Angstbürger essen WLAN auf

Ach je, eigentlich braucht man sich nicht mehr zu wundern.

In der digitalen Welt ist schon längst genau das eingetreten, wovor sich die Deutschen doch am meisten fürchten: Sie sind abgehängt. Die Angstbürger siegen.

Während in den USA ein digitales Schwergewicht nach dem anderen erwächst und viele kleine Anbieter die Nischen dominieren, die das Netz noch nicht erreicht hat, klagt man in der alten Welt über Monopolstellungen, Marktmacht und mangelnde Alternativen. Denn es gibt nahezu keine bedeutende Software, die nicht aus den USA kommt. Doch anstatt den Fehdehandschuh aufzugreifen und produktiv darauf zu reagieren, übt man sich auf unserem Flecken der Erdkugel in Verbotsübertrumpfungen.

Die einen träumen im Großen von der Zerschlagung Googles (Nico Lumma dazu), und andere wüten im Kleinen erfolgreich gegen ein flächendeckendes WLAN an Schulen. Woanders kauft und verfilmt man die Biografien der Computer-Entrepreneure, hier bejubelt man die Scheuerls und Spitzers dieses Landes. Da möchte man sich an den Kopf packen, doch Vorsicht lieber Michel: Dein Aluhut könnte dabei verrutschen!

Wen wundert’s, dass aus Deutschland bestenfalls liederliche, schnell abgesoffene Copy&Paste-Startups stammen und die höchste Kompetenzstufe in der ICILS 2013 (pdf) kaum erreicht wurde? Die bis dato wichtigste Technologie des 21. Jahrhunderts – sie wird von deutschen Angstbürgern lahmgelegt.

3 Gedanken zu „Angstbürger essen WLAN auf

  1. Gäbe auch die Variante, in der der Michel alles schlecht redet. Und genauso könnte man auch deinen Beitrag lesen 😉

    Denn ich glaube, du wirfst hier so viele Themen durcheinander-zusammen-übereinander-gemeinsam in den Ring, dass das dringend einer Entflächtung bedarf. Ebenso wie Google, meiner Meinung nach zu Recht.

    Genauso wie Google seine Marktmacht ausnutzt und viele Themen gewinnbringend aus sich selbst besetzt, tust du es gerade mit deiner Themenvermischung… pure Meinungsmache.

    Dass die Errungenschaften diese US-Unternehmen jetzt hier alle bedenklos zu loben und hervorzuheben wären, wage ich ebenso ernsthaft und vehement zu bezweifeln.

    Es gibt nicht ohne Grund moralische Überlegungen, die besagen: nicht alles was machbar ist, sollte gemacht werden.
    Du kannst bei Medizin anfangen und bei Datenschutz – auch eine Art des ICHs – aufhören.

    Ja, diese Moral setze ich ganz eindeutig über Profitinteressen von Firmen, die mit uns nur das Beste für sich selber im Sinn haben. 😉

    • Moin Batti,

      das kann ich gut verstehen, dass du da skeptisch bist, und das ist ja irgendwie das Verrückte und Ambivalente in unserer Zeit, dass vieles so anziehend und abstoßend zugleich wirkt. Ich wollte hier auch keine differenzierte Diskussion anstoßen (das habe ich schon lange aufgegeben, ich finde einfach selbst keine klare Position mehr), sondern nur meinem Unmut über das, jetzt ja doch dementierte, WLAN-Verbot Ausdruck verleihen. Das ist doch Mumpitz und spiegelt eine Haltung gegenüber den „neuen“ Medien wider, die leider auch im Umgang mit Google seine unrühmliche Fortsetzung findet (Leistungsschutzrecht, verpixelte Hausfassaden usw.). In Deutschland sollten wir endlich mal den Arsch hochkriegen und dafür sorgen, dass man auch hier in der digitalen Welt Fuß fasst, anstatt sich in dämlichen bis superdämlichen Verboten zu ergehen.

      Bei Google mag vieles im Argen liegen (heute soll irgendwo sogar eine tolle TV-Doku zu Google gesendet werden), aber gleichzeitig setzt Google auch unfassbar tolle Projekte um. Ich bin immer wieder fasziniert und beängstigt, was dieser Konzern alles schafft, wo man in Europa / Deutschland erst einmal mit der Verbotskelle winkt. Wie oft ich schon bei books.google.com binnen Sekunden Bücher und Zitate gefunden habe, für die ich sonst Stunden in der Bibliothek verbracht hätte; wieviele Bilder im Unterricht eingesetzt, die ich dort passgenau suchen kann – und die in meinen Büchern nur briefmarkengroß sind. Die Liste lässt sich fortsetzen. Machen, statt verbieten. Auch bei uns. Das wär‘ mal was.

      Natürlich gibt es da auch die andere Seite. Dass die Reise in Richtung einer entsolidarisierten Gesellschaft geht, macht mir am meisten Sorgen. Dass ich irgendwann ein Plastikarmband und eine Blackbox im Auto meine Versicherungsbeiträge bestimmen, und letztlich jedes Verhalten in Geld bemessen werden wird, bereitet mir Sorgen.

      Doch was bleibt? WLANs abzuschaffen bringt uns nicht voran. Wir müssen als Gesellschaft mit all dem Neuland umzugehen lernen. Das geht aber nicht, wenn wir unseren Kindern die Augen zuhalten und ihnen den Umgang damit verwehren.

  2. An vielen Punkten bin ich durchaus dagegen und nicht nur skeptisch!

    Ich suche mir meine Technik durchaus auch gerne selber aus. Dort wo sie Erleichertungen schafft, wo sie Dinge einfacher löst.
    Den schmalen Grad sehe ich eher dort, wo man sich aus Bequemlichkeit und Feature-Gläubigkeit (das ist kein Rechtschreibfehler!) am Nasenring durch die Gegend führen lässt.

    Google (nicht WLAN) ist eher diese Kerbe. Und auch Herr Lobo kann es mal beinahe sachlich:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/verhaltensoekonomie-sascha-lobo-ueber-digitale-vernetzung-a-1006366.html

    Google und andere vernetzen genau in der negativen, entmündigenden Form. Arsch hochkriegen? Gerne! Aber dafür ist die Differenzierung wichtig. Beide Wege kreuzen sich nämlich nicht mehr in einiger Entfernung, sondern wollen etwas grundlegend anderes…

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