Die Steinzeit – ein moderner Trend

Seit einiger Zeit erlebt die Steinzeit ein positives Revival: In manchen Läufer- und Ernährungsberaterkreisen verbindet man mit der Rückbesinnung auf die Steinzeit eine Chance zur Verbesserung der Lebensqualität. Ob da was dran ist?

Die Paläo-Ernährung

Da gibt es spannende, aber auch teils schon ins Esoterische reichende Ideen wie z.B. die „Paläo-Ernährung“, bei der man den menschlichen Körper auf vermeintlich typisch steinzeitliche Nahrungsmittel beschränken will, weil dieser darauf evolutionär angeblich besonders gut eingerichtet sei. So verzichten Paläo-Ernährer z.B. auf ein Zuviel an Fleisch (aber nicht vollständig) und beschränken sich ansonsten vorwiegend auf pflanzliche Nahrungsmittel. Das ist nun nichts Neues, werden die Vegetarier sagen, aber der Trick der Paläo-Ernährung ist dabei der vollständige Verzicht auf Getreideprodukte. Denn, so argumentiert man, die frühen Ackerbauer der Jungsteinzeit hätten erst vor wenigen tausend Jahren mit dem Anbau von Getreide begonnen, eine Zeitspanne, die niemals für eine evolutionäre Anpassung des menschlichen Körpers an Getreidenahrung reichen könne. Unsere heutigen Körper seien also für Getreidekost gar nicht eingerichtet, weshalb es gesünder sei, auf diese zu verzichten. Noch weniger evolutionär begründbar sind natürlich industriell gefertigte Lebensmittel, die sind auch ein No-Go für echte Paläo-Ernährer. Wer sich gerne eine umfangreiche Dokumentation zum Thema anschauen möchte, der wird online bei 3sat fündig: Das Steinzeitrezept . Ich hab’s gerne geschaut.
Auf diesen Zug der Paläo-Ernährung springen mittlerweile die Ernährungsberater auf und bieten eine sogenannte „Paläo-Diät“ an. Back to the Stoneage! Steinzeit als Marketingnepp, wer hätte das erwartet?

Evolution am Kochtopf

Dass der menschliche Körper jedoch gar nicht zwingend hunderttausende Jahre auf die nächste evolutionäre Anpassung warten muss, zeigen jüngste Untersuchungen zur Milchverträglichkeit. O. Arjamaa und Timo Vuorisalo zeigen in ihrem Beitrag „Evolution am Kochtopf“ (Spektrum der Wissenschaft Spezial, Der kreative Mensch, S. 30ff.), dass „sich Ernährungsgewohnheiten und Gene im Wechselspiel miteinander“ verändert haben. Evolution und Kultur funktionieren, folgt man dieser These, nicht unabhängig voneinander. Nun könnte man einwenden, dass es logisch sei, dass die Kultur den evolutionären Grundbedingungen folge, doch die Autoren widersprechen dieser Lesart und verweisen auf Ergebnisse, die darauf schließen lassen, dass es eine „Koevolution von kulturellen und genetischen Merkmalen“ gebe.

Laktoseintoleranz

Ihr Beispiel ist die Laktoseintoleranz. Die Autoren zeigen, dass das Gen, das für die Bildung des Enzyms Laktase, das zur Verarbeitung von Milchzucker zuständig ist, und welches von den meisten Bevölkerungsgruppen im Erwachsenenalter nicht mehr produziert wird, besonders oft in den Kulturen, die Viehwirtschaft und Milchverwertung pflegten, so mutierte, dass auch Erwachsene ohne Bauchschmerzen Milchzucker verarbeiten konnten. Auffallend ist hierbei, dass dieses Gen in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander unterschiedlich mutierte. Eine rein evolutionäre Anpassung müsste längere Zeit in Anspruch genommen haben. Bevölkerungsgruppen, in denen (Milch-)Viehhaltung keine große Rolle spielte, haben dagegen bis heute Probleme mit der Verarbeitung von Milchzucker.

Anpassung an Getreide

Ähnliches zeigt sich bei der Verdauungsfähigkeit von Getreide: Auch anhand des Enzyms Amylase, das die Verarbeitung von Kohlehydraten zu Zucker bewirkt, zeigen die Autoren, dass Populationen, die schon lange viel Stärke zu sich nehmen, mehr Amylasegene aufweisen als Populationen, die eher Proteine konsumieren wie z.B. Fischerkulturen. Auch hier scheint die biologische Evolution mit der kulturellen Entwicklung verschränkt zu sein.

Die Autoren ziehen darum ein beruhigendes Fazit: „Wir wurden also keineswegs mit dem Erbgut von Jägern und Sammlern auf das Fastfood-Zeitalter losgelassen.“ Wir werden also auch ohne Paläo-Ernährung überleben können. Taugt die Steinzeit dann also doch nicht als Referenz für den „richtigen“ Menschen, für das „richtige“ Leben?

Steinzeit und Spitzensport

Auch in der Sportwissenschaft wirft man einen Blick zurück in die Steinzeit, diesmal jedoch eher aus anthropologischer Perspektive, namentlich der des Filmmachers und Anthropologen Niobe Thompson. Thompson geht in seiner Dokumentation „Der perfekte Läufer“ der Frage nach, warum ausgerechnet aus dem bitterarmen Äthiopien so viele Spitzenläufer kommen. Ein Teil der Lösung: In der äthiopischen Unterschicht läuft man von Kindesbeinen an barfuß. Man läuft im Alltag barfuß, arbeitet auf dem Feld barfuß und trainiert auch das Sprinten barfuß. Das Ergebnis des ständigen Barfußlaufens seien kräftigere Muskeln an den Füßen, weil diese nicht von weichen Fußbetten gestützt werden. Doch ist für diesen Beitrag nicht die äthiopische Lebensweise von Interesse, spannender ist das, was Niobe Thompson Harvards „Barfuß“-Professor Daniel E. Lieberman entlockt.
Daniel E. Lieberman untersucht, wie unterschiedlich ein modern beschuhter und ein nackter Fuß laufen, und wie unser über Jahrmillionen aufs Laufen hin entwickelter Körper die Belastungen des Laufens mit und ohne Schuhe wegsteckt. Folgt man seinen Ergebnissen, so kommt unser Körper besser ohne High-Tech-Schuhe zurecht (siehe Youtube, ab 31:20).

Wie schon bei den Paläo-Ernährern gibt es auch hier abseits der akademischen Forschung einen Trend, der sich das „Back-to-the-roots“ der Anthropologie kommerziell zu eigen macht: Der Trend zum Joggen in Barfuß-Schuhen, das man untrainiert aber mit Vorsicht betreiben sollte.

Zurück in ein besseres Leben?

Zwei Trends, die versuchen, eine gesündere Lebensweise mit dem Rückverweis auf unseren vermeintlich unangepassten Steinzeitkörper zu begründen. Es ist offensichtlich, dass man auch versucht, unter Rückgriff auf die Steinzeit Marketing zu betreiben und pseudowissenschaftliche Vorurteile zu aktivieren, jedoch scheinen einige positive Ergebnisse der Paläo-Befürworter mit denen des wissenschaftlich begleiteten SWR-Experiments aus dem letzten Beitrag zu korrespondieren [1]. Ein Zurück in die Steinzeit scheint uns physiologisch nicht allzu schlecht zu Gesichte zu stehen.


  1. Die Steinzeitgruppe des Experiments Steinzeit wurde während der gesamten Zeit auch medizinisch untersucht und die Ergebnisse sind, wenn man berücksichtigt, dass sie nicht repräsentativ sind, durchaus beachtlich: Während das Kamerateam mit Infekten zu kämpfen hatte, blieb die Steinzeitgruppe einen verregneten Sommer über verschont. Auch das gemeinsame Schlafen unter steinzeitlichen Bedingungen im Haupthaus auf sehr engem Raum scheint den Teilnehmern eher gut getan zu haben. Schlanker wurden jedoch trotz der kalorienärmeren Kost und der harten Arbeit nicht alle, für einen Teilnehmer war die Arbeit der Steinzeit weniger energieraubend als seine Arbeit in der modernen Welt, sodass er sogar Gewicht zulegte. Paläo-Ernährer lassen sich davon wohl nicht beeindrucken: Die Steinzeit-Gruppe aß ja Getreide.  ↩

Ein Gedanke zu „Die Steinzeit – ein moderner Trend

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