Inklusion per TPS, LDL und ein pädagogischer Placebo

Was ich beim zweiten Termin (der zeitlich noch vor dem letzten Bericht lag) meiner Fortbildung zum Thema Inklusion gelernt habe, ist, dass Gymnasien in nichtgymnasialen Kreisen wohl immer noch als verstaubten Bastionen der Tafeldidaktik betrachtet werden.

Allgemeinplätze

Anders kann ich mir nicht erklären, warum wir lernen sollten, dass die Think-Pair-Share-Methode (TPS) eine schöne Bereicherung für unseren Unterricht wäre, und dass man uns den Ratschlag gab, dass wir mit den SuS zwischendurch auch einmal sozialen Themen arbeiten müssten. Ich meine: Wir sitzen da, opfern Korrekturzeit, lassen zum Teil unseren Unterricht vertreten und bekommen dann Allgemeinplätze vorgesetzt, die jeder Referendar eingeimpft bekommt, die in jedem Methodenhandbuch stehen und überdies fest in unserem Schulprogramm verankert sind. Natürlich arbeiten wir auch an sozialen Themen mit den SuS, und neben TPS kennen sogar scheiß-schnöselige Gymmi-Lehrer noch ein bis zwei andere Methoden außer „vorne an Tafel“.

Neben TPS wäre uns auch Lernen-durch-Lehren (LdL) zu empfehlen, obwohl die freien Unterrichtsformen – nun ja – gerade den SuS mit mangelnder Sozialkompetenz große Schwierigkeiten bereiten würden, die bräuchten eben sehr viel Struktur, denen sollte man nicht zu viel Freiraum lassen. Offene Formen wären aber dennoch zu empfehlen! Tipps? Mal ein kleines Beispiel? Fehlanzeige. Unsere Verwirrung war komplett. Rin in de Kartoffeln, raus aus de Kartoffeln. Mein Fazit: Selbst austesten. Wie immer. „Wird sich schon zurechtruckeln.“

Sollte es zu Regelüberschreitungen kommen, könne man sich an der vierstufigen Eskalationsleiter orientieren. Zuerst ein nonverbaler Hinweis; dann eine verbale Rückmeldung; sollte das auch nicht fruchten, soll der Betreffende zur Rede gestellt werden und im letzten Schritt eine „Auszeit“ z. B. eine Reflexionsaufgabe in einem Sozialraum bekommen. Auch das war ein Punkt, wo ich mich gefragt habe, warum ich da nun sitze? Was glaubt man denn? Dass wir den Rohrstock herausholen, wenn einer aufmuckt? Oder etwa, dass bei uns alle Schüler wie Englein an den Tischen sitzen und in den Pausen gemäßigten Schritts auf dem Schulhof lustwandeln? Lediglich am „Auszeitraum“ fehlt es uns, und bisher habe ich ihn auch nicht vermisst, das ändert sich ja nun vielleicht bald.

Das Sozialzielecenter

Das Sozialzielecenter war mir dann hingegen komplett neu. Das Sozialzielecenter funktioniert so, dass man jede Woche ein Ziel im sozialen Bereich auf ein Plakat pappt und am Ende jedes Schultages reflektiert, wie sich das Erreichen dieses Ziels gestaltet hat. Ein reduziertes Beispiel für ein Sozialzielecenter findet man auf der Seite der Grund- und Mittelschule Schwanfeld.

Was bei mir bislang ankommt, ist, dass wir in Zukunft wohl sehr viel Zeit mehr mit dem Basteln von Kärtchen und dem Bepunkten von Verhalten verbringen sollen. Das Prinzip „Grundschule meets Gymnasium“ lässt mich ein wenig sprachlos zurück. Bislang bedeutet Inklusion lediglich das Übertragen von Primarstufenmethoden auf die Sekundarstufe. Meine jetzige sechste Klasse würden mich für durchgedreht erklären, wenn ich denen mit dem Sozialzielecenter um die Ecke käme. Die führen eigenständig Klassenratssitzungen und rocken die Schülerratssitzung. Aber wir versuchen’s trotzdem mit dem Sozialzielecenter, auch wenn ich an seiner Effektivität zweifele. Aber vielleicht hat ja jemand positive Erfahrungen damit und es ist doch nicht nur ein pädagogischer Placebo, wie ich befürchte.

(Nachtrag: Sachfehler im Titel und im letzten Absatz korrigiert)

3 Gedanken zu „Inklusion per TPS, LDL und ein pädagogischer Placebo

  1. Hallo.

    Weiterbildungen sind immer so ein Thema. Ich habe bisher viele schlechte, einige ordentliche aber nur eine wirklich sehr gute Weiterbildung erlebt.

    Und diese eine Weiterbildung war ein Treffen der Systembetreuer. An diesen drei (oder vier) Tagen saßen wir von 8 Uhr bis 21 Uhr vor den Rechnern und haben uns gegenseitig unterstützt und Ratschläge gegeben, wie man den EDV-Dschungel kultiviert. Auch der Dozent war sehr praxisorientiert und gab viele neue Ideen an die Kollegen weiter.

    Die meisten der guten/ordentlichen Weiterbildungen haben externe Dozenten (meist auch Lehrer) gehalten. Wir sind eine private Schule und laden uns häufig Leute ein, die die komplette Lehrerschaft zu einem Thema weiterbilden. Das sind dann meist die fruchtbaren Weiterbildungen. Die dauern dann auch meist zwei oder drei Tage. Die Kollegen finden das meist produktiver, als für fünf Stunden (Netto) Weiterbildung vier Stunden mit dem Auto/Zug unterwegs zu sein.

  2. Ich hatte neulich auch zwar keine Fortbildungsveranstaltung, aber doch einen Vortrag für Gymnasiallehrer, wie man Doppelstunden nutzen kann. Was es für verschiedene Arten von Gruppenarbeit gibt. Fishbowl, und Expertenrunden, als ob das etwas Unbekanntes wäre. – Dass viele Stunden trotzdem wenig abwechslungsreich sind, hat andere Gründe.

  3. Unsere Fortbildung findet zum Glück auch im Haus statt, aber eben während oder teilweise nach dem Unterricht. Die Fortbildner sind auch sehr nett und kompetent, aber letztlich hätte es ein nettes Methodenbüchlein oder ein schmaler Leitfaden „Inklusion for dummies“ genauso gut getan.
    Bei der EDV kann man einiges ausprobieren, das funktioniert bei Inklusion natürlich nicht; aber ein Film(?), Alltagsbeispiele, das Zeigen von Material für lernbehinderte Kinder, Hinweise zum Umgang mit bestimmten Verhaltensschwierigkeiten, einen Überblick über mögliche zu erwartende Verhaltensstörungen – das bekommen wir alles nicht. Wir erfahren stattdessen, dass TPS hilfreich ist. Na, danke!

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