Die Plage der Rechtschreibung

Wofür Rechtschreibung? Ja, diese Frage muss man sich als Deutschlehrer oft stellen lassen und insbesondere in Zeiten von Rechtschreibsoftware, die sogar die Grammatik mitprüft, muss man sich diesbezüglich rechtfertigen. Wieso noch rechtschreiben, wenn man doch in Zukunft gleich drauflostippen kann? Imeihmrn ist dcoh beseewin, dsas es früs Leveessrtäindns abnilcegh vlöilg ueerihnlbch ist, ob man rchet sbceriht oedr nihct. Warum, wofür, wieso also noch Rechtschreibung, dieses bare Folterinstrument der Deutschlehrer?

Wofür eigentlich gute Tischmanieren? Es ist doch wirklich jedem klar, dass Menschen sich auch ohne nennenswerte Schwierigkeiten mit blanken Fingern ihre Nahrung ins Gesicht stopfen können. Vom gesunden Butterbrot bis zur fettigen Pommes, von der mageren Karotte bis zum archaischen Mega-Hammer-Triple-Grilled-Cheeseburger. Warum, ja, warum drangsalieren wir unsere Kinder noch zum Umgang mit Messer und Gabel, diesem mühseligen Gestochere, wieso fordern wir von ihnen dieses tropfende Geeiere mit Löffeln, wo sie doch genauso gut aus der Schüssel saufen könnten?
Warum nicht dem natürlichen Bedürfnis nach Schlürfen und Schmatzen nachgeben, was doch in anderen Kulturen sogar gerne gesehen wird, und warum nicht am Tisch lustvoll einen fahren lassen, was doch so erleichtert? Wieso quälen wir unsere Schützlinge mit Bauchweh und qualvoll unterdrückten Eruktationen, die sie peinlich berührt durch die Nase entweichen lassen müssen? Weil wir eine Gesellschaft voller gemeiner Kindeshasser sind, auf formalen Peinlichkeiten bestehend, sadistische Knigge-Sklaven. Lasst uns die Tischmanieren abschaffen! Lasst uns Manieren abschaffen! Wir fordern Freiheit der Beliebigkeit!

Fortsetzung folgt. Thema: Warum unterjochen wir unsere Kinder der Plage des Kleidungtragens?

5 Gedanken zu „Die Plage der Rechtschreibung

  1. Ich beantworte solche Fragen immer ganz wertfrei, zynisch, pragmatisch. Präskriptive Konventionen, sei es beim Benimm, sei es in der Orthographie oder in der Grammatik, sind immer soziale Marker. Wer das Spiel nicht beherrscht, exponiert sich gegenüber der In-Group als Idiot und wird von den lukrativen Möglichkeiten ausgeschlossen. Wollt ihr ausgeschlossen sein? Nein? Dann lernt die Spielregeln.

    Meine Schüler, Erwachsene im zweiten Bildungsweg, verstehen dieses Argument immer ganz genau. Mit idealistischen Werten brauche ich dann gar nicht mehr zu kommen…

    Nele

  2. Lieber Hokey,
    gerne schüttet man das Kind mit dem Bade aus, um zu einer einfachen und eindeutigen Position zu gelangen. Aber manchmal verpasst man dabei auch eine der Realität angemessene Problembeschreibung.
    Niemand hat etwas gegen Rechtschreibung, Tischmanieren und ähnliche schöne und angenehme Dinge. Sie sind wirklich wichtig. Ärgerlich ist nur, wenn sie zum Nadelöhr werden, wenn Sekundärtugenden zu Keycompetencies erklärt werden. Und das wurde bisher! Du siehst es sicher nicht so, aber das Schulsystem tut es. Wer als schwacher Rechtschreiber oder gar als „Legastheniker“ performed, bekommt eine schlechte Deutschnote und wird häufig aus dem Gymnasium ferngehalten – ganz egal, wie kreativ er dichten, wie scharfzüngig er formulieren und wie genau er denken kann. Ich kenne eine Anästhesistin, habilitiert – also nicht bloß in der Praxis, sondern auch wissenschaftlich erfolgreich -, die hat ihr Leben lang mit ihrer sogenannten Legasthenie zu kämpfen gehabt, denn diese hatte ihr zunächst alle Türen zur höheren Bildungsabschlüssen versperrt. Erst, als sie eine gute Anästhesistin und dan Professorin wurde, spielte das überhaupt keine Rolle mehr – denn jetzt hat sie eine Sekretärin, der sie diktieren kann. Ein anderes – ein Gegenbeispiel: Ich selbst. Ich kann rechtschreiben (und tue es am liebsten in der alten Version) und habe professionelle Erfahrungen im Redigieren von Texten anderer Leute, die keine Lust am Schreiben, aber dennoch etwas zu sagen haben. Das führte eine Zeitlang dazu, dass mir in meinem Institut alle wichtigen Texte zum Redigieren vorgelegt wurden, sodass ich zu anspruchsvollerem und kreativerem Arbeiten, zu dem ich aber ebenso fähig wie ich dessen bedürftig bin, nicht mehr kam. Voilà, Du siehst an beiden Beispielen: Es geht NICHT darum, das richtige Buchstabensetzen zu diskreditieren und das beliebige Schreiben zu propagieren. Dass Rechtschreibung zum Unterrichtsprogramm gehört, bleibt unbestritten. Überdacht werden muss allerdings der Stellenwert. Es geht darum, die gesellschaftliche Bedeutung von Sekundärtugenden an ihrem angemessenen Platz zu sehen. Es kann auf jeden Fall nicht sinnvoll sein, die Rechtschreibung ins Zentrum des Deutschunterrichts zu rücken und daran womöglich die „Intelligenz“ und Lernfähigkeit von Schülern zu beurteilen, wie es dauernd mit Schulformempfehlungen im gegliederten Schulsystem geschieht! Wir können uns diesen preußische Habitus einfach nicht mehr leisten, denn uns gehen dadurch jede Menge hoch talentierte potenzielle Ingenieure, Naturwissenschaftler, Ärzte, Sozialwissenschaftler und Künstler durch die Lappen, die wir dann aus sonstwoher abwerben müssen, damit wir in der nächsten Generation nicht ganz ans Schlusslicht der Wissensgesellschaft geraten.

    (Ui, so groß wollte ich ursprünglich den Bogen gar nicht schlagen. Da ist der Text mit mir durchgegangen! Aber richtig finde ich ihn trotzdem 😉 )

  3. Hallo Lisa,
    du hast (wie so oft) recht mit deiner Kritik und in der Tat habe ich meinen Fünfer-„Sorgenkindern“ (da bin nicht ich es, der sich Sorgen macht!) erklärt, dass der Inhalt über der Form steht. Wie die Grundschulen und die Sekundarschulen das im Übergang handhaben und wo da die Nadelöhre sind, kann ich mangels Ein- und Überblick nicht beurteilen.

    Dass eine angemessene Rechtschreibung nach zwölf Jahren Gymnasium anzustreben sein sollte, darin sind wir uns wohl einig, denn nicht nur innerhalb des Schulsystems ist Rechtschreibung ein möglicher Exklusionsgrund.

  4. Zwölf Jahre Gymnasium sind sicher ein probates Mittel, um Rechtschreibfertigkeiten zu verbessern, im Zuge der Schulzeitverkürzung aber sicher nicht politisch gewollt 😉

    Ansonsten sehe ich die Problematik ähnlich wie du selbst, da ich mich gerade durch Facharbeiten quäle und selbst da haarsträubende Fehler gemacht werden.

    Und – Lisa Rosa – schüttest du nicht auch das sprichwörtliche Kind mit dem Bade aus, wenn du so argumentierst, wie du es tust? Natürlich gehen Rechtschreibfähigkeit und (Lern-)Leistung nicht unbedingt einher. Nichtsdestoweniger gehört eine ordentliche Orthografie ebenso wie die Beherrschung von Grundrechenarten AUCH zu den „keycompetencies“, die von Personalchefs abgefragt werden. Solche Fertigkeiten mit „Sekundärtugenden“ zu umschreiben hilft weder der Diskussion, noch gereicht es dem Begriff der Tugend zur Ehre.
    Übrigens: Warum muss wieder so vieles anglisiert werden?

  5. Wie vor Jahren frage ich Kinder, die mit Eltern wegen Rechtschreibproblemen zu mir kommen: „Habt Ihr schon einmal ins Inhaltsverzeichnis Deines Sprachbuches geschaut?“ Auch heute noch ist die Antwort regelmäßig: „Nein.“
    Dann lass ich das Inhaltsverzeichnis aufschlagen und das Kind die darin aufgeführten Rechtschreibprobleme zählen. Wir kommen immer etwa auf ein Dutzend. Ich frage dann: „Kannst Du in 1 Jahr 12 Dinge lernen?“ Dann lachen wir, weil ich sage: „Das kannst Du doch an 1 Tag! Was tun wir die restliche Zeit?“ Jedenfalls ist dann klar, dass Probleme BEWÄLTIGBAR werden, wenn man sich einen ÜBERBLICK verschafft. Gekommen waren Eltern und Kind mit einer LAST, als gelte es, 5 Millionen Rechtschreibprobleme vor sich her zu schieben, und nun ist klar, dass das Problem begrenzt ist, dass es eine Struktur hat, die lern- und handhabbar ist.
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer suche ich seit 35 Jahren einfache Problemlösungen. Schon bei meinem Studium im Praktikum ist mír aufgefallen, dass die meisten Pädagogen selber keinen Überblick haben und dass sie auch überhaupt nicht lösungsbeziogen denken gelernt haben in ihrer Ausbildung – sie denken vollzugsorientiert.
    Seit Jahren fällt mir weiter auf, dass in Sprachbüchern heute oft gar kein sachbezogenes Inghaltsverzeichnis mehr ist oder dass die Sachfälle in wirklich schüler- und elternfeindlicher Form aufgelistet sind. Das erweckt den Anschein als würden in diesem Bildungssystem die zu höheren Aufgaben aufsteigen, die am wenigsten Ahnung davon haben und die am besten Probleme nicht lösen sondern produzieren können.
    Ich finde in der neuen Ich-kann-Schule, dass Rechtschreiben gar keine Plage sein muss und sogar ein Vergnügen sein kann, auch und besonders dann, wenn man in Schwierigkeiten geraten ist. Dafür braucht es aber jemand, der LEHREN kann, was die Kinder LERNEN sollen. Da ich bei meinen Recherchen keine Lehrer in der Bedeutung dieses Wortes finde, habe ich den Begriff des Unterrichtsvollzugsbeamten eingeführt. Der vollzieht immer die beste, gerade vorgeschriebene Pädagogik, und wer die nicht verträgt, der ist eben verkehrt. Dabei würde ich mir auch die schrecklichst mögliche RächtSchreibung! einfallen lassen bzw. mein kluges UNBEWUSSTES würde das – wie bei den Kindern – für mich tun.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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