Paradoxes Missverhältnis

Die laufen doch nicht A-mok, weil sie Counterstrike spielen, sondern, weil ihre Mitschüler sie jahrelang quälen und im besten Fall ignorieren. Und dann kommen die auch noch ins Fernsehen und sagen da:“ Er war eigentlich immer alleine.“ (Frau Freitag)

Sie hat so recht. Dieses Missverhältnis in der Gewichtung des Konsums virtueller Gewalt (ganz egal, ob TV oder Computer) und realer, physischer und psychischer Gewalt spielt in unseren Medien und politischen Diskussionen kaum eine bis keine Rolle. Da bleibt der Täter brav ein Täter und was er sich in seinen mutmaßlich kranken Kopf medial hineingestopft hat, lässt er auf arme, unschuldige Mitmenschen los.

Auch die hinterher so oft gehörte hilflose Erklärung „er war ein Einzelgänger“ macht wiederum ihn schuldig an seiner Einzelgängerschaft, er war eben so. Dass man ihn vielleicht selber dazu gemacht hat, dass er an dieser Sache nicht nur aktiv, was sich so deutlich im Sprachgebrauch ausdrückt, sondern vor allem auch passiv betroffen war, auf die Idee kommt niemand.

Nur Frau Freitag. Danke.

14 Gedanken zu „Paradoxes Missverhältnis

  1. Kommt das für den Zuschauer wirklich so rüber? Seitdem ich ein Referat über Bastian B. gemacht habe (dort hatten wir ja zum Glück ein paar Quellen, die die Polizei aber alle schnell verschwinden ließ), geht bei mir immer die Alarmglocke los, wenn so ein Fall vorkommt – v.a. wenn ich dann höre „Er war ein Einzelgänger“.

    Wobei ich zugeben muss, dass ich gestern tatsächlich irgendwo brutal enttäuscht wurde. Einerseits wurde die Aussage über seine Einsamkeit betont, andererseits wurde dann so getan als gäbe es absolut keine Begründung für so eine Tat.

    Wenn ich diese Ignoranz immer wieder sehe, dann kann ich verstehen, dass Bastian B. sagt, die Menschheit bestehe aus Idioten und Markenfetischisten, letztlich auch aus Klassenhierarchien nach Markenartikeln und Coolness sortiert.

    Ich persönlich suche lieber nach Leuten mit einem interessanten Wesen und verbringe einen Zeitabschnitt mit denen. Mit Leuten, die nur äußerlich etwas zu bieten haben, innerlich dafür absolut flach sind, kann ich wenig anfangen. Scheint aber für die meisten anders zu sein.

  2. Der Begriff „Klassenhierarchien“ ist vielleicht nicht ganz gut gewählt. Es geht eher um „innen“ und „draußen“, er sprach nämlich davon, dass man ohne Markenartikel und solchen Kram zu einem Einzelgänger gemacht werde. Hab den ganzen Satz gerade nicht mehr im Kopf, aber er nannte explizit „a loner“.

  3. Genau deshalb hab ich einen Leserbrief an die sueddeutsche geschrieben, ich hoffe, der wird veröffentlicht: Gerade dass er ein stiller „unauffälliger“ Einzelgänger war, gerade das macht ihn ja auffällig. Welcher pubertierende Jugendliche ist schon still, welcher ist schon gerne ein Einzelgänger?

  4. Da muss ich Nele aber zustimmen: Jetzt alle introvertierten Menschen als potentielle Amokläufer zu stigmatisieren und „Unauffälligkeit“ als Signal für sich aufstauende Aggression zu werten, halte ich für falsch.

  5. Wie wär’s mit einer Prise Realismus?
    Es gibt in jeder beliebigen Gruppe von Menschen, also auch in Schulklassen, extrovertierte und introvertierte Typen. Wenn ich mir über alle schweigsamen Schülerinnen in meinen Klassen Sorgen machen müsste, dass sie über einer Mordlust-Attacke brüten, dann würde ich schnell depressiv.

    Versteht mich nicht falsch: Ich verteidige keine Schüler, die andere mobben. Ich bin dagegen, dass man sich über andere lustig macht, vor allem wenn die Verspotteten Leute sind, die sich dagegen nicht zu wehren wissen.

    Aber ich finde es total daneben, einen Täter von der Verantwortung für seine Tat freizusprechen, nur weil die anderen nicht nett zu ihm waren. Abweisende Blicke mit einem Axthieb auf den Kopf vergelten – das ist unentschuldbar. Unentschuldbar.

    Auf einer anderen Ebene ist es ein grandioser Fauxpas, wenn ein Politiker als Gegenmaßnahme gegen Schulmorde und Schulmordversuche „Erhöhung des Strafmaßes“ vorschlägt. Solchen Politikern sollte unverzüglich aufgegeben werden, hundertmal in Schönschrift zu schreiben: „Ich soll in der Öffentlichkeit keinen Unsinn erzählen“, und anschließend sollten solche Politiker ihr Amt einem Nachfolger übergeben, der etwas von seiner Sache versteht. Oft genug sind Statistiken zitiert worden, wieviel hunderttausend Euro ein Strafgefangener im Gefängnis den Steuerzahler kostet. Wenn man dieses Geld endlich einmal ausgäbe, *bevor* der Mensch zu einem Straftäter wird: psychotherapeutische Betreuung an Schulen (präventiv), kleinere Klassen, mehr Lehrer (mit besserer Ausbildung), Betreuung arbeitsloser Jugendlicher – wir bräuchten weniger Platz in den Gefängnissen.

  6. Aber ich finde es total daneben, einen Täter von der Verantwortung für seine Tat freizusprechen, nur weil die anderen nicht nett zu ihm waren. Abweisende Blicke mit einem Axthieb auf den Kopf vergelten – das ist unentschuldbar. Unentschuldbar.

    Aber wer macht denn das? Es geht mir nicht darum, den Täter zu entschuldigen. Aber es gibt auch immer eine Vorgeschichte, und die hat in den seltensten Fällen damit zu tun, dass andere „nicht nett zu ihm waren“. Und auch nicht mit „abweisenden Blicken“. Sondern mit Spott, Hohn, Verachtung, Schlägen, Demütigungen. Tag für Tag, in jeder verdammten Fünf-Minuten-Pause. Und teilweise geht das schon an den Grundschulen los, wie ich mittlerweile weiß. Und dass die, die solches über Jahre hinweg beobachten oder selber tun, sich plötzlich in Interviews wundern, dass da jemand seiner Wut Luft verschafft, das ärgert mich. „Oh, das hätte ich nicht erwartet, er war doch immer so zurückgezogen, er hat doch sonst immer alles geschluckt…“

    Nein, der Täter ist nicht unschuldig. Aber in den seltensten Fällen dürfte er alleine Schuld sein.

  7. ich finde immer wieder interessant, dass bei geplanten Taten dennoch von „Amoklauf“ gesprochen wird. Denn das ist es ja nicht:
    Amok definiert sich als „Ausraster“, als spontane Handlung. Gleichzeitig wird jedesmal betont, wie lange die Taten schon geplant waren.

    Ist den Medien „Mordanschlag in der Schule“zu spektakulär? Oder zu unspektakulär? Sonst sind die doch so verbissen mit ihrem Sprachgebrauch.

    „Auch die hinterher so oft gehörte hilflose Erklärung “er war ein Einzelgänger” macht wiederum ihn schuldig an seiner Einzelgängerschaft, er war eben so. Dass man ihn vielleicht selber dazu gemacht hat, dass er an dieser Sache nicht nur aktiv, was sich so deutlich im Sprachgebrauch ausdrückt, sondern vor allem auch passiv betroffen war, auf die Idee kommt niemand.“
    Kann ich voll und ganz unterschreiben!
    Klar sollte der Täter auch weiterhin die Verantwortung für seine Taten tragen – aber bei jeder Tat steckt etwas dahinter. Und wenn es sich um einen öffentlichen Lebensraum handelt, der dahinter steckt – dann muss das auch genannt werden dürfen imho!

    Dann kommt oft die schöne Anmerkung „Warum die Lehrer da nichts gemerkt haben….“ Manchmal biete ich diesen Menschen dann mal einen Tag tauschen an (so der Satz in persönlichem Gespräch fällt) – komisch will auch keiner. Aber meine Rückfrage ist eigenltich dann: warum merkt man denn als Eltern nicht, wenn das Kind sich mit niemandem (mehr?) trifft/treffen will, wenn niemand anruft, das Kind wohlmöglich Waffen sammelt…

    Die Liste könnte fast ewig weiter gehen! So viel „Teilverantwortlichkeiten“, die sich erst dann ändern, wenn jeder Teil seinen selbigen beiträgt…

    Musste mal dazugesenft werden…

  8. @Rip
    Hallo Rip, in diesem Einzelfall mag das nicht so sein, aber ich beziehe mich oben auf Frau Freitags Beitrag, in welchem sie im Plural von „denen“ spricht. Mittlerweile können wir ja auf eine traurige School-Shooting-Geschichte zurückblicken.

    @the fairy
    Ich finde, Amoklauf passt ganz gut, weil es nicht um Bereicherung oder Mord aus Eifersucht geht, sondern um ein wahlloses Töten unwissender Opfer. Das passt zumindest in meine Definition von Amok.

    Tja, und die Sache, dass die Lehrer nichts merken: Manchmal wundere ich mich, dass einige Schüler immer noch schlucken, was die anderen ihnen zumuten. Bei anderen bekommt man erst „hintenrum“ mit, dass da etwas Fieses laufen könnte. Aber es ist auch wirklich schwer, etwas dagegen zu unternehmen, ich habe da auch keine Rezepte.

  9. Das Problem bei Mobbing ist ja, dass es auch nur zu Beginn an der weiterführenden Schule stattfinden braucht, um die gesamte Schulzeit dort zu zur Qual zu machen. Vielleicht nur ein oder zwei Jahre. Danach will der Gemobbte gar nichts mehr mit den anderen zu tun haben und blockt selbst alles ab. Und die Mobber können noch so sozial spielen (vor den Lehrern natürlich), das bringt dann auch nichts mehr. Und aus lauter Unsicherheit vor der großen Gruppe braut sich dann im stillen Kämmerlein etwas zusammen. Die einen ritzen, die anderen planen einen Amoklauf. Über härtere Strafen brauchen wir bei Letzteren nicht diskutieren, das interessiert die Amokläufer eh nicht, ggf. richten sie die Waffe gegen sich selbst.

  10. Der amerikanische Psychologe Peter Langmann veröffentlicht Mitte Oktober dazu seine Studie „Amok im Kopf – warum Schüler töten“.

    Klappentext: „Der Autor zeigt, dass nicht Waffenbesitz, Mobbing, Computersucht oder Vernachlässigung die ausschlaggebenden Faktoren sind. Er bleibt nicht bei einfachen Antworten stehen, sondern vermittelt einen tiefen Einblick in die Psyche der Täter und erklärt, wie man diese Kinder und Jugendlichen erkennt und ihnen zuvorkommen kann.“

    Bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse. Ich frag mich nur, wer in der Pflich steht, einen potentiellen Amokläufer zu erkennen. Die Eltern, die Leher, die Mitschüler oder der eventuell vorhandene Schulpsychologe?

    http://bildungsklick.de/pm/70098/amok-im-kopf/

  11. Hach… wenn ich diese Schlagzeilen lese, dann werde ich immer sehr nachdenklich. Da ich Kindergärtnerin bin, überlege ich mir dann, wie ich meinen Teil dazu beitragen kann, dass die Kinder einerseits psychisch belastbar sind (Frustrationstoleranz) und sich andererseits soziale / emotianale Fähigkeiten aneignen und ein positives Selbstbild, ebenso ein positives Weltbild bekommen. Es ist mir ein Anliegen mir zu überlegen, wie ich es hin bekommen könnte, dass die Kinder entspannt und ausgeglichen sind aber auch ihre Gefühle verbalisieren und mitteilen können. Ich versuche das Urvertrauen der Kinder zu stärken, damit sie wissen das sie mir ihren Kummer mitteilen dürfen, denn auch um Hilfe bitten ist sicherlich sehr schwer wenn man niemanden vertrauen würde.
    Puh! All diese Ziele zu erreichen empfinde ich allerdings als sehr schwierig, da ich nur ein „kleiner Fisch“ im großen gesellschaftlichen „Ozean“ bin und auch im unmittelbaren sozialem Umfeld der Kinder habe ich nur geringen Einfluss auf die präventive Pädagogik. Ohnehin wäre ja ebenso eine gaaanz enge Zusammenarbeit mit den Eltern der Kinder notwendig, in der man an einem Strang zieht.
    Ach… wie wäre es wohl, wenn wir alle als gute Vorbilder voran gingen und uns mit Liebe, Wertschätzung und Respekt begegnen würden?
    Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf und versuche Tag für Tag meinen kleinen Teil zur präventiven Arbeit beizutragen.

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