Fünf Unterrichtseinstiege

Der folgende Text entstand während meines Referendariats im Juni 2007. Er ist nie fertig geworden, aber ich habe ihn anlässlich des aktuellen Beitrags von Herrn Rau noch einmal ausgegraben und rudimentär überarbeitet.

Leider komme ich ja in der Schulzeit kaum dazu, ausführliche Beiträge zu schreiben, daher muss ich jetzt einiges in den Ferien nachholen. Worum es sich im folgenden Beitrag drehen wird? Um eine Fachseminarsitzung Deutsch, Brechts V-Effekt, eine Karikatur, eine Sonnenbrille, zwei nackte Frauen und Mephisto.

Wenn ich mich später über eines nicht beschweren darf, dann darüber, dass ich ein langweiliges Fachseminar Deutsch hätte. Schön ist, dass unser Fachleiter sich immer bemüht und zu zeigen, nein, deutlicher: uns vorzumachen, wie man Deutsch unterrichten kann. Wir sprechen also nicht nur, wie in den übrigen Fachseminaren, über die planmäßig vorgegebenen Themen, sondern unser Fachleiter versucht immer wieder, uns praktisch ein Vorbild zu sein.

Schon in der ersten Intensivphase, in wir allererste Gehversuche im Unterrichten machen durften, hatte unser Deutschfachleiter massenweise Stunden bei Kollegen zusammengetragen, um genug Zeit für uns und für seine Unterrichtsdemonstrationen zu haben, in denen er uns zeigen konnte, dass das, was er uns beibringen möchte, auch tatsächlich funktioniert. Aber ich schweife ab, denn eigentlich geht es mir in diesem Text um…

…fünf Unterrichtseinstiege
Da im Seminar leider selten mit echten Schülern gearbeitet werden kann, demonstrierte unser Fachleiter uns fünf Unterrichtseinstiege, bei welchen wir die Rolle der Schüler einnehmen mussten und die Einstiege auf einem Bewertungsbogen bewerten sollten.

Zitate
Der erste Einstieg klassisch. Schwungvoll klappt die Tafel auf, zwei Zitate sind zu lesen:

„Das Geheimnis des Schreckens liegt im Detail.“

„Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.“

Der Kenner erkennt hier Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“, ich dagegen kenne sie nicht. Umso mehr versucht man automatisch, Verbindungen herzustellen. Man kann gar nicht anders. Ein Clown, das ist doch eher etwas Lustiges… sammelt „Augenblicke“, soso… der Schrecken „liegt im Detail“ und sind Augenblicke nicht auch Details, irgendwie? Sammelt der Clown also den Schrecken? Schreckliche Augenblicke? Gar nicht lustig, dieser Clown…

…ich habe keine Ahnung, ob meine Gedankengänge auch nur halbwegs dem Roman entsprechen, aber wichtig ist: Man kommt ins Grübeln, wenn zwei Zitate unaufgelöst nebeneinander stehen. Gehören die Zitate zur gleichen Person oder zu zwei unterschiedlichen? In welchem Moment wird welches Zitat gesagt, oder wird es vielleicht nur gedacht? Ist es Erzählerstimme oder Figurenrede? Wie macht man das eigentlich, Augenblicke sammeln?

Um Denkprozesse anzustoßen, und darum geht es bei Einstiegen, sind Zitate gewiss eine gute Wahl.

Die Karikatur
Der zweite Einstig, für den wir Referendare uns in Sechstklässler verwandeln mussten, war gewiss ebenso klassisch wie der erste: Eine Karikatur von Horst Haitzinger, deren erlösender Text verdeckt war.

Die Karikatur zeigt einen überdimensionierten Fernseher, vor dessen flimmerndem Bildschirm gebannt acht Erwachsene auf einer Couch sitzen. Hinter der Rückenlehne, abgewandt, ein Kind mit einem Buch. Eine erwachsene Person wendet sich einer anderen zu und sagt etwas.

Nur was? Wir Sechstklässler sollten nun zunächst das Bild beschreiben. Es ist immer wieder verblüffend, wie viele Details man in Bildern übersieht, wenn man sie nicht ausgiebig beschreibt. Daraufhin sollten wir uns ausdenken, was die sprechende Person wohl sagen mag. Kreativität war gefragt, schließlich wollte man sich nah an die Originalaussage herantasten. Verschiedene Möglichkeiten wurden in den Raum geworfen und ob man am Ende nah oder weiter weg vom Ursprünglichen war, spielte im Prinzip keine Rolle: Denn das Ziel, alle zum Nachdenken zu animieren war erreicht worden.

Ein Plakat
Dritter Einstieg. Die zweite Tafelhälfte wird aufgeschwungen. Darunter klebt ein kleines Plakat, darauf zu lesen:

Guten Morgen!
Unser Thema heute:

Der V-Effekt
Brechts Theatertheorie
und sein zentrales
Element

Zweiminütige Stille. Kopfkratzen. Wieso schreibt er das umständlich auf ein Plakat, auch noch verschiedenfarbig, und klebt das an die Tafel? Hätte er das nicht direkt auf die Tafel schreiben können? Grübeln. Nach endlos scheinender Stille (unser Fachleiter hat knochentrocken minutenlang gewartet) hörte man endlich den Groschen fallen: „Ach! Das ist der V-Effek!“ Tatsächlich. Der Schüler setzt sich mit der Art und Weise der Unterrichtsgestaltung auseinander, ähnlich wie bei Brecht, der den Zuschauer durch Verfremdungseffekte zur Auseinandersetzung mit seinem Stück animieren will. Anschaulich und ein gewagter Einstieg nur für Mutige. Denn dass Schüler darauf kommen, ist nicht gesagt. Unser Fachleiter erzählt uns, dass er ganz schön geschwitzt habe, als er diesen Einstieg bei einem Unterrichtsbesuch riskiert habe…

Faust aufs Auge
(Nachtrag 2013: Und hier verließen den tapf’ren Autor im Sommer 2007 die Kräfte. Der Rest muss ungesagt bleiben. Ich habe noch eine ungefähre Erinnerung, dass unser Fachleiter mit einer Sonnenbrille auf der Nase vor uns saß und Faust zitierte. Fragt mich aber nicht, warum. Und wer wegen der nackten Frauen hier hineingeblickt hat, den muss ich ebenfalls enttäuschen… )

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