Leben am Limit – Der Linienbus

Ich muss mal dringend was loswerden. Um täglich pünktlich zu meiner Schule zu gelangen, verwende ich den Bus. Und ja, ich nutze gerne den ÖPNV, denn er ist in der Regel, wenn nicht pünktlich, so doch berechenbar, zuverlässig und mit den Jahren immer überschaubarer geworden. Hübsche Anzeigen verweisen auch im finstersten Dunkel auf die nächste Haltestelle und angenehme Ansagerstimmen erinnern den ins Handy vertieften Passagier auf die kommende Haltestelle. Die Ticketentwerter sind selten defekt, die hydraulischen Hebesysteme erlauben es, ältere Menschen und Kinderwägen ohne größere Komplikationen zusteigen zu lassen und das Experiment Radiobus hat sich nicht durchgesetzt. Alles bestens, könnte man denken.

Doch über eine Sache müssen wir reden. Da gibt es nämlich diesen fiesen Konstruktionsfehler, der sich in allen Linienbussen, die ich kenne, eingenistet hat, und der schon seit Jahrzehnten nicht behoben wird.

Jeden verflixten Morgen, wenn ich in meinen Bus einsteige, sehe ich schon von Weitem, dass er mal wieder rappelvoll ist: Jacken kleben an den Scheiben der Türen, entgeisterte Blicke panischer Fahrgäste signalisieren mir, doch verdammt noch eins draußen zu bleiben, es ist einfach kein Platz mehr. Die Tür zischt auf, die ruppige Stimme des schon am frühen Morgen im Endstadium der Genervtheit befindlichen Busfahrer knurrt ein raues „Durchgehen!“, und der murrende Menschenklumpen macht sich langsam auf den Weg in den hinteren Teil des Busses. Dabei ist das durchaus nicht ungefährlich.

Denn kaum sind die, goßteils jungen und körperlich noch nicht vollständig ausgewachsenen Fahrgäste vorgerückt, beginnt ein gefährliches Spiel um die Balance. Schwerbepackte Schulranzen schwanken im Rhythmus der Anfahr- und Bremsbewegungen des Busses hin und her, verfehlen die zarten Gesichter der arglos schlafenden Glückspilze auf den Sitzplätzen oft nur knapp. Unsichere Hände suchen Halt an der Jacke des Vordermanns, und wenn der Fahrer einmal unvorhersehbar auf die Bremse tritt, dann purzeln viele hilflos rückwärts durch den Bus, aufgehalten bestenfalls durch den nächststämmigeren Nebenmann.

Schuld sind die unseligen Viererplätze. Findet ein erwachsener Fahrgast normalerweise an den Griffen am Rand der Zweiersitze oder den Hängelaschen Halt, so fallen diese Möglichkeiten für kleine Fahrgäste mit kurzen Armen zwischen den Viererplätzen weg. Und so wundert es nicht, dass kaum ein kleiner Gast sich gerne zwischen diese halsbrecherischen Konstruktionen stellen mag, denn wer verzichtet schon freiwillig auf die sonst immer so hoch geschätzte Sicherheit im Bus? Dann lieber den Eingang verstopfen.

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