Tolle Ideen verschütt gehen lassen?

Es gibt wirklich so viele tolle Ideen, wie man den Unterricht abwechslungsreicher und interessanter gestalten könnte. Meistens haben diese Ideen jedoch den „Pferdefuß“, dass man sie im Rahmen normaler (d.h. ministerial vorgesehener) Unterrichtszeit kaum einsetzen kann. So bin ich schon öfter auf die Idee gestoßen, dass man im Geschichtsunterricht doch bestimmte Themen von den Schülern im Rahmen des Fernsehformats Tagesschau oder Ähnlichem umsetzen lassen könnte. Eine Redaktion erarbeitet dann ein fest umgrenztes Thema und gestaltet dazu eine vollständige Moderation mit Kartenmaterial, erklärenden Grafiken und selbstverständlich sollte alles sachlich geprüft und nichts erfunden sein. Um das Ganze spannender und multiperspektivischer zu machen, könnte man sogar das gleiche Thema von verschiedenen „Tagesschauen“ (z.B. den Ausbruch des Ersten Weltkrieges aus österreichischer und russischer Sicht)  erklären und einordnen lassen. Klar ist das anachronistisch, aber vor meinen Schülern bin ich eben nicht nur Historiker, sondern als Erstes(!) Pädagoge und Didaktiker. Wenn ich also die sonst bei politischen Themen wegschnarchenden drei-viertel der Desinteressierten mit einem solchen Konzept motivieren kann, ist es mir den Anachronismus wert.

Bleibt – besonders in der SekII –  der verdammte Pferdefuß! Ich habe schlicht keine Zeit für solche Sperenzchen! Das Abitur drückt, die Vorgaben scheinen endlos und die Klausurtermine sind immer viel zu knapp gelegt. Wie in drei Teufels Namen soll ich so abwechslungsreichere Methoden als das übliche Karikaturen-Auflegen oder das Textquellen-Analysieren einsetzen? Am Ende des Schuljahres, wenn noch Zeit sein sollte, quasi als „Zugabe“, als „Bonbon“ – wenn schon der letzte Rest an Motivation hinwegunterrichtet wurde? Das Einzige, was mir heute dazu einfällt, ist, dass man solche Projekte eventuell aus dem Unterricht hinausverlagern und die Schüler solches in ihrer Freizeit umsetzen lassen muss. Das hätte dann den Charakter von Referaten oder Facharbeiten, die ja auch zu Hause erarbeitet werden. Oder hat jemand von euch eine andere Idee, wie man kreativere, zeitaufwändigere Unterrichtsvorhaben im Unterricht umsetzen kann?

Oder muss man tolle Ideen einfach zwangsläufig verschütt gehen lassen?

6 Gedanken zu „Tolle Ideen verschütt gehen lassen?

  1. Gerade in Einzelstunde ist so etwas natürlich besonders schwer zu realisieren. Im letzten Schuljahr konnte ich dank unseres Doppelstundenmodells so etwas ganz gut umsetzen, habe dort allerdings im Erdkunde Unterricht auch nur eine Doppelstunde für mehrer Gruppen als Vorbereitung absolviert und die SuS mal in Absprache mit mir (Mail, Lo-Net usw.) ganze Stunde gestalten lassen. Klappte erstaunlich gut, waren sogar eigene Videos mit „Feldreportagen“ dabei. Habe die Unterrichtsreihe aber nach der Klausur (vor Weihnachten) und Beginn des zweiten Halbjahres durchgeführt. Habe denselben Kurs nun als Examenskurs und bin doch überrascht wieviel davon hängen geblieben ist.
    Sehe dieses Schuljahr aber auch wenig Chancen für so etwas, bei uns werden die ersten Klausuren bereits Mitte Oktober geschrieben und das sind de facto gerade mal 4 volle Schulwochen.
    Und in den Klausurenphasen werden sicherlich die SuS auch weniger Zeit in solche Formate investieren, daher bleibt quasi nur der Zeitpunkt rund um Weihnachten und vor Beginn des zweiten Halbajhres, so leid mir das auch tut.
    Es hat sich übrigens als sehr nützlich erwiesen den SuS eine Art „Basisartikel“ an die Hand zu geben, davon ausgehend haben die SuS dann schöne Stunden gestaltet.
    Positiver Nebeneffekt: ich konnte ganz gut erkennen welche SuS mit welchen Materialtypen besonders vertraut waren. Dieses Wissen habe ich dann direkt in der zweiten Klausur bzw. im Unterricht verwendet.

    • Wir haben auch ein Doppelstundenraster und ich bin, bei allen Nachteilen, sehr dankbar dafür. Hausaufgaben gebe ich kaum noch auf, es steht uns ja genug Übungszeit zur Verfügung.

      Kannst du das mit dem „Basisartikel“ noch einmal erläutern? Ist das dann Lernen-durch-Lehren oder wie funktioniert das?

      • Genau das ist quasi Lernen-durch-Lehren. Die SuS haben in dieser Reihe (Wasser – das blaue Gold) diverse Basisartikel aus Fachzeitschriften an die Hand bekommen, in denen das Problem umrissen wurde und z.T. erste Materialien bzw. Hinweise auf Webseiten usw. gegeben wurden. Anhand dieser Artikel haben sie dann zunächst eine Präsentation entworfen (nicht viel mehr als eine Einführung in das Thema) und anschließend eine Materialgebundene Stunde entworfen, in der die SuS als Experten für die verschiedenen Gruppen zur Verfügung standen.
        Sie mussten also in ihrem Thema ziemlich fit sein, damit sie bei den Gruppenarbeiten ggf. mit Expertenwissen helfen konnten. Darüberhinaus haben sie die anschließende Diskussion maßgeblich geleitet. Ich habe mich währenddessen sehr zurückgehalten und war eher Lernbegleiter, stand aber bei Schwierigkeiten den Gruppen zur Verfügung.
        Positivier Nebeneffekt hierbei war auch, dass die SuS die neuerding in NRW geforderte „umfangreichere Präsentationsleistung“ erbringen konnten und zudem tendenziell aufmerksamer bei der Sache waren. Sie wussten ja genau, dass sie irgendwann selbst solch eine Stunde gestalten mussten.
        Die Ergebnisse des ganzen haben meine Erwartungen übertroffen, weil ich a) sehr gut vorbereitete SuS erlebt habe und b) jedem SuS ausreichend Raum gegeben wurde (sich) zu präsentieren,.

  2. Gibt es bei euch die Möglichkeit der Klausurersatzleistung? Ich lasse die S gerne (aber viel zu selten) projektorientiert an größeren Themenkomplexen arbeiten. Und wenn das Produkt dann vergleichbar mit einer Klausurleistung ist (was eigentlich meistens der Fall ist), kann ich mir und die S sich eine solche Klausur sparen. Muss natürlich vorgeplant und abgesprochen werden.

    Es ist allerdings für S und L aufwändiger, dafür sind die Noten meistens auch besser 😉 (Und die Ansprüche der S steigen leider auch, von wegen: „Ich hab‘ doch so viel Zeit da rein gesteckt…“)

  3. Bzg. der Sek II kann ich dir da auch keine Tipps geben, denn die unterrichte ich nicht. In der zehnten Klasse aber habe ich als Referate mal Großthemen (z.B. USA zwischen Kennedy und Vietnamkrieg…) als Zeitungen erarbeiten lassen. Sie kannten ja die Textsorten aus dem Deutschunterricht, den Inhalt musste sie neu erarbeiten. Alles wurde benotet.
    Das hat natürlich lang gedauert und wurde zum Teil zuhause erarbeitet, aber…..aber…aber.
    Das mit der Klausurersatzleistung gibts ja hier in Bayern auch.
    In der 9.en der Realschule wurde jetzt die Projektpräsentation als verpflichtend für alle 9. Klassen eingeführt. D.h. diese müssen fächerübergreifend ein Projekt mit anschließender Präsent. gestalten. Hier bieten sich Geschichtsprojekte auch oft an.
    Wenn mir in der Mittelstufe dadurch Zeit verloren geht, raffe ich den Rest des Lehrplans halt…

  4. Die Klausurersatzleistung gibt es bei uns auch, bisher habe ich sie allerdings nur in Form von Portfolios oder Lesetagebüchern kennengelernt. Sie muss auch, wenn ich mich nicht irre, von der Schulleitung genehmigt werden – ob da eine Tagesschaumoderation der Kracher und adäquater Ersatz für eine Klausur ist, da bin ich mir nicht sicher… 😉 Zumal die SuS auch die Klausur schreiben wollen, um auf Abiturklausuren entsprechend vorbereitet zu sein.

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