Licht aus! Im Dunkeln kann man besser denken…

Pssst. Bitte jetzt ganz leise sein. Und vor allem: Licht abschalten! Dann wird alles besser, denn die Wissenschaft hat festgestellt, dass Menschen im Dunkeln besser denken können.

Zumindest scheint das so, wenn man den Überschriften auf Zeit.de und bei Der Westen folgt. Bei der Zeit titelt man „Kreativität: Im Dunkeln ist gut denken“, bei Der Westen versucht man’s mit „Menschen denken laut Dortmunder TU-Studie im Dunkeln besser“. Vor allem Letzteres klingt so dermaßen volle Kanne wissenschaftlich, dass ich gleich zum Lichtschalter springen möchte.

Und ich habe schon die ersten Elternabende vor Augen… ob die Klassenräume an deutschen Schulen nicht generell zu hell wären… in Bayern lerne man jetzt auch schon ohne Sonnenlicht, warum man denn die Pisa-Ergebnisse der Bayern nicht zur Kenntnis nehmen wolle… man könne doch mit einfachen Mitteln Dunkelphasen im Unterricht einbauen…

Doch was hat man eigentlich festgestellt? Nachdem man 74 Menschen in Kleingruppen acht Aufgaben gestellt hat, wobei einige in hellen, andere in stockfinsteren Räumen saßen, stellte man fest, dass die Menschen in den dunklen Räumen „mit einer bis zu dreißig Prozent höheren Kreativität“ (Zeit.de) auftrumpfen konnten.

Aufgabe war beispielsweise, alles aufzuzählen, was man mit einer Zeitung anfangen kann. Ergebnis:

Auch in Bezug auf die Vielfalt der Ideen konnten die Teilnehmer aus der Dunkelkammer besser abschneiden. Bei der Frage „Was kann man mit einer Zeitung alles anstellen?“, kamen sie nicht nur darauf, sie zu lesen oder zu kaufen. Ungewöhnliche Antworten, wie verbrennen oder mit dem Papier die Badewanne zu verstopfen, wurden in den Raum gerufen. (Zeit.de)

Wow! Ich wüsste nur zu gerne, wie die wissenschaftlichen Fachkräfte an der TU Dortmund „Kreativität“ definieren. Und dass die höhere Anzahl an Antworten nicht unbedingt Ergebnis einer magisch erhöhten „Kreativität“ ist, sondern vielmehr dem Umstand geschuldet ist, dass man sich in anonymer Dunkelheit seiner peinlichen Auswürfe weniger schämt, deutet nur der Zeit-Artikel sachte an:

Menschen könnten die Reaktionen der anderen auf ihre Antworten nicht sehen und halten sich im weiteren Verlauf der Gesprächsrunde nicht zurück. (…) Außerdem sei man eher dazu bereit, gesellschaftlich unangepasste Antworten zu geben, wenn man dabei nicht gesehen wird. (Zeit.de)

So. Und was bleibt nun vom in beiden Titeln versprochenen „besser denken“? Nix. Preisfrage (bitte nur im Dunkeln beantworten): Was sollte man mit  Medien anfangen, die Studien so schlecht interpretieren? Verbrennen oder in die Badewanne stopfen?

Oder sie einfach bitten, blöde Werbeartikel für Marketinginstitute auch als solche zu kennzeichnen?

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