Die Mär von der unkritischen Jugend

Eine schwachbrüstige Umfrage wird da heute bei Heise.de unter dem Titel „Je jünger, desto Internet-gläubiger“ unters Volk gebracht. Die Tendenz wird schon im Titel deutlich: Wer „gläubig“ ist, ist – im Gegensatz zu den imaginären anderen – unkritisch. In die gleiche Kerbe schlagen dann Sätze wie

Junge Menschen in Deutschland trauen den Nachrichten aus dem Internet deutlich stärker als ältere Bürger. (…) bei den 14 bis 29 Jahre alten Menschen ist nur noch ein Drittel skeptisch gegenüber dem Netz.

„Nur noch“ skeptisch, denn damals, so scheint’s, war alles besser. Warum sollten sie auch „dem Netz“ gegenüber skeptischer sein als gegenüber den lokalen und überregionalen Meinungsmachern?
Hach, diese dummen, unerfahrenen jungen Menschen! Statt sich auf die klassische Papierzeitung zu verlassen, lesen sie doch tatsächlich Nachrichten im Netz. Ob da nun das Gleiche steht wie in der (über-)regionalen Tagespresse, darüber verliert man (ausgerechnet!) bei Heise kein Wort. Ob die Informationen der Tageszeitung zum Zeitpunkt der Auslieferung schon mindestens 24 Stunden zu alt sind, das erwähnen die IT- und Medienprofis bei Heise nicht. Ob junge Menschen sich eventuell sicherer fühlen im Umgang mit Informationen aus „dem Netz“ (dem Ungeheuer, der Untiefe), spielt ebenfalls keine Rolle.

Man kann es auch übertreiben mit der Netzschelte und der Mär von der unkritischen Jugend. Ich hätte sowieso einen ganz anderen Titel gewählt: „Je älter, desto zeitungsabhängiger“. Scheint ja sogar Heise-Redakteure zu betreffen.

6 Gedanken zu „Die Mär von der unkritischen Jugend

  1. heise.de hat da wahrscheinlich einfach mal wieder eine Studie wiedergegeben, ohne eine eigene Meinung einzubauen. Ab und zu gibt es dort Meldungen ohne IT-Sichtweise, manchmal mit IT-Position.

  2. Zusatz: Wobei ich sagen muss, dass man im Internet viel besser an interessante News kommt als auf Papier. Ich lese z.B. gerne globalvoicesonline.org, eine Plattform für Autoren aus aller Welt. Dort gelangt man v.a. an Informationen aus Ländern, die sonst kaum in der westlichen Welt thematisiert werden.

  3. Was genau ist denn mit „netzgläubig“ gemeint. Auflagenstarke Zeitungen sind doch nahezu alle vernünftig im Internet vertreten. ARD, ZDF…

    Es kommt doch ganz darauf an, auf welche Quellen man sich verlässt. Liest man nur den Wikipediaartikel oder betrachtet auch die Diskussion?

    Welche Alternativen sind denn laut heise.de besser? Bisher wurden 3.299.728 Exemplare der Bild verkauft… die Zielgruppe ist deutlich älter (vor allem Männer zwischen 30 und 60). Ob das eine seriösere Quelle zur Meinungsbildung ist?

    Wieviele Erwachsene glauben, dass die in den TV-Reportagen gezeigten Beiträge der Realität entsprechen?

    Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die mit einem Medium groß werden sowohl die Vorteile eher zu schätzen und nutzen wissen. Aber auch über Nachteile besser Bescheid wissen. Letzteres hoffe ich zumindest.

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