Von Komplexität erschlagen

Da hatte ich unlängst in Hinblick auf das Web2.0 den „Ruf eines Ertrinkenden“ ausgestoßen, so dehnt sich dieses Gefühl des Überfülltseins, des Informations-Overkills langsam aber sich auf alle weiteren Bereiche aus. Mit einer unangenehmen Nebenwirkung: Ich bin mir meiner eigenen Urteilskraft nicht mehr sicher. Ich weiß auch nicht, wohin mit mir. Scheint wohl gerade eine wenig schöne Phase zu sein, die hoffentlich bald vorbeigeht.

Angestoßen wurde der obige Gedankengang von Christians Aufruf an die Bildungsreporter. Warum nicht, denke ich mir, lege mir kurz ein Statement zurecht, öffne das Programm für die Webcam und plötzlich kommen Zweifel: Hat das überhaupt einen Sinn, in diese Cam zu quatschen? Kannst du überhaupt qualifiziert zum Thema beitragen? Was willst’n du eigentlich beitragen, mal ehrlich betrachtet und auf lange Sicht? Willste etwa neue Folien vorstellen oder Tafelbilder präsentieren? Sind Unterricht und Bildung nicht viel zu komplex, um darüber auch nur irgendetwas mit dem Verstand möglichst objektiv Beurteiltes sagen oder berichten zu können? Wie sollst du kleine Leuchte mehr dazu beitragen können als pure, nackte und unqualifizierte Meinungsäußerungen, wenn es um die zahlreichen hochkomplexen Wechselwirkungen geht, die beim Lernen alle gleichzeitig eine Rolle spielen? Ich habe die Webcam daraufhin wieder ausgeschaltet.

Das Thema könnte ich jetzt beliebig ausdehnen: Auf Politik („Ja mein Gott, was weiß ich denn, wer jetzt gerade die richtigen Rezepte hat? Wirtschaft, Parteien, soziale Frage – wie und woher soll ich da als Laie ein begründetes Urteil bilden können, ohne zwangsläufig im Ungefähren zu versacken?“), auf unendlich viele gelöschte Blogartikelentwürfe („Hör doch endlich auf, so viel Nonsens zu schreiben, versenk dein Blog und lass andere den Job erledigen“) oder Klimawandel („meinnameisthaseundichhabenullahnung – aber Ideologien“) oder wirtschaftliche Fragen („Kurzarbeitergeld – joa mei. Vielleicht ist’s gut, vielleicht ist’s schlecht!? Bankenrettung – joa, pfffui, mag richtig, mag aber auch falsch sein!? Inflation? Deflation? Währungsreform? Joa, vielleicht, vielleicht auch nicht!?“)

Mal ehrlich: Ich habe doch keine Ahnung. Bildungsreporter? Ja oder nein? Was weiß ich denn schon?

17 Gedanken zu „Von Komplexität erschlagen

  1. Schlechter als so manch einer, der sich Reporter schimpft, kannst du nicht werden 😉

    Ich persönlich finde solche Formate brutal spannend, auch wenn du jetzt nicht – deiner Ansicht nach – perfekt Bescheid weißt. Du wirst dich wesentlich besser auskennen als viele andere.

  2. Du hast natürlich prinzipiell Recht. Allerdings: Wann weiß man „genug“, so dass man sich äußern sollte? Das lässt sich wohl nicht festlegen. Viele, die sich äußern, wissen auch nicht Bescheid — wenn man konsequent Deiner Argumentation folgt, hören wir am Ende nur noch den Sich-Selbst-Überschätzern bei ihren selbstbewussten Reden zu.

    Solange man sich der eigenen begrenzten Sichtweise bewusst ist und diese deutlich macht, kann sich aus der Sammlung und Integration vieler solcher Stimmen dennoch ein für alle bereicherndes Gesamtbild ergeben – obwohl jeder einzeln nicht das Ganze überblickt.

    Insofern: ich fände es spannend zu hören, was Du beitragen möchtest.
    Schöne Weihnachten.

  3. Du selbst kannst nicht beurteilen, ob deine Gedanken neu sind oder nicht. Das Neue ensteht in der Differenz zum bereits Exisitierenden. Erst die Reaktion wird dir zeigen, ob dein Impuls für andere wertvoll ist. Und er ist es, wie die gerade erfährst.

  4. Ich kann die Gedanken nachvollziehen. Nur was ist die Lösung? Alle schweigen? Und wer hat dann das „Recht“ noch etwas sagen zu dürfen? Der liebe Gott?
    Richtig oder Falsch – das kommt auf die Perspektive drauf an, genau wie bei alt oder neu… Ich denke wichtig ist doch, dass man sich beteiligt und daraus Neues entstehen kann.
    Auch wenn alles schonmal gesagt wurde, so gibst du den Sachen doch deine Persönlichkeit mit… es ist etwas anderes. Etwas Neues.

  5. Verrückt, ich habe zum selben Thema am Wochenende auch die Kamera wieder ausgeschaltet. Aber ich habe noch nicht aufgegeben. Sollen wir da via Skype was zusammen machen? Vielleicht sind geteilte Zweifel halbe Zweifel? 😉

  6. Im Zweifelsfall hilft die stabile Rüstung einer gut gesetzten Arroganz. 🙂 Und dann natürlich noch die Lektüre von Nietzsches „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Äußerst aufschlussreich für diese Fragestellung!

  7. Habe gerade keine Zeit für einen Videobeitrag, werde aber hoffentlich noch dazu kommen. Apropos Geschichte: Welche Änderungen der letzten dreißig Jahre haben denn am meisten Auswirkungen auf die Unterrichtsqualität gehabt? Vielleicht hilft das bei der Frage, welche Änderungen viel bewirken können und welche nicht. (Das Sprachlabor war’s jedenfallls nicht.)

  8. Warum eigentlich die Form der Video-Rückmeldung? Warum ist mir dabei unwohl? Ist es das Sichtbarwerden oder etwas anderes? Kann ich außer Fragen irgendetwas zu dieser Diskussion beitragen? Oder hat Jean Paul Martin Recht ?
    „Erst die Reaktion wird dir zeigen, ob dein Impuls für andere wertvoll ist.“
    Und wenn ich mich schon Neuron nenne, dann sollte ich auch feuern… Aber ich brauche Bedenkzeit

  9. Ich kann deinen Gedankengang sehr gut nachvollziehen. Ich denke teilweise auch: Ich bin ein ‚harmloser‘ Student, was kann ich schon ausrichten?

    Aber ich schöpfe meine Motivation aus den Erfahrungen der letzten Monate, die mir gezeigt hat, dass vieles möglich ist. Zwar vielleicht nicht allein, aber mit mehreren Gleichgesinnten!

    Ich habe hier die gleiche Meinung wie meine Vorredner:

    Sag uns einfach mal deine Meinung. Ich denke die Mischung aus allen Mitteilungen & Beiträgen machts!

    Liebe Grüße und ein schönes Weihnachtsfest!

  10. Ich finde Deinen Beitrag wichtig! Mir ging es auch mal so – nicht nur mal, sondern immer wieder mal. Ich finde nicht, dass das ein Problem ist, dem mit „Gutzureden“ abzuhelfen ist. Ich halte es auch nicht für ein Komplexitätsproblem, obwohl es damit zu tun hat. Ich halte soetwas für eine Sinnkrise, die sich einstellt, wenn man anfängt, von etwas wirklich mehr als Oberflächliches zu verstehen und wenn man beginnt, nicht mehr alles, was irgendwie zutreffend mit dem thema zu tun hat, emphatisch zu begrüßen. Kurz, wenn man anfängt, Qualität zu verlangen – als erstes von sich selbst.
    Es ist in letzter Zeit viel euphorisch von Schulreform und allerlei Verbesserungen und „neuen“ Ansätzen usw. in Videos und Blogs zu sehen. Gut, das war jetzt die Phase, wo es darum ging, möglichst viele auf die Spur zu setzen, dass es etwas zu verändern gilt. Es ist sozusagen die Phase gewesen, in der man erstmal alle Ideen sammelt, soviele wie möglich, ohne zu bewerten. Aber jetzt kommt die Phase, wo aussortiert wird, was Hand und Fuß hat.
    Ich versteh Dich sehr gut!
    Ich mache einen Vorschlag: Sammle Deine reflektierte Praxiserfahrung. Sortiere sie. Stelle zu einem gewählten Problem Hypothesen auf. Erprobe sie. Schreib eine Auswertung mit Schmackes, die Qualität hat. Das kannst Du, weil Du nicht über jedes Stöckchen springen musst, das Dir hingehalten wird. 🙂
    Übrigens ging es mir bei den Bildungsreportern so, dass mir nicht ganz klar ist, was dabei herauskommen soll, was wir noch nicht wissen.

  11. Lieben Dank für die vielen Kommentare, die ich hier unhöflicherweise so lange habe brachliegen lassen.

    Leider bin ich noch kein Stück weitergekommen, aber vielleicht haben Christian und Jean-Paul ja recht, und ich sollte einfach mal feuern und abwarten, was passiert.

    Auf den Punkt bringt es, wie so oft, Lisa. Ja, vielleicht hat es etwas mit Qualität zu tun, vielleicht wäre das ein Punkt, den ich uns Bildungsreportern ans Herz legen sollte. Kohärenz, Konzentration, statt Zerstreuung wären vielleicht eine Forderung. Wie verhält man sich im Dickicht der Web2.0-Tools?

    Gut gefällt mir auch der Hinweis auf das Sammeln, Erproben und Aufschreiben – denn das habe ich doch jahrelang gemacht. Die Zeit dafür sollte ich mir vielleicht mal wieder nehmen.

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