Im Plauderton

Hach, da ist es ja wieder, mein Lieblingsvorurteil gegenüber Lehrern:

 Egal, ob Sie die Französische Revolution oder Schiller behandeln, Sie wissen so viel darüber, dass Sie den Stoff mühelos im Plauderton vermitteln können. (Spon)

Dass Lehrer eigentlich nur ein wenig plaudern können müssen, das kenne ich schon. Dass auch Uni-Dozenten das denken, war mir neu; doch entspricht etwa dieser Haltung die Entgegnung eines Dozenten für Lehramtsstudenten auf einen Beitrag einer Lehramtsstudentin, die sich bei Spiegel Online über ihre mangelhafte Ausbildung beklagt hatte. Und wieder einer, der das Klischee vom dampfplaudernden Lehrer vermittelt, der sein persönliches Wissen quatschend in dreißig weit geöffnete Nürnberger Trichter fließen lässt. Nicht zu vergessen, dass beim Lehrer auf keinen Fall „Begeisterung für seine Themen“ fehlen dürfe.

Mein Gott, weiß der überhaupt, was man an Schulen heute so macht? Und verrät er uns, wie man binnendifferenziert und inkludierend parliert? Oder Elterngespräche verplaudert? Noten beschwatzt? Mit Schülern über deren persönliche Probleme schnackt?

Im Plauderton. Wenn er sich da mal nicht im Ton vergriffen hat.

(Ich gehe ja gerne d’accord, dass Fachwissen eher hilft als schadet, aber von einem Dozenten, der als vermeintlicher Fachmann eine öffentliche Replik formuliert, hätte ich mir mehr als Platitüden auf die durchaus ernsthaften Einlassungen der Studentin erwartet. Vielleicht sogar Fachwissen?)

7 Gedanken zu „Im Plauderton

  1. Mir gefällt der Artikel, ich halte ihn für eine angemessene und zutreffende Replik auf den anderen SPON-Artikel. Sind hier Deine Erwartungen mitunter etwas hoch, auch mit Blick auf die Textsorte?

    In Zeiten wie diesen lässt sich nicht oft genug betonen, dass Fachwissen vor Didaktik kommt. Sage ich als Lehrer und Didaktiker.

  2. Sagen wir, mir ist der Plauderton lieber als der weinerliche Ton im ersten Spiegel-Artikel. Ich verstehe schon, dass das Plaudern ein Reizwort ist – zu viele Laien stellen sich vor, dass Unterricht einfach schönes Erklären ist, und dass die Lehrer das alle aus Dummheit so falsch machen. Wenn man den Schülern einfach mal erzählt, wie’s wirklich ist, statt so Lehrerzeug, dann klappt das auch mit dem Unterricht  – dieses Denken erlebe ich immer wieder mal.

    Andererseits bin ich ein Freund souveränen Fachwissens. Wenn man fachlich sicher ist, dann kann man auch plaudern und improvisieren. Das heißt nicht, dass man das tun muss oder soll. Aber ich mag die Lehrer nicht, die bei jeder neuen Deutschlektüre sich den Begleitband kaufen und dann von diesem nicht abweichen können. Und wenn ich mich richtig erinnere, ging es beim Plaudern um Referate – und da stimmt das ja auch: Erst wenn man ein Thema beherrscht, kann man locker darüber reden. Das heißt nicht, dass Unterricht nur ein Referat des Lehrers ist.

    >Stimme sehr zu und wundere mich, dass dieser Didaktiker noch von 45 minütigem Unterricht ausgeht.

    Der kennt die Realität. Wir haben 90 Minuten an unserer Schule, aber erst seit diesem Jahr, und sind im Umkreis die einzigen, die das so machen.

    >In Zeiten wie diesen lässt sich nicht oft genug betonen, dass Fachwissen vor Didaktik kommt. Sage ich als Lehrer und Didaktiker.

    Ich weiß nicht, was das für Zeiten sind, aber diese Meinung teile ich. Klar ist beides wichtig. Und Persönlichkeit kommt dazu: Abenteuerlust, Neugier, Geduld, Freundlichkeit, Robustheit.

    • Moin,

      mit den Zeiten meinte ich den Zeitgeist, der oftmals den vermeintlichen Paradigmenwechsel hin zu einer Orientierung an Kompetenzen missversteht und so tut, als ob Lernen und Aneignung von Fertigkeiten ohne Wissen ginge.

      An dem Artikel kann ich weiterhin nichts Schlechtes erkennen. Zur Frage von 45 / 90 Minuten – auch die Doppelstunde und ihr Erfolgskurs – in Norddeutschland mittlerweile mitunter in Richtung Hälfte oder knapp drüber hinaus tendierend, so subjektiv geschätzt – bleibt ja ein Häppchen, ein Happen. Oder? Aber hier bitte doch den (recht kurzen) Artikel nicht überstrapazieren – wenn ich einen Artikel in einer fachdidaktischen Zeitschrift veröffentliche, schreibe ich doch auch vom 45-min-Takt, da jede/r weiß, was gemeint ist – auch wenn es sich (sinnvollerweise) Richtung 90 min. verschiebt als klarer Trend.

      Nordische Grüße – T.

  3. Danke für eure kritischen Anmerkungen, Thomas und Herr Rau!

    Ja, den Artikel der Studentin finde ich auch nicht gelungen (hatte dazu auch schon einen Artikel im Backend…). Wer aus Verlegenheit und Ideenlosigkeit Deutschlehrerin werden will und sich dann darüber beschwert, dass er im Studium Kurzgeschichten analysiert – der hat das Prinzip Uni vielleicht auch noch nicht verstanden. Und ich habe es ja schon angedeutet, weil mir klar war, dass der Punkt (von Herrn Rau 😉 ) kommen würde: Fachwissen ist das A und O im Schulbetrieb und ich sehe es ganz ähnlich wie du, dass an der Uni der unbedingte Schwerpunkt auf dem Fachwissen liegen sollte. Daran gibt’s auch nichts zu mäkeln.

    Aber dass Seminare nicht bloß dazu dienen sollten, dem Dozenten Gelegenheit zu geben, seinen persönlichen aktuellen Forschungsschwerpunkt auszubreiten, das sehe ich ganz ähnlich. Ich hatte da durchaus auch Seminare, deren Nutzen mir äußerst schleierhaft blieb ( aber ich durfte dafür erfahren, wie es ist, wenn ich mir einbilde, dass mir Wurzeln aus den Füßen wachsen…). Ich kenne allerdings auch Dozenten, die rege dafür gekämpft haben, dass solche Seminare aus dem Angebot fliegen, das möchte ich auch erwähnen.

    Der verlinkte Artikel wirkt mir eine Spur zu arrogant und ignorant. Es ist ja nicht so, dass die Studentin den Aufbau von Fachwissen negiert, sondern sie fordert die Vermittlung von Fachwissen, das sie praktisch einsetzen kann – und keine Bastelaufgaben für Fortgeschrittene. Und universitäre Didaktikseminare, in denen Dozenten schwadronierten, dass Didaktik unnötig sei, habe ich selbst miterlebt. Da dürften die Universitäten gerne ein wenig mehr Selbstkritik an den Tag legen.

    Ansonsten bedient der gute Mann doch lediglich Platitüden: Der „mühelose[n] Plauderton“ ist was für Salonlöwen und Caféhausintellektuelle, die „Begeisterung für seine Themen“ letztlich ein wohlfeiles Bedienen des Alltagsdiskurses. Was sollen „seine Themen“ genau sein? In meinem Fach Geschichte sind der Themen Legion und im anderen Fach (Deutsch) nicht minder. Manche begeistern mich, manche weniger. Für manche empfand ich früher Begeisterung, heute weniger; für manche begeistere ich mich erst seit kurzem, für andere vielleicht nie. Was fordert er da? Die totale Begeisterung? Ich finde diese Forderung generell fragwürdig und unscharf.

    Die 45-Minuten-Stunde finde ich in meinem direkten Umfeld übrigens kaum noch. Weder an der Schule meiner Tochter noch an unserer Nachbarschule noch an meiner Schule wendet man dieses Modell an. Die Gesamtschulen im weiteren Umfeld haben schon seit vielen Jahren auf das 60-Minuten-Modell umgestellt. Der Trend ist hier sehr deutlich.

    • Nein, ich kenne jetzt die exakte Rhythmisierung und die Stundentafeln nicht, aber das wird m. E. so verrechnet, dass alle Vorgaben eingehalten werden (ohne zu sparen). Hier gibt es ein Gymnasium aus Münster, das das 60-Minuten-Modell vorstellt. Fände ich für den Unterricht evtl. sogar noch angenehmer als das 90-Minuten-Modell.

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