Die bunte Mischung

Das Schöne an den Weihnachtsferien ist, dass man so von der Familie eingenommen wird, dass man – ungeachtet der Klausurenstapel –  keine Gelegenheit hat, an Schule zu denken. Das hat was, das gelingt mir in keinen anderen Ferien so gut und vollständig. Und nicht nur ich gebe mich dem faulen Weihnachtstaumel hin, auch die Publizisten frönen sentimentalen Erinnerungen an ihre Schulzeit. Schon seit etwa einer Woche verlinkt wird Charlotte Haunhorst auf jetzt.de mit ihrem Artikel „Sie haben uns völlig falsch aufs Studium vorbereitet“, die ihre vor drei Jahren beendete Schulzeit reflektiert und feststellt, dass in der Schule mehr Transfer gefordert war als beim Bulimie-Lernen in der Uni.

Etwas aktueller ist der schöne, achseitige Artikel bei Zeit.de. „Wir müssen die Welt retten“ lautet der Titel und der Autor erzählt mit ruhiger Stimme von einem „Schulbesuch“ seiner alten Schule, die nun, dreißig Jahre nach seinem Abitur, abgerissen wird. Im Zentrum steht jedoch nicht das Schulgebäude, sondern die alten Lehrer, die Sußebach besucht. Denn er gleicht die Bilder, die der junge Schüler hatte, mit denen, die der reife Mann von heute hat, ab und erkennt rückblickend:

Hier war so viel guter Wille. So viel Herzblut. So viel Kraft und so viel Kräfteverschleiß. Es gab ein Kollegium in einer bunten Mischung, wie sie heute selten ist. Es gab Verlierer, ausgerechnet unter den enthusiastischen Lehrern, die so viel von sich und uns erwartet haben. (Zeit.de)

Das Projekt Weltrettung ist unter Verlusten erfolgreich gescheitert. Aufschlussreich, wie immer, die Kommentare. Manche Kommentatoren scheinen der Idee anzuhängen, es gebe den „richtigen“ Lehrer, man müsste ihn nur finden, ausbilden, duplizieren und dann wäre… ja… dann hätten wir einen Weltenretter, der all die Gescheiterten vor ihm ersetzen könnte. Gestern und heute aber war und ist alles großer Mist. Die „Ideologien“ seien schuld, politische Strömungen verantwortlich, die „Linken“ und „die Konservativen“ hätten gleichermaßen versagt, die heutigen Lehrer seien unterqualifiziert oder gar durch und durch allesamt schizophren.

Was sie alle, die Lehrer in Sußebachs Text und die Kommentatoren, auf ihrer Suche nach dem Weltenretter übersehen, ist: die Vielfalt. Wir werden den einen Lehrer niemals finden, kein Sokrates wird uns retten, kein Rousseau uns erlösen. Kein Michelangelo wird unsere Kinder aus grobem Stein fein herausmeißeln und kein noch so geschickter Gärtner ihnen die wilden Triebe stutzen. Denn wir brauchen sie alle: Die Steinmetze und die Gärtner, die Folienaufleger und die Internetversessenen, die Feingliedrigen und die Grobschlächtigen, die Langweiligen und die Ausgeflippten; solange sie den Kindern nutzen, Reibungsfläche bieten, Interesse wecken, Widerstand hervorrufen, Lehrreiches bieten. Nicht wäre langweiliger als drei Dutzend geklonte Lehrer Dr. Spechts, Ms. Johnsons oder Mister Keatings in den Schulen hocken zu haben.

Sußebach gibt in seinem Fazit die Antwort. Die bunte Mischung ist ausschlaggebend und darum kann er auch Gewinner ausmachen:

Und es gab Gewinner, vor allem unter uns Schülern, die von all den Linken und Rechten, den Besorgten und Unbesorgten vorn an der Tafel mehr fürs Leben gelernt haben, als das unter einem grauen Heer gleichgültiger Lehrer der Fall gewesen wäre. (ebd.)

Es ist tröstlich, dass ehemalige Schüler aus unterschiedlichen Generationen so offen den Nutzen ihrer Schulen beschreiben. Und ein schöner publizistischer Jahresabschluss. Ich wünsche allen Lesern schon einmal im Voraus ein frohes neues Jahr!

2 Gedanken zu „Die bunte Mischung

  1. Pingback: Verlorene Links – Teil 3 - riecken.de - Gedanken zu Bildung, Lehre und Schule

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