo“.

Habe gerade eine Reihe hinter mir, in der ich als „Kurator“ für Wortarten tätig war und die Schülerinnen überwiegend im eigenen Tempo habe lernen und üben lassen. Mit Checklisten, Selbstüberprüfung und abgestuften Aufgabentypen und eigenem Tempo, aber auch mit instruktiven Phasen. Zugute kommt diese Arbeitsweise jedoch eher den Schülerinnen, die sowieso schon in der Lage sind, eigenständig zu arbeiten, schulischen Ehrgeiz zeigen, darüber hinaus den Mut haben, Fragen zu stellen und die zügig arbeiten können. Allen anderen fällt das „eigene Tempo“ eher auf die Füße als dass es hilft, solange wir alle bis zu einem Zeitpunkt X alle Klassenarbeiten geschrieben haben müssen. Denn bei der Zeugniskonferenz akzeptiert niemand, wenn ich sage, dass leider die Noten von zehn Schülerinnen noch fehlen, weil sie noch in Ruhe die Zeitformen des Verbs erarbeiten wollen oder weil eine Schülerin extrem getrödelt hat. Mit Deadlines zur Leistungsüberprüfung bleibt „Lernen im eigenen Tempo“ eine Farce.

Oder wie löst ihr das?

Straßburg – Abfahrt 

Meine erste Studienfahrt nach Straßburg beginnt um 8.00 Uhr bei angenehm kühlem Wetter und leicht diesigem Himmel. Ein tolles Programm hat uns die Karl-Arnold-Stiftung vorbereitet, ich freue mich besonders auf das Hambacher Schloss, welches wir heute besuchen werden und das ich nur von den berühmten Bildern zum Hambacher Fest kenne. Diesen geschichtsträchtigen Ort auf dem Weg nach Frankreich einmal besuchen zu können, passt besonders gut zu den mitfahrenden Schülen, die das Glück haben, die Ereignisse um 1832 schon vor der Thematisierung im Geschichtsunterricht kennenzulernen, und ich hoffe, dass viele das nutzen werden. 

Europaparlament und Europa-Rat stehen weiterhin auf dem Programm sowie der Besuch des Forts de Mutzig, das anscheinend ein gut erhaltenes Spiegelbild der wechselhaften deutsch-französischen Geschichte ab 1871 abgibt. Geschichte, wohin man blickt, dass ich da nicht schon früher mitgefahren bin! (Überdies soll Straßburg eine sehr schön Stadt sein, ich bin mal schwer gespannt.)

Laufschuhe habe ich mir eingepackt. Wann habe ich sonst noch einmal Gelegenheit, durch Straßburg zu laufen? 😉 

Flurtische

Meine Schule ist ein Drecksloch. Ich hasse sie und den Architekten, der sie verbrochen hat. Abreißen müsste man ihn, den demotivierenden 60er-Jahre-Klotz, niedermachen, Staub zu Staub, und jeder möge den ersten Stein werfen. Ein aus den allerhässlichsten Farbresten zusammengemischter Kunststoffboden bahnt den Weg durch den sich Bildungsinstitution schimpfenden Betonkasten. Lange Flure, Türen links und Türen rechts durchbrechen die unverputzten, nackten Steinwände, die schmucklos Lebensraum verschandeln. Man möchte sich auf den ekelhaften Boden werfen, ihn einstampfen oder mit den Fäusten an die Wände trommeln, doch das Ungetüm bleibt und nichts wird ihm etwas anhaben.

Und doch und trotz aller Tristesse kann man etwas machen, um die Knast-Architektur aufzubrechen. Um ein wenig Leben hineinzubekommen. Um Unterricht etwas von der Architektur zu lösen. In unserem Fall hat die Schulleitung ganz einfach kleine Tische mit fest angebrachten Stühlen (ähnlich wie diese hier) auf die Flure gestellt. Geschätzt 7-8 Stück stehen davon auf dem langen Flur vor meiner Klasse. Und die nutze ich!

Flurtische im Unterricht

Wenn ich also mit einem wundervollen Grammatikthema in meine Klasse komme, dann arbeite ich in der Regel nach dem Prinzip der Lerntheke, die sich auf Buch, Arbeitsheft und kopierte Drittmaterialien stützt. Jeder SuS bekommt Gelegenheit, sich selbst einzuschätzen und kann dann an seinem Arbeitsschwerpunkt arbeiten. Da ich weiß, dass meine Klasse durchaus quirlig ist und einige SuS sich gerne untereinander ablenken, dürfen also einige SuS auf den Flur und dort ihre Aufgaben bearbeiten. Je nach Auslastung (und mit der Zeit entdecken immer mehr Kolleginnen den Flur) kann ich also fast die Hälfte meiner Klasse auf dem Flur arbeiten lassen. Dabei habe ich, Knastarchitektur sei Dank, schnell alle im Blick und ich kann den freigewordenen Raum in der Klasse dazu nutzen, kleine, instruktive Angebote zu machen á la „Wer noch einmal erklärt haben möchte, was Inhaltssätze sind, der treffe sich mit mir am Pult“. Das nutzen jedesmal einige SuS, und auch die Guten fragen dann gerne noch einmal nach.

Licht und Schatten

Angenehm an dieser Arbeitsform ist, dass es im Klassenraum sehr viel leiser wird und dass auch die SuS auf dem Flur in Ruhe arbeiten können. Und nein, da rennt nicht andauernd einer über den Flur und klopft an Türen. Ehrlich gesagt, klopfen wohl eher weniger SuS an Türen, weil die anderen ja zugucken. Problematisch ist eher, dass die SuS die Nase voll haben von den hässlichen Wänden und beim Sitzen an den Tischen auf die Idee kommen, die Wände zu „gestalten“. Das möchte man nicht immer sehen. Auch klar: Die Flurtische sind kein Ersatz für die Architektur einer Bielefelder Laborschule, aber immer noch besser als gar keine Idee. Ich meckere ja gerne über alles mögliche, aber diese Flurtische sind wirklich eine tolle Bereicherung für den Unterricht.

Von der Mühe des Eichhörnchens

Ein Desaster. Von wegen „kollaborativ“ arbeiten. Gelöschte Ergebnisse, stattdessen ist dummes Zeug dazwischen geschrieben. Um mich herum verzweifelte Schülergesichter und der oder die Täter nicht mehr aufzuspüren, obwohl er oder sie mit Unschuldsmiene nur zwei Meter von mir entfernt sitzen muss. Das war mein erster und letzter Versuch, die SuS Arbeitsergebnisse per Google Docs präsentieren zu lassen. Blamabel. Nicht mit einer Silbe bloggenswürdig. Und alleine die Zeit, die dafür aufgewendet worden war. Ich schweige lieber.

Ein Jahr später. Heute. Ein Teil der besagten Gruppe sitzt in meinem Diff-Kurs und versucht, den Weg zur amerikanischen Unabhängigkeit in einer Sonderausgabe einer fiktiven Zeitung darzustellen. Einige setzen auf rein handschriftliche Ergebnisse, andere brauchen noch Zeit im „Luiz“ (Lern- und – Informationszentrum), um ihre Texte dort am Computer zu schreiben. Und während ich im Laufe der Stunde zwischen zwei Räumen pendelnd an schon in der Vorstufe wunderschönen Plakaten vorbeikomme, sehe ich: Meine Schüler aus dem letzten Jahr, die gemeinsam an einem Dokument arbeiten – per Google Docs! „Damit haben wir schon gestern zu Hause angefangen, geht doch so viel einfacher.“

Stärke erkennen

Durcheinander im Klassenraum einer Mittelstufenklasse. Berufsvorbereitung. Zum Glück nur eine kleine Gruppe, knapp zwanzig Schülerinnen und Schüler bewegen sich kreuz und quer durch den Raum, um sich gegenseitig ihre Stärken zu dokumentieren. Die Mädchen stellen den Großteil der Gruppe, kaum eine lässt die Zettel der anderen unbeachtet, überall wird ernsthaft und fleißig notiert. Bei den Jungs sieht das etwas anders aus, einige attestieren sich große Fähigkeiten bei Burger King und Co. – aber da greife ich nicht ein, das ginge am Ziel vorbei. Ich halte mich zurück, denn was die Schüler sich gegenseitig notieren, geht mich genau genommen gar nichts an. Sie sollen möglichst auch Stärken zurückgemeldet bekommen, die mit dem normalen Schulalltag nichts zu tun haben, und dass ein wenig peer-group-bezogenes Schulterklopfen dabei ist: geschenkt.

Und während so fleißig geschrieben wird, beobachte ich, dass auf einem Zettel fast noch gar nichts steht. Im Vergleich mit den anderen stehen dort nur wenige Punkte, und ich bin mir sicher, dass die Schülerin mehr als enttäuscht sein wird, wenn sie zu ihrem Platz zurückkehrt. Dabei ist die Arbeitsphase bald vorbei. Eine Schülerin kommt, betrachtet den Zettel, geht weiter. Eine weitere spaziert mit gezücktem Stift am Tisch vorbei, verdreht lesend den Kopf, geht weiter. Ein Schüler. Nichts.

Ich kündige die letzte Minute an und die kleine Menschenmenge räumt sich. Einige sitzen schon auf ihren Plätzen, andere schreiben noch schnell zu Ende. Und dann kommt F., eine ganz ruhige, erfasst mit einem schnellen Blick das Problem und notiert in Sekundenschnelle drei weitere Stärken auf dem zu leeren Blatt Papier.

Allein in dieser einen Handlung steckten so viele Stärken, dass es mich schier umgehauen hat.