Mangelndes rationales Potential

Heute schon wieder einen halbangefangenen Blogbeitrag und einen dreiviertel-fertigen Kommentar gelöscht, weil mir immer noch modrige Pilze im Mund zerfallen. Oder eher im Hirn, das nicht in der Lage ist, der Komplexität all der Fragestellungen Herr zu werden. Bei all diesen kognitiven Mangelerscheinungen musste ich an Herrn Larbigs letzten Boo denken, der den Kritikern des aktuellen Schulsystems vorwirft, nur mit mangelndem rationalen Potential ausgerüstet zu sein, eben weil sie ja dieses Schulsystem durchlaufen haben. Eine furchtbar komplizierte Kiste, wenn man versucht, darüber nachzudenken.

Die Kritiker sollen also nicht fähig sein… weil sie ja selber das Schulsystem, das sie kritisieren, durchlaufen haben… dadurch wird aber die Kritik hinfällig, wenn man ihr folgt, wegen des mangelnden rationalen Potentials der Kritiker… ergo wäre das Schulsystem also gar nicht so schlecht, weil die Kritiker ja Unrecht hätten… dann wiederum wären die Kritiker doch nicht so doof, wie man dächte… usw. usf.

Komplexe Kiste und nur schwer zu diskutieren, weil Herr Larbig sich entschieden hat, seine These als Audio-Boo zu veröffentlichen, was das Diskutieren mühsam macht und dazu führt, dass ich dreiviertelfertige Kommentare in den Orkus banne. Aber interessant ist es allemale und ich warte schon seit Tagen auf die ersten Entgegnungen! Jetzt macht mal endlich!

7 Gedanken zu „Mangelndes rationales Potential

  1. Nana, Ironie aber bitte mithören, wenn ich mich wundere, dass diejenigen, die das Schulsystem so massiv kritisieren, es auf der Basis der in diesem Schulsystem erworbenen Bildungen tun, die dann ja, sonst würde man mit der Kritik ja vielleicht etwas sachlicher sein, nicht so toll sein kann, wenn doch das Schulsystem so schrecklich ist und so schlecht gebildete Menschen entlässt…

    Immer noch kompliziert, nicht wahr.
    Und ja: Ich mach so Sachen jetzt manchmal auch mündlich, um der Schriftkultur die andere Seite der Mündlichkeit zur Seite zu stellen…

    LG,
    Torsten

    • Natürlich schwingt da eine ordentliche Portion Ironie mit, aber man muss die Diskutanten ja schon locken. Und welcher Lehrer würde bei deiner Phrase „mangelndes rationales Potential“ nicht Sturm laufen? 😉
      Diese Ironie macht es übrigens, zumindest mir, so schwer, sachlich den Faden aufzunehmen: Es ist leichter, jemanden mit einer festen Meinung „festzunageln“ und dagegen zu argumentieren, als jemandem zu entgegnen, der auf dem feinen Faden der Ironie balanciert.

      Aber ich denke, inhaltliche Debatten sollten wir dann doch lieber bei dir führen.

    • Im Gegenteil gibt es viele – auch prominente – Schulkritiker, die im Schulsystem gescheitert sind, sich ihre Bildung autodidaktisch erworben haben und ein erfolgreiches Leben führen. Die wichtigsten theoretischen Werkzeuge zur Kritik am bestehenden Bildungssystem lernt man auch nicht gerade in der Schule: Keine Medientheorie, keine Soziologie – von Systemtheorie mal ganz abgesehen – und historisches Denken, das in der Lage ist, die Geschichte der Schule selbst vernünftig einzuordnen und daraus entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen, ist auch nicht grade ein Kerngebiet des schulischen Lernens … ich jedenfalls habe viele Jahre als Lehrerin gebraucht, bis ich das Systemdefizit und die Absurditäten erkennen konnte. Es war nicht leicht, einen brauchbaren involvierten Beobachterstandpunkt zu finden … das System sperrt sich ziemlich dagegen 😉

  2. Was ist, wenn es gar nicht die Schule ist, die diese Leute zur Kritik befähigt, sondern all die anderen Lernorte, die sie damals noch erleben durften?

    „Unsere Schule hat SuS von Weltruhm hervorgebracht“ Alles klar:

    Die Schule ist, das weiß man ja,
    in erster Linie dazu da,
    den Guten wie den Bösewichtern
    den Lehrstoff quasi einzutrichtern;
    allein – so ists nun mal hinieden:
    die Geistesgaben sind verschieden.

    Mit Löffeln, ja sogar mit Gabeln
    frißt Kai die englischen Vokabeln;
    Karl-Heinz hat aber erst nach Stunden
    die Wurzel aus der Vier gefunden.

    Und doch! Karl-Heinz als »dumm« verschrien,
    wird Chef – und man bewundert ihn,
    und Kai in Uniform gezwängt,
    steht an der Drehtür und empfängt
    und braucht in Englisch höchstens dies:
    »Good morning, Sir!« und manchmal »Please!«
    Hieraus ersieht der dümmste klar,
    daß der, der »dümmer«, klüger war!

    (Heinz Erhardt)

    Was ist, wenn das Problem gar nicht Schule, sondern die Gesellschaft mit ihrem pädagogischen „Verantwortungsabschiebungspotential“ ist?

    „Mach mal alles, Schule, ich zahle Steuern! Da ist es das Mindeste, dass du mir die stressige Erziehung abnimmst.“

    Wenn da etwas dran ist, dann führen wir in Deutschland ein Stellvertreterkrieg, weil wir unseren Zweitwagen, unseren iPhonevertrag, unseren Kleiderschrank usw. finanzieren müssen. Da bleibt doch keine Zeit für Erziehung.

    Wer hier auch Ironie findet, der darf sie behalten!

    Gruß,

    Maik

  3. Pingback: herrlarbig.de » Blog Archiv » Mündlichkeit: Die vernachlässigte Seite der Sprachkompetenz?

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