Sitzenbleiben – gar nicht einfach

In den letzten Wochen gab es in jede Richtung viele böse Artikel und Radiokommentare zum Thema „Sitzenbleiben“. Und das Thema hält sich unauffällig aber hartnäckig in den Medien: Erst heute bringt das lokale Käseblatt eine ganze Zeitungsseite zum Thema Sitzenbleiben. Und je mehr ich dazu lese, umso schwerer fällt es mir, eine eigene konsistente Position zu finden.

Einerseits…
Ich bin kein Freund des Sitzenbleibens. Es gibt nicht viel, das für das Sitzenbleiben spricht. Als Erstes sehe ich da die menschliche Demütigung, das Herabsetzen eines Kindes und das oft, während es sich sowieso in einer schwierigen Entwicklungsphase befindet. Wie sich ein Sitzenbleiben auf die Persönlichkeit auswirken mag, ist mir zum Glück erspart geblieben – aber für mich persönlich wäre es der schulische GAU gewesen. Degradiert, zu jüngeren Schülern rückversetzt und gezwungen langweiligen Stoff noch mal durchzukauen.

Klaus Jürgen Tillmann verweist in seinem heutigen Kommentar darauf, dass auch die erhofften Lerneffekte durch das Sitzenbleiben ausblieben. Als Instrument der Förderung tauge das Sitzenbleiben wenig oder gar nicht. Schüler lernten einer Schweizer Studie aus dem Jahr 2004 gemäß besser, wenn sie trotz schlechter Leistungen weiterversetzt wurden. Das halte ich durchaus für denkbar, denn die Praxis der Notengebung verschleiert häufig, dass Schüler sich weiterentwickeln, selbst wenn sie die „Betonfünf“ auf dem Zeugnis haben. Die permanente Fünf
suggeriert Stillstand, während auf die individuelle Bezugsnorm bezogen der Schüler sich durchaus weiterentwickelt – nur eben die soziale Bezugsnorm nicht erreicht.

Andererseits…
Und dennoch. Ich musste während der teilweise erhitzten Debatten der letzten Tage immer an den ersten Sitzenbleiber denken, den ich in vielen Facetten aus meiner Lehrerperspektive erleben durfte. Ich werde hier nicht viele Worte darum machen, aber über mehrere Jahre hinweg zuzusehen, wie ein Schüler eine Fünf nach der nächsten kassiert und trotz all der verschiedenen internen und externen Fördermaßnahmen von Misserfolg zu Misserfolg stolpert, immer weitergetrieben, das hat mir irgendwann leidgetan. Irgendwo im Bermudadreieck zwischen Leistungsanforderungen, Elternwillen und der Tatsache, dass ein Tag nur 24 Stunden und eine Woche nur sieben Tage hat, blieb am Ende nichts mehr als die Nichtversetzung. Dass das meist nur für wirklich harte Fälle gilt, erläutert Sebastian Dorok in seinem Beitrag.

Fazit
Das Problem ist ein systemisches. Solange wir in geschlossenen Klassen und nach festen Zeitplänen unterrichten, innerhalb derer die Schüler möglichst im Gleichschritt die Inhalte erarbeiten müssen, wird das Sitzenbleiben in Härtefällen die einzige Möglichkeit sein, damit ein Schüler nicht noch schlimmere Erfahrungen macht. Förderstunden sind da nur Tropfen auf sehr heiße Steine, die oft nicht reichen, um Defizite aufzuarbeiten. Ein schön polemischer und durchaus bedenkenswerter Artikel mit einer sachten Andeutung, wie man Schule neu denken könnte, findet sich bei Spiegel Online.

4 Gedanken zu „Sitzenbleiben – gar nicht einfach

  1. In Hamburg sind die Nicht-Sitzenbleiber inzwischen in Kl. 9 angekommen. Wir hatten auch einen wirklich hartnäckgen Fall, der dann von Gym auf die Stadtteilschule (STS) gewechselt ist und dabei auvh noch eine Kl. wiederholt – mit Genehmigung der Schulbehörde und auf Antrag der Eltern geht das. Es gibt auch überforderte Schüler, die mit Beratung vom Gym auf die STS gewechselt haben.

    Viele Kollegen hat vorher anscheinend Angst, dass das Fehlen des Drohens des Damoklesschwertes Sitzenbleiben ihnen die letzte Druckmöglichkeit nimmt. Das hat sich als unsinnig erwiesen. Ohne die entsprechenden Noten gibt es ja trotz Nicht-Sitzenbleibens keinen Abschluss. Ich sehe es als Gewinn, dass die Schüler in ihrer Gemeinschaft bleiben. Es schafft jedenfalls keine neuen Probleme, die das Sitzenbleiben nicht auch hatte.

    Insgesamt ist das aber sicher eine Frag der Statistik, der man mit einzelnen Erfahrungen nicht unbedingt beikommt. Als Abteilungsleiter in der Mittelstufe habe ich aber ein klein bisschen Überblick – auch in andere Gymnasien. Das Abendland ist nicht untergegangen und das Abitur wird immer noch nicht jeder bekommen.

    • Was heißt „kein Abschluss“ genau? Sind die Schüler dann nach zehn Jahren Schule „blank“ und haben gar nichts? Das fände ich noch schlimmer als das Sitzenbleiben.

      Ja, man braucht das Sitzenbleiben nicht – aber alleine durch dessen Abschaffung erreicht man nicht, dass Schüler mit Schwierigkeiten sich verbessern. Habt ihr in HH besondere Fördermöglichkeiten?

      • Für jeden Abschluss (1. allg.-bild. und mittler Abschluss) braucht man bestimmt Noten. Die Abschlüsse am Gym. nicht zu schaffen ist zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Bei zwei 6en gibt es keinen Abschluss – wie früher auch.

        Johannes

      • Ich habe auch nach der alten Regelung mit Sitzenbleiben Schüler ohne Abschluss daa Gymnasium verlassen sehen. Einma in Kl. 8 sitzenbleiben und in 9 nochmal – schon muss man das Gym ohne Abschluss verlassen. Das habe ich alle paar Jahre erlebt. Es gobt immer Schüler/Eltern, die solange wwiter machen bis nichts mehr geht. Beratungsresistent bzgl. eines Schulwechsels zur STS.

        Diese Schüler werden ohne Sitzenbleiben nicht besser, aber sie haben inzwischen die Chance, in Kl. 10 einen echten Hauptschulabschluss am Gym zu erwerben. Das betrift so wenige Schüler, dass es nicht der großen Diskussion wert ist. Für die meisten Schüler lohnt das Sitzenbleiben nicht.

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