Soldaten – ein erster Eindruck

432 Seiten. Sachtext. Ohne Literaturangaben. Und ich pflüge förmlich hindurch, denn Sönke Neitzel und Harald Welzer haben sich redlich und erfolgreich Mühe gegeben, ihren umfangreichen Band „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ lesenswert zu gestalten. Das liegt zum einen am Stoff selbst, zum anderen aber auch an der lebendigen und immer sehr anschaulichen und klaren Art des Schreibens. Die Autoren verzichten auf umständliches Wissenschaftsgeschwurbel und kommen direkt zum Punkt, verzichten auf Fremdwortkaskaden und  erläutern immer dann, wenn es angebracht ist.

Der Stoff aus dem die Quellen sind – Abhörprotokolle
Zum Stoff. In der Monographie beschäftigen sich der Historiker Neitzel und der Sozialpsychologe Welzer mit britischen Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener seit September 1943. Das Besondere an diesen Abhörprotokollen ist, dass die Kriegsgefangenen bei ihren Gesprächen nicht wussten, dass sie abgehört wurden, sodass im Ergebnis Geschichtsquellen entstanden sind, die in ihrer Unverfälschtheit ihresgleichen suchen dürften. Wie normal war also Gewalt für die deutschen Soldaten, wie sprachen sie untereinander über Gräueltaten, wie gerierte man sich selbst, sah man sich gar zu Rechtfertigungen gezwungen? Diesen Fragen gehen Neitzel und Welzer nach und versuchen mithilfe der bis dahin unbekannten Dokumente einzuordnen, ob die deutsche Wehrmacht durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus besonders brutalisiert war.

Der Referenzrahmen – Die Welt der Soldaten
Zuvor definieren sie allerdings den „Referenzrahmen“ innerhalb dessen die Wehrmachtssoldaten gehandelt haben (müssten), sprich: Sie versuchen die Frage zu beantworten, wie es dazu kommen konnte, dass gutmütige Männer zu mordenden Männern wurden; versuchen zu ergründen, innerhalb welcher „Welt“ die Soldaten gedacht und gehandelt haben, welche Maßstäbe in dieser Welt galten, welche Grenzen diese Welt den Soldaten auferlegte – und was das spezifisch Nationalsozialistische an dieser Welt war.

Dieses Vorgehen bietet den Vorteil, nicht mit einem normativ und moralisch verstellten Blick an die Quellen heranzugehen, denn man versucht zunächst, die Sichtweise der Täter zu rekonstruieren und zu verstehen, warum sie in bestimmten Situationen so grausam handelten. Beispielsweise wird anhand mehrerer Aussagen von Jagdfliegern gezeigt, dass diese eher sportlichen Ehrgeiz entwickelten, ideologische Aspekte hingegen keine Rolle zu spielen schienen. Es ging also nicht darum, „Untermenschen“ zu vernichten und dem Endsieg zu dienen, sondern simpel Abschüsse zu sammeln – ähnlich wie bei „Frags“ in modernen Computerspielen. Der Referenzrahmen war hier also weniger ideologisch bzw. nazistisch definiert, als vielmehr bestimmt vom Alltag, von der „Arbeit“ im Kleinen, dem „Spaß“, soweit der im Rahmen des kriegerischen Umfelds einer Gruppe hierarchisch organisierter Soldaten möglich war.

So sinnvoll das Rekonstruieren des Referenzrahmens der Soldaten ist, so erfordert eine wissenschaftliche Ausblendung des Normativen dennoch den Balanceakt zwischen einer Relativierung auch massiver Gewalttaten, denn jeder Täter hat irgendeinen „guten“ Grund, Gewalt auszuüben, und einer moralisch-normativen Bewertung. Der Referenzrahmen wird sonst schnell zum Legitimationsrahmen, zur Entschuldigung des Einzelnen, der dann ja kaum anders konnte, als innerhalb seines Referenzrahmens zu handeln. Eingeholt wird das Moralisch-Normative dann immer wieder durch die Aussagen der Soldaten selbst, z.B. wenn ein Soldat, selber Vater zweier Säuglinge, davon berichtet, dass er mit ruhiger Hand wagenweise Frauen und Säuglinge erschossen hat oder wenn ein Soldat von dreijährigen Kindern berichtet, die, am Schopf hochgehalten, mit der Pistole erschossen und anschließend in Massengräber geworfen wurden.

Neitzel und Welzer bleiben jedoch nicht allein bei der Wehrmacht stehen, sondern vergleichen mit späteren Kriegen und auch z. B. mit der Episode um die amerikanische Hubschrauber-Crew, die eine Gruppe Zivilpersonen und den Reuters-Fotografen Namir Noor-Eldeen erschossen hat und untersuchen auf ihre Methode das Gesprächsprotokoll dieses Angriffs. Mit welchem Ergebnis, das lasse ich hier offen, denn die 4,50€ bei der Bundeszentrale für politische Bildung sind wirklich gut angelegt. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen.

Ein Gedanke zu „Soldaten – ein erster Eindruck

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